Aktualisiert: 26.07.2021 - 17:21

Auch im Freien? Delta-Variante: So viel ansteckender ist das Coronavirus jetzt

Vor dem Hintergrund der Delta-Variante bleibt Abstand halten eine gute Idee – auch draußen, und auch, wenn Geimpfte mit Ungeimpften zusammenkommen.

Foto: Getty Images/Oliver Helbig

Vor dem Hintergrund der Delta-Variante bleibt Abstand halten eine gute Idee – auch draußen, und auch, wenn Geimpfte mit Ungeimpften zusammenkommen.

Die Delta-Variante des Coronavirus ist weit ansteckender als die bisherigen Varianten. So sehr, dass sich auch die Infektionsgefahr im Freien erhöht. Die WHO geht davon aus, dass die zuerst in Indien entdeckte Variante weltweit dominieren wird. In Deutschland ist sie bereits für die Mehrzahl der Infektionen verantwortlich. Was wissen wir?

Bei uns hat sie sich bereits durchgesetzt: Der Anteil der Delta-Variante des Coronavirus lag am 24. Juli bei 84 Prozent. Und auch in anderen Teilen der Welt ist sie auf dem Vormarsch. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge könnte Delta sich sogar weltweit als dominierende Variante von Sars-CoV-2 durchsetzen. Woran liegt das?

Die Delta-Variante ist ansteckender als die bisherigen Varianten – und sie kann unsere Immunantwort möglicherweise zumindest etwas besser umgehen. Das macht sie offiziell zu einer als besorgniserregend eingestuften Variante (Variant of Concern, VOC). Aber woher weiß man, dass sie ansteckender ist – und was bedeutet das?

Viruslast: Darum ist die Delta-Variante ansteckender

Die WHO führt in ihren Überlegungen eine chinesische Studie an, die bisher im Preprint vorliegt, aber an 167 Patient:innen zeigt, dass zwischen Ansteckung (Kontakt mit infizierter Person) und erstem positiven PCR-Test bei Infektion mit Delta nur vier Tage vergingen. Zum Vergleich: Beim Wildtyp von Sars-CoV-2 sind zwischen Ansteckung und Nachweis sechs Tage vergangen.

Gravierender war die Viruslast, die man beim ersten positiven PCR-Test nachweisen konnte: Die lag bei Infektionen mit der Delta-Variante über 1.200-mal höher. Die Wertung der WHO: Die Delta-Variante kann wesentlich schneller replizieren, also sich vermehren, insbesondere in den ersten Tagen nach der Infektion. Damit könnten Infizierte gerade am Anfang vor oder während erster Symptome wesentlich ansteckender sein.

Impfung gegen Delta: Hohe Impfrate muss her

Expert:innen gehen schon länger davon aus, dass die Delta-Variante zum Herbst hin problematisch werden könnte: Dann, wenn wieder weniger Aktivitäten draußen stattfinden können und Menschen wieder mehr in Innenräumen zusammenkommen. Zwar ist ein Teil der Bevölkerung mittlerweile geimpft und erste Daten zeigen, dass die Impfstoffe immer noch gut gegen schwere Covid-19-Verläufe mit Krankenhausaufenthalt schützen, wenn auch etwas weniger. So zeigt Comirnaty von Biontech und Pfizer gegen Delta eine Wirksamkeit von 88 Prozent, während Vaxzevria von AstraZeneca noch zu 67 Prozent gegen die symptomatische Erkrankung schützt. Vor Krankenhausaufenthalten aber schützen beide demnach noch immer gut.

Dennoch zeigen sich unter Delta etwa in den USA mehr Hospitalisierungen. Auffällig hier: vor allem Ungeimpfte sind betroffen. Aber auch trotz Impfung können sich ein paar Menschen noch mit dem Coronavirus infizieren. Zudem müsste gegen ein Virus mit so hoher mutmaßlicher Übertragbarkeit wie die Delta-Variante die Impfrate wesentlich höher sein: Man geht derzeit von über 90 Prozent aus. Davon sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt: bisher sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) knapp 61 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft, vollständig geimpft knapp 50 Prozent. Doch nur die vollständige Impfung schützt gut gegen Hospitalisierung bei der Delta-Variante.

Infektionen im Freien: Delta steigert die Wahrscheinlichkeit

Doch mit höherer Viruslast steigt auch die Ansteckungsgefahr – auch draußen, je nach Situation. Darauf weist nun der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Ralf Bartenschlager, hin: "Man konnte sich zwar auch mit früheren Varianten schon im Freien anstecken, allerdings steigt mit Delta die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert", so der Experte, der an der Universität Heidelberg arbeitet. Denn je mehr Virus bei einem Infizierten vorhanden sei, desto höher das Übertragungsrisiko – auch im Freien.

Dabei komme es aber natürlich immer auf weitere Faktoren an, etwa Wind, Wetter, aber auch wie eng man zusammensteht, ob gerufen oder gesungen wird, ob Masken getragen werden oder man sich Getränke teilt. "Es lässt sich nicht pauschal sagen, wie schnell eine Infektion geschehen kann – das kann vielleicht eine Minute dauern oder auch eine Stunde", zitiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) Bartenschlager.

Dass Infektionen im Freien stattfinden können, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden: In Utrecht hatten sich im Juli mindestens 1000 Besucher eines Open-Air-Musikfestivals mit insgesamt 20.000 Menschen infiziert.

Wichtig dabei: Die Delta-Variante zeigt sich mit anderen Symptomen als bisherige Coronavirus-Varianten.

Toiletten und Öffis als Gefahr bei Freiluftveranstaltungen?

Dennoch ist die Gefahr, sich in Innenräumen anzustecken, weiterhin größer. Doch wenn die Infektionsgefahr im Außenbereich steigt, würde das auch bedeuten, dass sie in Innenräumen noch viel höher ist als bei vorherigen Varianten, erklärt dem RND gegenüber der Aerosol-Experte Gerhard Scheuch. Er weist aber noch auf bestimmte Flaschenhals-Situationen hin: Auch bei Open Airs und anderen Veranstaltungen im Freien, etwa bei Fußballspielen gebe es Situationen, in denen sich viele, auch wechselnde Menschen in Innenräumen befänden. Etwa in Toilettenräumen oder bei der Anfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch in Unterkünften. Man könne also auch annehmen, dass sich zumindest ein Teil der Infektionen in Utrecht in solchen Räumen ereignet hätten.

Wenn Delta ansteckender ist – was schützt?

Was also tun? Die Frage auch bei Veranstaltungen im Freien ist: Wie eng kommen Menschen zusammen? Werden trotzdem Masken getragen? Gibt es Räume, in denen viele Menschen ein- und ausgehen? Wird gesungen oder laut gesprochen, gerufen, teilweise auch ohne Maske?

All diese Fragen müssen bei Veranstaltungen im Freien berücksichtigt werden, mit dem Hintergrund, dass sich die Delta-Variante möglicherweise auch bei flüchtigem Kontakt übertragen könnte.

Das RKI hält dazu an den bisherigen Empfehlungen fest: Übertragungen im Freien seien nach wie vor eher selten, doch man solle dennoch den Mindestabstand einhalten und größere Menschenansammlungen meiden. Sollten doch mehrere Menschen zusammenkommen, sind Masken eine wirksame Hilfe. Sprich: alles, was hilft, möglichst wenige Tröpfchen und Aerosole abzubekommen. Eigentlich sollte das auch für Geimpfte gelten, denn auch die können sich noch infizieren und eine ansteckendere Variante wie Delta möglicherweise etwas eher an Ungeimpfte oder Menschen mit schwachem Impfschutz weitergeben.

Alles in allem sind sich Expert:innen aber einig: der Herbst wird vor allem für Ungeimpfte ungemütlich. So sagte schon vor Wochen der Virologe Christian Drosten: Wer sich nicht impfen lässt, wird früher oder später krank. Vor diesem Hintergrund entbrennt derzeit erneut eine Diskussion über eine mögliche Impfpflicht. Möglicherweise könnte es auch darauf hinauslaufen, dass ein Lockdown zukünftig nur noch für Ungeimpfte gilt. Derzeit sollen jedoch erst einmal weitere Anreize für die Impfung gegen das Coronavirus geschaffen werden. Mobile Impfteams kommen zu den Menschen, Impftermine sind mittlerweile kurzfristig möglich. Und auch über Nutzen und Risiken der Impfstoffe sowie die Risiken von Covid-19 im Vergleich wird vermehrt aufgeklärt, etwa mit dem gelben "Impfbuch für alle", bei dem unter anderen Eckart von Hirschhausen mitgewirkt hat.

Nachgefragt - Wie funktionieren eigentlich Impfungen?
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Studie:

Li, Lu et al. (medRxiv, Juli 2021): "Viral infection and transmission in a large well-traced outbreak caused by the Delta SARS-CoV-2 variant"

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