Aktualisiert: 24.07.2021 - 11:20

Experte über Ursachen und Mythen Schlafstörungen? Könnte an Luftmangel, Tabletten oder Elektrosmog liegen!

Von Gabriele Eisenrieder

Manchmal hält es uns nachts einfach wach. Was genau? Das ist nicht immer ganz klar. Lesen Sie mehr über die vielfältigen Ursachen von Schlafstörungen.

Foto: Getty Images/PhotoAlto/Frederic Cirou

Manchmal hält es uns nachts einfach wach. Was genau? Das ist nicht immer ganz klar. Lesen Sie mehr über die vielfältigen Ursachen von Schlafstörungen.

Wie erschlagen aufwachen, ewig nicht einschlafen – die Liste möglicher Schlafstörungen ist lang. Ursachen können im Körper oder Lebensstil liegen.

Deutschland schläft schlecht, das zeigt z.B. eine Studie der DAK, wonach ganze 80 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Deutschland, zumindest zeitweise unter Schlafstörungen leiden. Medizinisch behandeln lassen sich deswegen nur die wenigsten, wahrscheinlich zu wenige. Denn Schlaf an sich ist lebensnotwendig und guter Schlaf ist wichtig, um körperlich und geistig gesund zu bleiben.

Schlafen ist nicht einfach das Gegenteil des aktiven Wachzustandes, sondern auch eine Art "Heilphase" für den Körper. Lesen Sie hier, wie dieser wertvolle Prozess funktioniert und was die häufigsten Ursachen für Schlafstörungen sind. Warum diese eher im Kopf als im Körper zu suchen sind, erklärt Schlafmediziner Dr. Rudolf Hoffmann vom Helios Klinikum Krefeld im Interview.

Schlafstörungen: Wie funktioniert "guter" Schlaf?

Schlafen ist für den Körper eine Gelegenheit zur Generalüberholung: Vor allem in den ersten Schlafstunden produziert unser Körper Hormone, die wichtig für Wachstum, Wundheilung und Zellregeneration sind und lässt gleichzeitig den Spiegel des Stresshormons Cortisol absinken. Während des Schlafs ist außerdem das Immunsystem hochaktiv, Abwehrzellen wandern durch den Körper und spüren Krankheitserreger auf. Nicht zuletzt hängt unsere geistige Leistungsfähigkeit stark vom Schlaf ab. Unser Gedächtnis sortiert sich während des Schlafes neu, wichtige Informationen werden gespeichert, unwichtige aussortiert.

Dabei muss man wissen, dass wir nicht einfach einschlafen und irgendwann wieder aufwachen, sondern dass es dazwischen mehrere Schlafphasen gibt, die sich in einer Nacht mehrmals abwechseln.

  1. Übergangsphase – macht ca. 10 Prozent des Schlafzyklus aus
  2. Leichtschlaf – macht ca. 50 Prozent des Schlafzyklus aus
  3. Tiefschlaf – macht ca. 20 Prozent des Schalfzyklus aus
  4. REM- bzw. Traumschlaf – macht ca. 20 Prozent des Schlafzyklus aus

Damit wir eine erholsame Nachtruhe haben, ist die richtige Kombination unserer Schlafstadien im Schlafzyklus wichtig. Es gibt nämlich keinen linearen Durchlauf von Stadium 1 bis 4, sondern verschiedene Kombinationen, die gesunden Schlaf ausmachen. Wenn dieser Ablauf gestört ist, kommt es zu Schlafstörungen. Zu ihnen zählen u.a. häufiges nächtliches Aufwachen, unruhiger oder nicht erholsamer Schlaf und auch Schnarchen und Atemaussetzer. Als Folge erleben Betroffene u.a. Tagesmüdigkeit, Konzentrations- und Leistungsschwäche, erhöhte Reizbarkeit und Nervosität bis hin zu Depressionen.

Gibt es körperliche Ursachen für belastende Schlafstörungen?

Dr. Hoffmann: "Grundsätzlich kann man zwischen organischen und nicht-organischen Ursachen für Schlafstörungen unterscheiden. Organische Ursachen sind in etwa in 20 Prozent der Fälle Auslöser von Schlafstörungen. Vor allem Krankheiten und ihre Auswirkungen zählen dazu. Organische Ursachen von Schlafstörungen können Ärzte durch eine genaue Anamnese und evtl. eine Untersuchung im Schlaflabor herausfinden. Zur Therapie sollten möglichst die zugrunde liegenden Erkrankungen und Medikamentennebenwirkungen behandelt werden."

Schlafstörungen: Durch welche Krankheiten werden sie ausgelöst?

Dr. Hoffmann: "Wer beispielsweise unter Diabetes mellitus leidet, kann dadurch sog. Polyneuropathie, also Nervenschmerzen, in den Beinen entwickeln. Durch diese unangenehme Empfindung und etwaigen Bewegungsdrang kann es schwer sein, überhaupt einzuschlafen. Auch neurologische Krankheiten, die das Zentrale Nervensystem betreffen – wie Multiple Sklerose oder Parkinson – gehen oft mit Schlafstörungen einher und natürlich gibt es zahlreiche Medikamente, die den Schlaf verändern und stören können, wie beispielsweise trizyklische Antidepressiva.

Außerdem steckt manchmal eine Schlafapnoe dahinter, wenn Menschen nachts häufig aufwachen und morgens und tagsüber sehr müde sind. Schlafapnoe bedeutet, dass die Atemwege so verengt sind (z.B. durch Übergewicht), dass es während des Schlafs immer wieder zu Atemaussetzern kommt. Daraufhin wachen sie ruckartig auf, was bewusst oder unbewusst passieren kann, und generell wird das Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt."

Was sind die häufigeren Ursachen für Schlafstörungen?

Dr. Hoffmann: "In etwa 80 Prozent der Fälle, stecken nicht-organische Ursachen hinter Schlafstörungen. Dabei spielen vor allem die Psyche und Lebensgewohnheiten eine große Rolle. Somit können Sie diese Auslöser zwar aktiv durch ihr Verhalten beeinflussen, allerdings ist es zunächst nicht immer ganz einfach, sie zu erkennen. Scheinbar unwichtige Details können über einen erholsamen Nachtschlaf entscheiden."

Welche unbewussten Faktoren stören den Schlaf?

Dr. Hoffmann: "Stress wird – oft auch unbewusst – mit ins Bett genommen. Wer grübelnd und voller Angst und Sorgen im Bett liegt, schüttet die Stresshormone Cortisol und Katecholamine aus. Das wirkt allgemein aktivierend, beschleunigt z.B. den Herzschlag. Normalerweise sinkt am Abend der Cortisolspiegel und der Spiegel des 'Schlafhormons' Melatonin steigt an. Wenn abends Stresshormone produziert werden, kann dieser Prozess aber nicht richtig funktionieren.

Wichtig: Auch die Angst vor dem Nicht-Einschlafen-Können ist ein großer Stressfaktor."

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Welche Lebensgewohnheiten führen zu Schlafstörungen?

Dr. Hoffmann nennt drei Beispiele, die er bei seinen Patient:innen besonders häufig beobachtet:

  • Mahlzeiten werden außerhalb einer Routine eingenommen: Durch die modernen Lebensbedingungen und die Anforderungen der Arbeitswelt haben viele Menschen nicht mehr einen Tagesablauf mit den drei klassischen Mahlzeiten Frühstück – Mittagessen – Abendessen zu immer gleichen Zeiten. Wenn Sie den ganzen Tag nicht richtig zum Essen gekommen sind und dann abends vor dem Schlafengehen die größte Mahlzeit einnehmen, kann sich das auf den Schlaf auswirken, wenn der Körper noch aktiv mit der Verdauung beschäftigt ist.
  • Späte anstrengende Aktivitäten wie Sport: "Wer lange arbeitet oder warten muss, bis die Kinder im Bett sind, kann oft erst spät Sport treiben. Für den Schlaf wäre sportliche Betätigung allerdings morgens oder am frühen Nachmittag deutlich besser. Denn auch wenn Sie sich gleich nach dem Sport ausgepowert und müde fühlen, steigt Ihr Aktivitätslevel danach schnell wieder an. Ihr Kreislauf ist angeregt und der Körper braucht viel länger, um wieder in den „Ruhemodus“ zu kommen. Generell ist regelmäßige Bewegung aber sehr zu empfehlen, um Stress abzubauen und gesund zu bleiben und damit auch die Schlafqualität zu fördern."
  • Elektronische Geräte und Bildschirme im Schlafzimmer: "Eigentlich hat es mittlerweile jeder gehört, dennoch nehmen immer noch sehr viele Menschen Handy, Tablet oder Laptop mit ins Bett oder haben sogar einen Fernseher im Schlafzimmer. Das Licht der Bildschirme enthält, genauso wie das Tageslicht, viel Blau. Solange wir darauf schauen, wird unserem Körper signalisiert, dass es noch Tag ist. Außerdem senden alle elektronischen Geräte unbemerkt Strahlung aus, auch Elektrosmog genannt. Man nimmt an, dass dies bei empfindlichen Personen den Schlaf stören kann."

Sind Frauen besonders anfällig für Schlafstörungen?

Dr. Hoffmann: "Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Frauen schlechter schlafen und leichter erwachen, wenn ihr Kind mit im Zimmer oder Bett schläft. Es ist wohl die (unterbewusste) Sorge um den Nachwuchs, die Mütter auch nachts nicht zur Ruhe kommen lässt.

Die hormonellen Veränderungen, die Frauen in den Wechseljahren durchmachen, sind eine Mischung aus organischen und nicht-organischen Ursachen für gestörten Schlaf. Durch das natürliche Absinken des Östrogenspiegels können sich die Tiefschlafphasen verändern. Generell sollten hormonell bedingte Schlafstörungen (auch) mit dem Gynäkologen / der Gynäkologin besprochen werden."

Wechseljahre-Symptome
Wechseljahre-Symptome

Was sind verbreitete Irrtümer über Schlafstörungen?

Dr. Hoffmann: "Manche Schlafstörungen bestehen nur im Kopf der Betroffenen. Denn viele von uns haben schon oft vermeintliche Weisheiten gehört, wie 'der Schlaf vor Mitternacht ist am gesündesten' oder 'wer nachts aufwacht, schläft nicht richtig'. Früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen, gilt generell als erstrebenswerter. Allerdings ist es einfach Veranlagung, ob man eher früh oder eher später müde wird und ab wann man wieder aktiv ist. Früh-Aufsteher werden auch Lerchen genannt, Nachtaktive heißen Eulen. Wenn Sie sich als Eule um 21 Uhr zwingen wollen, einzuschlafen, ist das generell ein schwieriges Unterfangen. Sie machen nichts falsch, es kommt auf Ihren individuellen Biorhythmus an."

Sind acht Stunden Schlaf pro Nacht optimal?

Dr. Hoffmann: "Je nach Person unterscheidet sich auch, wie viele Stunden Schlaf ein Mensch braucht, um fit und ausgeruht zu sein, manchen Menschen reichen tatsächlich fünf Stunden pro Nacht, andere fühlen sich erst nach neun Stunden Schlaf richtig gut. Daran können Sie nichts ändern. Genauso normal ist es, nachts wach zu werden, auch wenn man sich meist nicht daran erinnern kann. Schlaf erfolgt in verschiedenen Phasen, die sich wiederholen, niemand schläft also konstant gleich tief in einer Nacht."

Wie läuft eine Untersuchung im Schlaflabor ab?

Dr. Hoffmann: "Zu uns ins Schlaflabor kommen Sie gegen 21 Uhr abends in ein ruhiges Einzelzimmer. Sie bekommen Elektroden für ein EEG auf den Kopf, um Ihre Hirnströme während des Schlafes zu messen, außerdem Kabel für EKG und Blutdruck-Messung. Das alles verläuft völlig schmerzlos. In einer idealen Umgebung (dunkel, still, ungestört) schlafen Sie dann ein und werden morgens wieder geweckt, falls Sie nicht schon von allein aufgewacht sind.

Sie müssen keine Angst haben, gerade im Schlaflabor erst recht nicht einschlafen zu können. Nach unserer Erfahrung klappt das bei den meisten gut und wer wirklich keine Ruhe findet, kann auch noch einmal kommen oder zumindest einen Teil der Messungen zuhause durchführen. Aus den Daten kann ein Somnologe dann Schlüsse ziehen, wie gewöhnlich oder ungewöhnlich der Ablauf Ihres Schlafes ist. Je nachdem können wir nach weiteren Ursachen suchen und / oder eine Therapie empfehlen.

Die Untersuchung in einem Schlaflabor ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen, wenn Sie eine Überweisung, z.B. vom Hausarzt, haben."

Unser Interview-Partner Dr. Rudolf Hoffmann ist Oberarzt der Pneumologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin am Helios Klinikum Krefeld.

Noch mehr Hilfe und Infos zu Therapien und natürlichen Arzneimitteln finden Sie auf unserer Themenseite Schlafstörungen, Tipps zur Entspannung und Stressbewältigung gibt es hier.

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