Aktualisiert: 18.07.2021 - 15:42

Experte über Symptome und Therapie 8 Jahre Schmerzen, bis Endometriose richtig diagnostiziert wird!

Von Gabriele Eisenrieder

Endometriose ist das "Chamäleon der Gynäkologie": Die Symptome sind vielfältig, die Krankheit ist nicht immer leicht zu diagnostizieren. Behandelt werden kann je nach Schwere und Lebenssituation.

Foto: Getty Images/Iryna Zastrozhnova

Endometriose ist das "Chamäleon der Gynäkologie": Die Symptome sind vielfältig, die Krankheit ist nicht immer leicht zu diagnostizieren. Behandelt werden kann je nach Schwere und Lebenssituation.

Schmerzen, Krämpfe, Erschöpfung – Menstruation bedeutet für viele Frauen Leid. Das ist nicht normal! Endometriose-Symptome werden oft verkannt.

Hinter schweren Menstruationsbeschwerden kann Endometriose stecken, eine chronische Unterleibserkrankung, über die immer noch zu wenig bekannt ist. Sie betrifft Schätzungen zufolge etwa 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter! Und auf die "Gebärfähigkeit" hat die Endometriose, neben der Lebensqualität, einen deutlich negativen Effekt.

Ein unerfüllter Kinderwunsch hängt oft mit ihr zusammen, häufig ohne dass die Betroffenen überhaupt von ihrer Erkrankung wissen. "Zwischen dem ersten Auftreten der Endometriose-Symptome und der korrekten Diagnose vergehen im Durchschnitt sechs bis acht Jahre. Das hat unter anderem mit den vielfältigen Symptomen zu tun, aber auch damit, dass Mädchen und Frauen immer noch häufig zu hören bekommen, starke Regelschmerzen wären normal", sagt Prof. Dr. Bernhard Krämer, Leiter des Endometriosezentrums der Universitäts-Frauenklinik Tübingen. Hier erklärt er, welche Symptome Warnzeichen sind, mit welchen Untersuchungen Endometriose diagnostiziert werden kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Endometriose: Ursachen liegen in Gebärmutterschleimhautzellen

Wie und warum genau Endometriose entsteht, ist bislang nicht geklärt. Fest steht, dass die Erkrankung mit veränderten Schleimhautzellen zusammenhängt. Sie funktionieren wie die Zellen der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), liegen aber außerhalb von ihr, z.B. im Bauchfell oder an den Eierstöcken, an denen es in der Folge häufig zu Zysten kommt. Im Großen und Ganzen gibt es in der Wissenschafts-Community zwei Theorien dazu, wie es zu den versprengten Zellen – auch Endometrioseherde genannt - kommt:

  1. Umgewandelte Schleimhautzellen: Zellen des Bauchfells, also außerhalb der Gebärmutter, wandeln sich von allein in Gebärmutterschleimhautzellen um. Man weiß, dass es solche Zellumwandlungen tatsächlich in der Entwicklung eines Embryos gibt. Theoretisch könnten sie also auch im Körper geschlechtsreifer Mädchen und Frauen vorkommen.
  2. Verschleppte Schleimhautzellen: Schleimhautzellen aus der Gebärmutter wurden, praktisch aus Versehen, in andere Bereiche des Körpers verschleppt. Das könnte durch die Muskelbewegungen der Gebärmutter erfolgt sein oder wenn Menstruationsblut über den Eileiter in die Bauchhöhle zurückfließt. Die Schleimhautzellen könnten dann über Lymph- und Blutbahnen praktisch jeden Ort des Körpers erreichen.

Wahrscheinlich ist, dass eine Kombination verschiedener Ursachen Endometriose auslöst. Auch Vererbung scheint eine Rolle zu spielen, wessen Mutter, Schwester oder Tante an Endometriose leidet, hat ein acht Mal höheres Risiko, auch zu erkranken. Immerhin kann man mittlerweile nachvollziehen, wie die starken Schmerzen entstehen:

Die Schleimhautzellen, die fälschlicherweise außerhalb der Gebärmutter liegen, reagieren ebenfalls auf die Geschlechtshormone, die den weiblichen Zyklus bestimmen. Normalerweise wird die Gebärmutterschleimhaut jeden Monat mit der Periodenblutung wieder abgestoßen. Das ist bei den Endometrioseherden aber nicht möglich. Während der Menstruation setzen sie dann zahlreiche Entzündungsstoffe frei, die das umliegende gesunde Gewebe irritieren. Mediziner gehen daher davon aus, dass die typischen stechenden Schmerzen nicht nur durch das Menstruationsblut ausgelöst werden, sondern auch Hormone und Entzündungsstoffe eine große Rolle spielen.

Nicht zu verwechseln ist Endometriose aber mit einer akuten Gebärmutterentzündung, die meistens auf eine Bakterieninfektion zurückgeht und ernste Folgen haben kann.

Wie kann man Endometriose-Symptome richtig erkennen?

Prof. Krämer: "Endometriose gilt als 'Chamäleon der Gynäkologie', da die Erkrankung viele verschiedene Facetten hat und sich je nach Patientin unterschiedlich äußern kann. Es gibt aber typische Kernsymptome, die auf eine Endometriose hinweisen können. Diese sind:

  • Starke Regelschmerzen: Während der Regelblutung können leichte Unterleibskrämpfe auftreten, allerdings nicht Schmerzen, die eine Patientin regelmäßig nur mit Schmerzmitteln aushalten kann. Wenn die Schmerzen sogar in den Rücken, den Kopf oder die Beine ausstrahlen und Sie stark in Ihrer Alltagsgestaltung einschränken, z.B. zur Arbeitsunfähigkeit führen, sollten Sie die Beschwerden unbedingt mit einem / einer Gynäkolog:in besprechen.
  • Nichtzyklische Schmerzen: Wegweisend für eine Endometriose kann auch sein, dass Unterleibsschmerzen unabhängig von der Regelblutung auftreten, also an den Zyklus-Wochen ohne Menstruation: Betroffene Frauen empfinden Schmerzen dann z.B. bei bestimmten Positionen beim Geschlechtsverkehr, beim Stuhlgang oder beim Wasserlassen.
  • Ungewollte Kinderlosigkeit: Nicht selten wird eine Endometriose erst diagnostiziert, wenn eine Frau sich wegen Empfängnisproblemen ausführlich gynäkologisch untersuchen lässt. Wenn ein Paar etwa ein dreiviertel Jahr bis Jahr erfolglos versucht, schwanger zu werden, sollten beide Partner mögliche Störfaktoren checken lassen. Wenn eine Endometriose (Mit-)Auslöser der Empfängnisprobleme ist, kann die Behandlung nicht nur potenziell die Fruchtbarkeit verbessern, sondern auch Beschwerden lindern.

Ich rate daher dazu, frühzeitig den Gynäkologen / die Gynäkologin aufzusuchen, die idealerweise mit einem Endometriosezentrum in Kontakt stehen. Sie können dieses aber auch selbständig kontaktieren."

Mehr dazu: Endometriose – 13 Symptome, die jede Frau kennen sollte!

Einen Überblick deutscher und internationaler Endometriosezentren bietet z.B. die Stiftung Endometriose Forschung.

Wie kommt bei Endometriose die endgültige Diagnose zustande?

"Die Diagnostik besteht bei uns im universitären Tübinger Endometriosezentrum in der höchsten Stufe aus folgenden Komponenten:

  1. Gründliche Anamnese, in der die Patientin den Krankheitsverlauf und die Beschwerden schildert.
  2. Tastuntersuchung der Vagina
  3. Vaginaler Ultraschall
  4. Bauchspiegelung (Laparoskopie oder "Schlüsselloch-Chirurgie"), bei der minimalinvasiv die Bauchhöhle untersucht und Gewebeproben entnommen werden.
  5. Ggf. weitere Untersuchungen (z.B. Darmspiegelung oder Kernspintomographie), falls eine Beteiligung des Darms oder weiterer Organe vermutet wird."

Hilfe bei Endometriose: Welche Behandlung passt für wen?

Prof. Krämer: "Die Behandlung einer Endometriose hängt immer von den individuellen Voraussetzungen der Patientin ab, z.B. was Alter und Beschwerden angeht. Wichtig zu wissen ist: Endometriose ist eine chronische Krankheit, deren Ursache nicht bekannt ist. Sie ist nicht heil- aber durch verschiedene Maßnahmen gut therapierbar und unter Kontrolle zu bringen.

  • Hormontherapie: Bei Mädchen und sehr jungen Frauen, bei denen noch kein aktueller Kinderwunsch besteht, kann man zunächst versuchen, das Fortschreiten der Erkrankung durch Hormongabe zu verzögern. Das bedeutet dann meistens, eine gestagenhaltige Verhütungspille durchgehend einzunehmen. Durch das Ausbleiben der Regelblutung und die Einschränkung des Zyklus können so schon viele Endometriose-Symptome gemildert oder zum Verschwinden gebracht werden.
  • Endometriose-Sanierung: Zusätzlich und auch für Frauen, für die eine hormonelle Behandlung nicht in Frage kommt, z.B. weil sie eigentlich schwanger werden wollen, kann u.a. eine Sanierung der Endometrioseherde das Mittel der Wahl sein. Eine Bauchspiegelung kann nicht nur zur Diagnostik sondern auch zur Behandlung der Endometriose dienen. Für die Laparoskopie wird unter kurzer Vollnarkose minimalinvasiv über den Bauchnabel ein Zugang geschaffen, über den das entzündete Gewebe der Endometrioseherde entfernt werden kann. Nach der Entfernung bessern sich die Endometriose-Symptome in der Regel innerhalb von zwei bis drei Wochen deutlich. Dann ergibt sich durchschnittlich ein Zeitfenser von etwa ein bis anderthalb Jahren, in dem der Effekt anhält. In diesem Zeitraum dürfte auch die Chance auf eine Schwangerschaft erhöht sein.
  • Anti-Hormontherapie: Wenn Patientinnen kurz vor den Wechseljahren stehen, kann man diese auch vorziehen. Das bedeutet, dass medikamentös die Hormon-Produktion im Körper gedrosselt wird, was in der Regel zur Verbesserung der Symptome beiträgt. Dann muss allerdings darauf geachtet werden, ob die Patientinnen andere Probleme durch die Hormonumstellung bekommen, wie z.B. Hitzewallungen, Scheidentrockenheit oder ein erhöhtes Osteoporose-Risiko – also typische Wechseljahres-Beschwerden.

Endometriose-Patientinnen können generell die berechtigte Hoffnung haben, dass sich ihre Symptome nach den Wechseljahren stark verbessern, da die Endometriose abhängig von den weiblichen Geschlechtshormonen wächst."

Kann eine Hysterektomie bei Endometriose helfen?

Prof. Krämer: "Als letzte Therapieoption kann in schweren Fällen eine Hysterektomie in Frage kommen, also die komplette Entfernung der Gebärmutter. Das macht aber nur Sinn, wenn sich die Endometriose-Herde vor allem in der Gebärmutter befinden. In seltenen Fällen kann es auch nötig sein, Abschnitte des Darms zu entfernen, wenn es hier ebenfalls zu Entzündungsherden kommt und die Darm-Funktion beeinträchtigt wird."

Gibt es bald neue Endometriose-Therapien?

Prof. Krämer: "Selektive Hormonmodulation wird zur Behandlung der Endometriose intensiv erforscht. Man kann sich vorstellen, dass sich die Endometriose von den weiblichen Geschlechtshormonen Östrogen und Progesteron "ernährt". Der Ansatz ist, durch im Labor hergestellte Moleküle die Wirkung von Östrogen und Progesteron gezielt zu hemmen, nämlich nur in ihrer Wirkung auf die Endometrioseherde. Ansonsten sollen die natürlichen Hormone aber ganz normal im Körper der Frau weiterarbeiten. Derzeit laufen hierzu vielversprechende klinische Studien."

Kann man Endometriose durch Ernährung beeinflussen?

Prof. Krämer: "Endometriose lässt sich nicht durch eine bestimmte Ernährungs- oder Lebensweise heilen, aber nachweislich positiv beeinflussen. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung und wenig Alkoholkonsum kann sich positiv antientzündlich auswirken. Das gilt aber für alle Menschen, nicht nur Endometriose-Patientinnen. Ein Körpergewicht im normalen BMI-Bereich ist ebenfalls förderlich, weil man weiß, dass Fettzellen die Östrogen-Produktion beeinflussen. Außerdem sind regelmäßige Bewegung und Entspannung förderlich, um das Schmerzempfinden zu mildern.

Dabei ist es wichtig die Balance zu wahren und sich nicht zu verbissen auf den 'richtigen' Lebensstil zu fokussieren, weil dadurch auch wieder schädlicher Stress entsteht."

Zahlreiche Tipps und Beispiele zu Entspannungsverfahren finden Sie auch auf unserer Themenseite Entspannung und Stressbewältigung. News und Hintergründe zu den Themen Menstruation, Zyklus und Sexualität gibt es auf unserer Vagina-Themenseite.

Zum Experten: Prof. Dr. Bernhard Krämer ist Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Gynäkologie der Universitäts-Frauenklinik Tübingen und Leiter des Endometriosezentrums.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe