Aktualisiert: 11.09.2021 - 19:44

Enzephalitis durch Viren wie Corona Gefahr im Kopf: Wie kann sich das Gehirn entzünden?

Von Gabriele Eisenrieder

Ein Blick aufs Gehirn kann Antwort geben: Eine Enzephalitis, also Gehirnentzündung kann durch Viren ausgelöst werden.

Foto: Getty Images/Michael Blann

Ein Blick aufs Gehirn kann Antwort geben: Eine Enzephalitis, also Gehirnentzündung kann durch Viren ausgelöst werden.

Enzephalitis, die Entzündung des Gehirns, ist eine seltene, aber gefährliche Folge von Infekten wie Covid-19. Kopfschmerzen sind nur der Anfang.

Ein 24-jähriger Mann bekommt Fieber, fühlt sich abgeschlagen. Nach zwei Tagen geht er zum Arzt, der tippt auf Virusgrippe, nach fünf Tagen hält der Patient seine Kopfschmerzen und Heiserkeit nicht mehr aus und geht in die Notaufnahme. Lungen-Röntgen und ein Corona-Test fallen negativ aus, er wird nach Hause geschickt. Am neunten Tag wird der junge Mann bewusstlos in seinem Erbrochenen gefunden und mit Blaulicht in die Klinik gebracht. Noch im Krankenwagen erleidet er epileptische Anfälle.

Eine Besonderheit bringt die Ärzte endlich auf die richtige Spur: Der Patient hat neben allen anderen Beschwerden einen steifen Nacken. Das veranlasst die Mediziner zu einer Lumbalpunktion, in seiner Rückenmarksflüssigkeit finden sich schließlich Coronaviren, sie waren ins Gehirn vorgedrungen und hatten eine Enzephalitis, also eine Gehirnentzündung, ausgelöst. Unglaublich: Ein Abstrich aus der Rachenschleimhaut des Mannes war weiterhin negativ auf Coronaviren.

Diesen ungewöhnlichen Fall aus Japan beschreibt der Berliner Neurologie-Professor Thomas Müller in einem Fachbeitrag zum Thema neurologische Komplikationen bei Covid-19*. Noch können Wissenschaftler:innen nicht genau sagen, warum das Coronavirus es in seltenen Fällen schafft, ins Nervensystem vorzudringen. Eine Enzephalitis ist allerdings als Covid-19-Folge nicht undenkbar, denn es waren auch bislang (bereits bekannte) Viren, die hinter der Mehrzahl der Enzephalopathien stecken – so entwickelt beispielsweise etwa eine:r von 1000 Masernpatient:innen eine Enzephalitis. Sie zu erkennen ist allerdings nicht ganz einfach, wie auch der beschriebene Fall zeigt. Das rettende Symptom "steifer Nacken" kann in vielen Fällen auch den Weg zur Fehldiagnose ebnen.

Virale Enzephalitis: Symptome erst wie eine Grippe

Tatsächlich sind ein steifer Nacken oder das Gefühl den Kopf nicht mehr richtig nach hinten beugen zu können, Anzeichen, die typischerweise bei Meningitis (Hirnhautentzündung) auftreten. Bei Enzephalitis (Entzündung und Schwellung des Gehirns) kommen sie vor allem dann vor, wenn zusätzlich auch die Hirnhäute betroffen sind (Meningoenzephalitis). Eigentlich sind andere Enzephalitis-Symptome typischer, die meist recht plötzlich anfangen und sich weiterentwickeln.

Je nachdem, welche Bereiche des Gehirns betroffen sind, variieren die Auswirkungen. Frühe Warnzeichen einer viralen Enzephalitis können sein: allgemeine Grippe-Symptome wie Fieber und Abgeschlagenheit, außerdem Kopfschmerzen und Überempfindlichkeit gegen Licht (Photophobie). Im weiteren Verlauf kann Enzephalitis folgende Symptome verursachen:

  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Bewusstseinsstörungen wie Verwirrtheit bis hin zur Bewusstlosigkeit
  • Ungeschicklichkeit und unsicherer Gang
  • Psychische Symptome wie Stimmungsschwankungen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Sprachstörungen
  • Lähmungserscheinungen
  • Krampanfälle

Die Sterblichkeit bei einer unbehandelten Enzephalitis ist hoch, bei frühzeitiger Therapie kann der Tod aber in der Mehrzahl der Fälle abgewendet werden. Bei einer Enzephalitis durch das Coronavirus ist die Behandlung allerdings schwierig, da es gegen diesen neuen Erreger noch keine speziell wirksamen Medikamente gibt.

Umso eher die Enzephalitis erkannt und bekämpft wird, desto besser stehen die Chancen, keine Langzeit-Folgen wie Gedächtnisprobleme oder Epilepsie zu entwickeln. Außerdem sind auch das Alter und der sonstige Gesundheitszustand ausschlaggebend. Besonders gefährdet, eine Enzephalitis zu entwickeln, sind Kinder, Jugendliche, Senior:innen und Menschen mit geschwächten Immunsystemen.

Viren, Infektionen, Immunreaktion: Wie kommt es zur Enzephalitis?

Enzephalitis ist eine akute Entzündung des Gehirns, in deren Folge das Gewebe anschwillt und Nervenzellen absterben. In besonders ungünstigen Fällen können großflächige Schäden der Gehirnsubstanz und lebensgefährliche Hirnblutungen entstehen. Frappierend, denn unser Körper ist eigentlich so gemacht, dass es im Gehirn nicht zu Entzündungen kommen kann. In den allermeisten Fällen sind es Viren, die es doch schaffen, direkt oder indirekt. Je nachdem unterscheidet man zwei Formen der Enzephalitis:

Primäre Enzephalitis

  • Krankheitserreger – meist Viren, seltener Bakterien, Pilze oder Parasiten – dringen direkt ins Gehirn oder Rückenmark ein und verursachen die Entzündungsreaktion.
  • Eigentlich verhindert die Blut-Hirn-Schranke, dass Krankheitserreger oder Giftstoffe zum Gehirn vordringen. Die Blutgefäße, die das Gehirn durchziehen, sind so aufgebaut, dass sie nur ganz bestimmte Stoffe an die Hirnsubstanz und damit die Nervenzellen durchlassen.
  • Ist die Blut-Hirn-Schranke gestört, z. B. durch Krankheiten, können auch Keime durchdringen.
  • Häufige Auslöser: Herpes-simplex-Virus, Mumps-Virus, das von Zecken übertragene FSME-Virus oder das von Mücken übertragene Arbovirus, das die Tropenkrankheit Japanische Enzephalitis verursacht.

Sekundäre Enzephalitis

  • Eine Virusinfektion im Körper aktiviert das Immunsystem, das überreagiert und das Hirngewebe angreift.
  • In selteneren Fällen liegen Autoimmunerkrankungen vor, durch die die Immunabwehr fälschlicherweise gesunde Körperzellen bekämpft.
  • Dies bezeichnet man als Autoimmunreaktion, bei der vom Körper Auto-Antikörper gebildet werden, die sich dann gegen bestimmte Bestandteile im Gehirn richten.
  • Häufige Auslöser: Epstein-Barr-Virus, Masern-Virus, Windpocken-Virus

Die Enzephalitis-Symptome sind bei primärer und sekundärer Form gleich, wie auch die Erreger theoretisch beide Formen auslösen können. Welche Enzephalitis genau vorliegt, kann man nur durch aufwendige Untersuchungen herausfinden.

Mehrstufige Diagnose und Enzephalitis-Behandlung

Wenn entsprechende Anzeichen vorliegen, versuchen Ärzte so schnell wie möglich herauszufinden, ob wirklich eine Enzephalitis vorliegt und was sie ausgelöst haben könnte. Dafür werden einige unterschiedliche Untersuchungsmethoden herangezogen, wie:

  • Anamnese: Die Krankengeschichte wird erhoben, vor allem im Hinblick auf mögliche Enzephalitis-Auslöser, wie aktuelle oder gerade überstandene Virusinfekte, kürzlich erfolgte Reisen oder Zeckenstiche.
  • Neurologische Tests: Bewusstsein, Sprache, Gang und Empfindung werden überprüft.
  • Blutuntersuchung: Im Blut können Entzündungszeichen nachgewiesen und möglicherweise ein Erreger identifiziert werden.
  • Liquoruntersuchung: Durch eine Punktion des Rückenmarks kann Nervenwasser gewonnen werden, in dem sich ggf. Entzündungszeichen und Erreger finden lassen.
  • Bildgebende Verfahren: Ein MRT des Schädels kann Veränderungen der Hirnstruktur zeigen, ein CT, ob eine akute Hirnschwellung vorliegt.
  • Messung der Hirnströme (EEG): Abweichungen der Hirnströme können auf Veränderungen der elektrischen Energie des Gehirns hindeuten.
  • Hirnbiopsie: Als letztes Mittel kann Gewebe aus dem Gehirn entnommen werden. Dies wird bei schwer kranken Patienten gemacht, die auf keine Behandlung ansprechen und bei denen anderweitig keine Diagnose gestellt werden konnte.

Bis die genaue Enzephalitis-Ursache bzw. der genaue Erreger bestimmt werden können, beginnt im Krankenhaus schon eine Behandlung "auf Verdacht", um die schlimmstmöglichen Fälle abzuwehren. Da eine Enzephalitis durch Herpes-Viren besonders lebensgefährlich ist, bekommen Patient:innen zunächst antivirale Medikamente dagegen, bis der Erreger ausgeschlossen werden kann. Auch Antibiotika werden verabreicht, bis Bakterien als Verursacher wegfallen.

Wenn der Auslöser der Enzephalitis bestimmt ist, kann mit gezielten Wirkstoffen gegen das jeweilige Virus, Bakterium usw. weiterbehandelt werden. Im Falle einer Autoimmunreaktion ist vor allem Kortison das Medikament der Wahl, um die überschießende Immunreaktion einzudämmen. Leider gibt es auch Fälle, in denen es gegen die Ursache direkt kein Mittel gibt, so bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Man kann nur versuchen, Symptome wie Schmerzen oder Fieber zu lindern und die Patienten im Krankenhaus sorgfältig überwachen.

An sich hat die FSME eine gute Prognose, was die Überlebensrate angeht, allerdings eine weniger gute bei neurologischen Langzeitschäden. Lähmungen, Einschränkungen bei Konzentration und Gedächtnis, chronische Kopfschmerzen, psychische Probleme und Epilepsien können generell nach jeder Enzephalitis-Erkrankung dauerhaft auftreten. Umso wichtiger ist es, sich zu schützen, etwa durch Impfungen gegen die verschiedenen Viren-Arten, Vorsichtsmaßnahmen gegen Zeckenstiche und nicht zuletzt, bei Anzeichen schnell einen Arzt aufzusuchen.

Wie Impfungen schützen, welche für wen empfohlen sind und natürlich auch alles zur Corona-Impfung erfahren Sie auf unserer Impf-Themenseite und unserer Coronavirus-Themenseite.

*Den Fachtext zu Enzephalopathie und Schlaganfällen bei Covid-19 finden Sie hier.

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