Aktualisiert: 19.07.2021 - 16:17

Zu viele unnatürliche Zusatzstoffe So schaden Fertigprodukte unserem Darm

Mikrowellengerichte, Fertigessen und andere hochverarbeitete Lebensmittel sind praktisch, keine Frage. Unserem Darm tun sie aber offenbar nicht gut. Eine Studie findet einen Zusammenhang mit chronischen Darmerkrankungen.

Foto: Getty Images/Steve Prezant

Mikrowellengerichte, Fertigessen und andere hochverarbeitete Lebensmittel sind praktisch, keine Frage. Unserem Darm tun sie aber offenbar nicht gut. Eine Studie findet einen Zusammenhang mit chronischen Darmerkrankungen.

Fertigprodukte sind selten gesund: In ihnen steckt oft viel Salz, versteckter Zucker und fett, sie sind damit oft hochkalorisch, ohne aber besonders satt zu machen. Nun zeigt eine Studie: Dem Darm schaden sie sogar mehr als bisher gedacht.

Es ist ja schon einfach praktisch: Folie ab, Mikrowelle auf, Tür zu und kurz erhitzen: Sogenanntes "convenience food" ist beliebt, der Verzehr von Fertigprodukten hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen. Das schnelle Essen passt ja auch in unsere schnelllebige Zeit – der Hunger ist gestillt und oft schmeckt das Ganze auch noch. Doch wie so viele Essgewohnheiten der Neuzeit ist auch fertiges Essen nicht das Gelbe vom Ei. Das zeigen medizinische Beobachtungen in westlichen Ländern, aber auch in Ostasien: Mit der Zunahme am Verzehr von Fertigprodukten ist auch die Zahl der entzündlichen Darmerkrankungen gestiegen. Gibt es einen Zusammenhang?

Mehr Fertigessen – und mehr entzündliche Darmerkrankungen

Unser Darm kann ja viel – er schützt uns vor Krankheiten, regelt unsere Nährstoffversorgung und lässt sich auch von dem ein oder anderen schlechten Nahrungsmittel nicht sofort beeinflussen. Aber auch unser Verdauungstrakt kommt irgendwann an seine Grenzen. Wird die Darmflora wieder und wieder durcheinandergebracht, verändert sie sich irgendwann. Wir merken das an Problemen wie Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung – an gestörter Peristaltik, mitunter auch an anderen Beschwerden.

Unser Darm ist eben anderes gewöhnt. Er kommt mit unseren veränderten Ernährungsgewohnheiten nicht so schnell mit. Bis in die Nachkriegszeit waren chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn noch sehr selten – auch in Europa und in Nordamerika. Doch besonders in diesen Gegenden sind die Zahlen der Betroffenen in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Tendenz steigend. Unter jüngeren Menschen gehören sie mittlerweile zu den häufigsten Darmerkrankungen. Ähnliches ist in Ostasien zu beobachten.

Was haben diese Weltregionen gemeinsam? Der Verzehr von Fertiggerichten hat stark zugenommen.

Nicht-natürliche Zutaten unter Verdacht

Verantwortlich für chronisch entzündliche Darmerkrankungen ist wohl eine defekte Schleimhautbarriere im Darm, vermuten Expert:innen. Ist die schützende Schleimhaut nicht mehr intakt, können Darmbakterien, die sich eigentlich um die Verdauung kümmern, die Darmwand angreifen. Entzündungen entstehen.

Aber was greift die Darmschleimhaut an? Forschende vermuten, dass unter anderem Zusatzstoffe und nicht-natürliche Zutaten ausschlaggebend sein könnten. Genau diese Stoffe – künstliche Aromen, Emulgatoren und Stabilisatoren, Konservierungsstoffe – sind in stark verarbeiteten Fertigprodukten aber enthalten, mitunter in hohen Mengen. Unter anderem wurde in Tierexperimenten gezeigt, dass diverse Emulgatoren die Darmschleimhaut schon in geringen Konzentrationen schädigen können. So haben es Bakterien leicht, die Barriere zu überwinden und Entzündungen auszulösen.

Wie entstehen dadurch Erkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn? Indem sich das Immunsystem gegen die Eindringlinge wehrt – es aber nicht schafft.

So viele erkrankten während der Studie an Darmerkrankungen

In einer internationalen Studie mit 116.087 Teilnehmenden aus 21 Ländern sollten die Zusammenhänge zwischen hochverarbeiteten Lebensmitteln und Darmerkrankungen untersucht werden. Für die PURE-Studie ("Prospective Urban Rural Epidemiology") wurden die Essgewohnheiten der Teilnehmenden innerhalb der Jahre 2003 und 2016 durch Fragebögen zusammengetragen. Die Teilnehmenden waren zwischen 35 und 70 Jahre alt. Nicht in allen Ländern wurden viele Fertigprodukte verzehrt.

Insgesamt waren in einer Nachbeobachtungszeit von 9,7 Jahren 467 Teilnehmende an einer endzündlichen Darmerkrankung erkrankt. Darunter wurde bei 90 Teilnehmenden Morbus Crohn diagnostiziert, bei 377 Menschen Colitis ulcerosa. Auffällig: Menschen mit hohem Verzehr hochverarbeiteter Lebensmittel erkrankten doppelt so häufig als solche, bei denen Fertiggerichte selten auf dem Speiseplan standen.

Aus den Ergebnissen ermittelten die Studienautor:innen für Menschen, die eines bis vier Fertiggerichte am Tag verzehrten, ein um 67 Prozent höheres Erkrankungsrisiko im Vergleich zu denen, die weniger als eine stark verarbeitete Mahlzeit am Tag zu sich nahmen. Es gab auch Teilnehmende, die über fünf Portionen Fertignahrung am Tag verzehrten. Bei ihnen lag das Erkrankungsrisiko um 82 Prozent höher. Für Morbus Crohn ließ sich ein deutlicherer Zusammenhang feststellen als für Colitis ulcerosa.

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Beobachtungsstudie hat Schwächen, doch Zusammenhang naheliegend

Ganz wichtig: Mit in die Studie einbezogen wurden nicht nur Fertiggerichte im Sinne von Mikrowellen-Essen, sondern auch zucker- und zuckerersatzhaltige Erfrischungsgetränke, mit raffiniertem Zucker gesüßte Speisen, salzige Snacks sowie verarbeitetes Fleisch wie Wurst.

Dagegen fanden sich keine Verbindungen zu nicht-verarbeiteten Speisen, etwa Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Milchprodukte oder Fleisch.

Allerdings lässt sich aus einer reinen Beobachtungsstudie nie ein direkter Zusammenhang bestätigen. So ist es auch in diesem Fall. Insbesondere, weil die Diagnosen und Ernährungsgewohnheiten auf den Aussagen der Befragten beruhen und daher sehr subjektiv sein können. Zudem wurden die Ernährungsgewohnheiten in der Studie nur einmal abgefragt. Allerdings zeigt das Bild eine Tendenz – und vorherige Tierstudien lassen einen tatsächlichen Zusammenhang vermuten. Dennoch müssen hier weitere Studien her.

Fertiggerichte haben ihre Vorteile. Doch wie bei so vielem heißt es auch hier: in Maßen genießen! Wer aber auf Nummer sicher gehen will, hält sich an frische Zutaten.

Sie leiden unter Morbus Crohn? Mit der Ernährung lassen sich die Beschwerden lindern. Hilfreich sein kann dabei ein sogenanntes Autoimmunprotokoll – und so funktioniert's!

Übrigens kann auch Bleistiftstuhl auf Darmerkrankungen hindeuten. Mehr Infos rund um unsere Verdauung lesen Sie hier.

Studie: Narula, Yusuf et al. (the BMJ, 2021): "Association of ultra-processed food intake with risk of inflammatory bowel disease: prospective cohort study"

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