Aktualisiert: 15.06.2021 - 16:01

Über 90 Prozent Anteil Delta-Variante sorgt für Neuinfektionen in Großbritannien – wie sicher sind wir?

In Großbritannien warnt die Gesundheitsbehörde NHS derzeit vor der "Covid-19 Variant of concern", der Delta-Variante. Sie ist wesentlich ansteckender und sorgt für jede Menge Neuinfektionen. Während der Wegfall aller Maßnahmen trotz Herdenimmunität verschoben wurde, denkt man in Deutschland über den Wegfall der Maskenpflicht und der Testpflicht nach. Ein sinnvoller Weg?

Foto: Getty Images/Mark Kerrison / Kontributor

In Großbritannien warnt die Gesundheitsbehörde NHS derzeit vor der "Covid-19 Variant of concern", der Delta-Variante. Sie ist wesentlich ansteckender und sorgt für jede Menge Neuinfektionen. Während der Wegfall aller Maßnahmen trotz Herdenimmunität verschoben wurde, denkt man in Deutschland über den Wegfall der Maskenpflicht und der Testpflicht nach. Ein sinnvoller Weg?

Der hohe Anteil der offenbar viel ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus sorgt in Großbritannien dafür, dass der für kommende Woche angestrebte "Tag der Freiheit", der Wegfall aller Maßnahmen, verschoben werden muss. Währenddessen diskutieren wir in Deutschland über ein Aussetzen der Maskenpflicht. Dabei liegen wir in der Impfquote weit hinter unseren Nachbarn von der Insel.

33.000 Covid-Neuinfektionen in einer Woche: Das sind alarmierende Berichte aus Großbritannien. Obwohl die Inseln zuletzt große Schritte im Kampf gegen das Coronavirus geschafft hatten, jetzt der Rückschlag. Grund ist die mittlerweile vorherrschende Virusvariante B.1.617.2, die zuerst in Indien festgestellt worden war und dort für katastrophale Zustände gesorgt hatte. Die Delta-Variante ist in Großbritannien für über 90 Prozent der Covid-19-Erkrankungen verantwortlich.

In London hat die Regierung nun beschlossen, die Coronamaßnahmen aufgrund der starken Ausbreitung der Variante doch wieder zu verlängern. Eigentlich war für den 21. Juni der "Tag der Freiheit" geplant – das Ende aller noch geltenden Kontaktbeschränkungen. Jetzt wird dieser Tag vorerst um vier Wochen nach hinten geschoben.

Auch in Deutschland ist die Delta-Variante bereits angekommen, macht bisher aber nur einen geringen Anteil der Neuinfektionen aus. Aber ist es angesichts dessen, was man derzeit in England sieht, sinnvoll, hierzulande über den Wegfall der Maskenpflicht zu diskutieren? Die Experten sind sich da eigentlich einig...

Delta-Variante in Großbritannien für fast alle Neuinfektionen verantwortlich

Eigentlich stand Großbritannien zuletzt sehr gut da – sogar die Pubs hatten im Außenbereich wieder geöffnet, allerorts herrschte ausgelassene Stimmung. Das Coronavirus schien erst einmal besiegt – zumindest die einst kursierende Alpha-Variante, die derzeit auch bei uns die vorherrschende ist.

Doch eine andere Variante machte sich schon währenddessen breit. Die Delta-Variante des Coronavirus soll 40 Prozent ansteckender sein als die Alpha-Variante – und darüber hinaus zu einem gewissen Grad auch den Impfschutz umgehen können. Zumindest dann, wenn er noch nicht vollständig ist. Und genau das ist bei sehr vielen Briten der Fall.

In Großbritannien wurde in den vergangenen Monaten darauf gesetzt, möglichst viele Menschen erstzuimpfen, um einen Grundschutz aufzubauen. Bei der Alpha-Variante hatte das gut funktioniert, für die Delta-Variante reicht das offenbar nicht.

Sechs Fakten zur Delta-Mutation
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Innerhalb von 50 Tagen setzte sich Delta durch

Einer Fall-Kontroll-Studie der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) zufolge ist die Übertragungsrate in Haushalten bei der Delta-Variante um 64 Prozent höher als bei der Alpha-Variante B.1.1.7. Weniger als 50 Tage hat es gedauert, bis die Delta-Variante die bis dato vorherrschende Alpha-Variante verdrängt hat. Zuletzt entfielen der PHE zufolge 96 Prozent der sequenzierten bzw. genotypisierten Fälle auf die Variante.

Bisher ist immerhin die Zahl der Todesfälle, die auf die Delta-Variante zurückzuführen sind, gering. Bisher kam es zu 42 Todesfällen im Zusammenhang mit der neuen Variante. 23 davon waren nicht geimpft, während sieben Verstorbene die erste Impfdosis erhalten hatten und zwölf bereits die zweite. Experten hoffen nun, dass die hohe Impfquote dafür verantwortlich ist, dass bisher verhältnismäßig wenige Menschen verstorben sind.

Das könnte bedeuten, dass der Impfschutz, auch nach Erstimpfung, zumindest vor sehr schweren Verläufen mit möglicher Todesfolge schützt. 78,4 Prozent der Engländer sind bisher einmal geimpft, während 55,9 Prozent bereits beide Impfdosen erhalten haben. Bisher sind aber auch vor allem Jüngere an der Delta-Variante erkrankt und die Erkrankungsdauer liegt bei den meisten noch unterhalb von 28 Tagen. Möglich also, dass die Zahl der Todesfälle weiter ansteigen wird. Die Hospitalisierungsrate jedenfalls ist laut Daten aus England und Schottland jedenfalls im Vergleich zur Alpha-Variante erhöht.

Nachdem Großbritannien am 3. Mai noch mit einer Inzidenz von 19,4 Fällen auf 100.000 Einwohner gut dastand, lag sie am 8. Juni, nur wenige Wochen später, wieder bei 66,1.

Wichtig zu wissen: Die Symptome der Delta-Variante scheinen sich anders zu äußern als die der bisherigen Varianten.

"Tag der Freiheit" um vier Wochen verschoben

Angesichts der steigenden Fälle will Großbritanniens Premierminister Boris Johnson Medienberichten zufolge davon absehen, den Wegfall aller Maßnahmen am 21. Juni tatsächlich durchzuführen. Nachdem Gastronomie und Geschäfte in England sowie teilweise auch in Wales, Schottland und Nordirland bereits seit einigen Wochen wieder geöffnet sind, sollte nun eigentlich das normale Leben zurückkehren. Neuer geplanter Termin dafür ist nun der 19. Juli – abhängig davon, wie sich die Ausbreitung der Delta-Variante weiter entwickelt.

Vor Hintergrund der Delta-Variante: Diskussion über Wegfall der Maskenpflicht sinnvoll?

In Deutschland liegen die Inzidenzen derweil in Bereichen, die wir seit Monaten nicht mehr gesehen haben. Am 15. Juni 2021 meldet das Robert Koch-Institut (RKI) eine landesweite 7-Tage-Inzidenz von 15,5 pro 100.000 Einwohner. Derweil haben bis einschließlich 14. Juni in Deutschland 48,7 Prozent der Bevölkerung eine Erstimpfung erhalten und 26,8 Prozent sind vollständig geimpft – wir sind also noch weit von den Impfquoten in Großbritannien entfernt.

Dennoch entbrennt schon jetzt eine Diskussion über den Wegfall der Maskenpflicht. Während Experten anhand aktueller Daten für Außenbereiche keine erhöhte Infektionsgefahr sehen, wenn auf genügend Abstand geachtet wird, sieht das in Innenräumen allerdings ganz anders aus. Denn hier können sich Aerosole anreichern. Insbesondere im Hinblick auf eine noch ansteckendere Variante könnte ein Wegfall der Maskenpflicht daher fatal enden.

Mehr dazu: Covid-19: Wie schnell kann man sich draußen anstecken?

Noch ist die Delta-Variante hierzulande recht selten – jedenfalls bezogen auf Gesamtdeutschland. Schaut man näher hinein, sieht das anders aus. So liegt der Anteil der Variante in München laut hna.de derzeit bei 81,6 Prozent.

Auch wenn die Zahlen insgesamt derzeit gering sind und es draußen wie drinnen ein ähnlich geringes Risiko gibt, einen Infizierten zu treffen, ist das Ansteckungsrisiko gerade bei einer ansteckenderen Variante im Innenraum viel höher. Gesenkt werden kann es mit dem Tragen einer Maske – insbesondere, wenn der Kontakt nur kurz ist. "Das Risiko, sich anzustecken, ist ohne Maske natürlich höher", sagt etwa der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF), Christof Asbach gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er plädiert daher an die Bevölkerung, sich in kritischen Situationen weiter zu schützen – auch ohne offizielle Vorgaben.

Ähnliches betonte bereits im Mai der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen: "Wir haben immer noch eine Pandemie mit einem unklaren weiteren Verlauf unter anderem durch Virusvarianten." Der Aufwand, Maske zu tragen, sei gering – der Gewinn für die Pandemiebekämpfung dagegen groß. Das gelte vor allem im Hinblick auf aktuellste Erkenntnisse zur Virusausscheidung: Einer Studie unter Mitwirkung vom Virologen Christian Drosten scheiden Infizierte nämlich die meisten Viren ein bis drei Tage vor Beginn der Symptome aus – also dann, wenn sie ohne Test noch gar nicht wissen, dass sie krank sind. Ein Wegfall der Maskenpflicht sowie auch der Testpflicht für Innenräume könnte daher zu vielen ungewollten Ansteckungen führen.

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei – wir können sie jetzt aber im Zaum halten

In Großbritannien sprach man im April noch von erreichter Herdenimmunität. Die neuesten Entwicklungen zeigen, wie schnell die wieder vorbei sein kann, wenn sich eine ansteckendere Variante breitmacht – aber noch nicht genügend Menschen vollständig geimpft sind.

Wir tun jetzt gut daran, die Delta-Variante nicht zu unterschätzen und aus dem zu lernen, was in Großbritannien gerade passiert. Auch, wenn die Zahlen gerade auf dem niedrigsten Niveau seit vielen Monaten sind und der Sommer lockt, sollte sich doch ein jeder ins Gedächtnis rufen, dass die Pandemie – eine weltweite Bedrohung – noch längst nicht vorbei ist und gerade Reisen immer eine Gefahr bergen, neue Varianten des Coronavirus einzuschleppen, die sich dann hier auch viel stärker ausbreiten. Und während Masken im Außenbereich bei Einhalten der Abstandsregeln nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht unbedingt notwendig sind, braucht man über einen Wegfall der Maskenpflicht in Innenräumen derzeit wohl nicht diskutieren.

Quellen und Studien:

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