Aktualisiert: 25.12.2020 - 21:06

Experte erklärt Rekonstruktion und Vergrößerung So funktioniert Brustaufbau mit Silikon oder Eigengewebe

Von Gabriele Eisenrieder

Insbesondere nach einer Brustamputation nach Brustkrebs lassen sich Brustrekonstruktionen medizinisch begründen. Wann eine Brustvergrößerung sonst noch möglich ist und was dabei passiert, verrät ein Experte.

Foto: Getty Images/Siam Pukkato / EyeEm

Insbesondere nach einer Brustamputation nach Brustkrebs lassen sich Brustrekonstruktionen medizinisch begründen. Wann eine Brustvergrößerung sonst noch möglich ist und was dabei passiert, verrät ein Experte.

Eine Brustvergrößerung ist oft nicht nur ein ästhetischer Wunsch. Etwa nach Krebs oder bei Fehlbildungen ist der (Wieder-)Aufbau psychisch wichtig.

Sind Brüste medizinisch notwendig? Nein, aber für viele Frauen gehören sie zu einem Körperbild, mit dem sie sich wohlfühlen. Natürlich besteht zur weiblichen Brust auch eine emotionale Verbindung – ihr Wachstum in der Pubertät assoziieren wir mit Erwachsenwerden, ihre Funktion beim Stillen mit einem neuen Leben und ihre Erschlaffung mit spürbarem Altern.

Wenn sich das Aussehen der Brüste drastisch ändert oder stark von der Norm abweicht, kann es psychisch sehr belastend sein. Wenn beispielsweise eine Amputation wegen Brustkrebs nötig ist, möchten viele (verständlicherweise) wenn schon nicht "ihren", generell einen Busen zurückhaben. Auch wer von Natur aus sehr flache oder ungleich große Brüste hat, schlägt sich oft mit Scham und einem negativen Körperbild herum.

Abhilfe kann eine Brustvergrößerung bzw. eine Brustrekonstruktion schaffen, die auf verschiedene Arten stattfinden kann. Dr. Evangelos Sarantopoulos, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Clinic im Centrum in Dortmund und Münster, erklärt hier, welche Möglichkeiten es zum (Wieder-)Aufbau der Brust gibt, welche Risiken die Eingriffe bergen und welche Besonderheiten es nach Brustkrebs zu beachten gibt.

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Wie kann die Brust (wieder-)aufgebaut werden?

"Bei der Brustrekonstruktion sowie bei der Brustvergrößerung gibt es zwei grundsätzliche Vorgehensweisen: Derzeit werden bei rund 80 Prozent der Eingriffe zum Brust-Aufbau Silikon-Implantate verwendet, in rund 20 Prozent der Fälle wird mit körpereigenem Gewebe gearbeitet." Zahlen, die auf den ersten Blick überraschen – scheint es doch so, als wäre es natürlicher und daher von Vorteil, Gewebe aus dem eigenen Körper zu verwenden. Tatsächlich steckt aber mehr dahinter, so der Experte – "Welche Variante gewählt wird, hängt von mehreren Faktoren ab, vor allem von den Wünschen der Patientin und den medizinischen Voraussetzungen."

Übersicht über Vor- und Nachteile der Methoden zur Brustvergrößerung:

Implantate

sind stabile, aber elastische Kissen, die mit medizinischem Silikon gefüllt sind. Sie können generell hinter oder vor dem Brustmuskel platziert werden.

  • Vorteile: Die Brustgröße kann durch die Implantat-Größe relativ gut geplant werden. Wenn zur Krebsbehandlung nur eine Brust entfernt werden musste, lässt sich die andere in Größe und Form gut angleichen. Der Eingriff und damit die Narkosezeit sind vergleichsweise kurz, dauern durchschnittlich rund eine Stunde.
  • Nachteile: Bei Brustkrebspatientinnen besteht durch erforderliche Nachbestrahlungen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verkapselung um die Implantate kommt. Daraufhin müssten sie in einem erneuten Eingriff ausgetauscht werden.

Eigengewebe

besteht vor allem aus Weichteilgewebe, das aus bestimmten Körperstellen (z.B. Bauch) entnommen wird und dann zum Wiederherstellen der Brust verwendet werden kann.

  • Vorteile: Gerade nach der Erfahrung mit Tumoren bevorzugen manche Frauen körpereigenes Gewebe, wollen keine "Fremdkörper" in der Brust haben. Es gibt außerdem keine Verkapselungsgefahr und das Gewebe kann für immer in der Brust bleiben.
  • Nachteile: Durch die zwei nötigen Eingriffe (Gewebeentnahme und Brustaufbau) sind die OP-Dauer und damit die Narkose deutlich länger, durchschnittlich etwa sechs Stunden. Der Körper baut in den Wochen nach der OP einen Großteil der Fettzellen ab, das ist ein natürlicher Vorgang. Allerdings ist die endgültige Brustgröße und -form damit schwieriger vorherzusehen.

Besonderheiten der Brustrekonstruktion nach Krebs

Wenn eine Brust oder beide Brüste wegen Krebs abgenommen werden mussten, ist das natürlich eine große, und für viele auch belastende Veränderung des Körpers. Die moderne plastische Chirurgie kann hier insofern helfen, dass sie eine natürlich aussehende weibliche Brust erschaffen kann. Theoretisch kann die Rekonstruktion der Brust direkt nach der Tumor- bzw. Brustentfernung oder in einer späteren zweiten Operation erfolgen, so die Deutsche Krebsgesellschaft.

Die Erfahrung von Dr. Sarantopoulos ist allerdings: "Die meisten Patientinnen kommen erst einige Monate oder sogar Jahre nach Abschluss ihrer Brustkrebsbehandlung zu mir wegen einer Rekonstruktion. In der Erkrankungsphase sind sie im Überlebensmodus, die Lebensqualität und ästhetische Bedenken werden erst später relevant."

Auch wenn die Brustrekonstruktion generell sicher und ein für Chirurgen häufiger Eingriff ist, gibt es mehr als körperliche Gegebenheiten zu beachten. "Es ist wichtig, die Patientin im Vorfeld über die Möglichkeiten, Grenzen und Auswirkungen der verschiedenen Methoden genau aufzuklären. Letztendlich ist es ihre Entscheidung, die natürlich nach dem Erlebnis einer Krebsbehandlung und Brustamputation auch emotional ist. Deshalb kann es auch sein, dass Frauen sich dazu entschließen mit der Brustrekonstruktion noch zu warten, weil ein erneuter Eingriff in den Körper psychisch noch zu belastend wäre. Aus medizinischer Sicht muss sich vor allem die Haut der Brust ausreichend von der Bestrahlung erholt haben," so der Experte.

Können auch Brustwarzen wiederhergestellt werden?

Eine Besonderheit bei der Wiederherstellung ist die Brustwarze. Oft kann sie bei der Amputation erhalten und dann auf die wieder aufgebaute Brust transplantiert werden, wo sie wieder anwächst. Manchmal muss sie aber zur Sicherheit, bzw. wenn sie Tumorzellen enthält, mit entfernt werden. Auch dann gibt es Optionen: "Die plastische Chirurgie ist mittlerweile auch in der Lage, natürlich aussehende Brustwarzen nachzubilden. Dazu wird ein kleines Hautläppchen aus der Intimregion entnommen, weil dort die Farbgebung besonders nah an die der Brustwarze heranreicht und dieser Körperbereich besonders gut durchblutet ist und dadurch schnell heilt. Der Warzenhof kann alternativ durch eine Tätowierung nachgebildet werden, die speziell ausgebildete, medizinische Tätowiererinnen durchführen."

Weitere "medizinische" Indikationen für Brustvergrößerungen

Keine Frau muss Brüste haben und es ist auch keine Voraussetzung, um sich "als Frau zu fühlen". Allerdings gibt es Ausgangssituationen, die belastend sein können, wenn die Brust stark von einer früheren oder gängigen Form abweicht. Dr. Sarantopoulos zu zwei häufigen Gründen, wegen der Patientinnen Hilfe suchen:

Fehlentwicklungen

"Als Hypoplasie bezeichnet man es, wenn sich die Brust einer Frau während und nach der Pubertät nicht vollständig entwickelt, sie also sehr flach bleibt. Das kann durch hormonelle Störungen passieren und ist an sich nicht gesundheitlich bedenklich, aber für die Betroffenen oft eine sehr große psychische Belastung. Das gilt auch für die Tubuläre Brust – wenn das Brustgewebe auf einer oder beiden Seiten in einer Art Schlauchform wächst. Ursache ist wahrscheinlich eine genetische Veranlagung, die Form kann daher nur doch eine Operation verändert werden."

Erschlaffung

"Auch nach einer oder mehreren Schwangerschaften und anschließender Stillzeit sind viele Frauen mit ihrer Brust nicht mehr zufrieden. Zunächst wird die Haut durch die Vergrößerung der Brustdrüsen gedehnt, nach dem Abstillen verkleinern sie sich, die Haut ist erschlafft und das Brustgewebe ist lockerer geworden. Wer damit unglücklich ist, hat meist mehrere Möglichkeiten. Man kann nur die Haut straffen, ohne die Brust zu vergrößern, oder sie 'auffüllen', was dann meist mit Silikonimplantaten gemacht wird. Der Vorteil dabei ist, dass die Brust dann auch später weniger durch das natürliche Altern erschlafft."

In den genannten Fällen übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Operation in der Regel nicht. Es mag Ausnahmefälle geben, aber Dr. Sarantopoulos hat in seiner Laufbahn noch nie erlebt, dass eine Brustvergrößerung "aus psychischen Gründen" von der Krankenkasse bezahlt wurde. Die Nachfrage lohnt sich trotzdem, auch wenn Leistungen von der Krankenkasse generell von medizinischer Notwendigkeit abhängen. Die Brustrekonstruktion nach Krebs wird beispielsweise so angesehen, die Kosten hierfür tragen die gesetzlichen Krankenkassen.

Brustvergrößerung und Psyche: Wann lieber keine OP?

Dr. Sarantopoulos: "Es gibt Fälle, in denen ich aus psychologischen Gründen von einer Brustvergrößerung abrate. Natürlich, wenn offensichtliche psychische Störungen vorliegen, wie Dysmorphophobie, also eine gestörte Körperwahrnehmung." Das bedeutet, dass Betroffene nicht einfach unzufrieden mit ihrem Äußeren sind, sondern eine ausgeprägte Wahrnehmungsstörung haben. Sie Dinge sehen, die für andere nicht wahrnehmbar sind, sind beispielsweise überzeugt, entstellt zu sein und beschäftigen sich obsessiv mit ihrem Erscheinungsbild.

Auch zu leichtfertig sollte die Entscheidung für eine Brust-OP aus kosmetischen Gründen nicht fallen. "Es ist auch wichtig, dass sich die Patientin sicher ist, dass sie eine Operation möchte – wenn ich frage, wie lange sie schon über eine Brustvergrößerung nachdenkt und die Antwort 'zwei Wochen' ist, rate ich, lieber noch abzuwarten und wiederzukommen, wenn der Wunsch in ein paar Monaten immer noch da ist", so Dr. Sarantopoulos. Außerdem soll sich keine Frau unter Druck fühlen, ihren Körper zu verändern. "Wenn ein Paar zusammen in die Sprechstunde kommt und ich merke, dass eine Frau eine Brustvergrößerung vor allem dem Partner zuliebe machen will, rate ich diplomatisch dazu, es sich doch noch einmal in Ruhe zu überlegen," so der Experte.

Die Körper von Frauen sind ständiger Bewertung ausgesetzt, deshalb ist es oft gar nicht so einfach, sich von rigiden Vorstellungen zu befreien, was "weiblich" und attraktiv ist. Fakt ist, dass einige Frauen nach einer Brust-Amputation zufrieden ohne Rekonstruktion zufrieden leben und nicht jede unter einer flachen Brust leidet. Es muss sich aber auch niemand schlecht fühlen, weil sie sich schlecht fühlt und Hilfe in Anspruch nehmen will.

Es geht natürlich auch anders herum: Bei zu großen Brüsten spricht man von Gigantomastie. In solchen und weiteren Fällen kann durchaus eine Brustverkleinerung gegen körperliche Beschwerden und auch psychische Leiden helfen.

Zum großen Thema Krebs und seiner Behandlung, körperlichen und psychischen Auswirkungen finden Sie aktuelle Informationen und Hintergründe auf unserer Themenseite.

Unser Interviewpartner Dr. Evangelis Sarantopoulos praktiziert bei der Clinic im Centrum, einem Facharztverbund für Plastische und Ästhetische Chirurgie, der u.a. auf Brust-Operationen spezialisiert ist.

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