Aktualisiert: 20.07.2021 - 16:15

Neue Leitlinie veröffentlicht Long Covid: Langzeitfolgen endlich genauer definiert

Covid-19 ist weg, doch die Müdigkeit bleibt – und sie ist nur eines von vielen Symptomen des Post-Covid-Syndroms. Betroffene leiden auch unter bislang kaum vorhandenen Therapiemöglichkeiten. Eine Leitlinie definiert Long Covid nun genauer.

Foto: Getty Images/Maskot

Covid-19 ist weg, doch die Müdigkeit bleibt – und sie ist nur eines von vielen Symptomen des Post-Covid-Syndroms. Betroffene leiden auch unter bislang kaum vorhandenen Therapiemöglichkeiten. Eine Leitlinie definiert Long Covid nun genauer.

Covid-19 ist nicht nur eine Krankheit, die schwere Akutschäden hervorrufen kann. Covid-19 kann auch Langzeitfolgen mitbringen. Doch Long Covid oder Post Covid war bislang kaum definiert. Das ändert sich jetzt dank neuer Leitlinie.

Was genau sind sie eigentlich, die Langzeitfolgen, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus auftreten können? Die Symptome, über die Betroffene klagen, sind unglaublich vielseitig. Die Datenlage ist noch immer sehr begrenzt. Umso schwerer ist es, zu helfen. Doch mit einer neuen S1-Leitlinie soll Long Covid endlich klarer definiert werden. lassen sich Patient:innen gezielter behandeln – und Stigmatisierung hat so langfristig hoffentlich keinen Platz. Denn das Post-Covid-Syndrom kann uns alle treffen.

Long-Covid-Leitlinie: Darum ist sie so wichtig

Von den über 3,75 Millionen Menschen in Deutschland allein, die sich seit Beginn der Pandemie nachweislich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert haben, sind viele noch immer nicht ganz genesen – obwohl die Erkrankung Covid-19 mitunter gar nicht einmal so schlimm verlief.

An der Universitätsklinik Ulm werden Patient:innen mit Corona-Spätfolgen im Rahmen eines Forschungsprojektes untersucht. Rund 250 Menschen nahmen bisher teil, die meisten zwischen 40 und 50 Jahre alt, die jüngsten um die 20. "20 Prozent von ihnen haben Organschäden", erklärte Dominik Buckert, betreuender Oberarzt der Spezialambulanz für Covid-Spätfolgen an Lunge, Herz und Gefäßen an der Uniklinik. Darunter besonders häufig: Herzmuskelentzündungen und deren Folgen wie Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. An der Lunge sei das Lungengerüst häufig verändert, womit "ein schlechterer Gasaustausch möglich ist."

Bei den anderen Patient:innen habe man zwar keine Organschäden feststellen können, doch die meisten fühlten sich schlechter belastbar, seit sie an Covid-19 erkrankt waren, fasste Buckert im Gespräch mit "t-online.de" zusammen. Erschreckend dabei: Die meisten seien zuvor "eigentlich verhältnismäßig gesund, also ohne chronische Erkrankungen" gewesen.

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Vielzahl an Symptomen macht Diagnose schwierig

Doch solche Spezialsprechstunden und Behandlungen für Menschen mit Langzeitfolgen nach der Infektion sind noch immer selten. Das liegt durchaus auch an der schmalen Datenlage zum Thema Long Covid. Viele waren gar nicht einmal so heftig an Covid-19 erkrankt und nicht alle Symptome lassen sich sofort mit der Erkrankung in Verbindung bringen – zumal, wie Buckert sagte, nicht jeder Organschäden aufweist. Das macht die Diagnose schwierig, und auch das Verständnis für die Erkrankung und auch für die Betroffenen müsste größer werden.

Derzeit wird geschätzt, dass etwa 15 Prozent der von Covid-19 eigentlich Genesenen noch Wochen oder Monate später an Post-Covid-Symptomen leiden. Die Zahl der Beschwerden ist gigantisch, über 200 Symptome von Long Covid wurden bereits verzeichnet. Müdigkeit/Fatigue, geringe Belastbarkeit sowie der sogenannte "Brain Fog", der sich in kognitiven Störungen äußert, waren die am häufigsten beschriebenen, doch die Liste ist lang. Wie all das unter einen Hut bringen? Das soll nun die neue S1-Leitlinie zum Post-Covid-Syndrom.

So werden Long Covid/Post Covid in der Leitlinie definiert

Aufgrund der Vielfalt der Symptome merken die Autor:innen der Leitlinie an, dass bei Verdacht auf Long Covid auch immer weitere Diagnosen in Betracht gezogen werden sollten. Dennoch dürfte die Leitlinie, die sich an eine Leitlinie des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE) von Dezember 2020 anlehnt, Betroffenen zukünftig auf ihrem Weg zur Diagnose weiterhelfen. Doch wann kann man von Long/Post Covid ausgehen? So wird zukünftig unterschieden:

  • Akutes Covid-19: Die Symptome bestehen für bis zu vier Wochen nach der Infektion
  • Fortwährend symptomatisches Covid-19: Die Symptome halten weitere vier bis zwölf Wochen nach der Infektion an
  • Post-Covid-19-Syndrom: Die Symptome bestehen länger als zwölf Wochen nach der Infektion
  • Long Covid: Vier Wochen nach der Infektion kommen neue Symptome hinzu oder die Symptome bestehen länger als vier Wochen

Leitlinie ist nur der erste Schritt

Damit ist zumindest endlich ein Rahmen abgegrenzt. Dennoch bleibt die weitere Diagnose und Behandlung eine interdisziplinäre Aufgabe, das heißt, dass Betroffene nebst ihrer allgemeinmedizinischen Versorgung auch in Teilbereichen der Medizin untersucht werden müssen – je nach Beschwerden. Da fallen dann etwa die Pneumologie (Lungenheilkunde), Nephrologie (Innere Medizin), Kardiologie, Endokrinologie, Rheumatologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Dermatologie, Neurologie, aber auch Psychologie und Psychosomatik mit hinein.

Bisher gibt es allerdings noch keine richtige Therapie gegen Covid-19, auch wenn vereinzelt bereits über erfolgreiche Heilung berichtet wurde oder die Covid-19-Impfung manchen Long-Covid-Betroffenen hilft. Doch solche Behandlungen sollen bisher nur im Rahmen von Studien laufen, heißt es in der Leitlinie. Bis Therapien gesichert sind, solle sich eine medikamentöse Therapie daher an den Symptomen orientieren. Wichtig sei aber, dass Patient:innen regelmäßig untersucht würden, inklusive Vitalparameter wie Blutdruck, sowie kognitive Funktionen. Bei Verschlechterung sollen dann tiefergehende Untersuchungen mit Blutbild, Prüfen der Sauerstoffsättigung und Co anschließen.

Frühzeitig mit eingebunden werden sollen zudem nebst Angehörigen der Betroffenen auch Sozial- und Pflegedienste, Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden.

Die Leitlinie zu Long Covid bzw. dem Post-Covid-Syndrom ist damit ein erster Schritt, Betroffene aufzufangen. Dennoch ist noch viel Arbeit zu tun – die anhaltenden Symptome müssen besser verstanden werden, damit sie sich therapieren lassen und Patient:innen effektiv geholfen werden kann. Und gleichzeitig muss die Wahrnehmung und Akzeptanz des Syndroms in Bevölkerung und Politik steigen – auch, um ein Bewusstsein für die Gefahren zu schaffen, die durch wegfallende Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus auftreten können.

Quellen: S1-Leitlinie zu Post-Covid/Long-Covid via AWMF online, t-online.de, pharmazeutische-zeitung.de, eigene Recherche

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