Aktualisiert: 06.09.2021 - 16:34

Im Freien? Bei Gesprächen? Bei Events? Coronavirus: Hier stecken sich die meisten Menschen mit der Delta-Variante an

Konzerte im Freien mit oder ohne Maske? Das kommt aufs Sicherheitskonzept an: Denn die Delta-Variante des Coronavirus kann sich auch im Freien schneller übertragen. Wo stecken sich die Menschen am häufigsten an?

Foto: Getty Images/Venla Shalin / Kontributor

Konzerte im Freien mit oder ohne Maske? Das kommt aufs Sicherheitskonzept an: Denn die Delta-Variante des Coronavirus kann sich auch im Freien schneller übertragen. Wo stecken sich die Menschen am häufigsten an?

Trotz Impfungen macht das Coronavirus weiter die Runde. Das liegt zum Großteil an der weitaus ansteckenderen Delta-Variante, die sich schneller verbreitet als bisherige Varianten. Aber wo stecken die größten Infektionsherde? Große Events wie die Fußball-EM, religiöse Feiern oder doch Schule oder Privatraum? Neue Studienergebnisse bringen etwas mehr Licht ins Dunkel.

Der Sommer hatte dank Impfungen wieder so etwas wie Normalität gebracht – doch die Infektionszahlen steigen, trotz Impfungen, wieder. In Ländern mit schneller Impfkampagne, wie Großbritannien oder Israel, wütet die Delta-Variante geradezu. Der einzig positive Nutzen, der sich daraus ziehen lässt, ist das Wissen darüber, wo sich die Menschen mit der Delta-Variante des Coronavirus eigentlich anstecken. Daraus können wir Schlüsse für den zukünftigen Infektionsschutz ziehen.

Sechs Fakten zur Delta-Mutation
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Wo steckt man sich mit Delta an? Kurzer Kontakt genügt

Das Gemeine an der Delta-Variante ist ja, dass die Kontaktzeit bis zur Ansteckung viel geringer ist als bislang beim Wildtyp des Coronavirus oder auch etwa bei der Alpha-Variante, die im Frühjahr auch in Deutschland das Infektionsgeschehen anführte. Delta hat sie alle verdrängt. Das Blöde daran fasst Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zusammen: "Delta ist generell ansteckender – das gilt auch, wenn man an der frischen Luft ist."

Gerade im Freien wiegen wir uns aber zunehmend in Sicherheit. Schließlich hieß es doch, Covid-Ansteckungen im Freien seien selten, trägt der Wind Aerosole doch weg und die Sonne tut ihr Übrigens und trocknet potentiell virushaltige Tröpfchen schnell aus. Das Problem daran: Je mehr Viren jemand ausscheidet, desto schneller stecken sich andere an. Die Viruslast bei der Delta-Variante ist Expert:innen zufolge um ein Fünffaches höher als bei der Alpha-Variante. Einer Studie aus China zufolge ist die Viruslast beim ersten Positiv-Test – der übrigens schon zwei Tage früher anschlagen kann als bisher – 1.200 mal höher gewesen als bei bisherigen Varianten. Rücken wir also im Freien ohne Maske und Abstand zusammen, ist auch die Gefahr einer Ansteckung größer als bislang bei vorherigen Varianten.

Natürlich hängt das Ganze wieder von jeder Menge Faktoren ab: Wo befinden wir uns? Stehen wir eng zusammen? Wie ist das Wetter? Redet die infizierte Person viel? Sind alle geimpft? "Es lässt sich nicht pauschal sagen, wie schnell eine Infektion geschehen kann – das kann vielleicht eine Minute dauern oder auch eine Stunde", sagt Bartenschlager.

Delta-Variante: So viel ansteckender ist das Coronavirus jetzt

Ansteckungsrisiko im Freien: Nichts ausgeschlossen

Man kann sich also draußen auf jeden Fall mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 anstecken. Das war schon vorher so, wenn auch das Risiko viel geringer war als in Innenräumen. Jetzt, mit Delta, ist das Risiko höher – aber natürlich noch immer geringer als in geschlossenen Räumen. Ob man sich ansteckt, hängt natürlich wie gesagt immer noch von anderen Faktoren ab. Masken, Abstand, Lüften und der Impfstatus sind nur ein Teil davon.

Klar ist: Je mehr Menschen zusammenkommen, desto höher ist das Risiko, dass Infizierte darunter sind und desto höher ist das Risiko von Übertragungen. Kommen diese Menschen eng zusammen, steigt das Risiko. Tragen sie keine Masken, steigt das Risiko. Gibt es Situationen wie Warteschlangen vor Toiletten, steigt das Risiko. Wird viel gesungen oder geschrien, steigt das Risiko.

Problematisch: Ist jemand hoch ansteckend, kann es mitunter auch passieren, dass Delta bei nur flüchtigem Kontakt übertragen wird. Auch wenn das Risiko gering ist, es sollte mitbedacht werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt, auch im Freien auf 1,5 Meter Abstand zu achten und größere Menschenansammlungen zu meiden. Zumindest dann, wenn nicht nur Geimpfte anwesend sind.

Massenevents als Pandemietreiber?

Und da sind wir beim Knackpunkt: Massenevents wie erste Festivals, religiöse Veranstaltungen oder auch die Fußball-EM im Sommer wurden äußerst kritisch beäugt, während andernorts Großveranstaltungen noch abgesagt werden. Teilweise gab es Ansteckungen, teils weniger als erwartet. Was ließ sich aus den letzten Monaten mitnehmen? Vorweg gesagt: dass Sicherheitskonzepte wichtig sind und bleiben.

Die britische Gesundheitsbehörde (PHE) hat nun eine Auswertung von 37 Veranstaltungen aus vier Monaten vorgelegt, um Sicherheitskonzepte besser einschätzen zu können.

Beim EM-Finale – wir erinnern uns, man hatte die Wembley Arena voll geöffnet. Unter den 67.000 Fans im Stadion infizierten sich fast 2.300 beim Event selbst, weitere 3.400 im Zusammenhang damit. Im Stadion herrschte enger Kontakt, es wurde viel geschrien, gejubelt, getobt, sich umarmt. Teils ohne Masken. Jenifer Smith, stellvertretende medizinische Direktorin der PHE mahnt: "Die Daten zeigen, wie leicht sich das Virus bei engem Kontakt ausbreiten kann, und dies sollte uns allen eine Warnung sein."

Währenddessen gab es bei anderen Großveranstaltungen wie dem Tennisturnier in Wimbledon mit insgesamt über 300.000 Zuschauenden "nur" 881 Infektionsfälle. Und bei der Formel 1 von Silverstone im Juli mit insgesamt 350.000 Menschen in drei Tagen gab es lediglich 585 darauf zurückführbare Infektionsfälle.

In letzteren beiden Fällen war die Übertragungsrate nicht höher als in der Bevölkerung zur selben Zeit. Das liegt Expert:innen zufolge zum einen am Eventcharakter: beides an der frischen Luft und bei beidem kochen die Emotionen nicht allzu sehr über wie beim Fußball oder Festivals. Zudem habe es entsprechende Sicherheitskonzepte gegeben. Währenddessen ist Wembley zwar auch Open Air – aber dennoch ist das Stadion eine Art Kessel.

Forschende sind sich aber weitgehend einig: Auch die zum Zeitpunkt bereits hohe Impfquote dürfte eine große Rolle gespielt haben, dass die Infektionszahlen verhältnismäßig gering geblieben waren. Mehr dazu später.

Innenräume bleiben höchste Gefahr

Studien zeigen immer wieder, dass das Infektionsrisiko durch Tröpfchen und Aerosole in Innenräumen höher liegt. Zwar bezieht sich die folgende chinesische Studie nicht auf die Delta-Variante, sondern noch auf das Ursprungsvirus Sars-CoV-2, doch sie zeigt eindrücklich unter 730 Infizierten und 8.852 Kontaktpersonen zwischen Januar und Juli 2020, wo die Virusübertragungen am häufigsten stattfanden:

  • 29,9 Prozent bei Unterhaltungen
  • 16,7 Prozent in Haushalten
  • 15,6 Prozent beim kontaktlosen Aufenthalt in geschlossenen Räumen

Bei der Studie stellte sich außerdem die Vermutung heraus, dass Menschen, die sich bei asymptomatisch Infizierten angesteckt haben, meist ebenfalls trotz Infektion keine oder nur sehr leichte Symptome entwickelten.

Mehr zu Ansteckungsorten: So erkennt die Sequenzierung Infektionswege!

Und wie ist das bei Geimpften?

Viel diskutiert wird außerdem über die Impfstoffe: Schützen sie noch gut gegen die Delta-Variante oder ist die Impfung nun hinfällig? Letzteres ganz bestimmt nicht. Zwar zeigt sich Forschenden zufolge eine etwas verminderte Effektivität der Impfstoffe gegen die Delta-Variante. Doch die Schutzwirkung ist immer noch hoch. Eine Gruppe um Jamie Lopez Bernal von der Gesundheitsbehörde Public Health England bescheinigt Comirnaty von Biontech und Pfizer noch einen Schutz von 88 Prozent vor Covid-19. Der Schutz vor schwerem Verlauf liegt höher. Vaxzevria von AstraZeneca schützt demnach zu 67 Prozent vor Erkrankung, vor schwerem Verlauf ebenfalls besser.

Klar ist aber auch: Geimpfte können sich durchaus auch mit Delta anstecken – wenn auch seltener als Ungeimpfte. Aber Geimpfte sind trotz gleicher Viruslast weniger ansteckend als ungeimpfte Infizierte. Das heißt gleichzeitig: Geimpfte untereinander stecken sich weitaus seltener an als Ungeimpfte untereinander oder eine gemischte Zusammenkunft aus Geimpften und Ungeimpften. Sprich wiederum: Kommen nur Geimpfte zusammen, ist das Risiko von Superspreading-Events so gering, dass Expert:innen zufolge auf Maßnahmen verzichtet werden kann. Hier muss aber klar sein, dass wirklich alle geimpft sind. Ansonsten gilt auch für Geimpfte: Maßnahmen einhalten schützt!

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Quellen und Studien: dpa, Robert Koch-Institut, PEH-Analyse, Ge et al. (JAMA, August 2021): "Covid-19 Transmission Dynamics Among Close Contacts of Index Patients With Covid-19"

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