Aktualisiert: 16.07.2021 - 15:45

Bei den meisten länger als 6 Monate Long Covid: Über 200 verschiedene Symptome verzeichnet

Chronische Erschöpfung gehört zu den häufigsten Symptomen von Long Covid – aber es ist längst nicht das einzige: Bei einer Umfrage sind über 200 verschiedene Beschwerden der Langzeiterkrankung nach Covid-19 verzeichnet worden.

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Chronische Erschöpfung gehört zu den häufigsten Symptomen von Long Covid – aber es ist längst nicht das einzige: Bei einer Umfrage sind über 200 verschiedene Beschwerden der Langzeiterkrankung nach Covid-19 verzeichnet worden.

Covid-19 birgt nicht nur die Gefahr schwerer Verläufe, teilweise mit Todesfolge. Auch Menschen mit eigentlich leichtem Krankheitsverlauf klagen mitunter noch Monate nach der Infektion über Probleme. Einer Erhebung zufolge sind mittlerweile über 200 Beschwerden registriert.

Das Coronavirus Sars CoV-2 und die Erkrankung Covid-19 bergen eine Gefahr, die unser Gesundheitssystem langfristig belasten könnte – und die Betroffenen das Leben schwer macht: In einer Umfrage haben Patient:innen über 200 verschiedene Symptome für Long Covid genannt – die "Erkrankung nach der Erkrankung" ist damit ein schwierig einzuschätzendes Krankheitsbild. Zumal Betroffene in den meisten Fällen nicht einmal schwer unter Covid-19 gelitten hatten.

Über 200 Symptome: Long Covid kann sich vielfältig äußern

Dass eine Behandlung im Krankenhaus, insbesondere eine Beatmung, länger anhaltende Probleme verursachen kann, ist den meisten bewusst. Doch was ist mit den Long-Covid-Patient:innen, die mit ihrer Infektion gar nicht im Krankenhaus waren, sondern sich zu Hause auskurieren konnten? Auskuriert sind einige davon bis heute nicht.

Und diese Folgeerkrankung bleibt rätselhaft. Zwar gibt es ein paar Beschwerden, über die mehrere berichten, etwa anhaltende Müdigkeit (Fatigue) oder Atemnot bei leichter Anstrengung. Doch offenbar sind die Symptome sehr vielfältig. Über 200 verschiedene Beschwerden gaben Betroffene in einer Internetumfrage der Selbsthilfegruppe "Body Politic" an.

Die Gruppe hatte zwischen September und Ende November 2020 insgesamt 3.762 Antworten auf einen Fragebogen erhalten, den sie unter anderen Patientenverbänden und in den sozialen Medien geteilt hatten. Zusammen mit Athena Akrami vom University College London wurden die Ergebnisse nun zusammengetragen und ausgewertet. Auffällig: Neben der Vielzahl an Symptomen klagten die meisten noch sechs Monate nach überstandener Infektion über Beschwerden. Über die Hälfte war nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig. Erschienen sind die Ergebnisse nun im Journal "EClinicalMedicine" vom Fachblatt "The Lancet".

Was ist Long Covid?

Eine einheitliche Bezeichnung gibt es für die Folgekrankheit von Covid-19 übrigens noch nicht. Meist ist von "Long Covid" die Rede, oft sprechen Expert:innen aber auch von postakutem Covid-19, chronischem Covid, Langzeit-Covid. In englischsprachigen Ländern fällt manchmal der Begriff "long hauler", zu deutsch etwa "langer Schlepper".

Wissenschaftliche Studien gibt es bislang noch nicht viele. Konsens ist mittlerweile, dass die Sypmtome länger als 28 Tage nach überstandener Infektion anhalten und sich nicht durch andere Erkrankungen erklären lassen.

Was wir bisher über Long Covid wissen, sehen Sie auch im Video:

Corona-Langzeitfolgen: Das wissen wir über “Long Covid”
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Betroffene waren zum Großteil nur leicht an Covid-19 erkrankt

Die Fragebögen wurden übrigens vornehmlich (zu 90 Prozent) von Menschen aus englischsprachigen Ländern beantwortet. Übersetzt wurde die Umfrage allerdings in acht Sprachen – Deutsch war leider nicht darunter.

Auffällig: Die meisten der Antworten zeigen, dass die Betroffenen nur leicht an Covid-19 erkrankt waren. Rund ein Drittel hatte einen Arzt oder Notarzt kontaktiert, ins Krankenhaus eingeliefert worden waren aber nur 8,43 Prozent. 78,9 Prozent der Betroffenen waren weiblich. 17,8 Prozent waren im Gesundheitswesen tätig.

Das sind die häufigsten verzeichneten Symptome

Als häufigste Symptome wurden die bereits bekannten Beschwerden genannt: Müdigkeit und geringe Belastbarkeit – hier angegeben als "Post Exertorial Malaise"), sehr ähnlich dem chronischen Erschöpfungssyndrom/Myalgische Enzephalomyelitis (ME/CFS) sowie kognitive Störungen, der sogenannte "Brain Fog", als Hirnnebel.

Mehr dazu: Covid-19 ist weg – doch die Müdigkeit bleibt.

Darüber hinaus gehörten zu den am meisten genannten Symptomen die folgenden: visuelle Halluzinationen, Tremor, Juckreiz, Menstruationsbeschwerden, sexuelle Dysfunktion, Palpitationen (subjektives Gefühl, dass das Herz zu schnell oder unregelmäßig schlägt), Blasen-Kontrollprobleme, Gürtelrose, Gedächtnisverlust, Sehstörungen, Durchfall und Tinnitus. Insgesamt kamen die Forschenden auf 203 unterschiedliche Symptome, die auf zehn Organsysteme verteilt waren.

Über die Dauer der Beschwerden lässt die Studie allerdings noch keine genaueren Rückschlüsse zu: 91,8 Prozent der Befragten hatten sich noch 35 Wochen nach überstandener Infektion nicht erholt. 45,2 Prozent der Betroffenen mussten zumindest zeitweise die Arbeitszeiten reduzieren, 22,3 Prozent konnten mitunter gar nicht mehr arbeiten.

Und dass nicht nur die Lebensqualität sinkt, sondern offenbar auch die Lebensdauer, zeigen bisherige Erkenntnisse zu Long Covid: Spätfolgen erhöhen das Sterberisiko.

Studie lässt Einteilung Betroffener in drei Cluster zu

Grob lassen sich die Betroffenen in drei Cluster aufteilen:

  • 1. Cluster: Die Symptome treten frühzeitig auf, einen Höhepunkt gibt es nach zwei bis drei Wochen. Danach klingen sie langsam ab. Meist betreffen die Beschwerden den Magen-Darm-Trakt, Hals-Nasen-Ohrenbereich und die Atmung. Zudem treten allgemeine Krankheitssymptome wie Fieber auf.
  • 2. Cluster: Die Symptome treten früh auf, der Höhepunkt ist aber erst nach fünf bis zehn Wochen erreicht. Die Abklingphase schreitet langsam voran. Hier betreffen die Beschwerden meist das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt, den Bewegungsapparat, das Nervensystem, die Psyche und die Atmung. Auch hier kommen Allgemeinsymptome hinzu. In dieser Gruppe zeigte sich zudem der Covid-Zeh: Schon 2020 waren bei manchen Covid-19-Patient:innen schmerzhafte Schwellungen an Zehen beobachtet worden, die an Frostbeulen erinnerten und erst nach Wochen wieder verschwanden.
  • 3. Cluster: Die Symptome beginnen milde, erst nach zehn bis 15 Wochen steigern sie sich. Keine Tendenz zur Besserung. Zu den genannten Symptomen kommen hier Menstruationsbeschwerden und Blasenstörungen, Allergien und sogar anaphylaktische Störungen. Forscherin Akrami berichtet, dass sie Parallelen mit dem sogenannten Mastzellaktivierungssyndrom sieht. Darauf müsse man aber noch genauer eingehen. Hierbei lässt eine mutierte Zelle im Knochenmark krankhaft veränderte Mastzellen entstehen. Diese Mastzellen setzen vermehrt Histamin und andere Botenstoffe frei, die den Körper aus dem Gleichgewicht bringen können.

Zusätzlich kamen Symptome wie ein starker Anstieg der Herzfrequenz nach dem Aufstehen (Dysautonomie) bei überraschend vielen Patient:innen hinzu, ebenso berichteten viele darüber, dass zuvor bereits erlittene Virusinfektionen wie Herpes oder Epstein-Barr, aber auch eine durch Bakterien entstandene Borreliose wieder reaktiviert worden waren.

Long Covid muss ernstgenommen werden: großer Bedarf an weiteren Studien

Die Forschenden weisen aber darauf hin, dass es sich um eine retrospektive Studie handele, bei der man sich lediglich auf die Erinnerungen der Betroffenen verlassen könne. Diese könnten aber auch trügen. Zudem seien die Ergebnisse nicht unbedingt repräsentativ, denn die Umfrage sei schließlich von einer Selbsthilfe gestartet und im Internet verbreitet worden. Zudem könnten kulturelle Eigenarten mit hineinspielen, da der Großteil aus englischsprachigen Ländern stammt.

Dennoch dürfte die Auswertung der Umfrage einige neue Erkenntnisse über Long Covid gebracht haben und die bisher noch wenigen Forschungsansätze daran weiterbringen.

Long Covid wird vielen Experten zufolge bisher noch stark unterschätzt. Auch, wenn nun bereits vor allem Risikogruppen vollständig geimpft sind, warten noch viele, vor allem jüngere Menschen, auf die Impfung. Das wird sich nun mit steigenden Zahlen in der Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle widerspiegeln – hier wird möglicherweise nun weniger los sein. Da Long Covid aber vor allem bei Menschen auftritt, die nur leicht an Covid-19 erkranken, warnen Experten vor langfristigen Folgen für viele Menschen, die bislang keine Impfung erhalten konnten oder wollten. Mit MIS-C bzw. PIMS ist Long Covid auch bei Kindern möglich.

Weitere Studien müssen also her. Nur so können a) entsprechende Vorsichtsmaßnahmen gegen das Coronavirus als sinnvoll untermauert und b) Wege entwickelt werden, Long Covid zu heilen. Möglicherweise kann die Impfung auch hier helfen.

Studie:

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