Aktualisiert: 10.09.2021 - 17:42

Dauert noch Monate Schutz gegen Covid-19: Lohnt es sich, auf Totimpfstoffe zu warten?

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es

Diese Impfstoff-Arten gibt es und so funktionieren sie.

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Es gibt zwar Impfstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2, doch die sind vielen Menschen (noch) nicht geheuer. Sie würden einem "klassischen" Impfstoff eher vertrauen. Aber ist es eine gute Idee, bis dahin zu warten? Wie ist der Stand um sogenannte Totimpfstoffe und wo liegt der Unterschied zu den neuartigen mRNA- und Vektorimpfstoffen?

Eigentlich klingt der Name ja erschreckend. Und doch hoffen viele, dass bald ein sogenannter Totimpfstoff gegen das Coronavirus zugelassen wird. Der Grund: Man kennt diese Impfstoff-Art bereits, etwa von der Tetanus-Impfung. Viele fühlen sich damit subjektiv sicherer. Unter den vielen Impfstoffen gegen Sars-CoV-2 befinden sich auch klassischere Impfstoffe in der Entwicklung. Doch lohnt es sich, zu warten? Schließlich drängt die Zeit in einer Pandemie. Und wären solche Impfstoffe tatsächlich die bessere Wahl? Wir haben uns Totimpfstoffe mal genauer angesehen.

Totimpfstoff gegen Corona: Was ist das überhaupt?

Was ist eigentlich ein Totimpfstoff? Es gibt verschiedene Impfstoffarten, und diese Art ist bereits bekannt. Totimpfstoffe sind eigentlich inaktivierte Impfstoffe. Das heißt, sie enthalten abgetötete bzw. inaktivierte Krankheitserreger oder in manchen Fällen Bestandteile von Erregern. Diese inaktivierten Erreger können keine Erkrankung verursachen und sich auch nicht vermehren, das Immunsystem kennt sie aber dennoch als fremd und lernt, sie und damit ihre lebenden bzw. aktiven Pendants zu bekämpfen.

Sprich: Wenn ein Immunsystem über eine Impfung mit inaktiven Erregern gelernt hat, mit dem Erreger umzugehen, erkennt es auch aktive bzw. lebende Varianten. Das klingt plausibel – doch Totimpfstoffe haben ein paar Einschränkungen. Hier müssen wir mit anderen Impfstoff-Arten vergleichen:

Diese Impfstoffarten gibt es

Bei den ebenfalls bereits lange Zeit bekannten Lebendimpfstoffen werden geschwächte Erreger gespritzt. Die können sich im Körper noch vermehren, aber sind zu schwach, um Krankheiten auszulösen. In seltenen Fällen kann es hier zu einer Art "Impfkrankheit" kommen, etwa zu den "Impf-Masern", einem Ausschlag, der den Masern zwar ähnlich, aber nur leicht und vor allem nicht ansteckend ist.

Diese beiden Arten gehören zu den Ganzvirus-Impfstoffen. Anders sieht es bei den bisher in Deutschland verfügbaren Coronavirus-Impfstoffen aus. Dies sind mRNA-Impfstoffe und Vektor-Impfstoffe. mRNA-Impfstoffe bringen den Körper dazu, selbst das entsprechende Antigen (das Spike-Protein) zu bilden und zählen daher zu den genbasierten Impfstoffen. Vektor-Impfstoffe stehen zwischen den beiden Arten. Sie arbeiten zwar mit ungefährlichen Viren, jedoch sind diese Vektorviren nur dazu da, um Erbinformationen des Virus einzuschleusen, gegen das geschützt werden soll. Auch die werden dann vom Körper genutzt, um einzeln stehend ungefährliche Teile des Virus selbst zu bauen, damit der Körper darauf reagieren kann.

Beim Coronavirus Sars-CoV-2 ist das Antigen, das der Körper selbst lernt, für kurze Zeit herzustellen, das Spike-Protein, das charakteristisch an der Oberfläche des Coronavirus sitzt und als "Schlüssel" genutzt wird. Erkennt der Körper dieses Protein, kann er auch das Coronavirus erkennen.

Dann gibt es noch die Proteinimpfstoffe, die weder ganze Viren noch genetische Informationen beinhalten, sondern wie der Name sagt: Proteine. Im Falle des Coronavirus wird hier also das Spike-Protein selbst gespritzt. Ein Beispiel ist der sich in der Entwicklung befindliche Corona-Impfstoff von Novavax. Proteinimpfstoffe werden unter Expert:innen als Unterart von Totimpfstoffen bezeichnet.

Das sind die Vor- und Nachteile von Totimpfstoffen

Totimpfstoffe greifen nicht in unsere Zellen ein. Das klingt für viele erst einmal beruhigend. Da bei einem Totimpfstoff aber nur eine begrenzte Zahl an "toten"/inaktivierten Erregern gespritzt werden kann, braucht es einen Wirkverstärker. Denn die wenigen Erreger allein reichen in der Regel nicht, um die gewünschte Immunreaktion auszulösen. Wer sich gegen Tetanus, Diphtherie, Tollwut, Keuchhusten, Polio, Meningokokken oder Pneumokokken impfen lässt, bekommt daher immer eine Impfung mit Wirkverstärker. Totimpfstoffe enthalten daher mehr Inhaltsstoffe als beispielsweise mRNA-Impfstoffe.

Auch für Totimpfstoffe gegen das Coronavirus wäre ein Wirkverstärker notwendig. Das zeigt sich schon an den bereits entwickelten Impfstoffen aus China, die allesamt schlechtere Wirksamkeit zeigen als die mRNA-Impfstoffe. Dieser Wirkverstärker kann grippeähnliche Symptome hervorrufen. Andere Nebenwirkungen sind aber selten. Daher gelten Totimpfstoffe als gut verträglich für alle Altersgruppen und auch für Risikopatient:innen.

Die Herstellung von Totimpfstoffen ist sehr komplex. Allerdings ist sie bereits bewährt und bekannt. Und es ist möglich, Totimpfstoffe in großer Menge herzustellen. Dies ist relativ einfach, sobald der Impfstoff erst einmal entwickelt ist. Auch lassen sie sich aufgrund ihrer Zusammensetzung leicht lagern: Sie halten sich bei kühler Lagerung zwischen zwei und acht Grad Celsius durchaus mehrere Jahre. Bei Raumtemperatur können sie rund 24 Stunden lang eingesetzt werden. Jedoch ist die Anpassung nicht so simpel wie etwa bei mRNA-Impfstoffen.

Ein Nachteil bei Totimpfstoffen ist, dass der Impfschutz meist mit der Zeit nachlässt. Bei Lebendimpfstoffen etwa ist das nicht der Fall. Bei der FSME muss die Impfung nach drei bis fünf Jahren aufgefrischt werden, bei Tetanus oder Diphtherie nach fünf bis zehn Jahren.

Vier Totimpfstoffe gegen das Coronavirus gibt es schon

Insgesamt gibt es Stand September 2021 bereits vier Totimpfstoffe, die in Teilen der Welt verimpft werden, während sich einige noch in klinischen Sudien befinden. In Deutschland ist keiner der Impfstoffe zugelassen. Zwei davon kommen vom chinesischen Hersteller Sinopharm, einer vom chinesischen Unternehmen Sinovac – dieser könnte sogar die Zulassung in der EU bekommen – und einer kommt aus Indien von Bharat Biotech.

Doch auch in Europa wird derzeit ein Totimpfstoff entwickelt: Valneva, ein französisch-österreichisches Unternehmen steckt derzeit in der Phase-III-Studie und könnte als erster Totimpfstoff auch in Deutschland verimpft werden. Dem Impfstoff VLA2001 muss ein Wirkverstärker zugesetzt werden. Es handelt sich dabei um Alum (Aluminiumhydroxid) und CpG 1018. Der Impfstoff wird in zwei Dosen im Abstand von 28 Tagen verimpft. Das Vakzin wird derzeit zusätzlich in Neuseeland auf eine weitere Virusvariante getestet.

Wann kommt der erste Totimpfstoff nach Deutschland?

Valneva ist tatsächlich in die Impfkampagne fürs Jahr 2022 eingeplant – und neben den mRNA-Impfstoffen Comirnaty (Biontech und Pfizer), Spikevax (Moderna) und Janssen (Johnson & Johnson) sowie den neuen Impfstoffen von Novavax und Sanofi bei entsprechender Zulassung ein Teil der Impfstoffe, die zu uns kommen. Valneva will die Zulassung im Herbst oder Winter beantragen. Bis das Vakzin also im Falle einer Zulassung zu uns kommt, dauert es noch einige Monate.

Mit dem für viele bekannten Impfstoffkonzept dürfte der Totimpfstoff dann neuen Schwung in die Impfkampagne bringen, denn so könnten sich Menschen überzeugen lassen, die bislang skeptisch sind, weil sie den neu entwickelten mRNA- und Vektorimpfstoffen nicht vertrauen. Gruselig finden manche Menschen, dass diese genbasierten Impfstoffe so schnell entwickelt worden seien – geforscht wird an den Impfstoffarten aber schon viele, viele Jahre – und sie lassen sich aufgrund ihrer Zusammensetzung sehr schnell an ein Virus anpassen.

Sollte man warten?

Warum also noch Totimpfstoff? Weil er sich wunderbar als Auffrischimpfung eignet und seit Jahren bekannt ist, dass er sich auch mit anderen Impfstoffarten verträgt – eine Kreuzimpfung wäre also möglich. Und weil das Wirkprinzip bekannt ist.

Dennoch ist es ein Risiko, jetzt – zu Beginn einer vierten Welle und vor anrückendem Herbst und Winter – noch viele Monate zu warten, bis ein subjektiv gesehen "sicherer" Impfstoff verfügbar ist. Die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken und ungeimpft einen schweren Verlauf zu erleiden, wird immer höher. Derzeit befinden sich laut RKI zu rund 90 Prozent Ungeimpfte in den Krankenhäusern, um gegen die Erkrankung behandelt zu werden. Auf den Intensivstationen und unter den Todesfällen ist das Bild noch dramatischer. Natürlich kann jede:r selbst entscheiden. Die Gefahr sollte allerdings bewusst sein.

Auch die mRNA-Impfstoffe und die Vektor-Impfstoffe sind in den vergangenen Monaten weltweit huntertmillionenfach verimpft worden. Gleichzeitig werden sie am laufenden Band beobachtet. Der Bayerische Rundfunk zitiert hier die Virologin Ulrike Protzer von der TU München: "Es gibt kaum einen Impfstoff, der so gut und breit untersucht wurde, wie das inzwischen die mRNA-Vakzine sind."

Mehr Artikel wie diese lesen Sie auf unserer Themenseite über Impfungen. Und auch zum Coronavirus gibt's regelmäßig News bei uns.

Quellen: PEI, Wochenbericht des RKI vom 2. September 2021, br24.de, infranken.de, Podcast "Coronavirus-Update", eigene Recherche

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