Aktualisiert: 12.07.2021 - 17:16

Diese drei Szenarien sind möglich Die Zukunft des Coronavirus: Harmlose Erkältung, grippeähnliche Saisons oder Bedrohung über Jahre?

Was bringt die Zukunft mit dem Coronavirus? Weiterhin regelmäßig volle Intensivstationen, saisonale Spitzen oder nur leichte Erkrankungen? Forschende stellen drei Szenarien vor, die wir durchaus mitbestimmen können.

Foto: Getty Images/skaman306

Was bringt die Zukunft mit dem Coronavirus? Weiterhin regelmäßig volle Intensivstationen, saisonale Spitzen oder nur leichte Erkrankungen? Forschende stellen drei Szenarien vor, die wir durchaus mitbestimmen können.

Wie geht es weiter mit der Pandemie? Diese Frage beschäftigt Forschende seit Monaten. Mit jeder neuen Erkenntnis über das Coronavirus gibt es auch neue Möglichkeiten zu dessen Zukunft. Derzeit gehen Experten von drei möglichen Szenarien aus. Während eines davon Hoffnung macht, ist ein anderes durchaus beunruhigend. Welches setzt sich durch?

Es ist ein Auf und Ab in dieser Pandemie – spätestens seitdem es die Impfstoffe gibt. Im einen Moment zeigen sich Erfolge durch die Impfstrategie, im nächsten kommt eine neue Virusvariante hinzu, die den Impfschutz zumindest wackeln lassen könnte. Klar ist: Auf je mehr ungeschützte das Coronavirus trifft, desto leichter kann es sich weiterentwickeln und neue Varianten bilden. Wie lange geht das so weiter? Forschende haben nun drei Szenarien zur Zukunft des Coronavirus und der Pandemie vorgestellt. Welches davon eintritt, hängt zumindest zum Teil auch an uns.

Blick in die Zukunft: Wie entwickelt sich das Coronavirus?

Mit dem Gedanken ans Ausrotten des Coronavirus ist es wohl vorbei. Gänzlich verschwinden wird Sars-CoV-2 wohl nicht mehr – dafür hat es sich zu weit verbreitet. Die Pandemie wütet weltweit. Doch so wie jetzt, wird es voraussichtlich nicht für immer weitergehen. Denn einerseits entwickelt sich die Forschung rund um Impfstoffe und Medikamente rasend schnell und andererseits ist zumindest zum Grundtyp irgendwann weltweit mit einer Herdenimmunität zu rechnen.

Doch wir wissen auch, dass sich das Coronavirus ständig wandelt, gerade weil es weltweit kursiert und überall Wirte finden kann. Dabei kann theoretisch alles passieren: Es kann harmloser werden, aber auch gefährlicher, ansteckender und weniger tödlich, aber auch tödlicher, es kann auch lernen, den Immunschutz immer mehr zu umgehen. Was wird passieren?

Abschließend lässt sich diese Frage erst beantworten, wenn es soweit ist. Doch aus dem, was bisher rund um Sars-CoV-2 wissenschaftlich bekannt ist, lassen sich zumindest folgende drei wahrscheinlichste Szenarien präsentieren, die ein Team von Forschenden nun in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht hat.

Szenario 1: Das Virus bleibt gefährlich und verursacht weiter schwere Verläufe

Beginnen wir mit dem beunruhigendsten Szenario: Wir bekommen das Coronavirus nicht schnell genug unter Kontrolle und es entsteht eine Art Abwärtsspirale: Es bleibt bei vielen schweren Verläufen und viele Menschen infizieren sich, wodurch sich das Virus immer weiter schnell entwickeln kann. Immunescape-Varianten ließen sich irgendwann möglicherweise nicht mehr durch Impfstoffe aufhalten und die Weiterentwicklung der Vakzine liefe zu langsam, um noch hinterher zu kommen.

Szenario 2: Das Virus wird zu einer saisonalen Krankheit ähnlich der Grippe

Wahrscheinlicher ist den Forschenden zufolge allerdings ein anderes Szenario: Wir bekommen es mit einer weiteren saisonalen Erkrankung zu tun, die in Wellen kommt und sich zur Influenza, der Grippe, hinzugesellt. Zwar würden Therapien immer effektiver, die dafür sorgen könnten, dass die Krankheit leichter verläuft und weniger Menschen ins Krankenhaus müssen und/oder versterben. Das kennen wir bereits von der Grippe, die ebenfalls jährlich zur Saison viele Menschen infiziert und je nach Schwere allein in Deutschland Tote im drei- bis fünfstelligen Bereich fordert. Eine zusätzliche Erkrankung in diesem Maß könnte Krankenhäuser zukünftig zeitweise stark belasten.

Von diesem Szenario geht unter anderem Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) aus: "Es werden kontinuierlich Corona-Patienten auf den Intensivstationen landen, aber eben nicht in überdurchschnittlichen Zahlen wie in der Hochzeit der Pandemie. Das erleben wir auch bei der Influenza." Jedoch eben zusätzlich zur Influenza, erklären auch die Autor:innen des Artikels in "Nature": Mehrere Hunderttausend Todesfälle gebe es weltweit in jeder Grippesaison. "Dies ist eine äußerst erhebliche gesundheitliche Belastung und entspricht einem relativ optimistischen Blick auf die Zukunft der Sars-CoV-2-Pandemie."

Szenario 3: Sars-CoV-2 wird wie andere Coronaviren zum Erkältungsvirus

Optimistischer ist da das dritte Szenario, von dem bereits im Vorfeld Forschende gesprochen hatten: Covid-19 wird zu einer Erkältungskrankheit, das Coronavirus ruft bei Infizierten nur noch leichte Symptome hervor. Damit würde es sich in die Riege der anderen weltweit kursierenden Coronaviren, ausgenommen Sars und Mers, einreihen, die allesamt lediglich für leichte Erkältungen verantwortlich sind.

Szenarien 2 und 3 nur bei voranschreitender Immunität

Die Verfasser des Beitrages betonen jedoch an verschiedenen Stellen im Artikel, dass es nicht möglich sei, vorherzusagen, ob Erkrankungen schwerer oder weniger schwer werden, je mehr sich das Coronavirus an den Menschen anpasst. Zudem sei unklar, wie lange eine solche Entwicklung dauern könne.

Sie betonen, dass die Szenarien 2 und 3 zwar wahrscheinlich seien, jedoch müsse sich die Immunität in der Bevölkerung dafür weiter verbreiten – und zwar weltweit. Sie vergleichen diese Möglichkeiten mit der "Spanischen Grippe", der Influenza-Pandemie von 1918/19. Bis in die 1950er Jahre hat das Grippevirus H1N1 regelmäßig Epidemien ausgelöst. Der Subtyp kursiert noch heute als "Influenza-A-Virus H1N1" und wird jährlich in die Grippeimpfung mit einbezogen. 2009/10 hatte ein Abkömmling davon die Schweinegrippe-Pandemie ausgelöst.

Als Risiko geben die Verfasser die Entwicklung von Varianten an, die den Immunschutz von Genesenen und Geimpften umgehen könnten. Derzeit ist die Pandemie in vielen Teilen der Welt kaum bis gar nicht unter Kontrolle. Gerade hier finden sich damit geradezu Brutherde für neue Varianten. Zudem könne das Coronavirus in mehreren Tierarten zirkulieren, sich auch dort weiter verändern und erneut auf den Menschen überspringen.

Aber: Zahl der Mutationen bisher begrenzt

Doch das Autorenteam um Prof. Dr. Amalio Telenti und Dr. Davide Corti, das beim Pharma-Unternehmen Vir Biotechnology und verschiedenen Forschungsinstitutionen arbeitet, stellt auch fest, was Prof. Dr. Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité und Experte für Coronaviren, bereits im NDR-Podcast "Coronavirus Update" erklärt hat: Bisher finden die Mutationen in den bekannten Varianten an einer begrenzten Zahl an Stellen statt. Das könnte darauf hinweisen, dass sich das Virus nur an bestimmten Stellen verändern kann: "Es gibt aus virologischer Sicht gute Gründe anzunehmen, dass Sars-2 gar nicht mehr so viel mehr auf Lager hat als das, was es uns bisher zeigen konnte", betonte Drosten kürzlich erst wieder in einem großen Interview mit der Schweizer Online-Zeitschrift "Republik".

Aus diesem Grund geht er davon aus, dass sich Sars-CoV-2 zukünftig immer mehr wie ein Erkältungs-Coronavirus verhalten werde. Wer nicht geimpft sei, werde irgendwann an Covid-19 erkranken, erklärte Drosten in ebenjenem Interview. Das heißt, das Virus werde Impflücken nutzen. Er rät daher allen: "Lassen Sie sich impfen" – denn durch die Impfung gebe es immerhin einen Grundschutz, auch wenn sich das Virus weiterentwickeln sollte. Durch die Impfung könnte das Coronavirus irgendwann zu einer harmlosen Kinderkrankheit werden, vermuteten bereits Anfang des Jahres Wissenschaftler:innen. Bisher wirken die Impfstoffe sehr gut. Aber selbst eine schwächere Impfung sei immer noch besser als gar keine. Schließlich hat unser Immunsystem – anders als gegen Erkältungs-Coronaviren – ohne Impfung oder überstandenes Covid-19 noch gar keine Berührung mit Sars-CoV-2 gehabt.

Welches der Coronavirus-Szenarien sich zukünftig durchsetzt, kommt nicht zuletzt auf den Impffortschritt an. Und zwar wie gesagt weltweit. Solange es in ungeschützten Bevölkerungsteilen weiter wüten kann, hat das Coronavirus die größte Chance, neue Varianten zu bilden. Was können wir also tun, um möglichst mindestens Szenario 2, noch besser Szenario 3 anzustreben? Uns weiter schützen und uns grundimmunisieren lassen – und mithelfen, auch ärmere Länder mit genügend Impfstoff zu unterstützen. Die Pandemie ist ein weltweites Problem, für das es nur eine weltweite Lösung gibt.

Coronavirus: So haben sich die Symptome von Covid-19 geändert

Quellen: nature.com, dpa, RND, NDR-Podcast "Coronavirus Update", republik.ch

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