06.07.2021 - 11:00

Neue Rechnungen Montgomery und Immunologen: Ohne Impfskeptiker und Kinder keine Herdenimmunität

Von der Redaktion

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, sieht eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus erst dann, wenn mindestens 85 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Foto: IMAGO / photothek

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, sieht eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus erst dann, wenn mindestens 85 Prozent der Bevölkerung immun sind.

Ursprünglich ging man davon aus, dass es für eine Herdenimmunität reicht, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft gegen oder genesen vom Coronavirus sind. Doch angesichts ansteckenderer Varianten muss diese Zahl drastisch nach oben korrigiert werden. Das bedeutet: Ohne Menschen, die mit der Impfung noch zögern, aber auch ohne Kinder im Impfplan wird es schwierig mit der Herdenimmunität – und ein Wegfall wirklich aller Maßnahmen, insbesondere der Masken, entsprechend kaum umsetzbar.

Eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus ist "kurzfristig nicht erreichbar" – davon ist Weltärztebund-Präsident Frank Ulrich Montgomery mittlerweile überzeugt.

Obwohl die Impfungen derzeit noch in vollem Gang sind, zeichnet sich langsam ab, dass die Zahl der täglich Geimpften früher oder später abnehmen und stagnieren wird. Das ist problematisch, denn neuen Berechnungen im Zusammenhang mit der weit ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus zufolge müsste der Anteil Geimpfter und Genesener bei etwa 85 Prozent liegen. Zuvor, als noch das ursprüngliche Virus kursiert hatte, war man von 60 bis 70 Prozent ausgegangen. Diesen Teil hätte man auch ohne Impfskeptiker und Kinder erreichen können. Das sieht nun anders aus.

Für Herdenimmunität: "Müssen die Impfskeptiker überzeugen"

Montgomery spricht im Gespräch mit den Zeitschriften der Funke Mediengruppe auch die absoluten Impfgegner an: "Die zehn Prozent, die sich ums Verrecken nicht impfen lassen wollen, werden ihre Immunität erreichen, indem sie eine Erkrankung durchmachen." Und zwar dann, "wenn wir alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen."

Den Erfolg gebe es aber erst, wenn möglichst viele Menschen in der Bevölkerung geimpft seien. Man müsse dafür vor allem die Impfskeptiker ansprechen, die noch unschlüssig ob der Impfung sind. Man müsse sie überzeugen und ihnen Anreize schaffen. Dass auf Masken in näherer Zukunft komplett verzichtet werden könne, glaube er jedoch nicht.

Problem: Auch Geimpfte können sich infizieren und das Virus weitergeben

Ähnlich sehen das auch Experten der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Sie gehen einen Schritt weiter und davon aus, dass wir nur Herdenimmunität erreichen können, wenn Kinder und Jugendliche in die Impfkampagne mit einbezogen werden. Grund dafür sei auch, man könne beim Coronavirus Sars-CoV-2 nicht davon ausgehen, dass immune Menschen das Virus nicht mehr übertragen können.

Man muss sich das so vorstellen: Wer geimpft ist, kann ja trotzdem vom Virus befallen worden sein. Erst im Körper wehrt sich dann das Immunsystem und sorgt dafür, dass sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet und krank macht. Eine gewisse Viruslast kann aber dennoch vorhanden sein.

Sars-CoV-2 kann sich nämlich weit oben in den Atemwegen ansiedeln und so auch übertragbar sein, wenn Infizierte selbst nicht erkranken – sprich vollkommen symptomfrei sind. Die Impfung kann zwar die Viruslast senken und dafür sorgen, dass Menschen weniger ansteckend sind. Bei einer so ansteckenden Variante wie der Delta-Variante jedoch ist eine Infektion Geimpfter, die zwar selbst nicht erkranken, das Virus aber zumindest für eine kurze Zeit weitergeben können, nicht ausgeschlossen. Und unter denen, die nicht geimpft sind, kann sich diese ansteckende Variante umso mehr ausbreiten. Das betrifft dann vor allem Kinder und Jugendliche, da sie diejenigen sind, die noch keinen Impfschutz haben.

Sechs Fakten zur Delta-Mutation
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Ohne Kinder und Jugendliche keine Herdenimmunität

Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass sich eine Herdenimmunität gegen die Delta-Variante dann einstellt, wenn mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen immun sind und 90 Prozent der Menschen ab 60. In einem Papier des RKI heißt es: "Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte 4. Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich." Damit wird klar: Um das zu erreichen, müssen Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren in die Impfkampagne mit einbezogen werden. Dafür plädiert übrigens auch Karl Lauterbach: Wegen der Delta-Variante will er auch Kinder impfen lassen.

Schon länger ist klar, dass die Durchimpfungsrate aufgrund ansteckenderer Varianten nach oben korrigiert werden musste, damit die Impfung uns die Herdenimmunität gegen das Coronavirus bringen kann. Klar sollte aber auch sein, dass dieser Zustand zumindest vorerst ein fragiles Gebilde sein kann, wie man kürzlich erst in Großbritannien gesehen hat: Nachdem dort im April noch über Herdenimmunität gejubelt worden war, machte die Delta-Variante in Großbritannien die Lockerungspläne vorerst zunichte. Die Infektionen liegen dort mittlerweile wieder täglich im fünfstelligen Bereich.

Quellen: dpa, AFP

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