Aktualisiert: 11.06.2021 - 16:59

Neue Drosten-Studie untermauert seine Theorie Kinder mit Corona sind so ansteckend wie Erwachsene

Von Gabriele Eisenrieder

Bei Kindern wird der PCR-Test meist statt in der Nase mit einem Rachenabstrich gemacht. Dabei werden mitunter aber weniger Virenbestandteile aufgenommen. Eine neue Studie zeigt jetzt, wie infektiös Kinder wirklich sind.

Foto: Getty Images/Paul Biris

Bei Kindern wird der PCR-Test meist statt in der Nase mit einem Rachenabstrich gemacht. Dabei werden mitunter aber weniger Virenbestandteile aufgenommen. Eine neue Studie zeigt jetzt, wie infektiös Kinder wirklich sind.

Ist das das Ende einer langen Diskussion? Laut einer neuen Studie von Prof. Drosten sind Kinder mit Corona wirklich so ansteckend wie Erwachsene.

Was wurde darüber gestritten, gemutmaßt und geschimpft… Im April 2020 legte eine vorläufige Auswertung von Labordaten nahe, dass Kinder mit Covid-19 das Virus im gleichen Maße weitergeben wie Erwachsene. Das bedeutet: Kinder mit Corona sind so ansteckend wie Erwachsene.

Das war ein wichtiger Faktor, der die Regierung zu Schulschließungen bewog. Nicht nur deshalb wurde diese Einschätzung von Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité von vielen angezweifelt. Eine neue Studie – die bisher größte Untersuchung von Viruslasten bei Covid-19 – zeigt jetzt allerdings: Es hängt nicht vom Alter ab, welche Viruslast ein(e) Infizierte(r) hat. Diese Ergebnisse wurden nun im internationalen Fachblatt "Science" veröffentlicht.

Das wollten die Wissenschaftler über Corona herausfinden

Stichwort R-Wert: Der Begriff steht für die Reproduktionszahl, sagt also aus, wie viele Menschen ein mit Corona Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Bekannt war, dass dieser R-Wert beim Coronavirus durchschnittlich etwa drei bis fünf ist, also gibt ein Infizierter es an drei bis fünf andere Personen weiter, wenn keinerlei Schutzmaßnahmen bestehen.

Was diese Zahl allerdings nicht verrät – wie hoch ist die Übertragung im individuellen Fall? Also die Frage, WIE ansteckend bestimmte Personen oder Personengruppen mit Corona sind, ob sich z.B. Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen feststellen lassen.

Viruslast-Bestimmung: So lief die neue Drosten-Studie ab

Ein internationales Forschungsteam um Prof. Drosten untersuchte mehr als 25.000 PCR-Proben. Es waren Tests von Menschen, die nachweislich positiv waren, sich also mit dem Coronavirus infiziert hatten. Dabei interessierte die Wissenschaftler vor allem die Menge des Viruserbguts in der PCR-Probe. Daraus konnte, unter Berücksichtigung weiterer Faktoren, eingeschätzt werden, wie ansteckend die positiv getesteten Personen waren.

Ab welcher Viruslast überhaupt eine Ansteckung wahrscheinlich ist, konnten die Forscher schon zuvor aus Labor-Untersuchungen des Coronavirus ableiten. Die Wissenschaftler analysierten anschließend, ob sich die Daten für verschiedene Altersgruppen, Patient:innen mit unterschiedlich starken Symptomen oder zwischen verschiedenen Virusvarianten statistisch bedeutend unterschieden.

  • HINTERGRUND – Wie wird die Viruslast festgestellt? Die Viruslast wird durch eine genetische Untersuchung des Test-Abstrichs herausgefunden. Dabei wird geschaut, wie viele Kopien des Virus-Erbgutes in der Probe zu finden sind. Das zeigt, wie schnell sich das Virus vermehrt und wie hoch die Virusmenge im Rachen annähernd ist. Daraus kann man die potenzielle Infektiosität ableiten.

Das Ergebnis: Junge mit Corona sind so ansteckend wie Ältere

Die Analyse nach Altersgruppen zeige dabei keine nennenswerten Unterschiede, so die Wissenschaftler. Die Viruslast bei Patient:innen zwischen 20 und 65 Jahren war vergleichbar, im Schnitt enthielten ihre Rachen-Abstriche rund 2,5 Millionen Kopien des SARS-CoV-2-Erbguts. In den Proben der jüngsten Kinder zwischen 0 und 5 Jahren fand das Forschungsteam mit etwa 800.000 Erbgutkopien die niedrigsten Viruslasten, bei älteren Kindern und Jugendlichen glichen sich die Werte mit steigendem Alter denen der Erwachsenen an.

Auch Kinder können schwer an Covid-19 erkranken und/oder Long-Covid-Symptome erleiden, die der Kinder-Folgeerkrankung PIMS oder MIS-C ähneln:

Corona-Spätfolge: Kinder zeigen PIMS-Symptome
Corona-Spätfolge: Kinder zeigen PIMS-Symptome

Kleinkinder doch mit weniger Viruslast? Das sagt Drosten

"Diese Zahlen sehen erst einmal unterschiedlich aus, wir betrachten Viruslasten aber auf einer logarithmischen Skala", so Drosten. "Die Viruslast-Unterschiede bei den jüngsten Kindern liegen gerade noch unterhalb der Grenze dessen, was man als klinisch relevant betrachten würde. Darüber hinaus muss man verstehen, wie die Werte zustande kommen und dies korrigierend mit einbeziehen." Denn: es gibt Unterschiede zwischen Klein und Groß beim PCR-Test.

Drosten: "Bei Kindern werden deutlich kleinere Abstrichtupfer eingesetzt, die weniger als halb so viel Probenmaterial in die PCR-Testung einbringen. Außerdem werden bei ihnen statt der schmerzhaften tiefen Nasenrachen-Abstriche oft einfache Rachenabstriche gemacht, in denen sich noch mal weniger Virus findet. Deshalb erwarten wir bei Kindern mit gleicher Virusvermehrung von vornherein geringere Viruslast-Messwerte in der PCR."

Die unterschiedlich hohen Viruslasten zwischen (kleineren) Kindern und Erwachsenen weisen also nicht darauf hin, dass Kinder weniger ansteckend sind. Die Unterschiede in der Test-Methode sind die Ursache. "Dies verdeutlicht, dass man Viruslasten nicht einfach proportional in Infektiosität umrechnen kann", so Drosten.

Sein Fazit: „Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien.“

Übrigens, was die Stiko zu Corona-Impfungen von Kindern empfiehlt, lesen Sie hier.

Fatale Pandemietreiber: Hohe Corona-Viruslast, trotzdem gesund

Für die Ansteckungsgefahr sind sie wie Brandbeschleuniger: Mit Corona infizierte Menschen, die keine Krankheitssymptome haben, obwohl sie eine hohe Viruslast haben. Wer sich gesund fühlt, kommt später oder nie darauf, einen PCR-Test zu machen. Allerdings sind diese Betroffenen trotzdem hochansteckend und wissen nicht, dass sie in Quarantäne müssten.

Diese Super-Spreader machen etwa 9 Prozent der untersuchten Covid-19-Fälle aus. Sie fielen durch eine extrem hohe Viruslast von einer Milliarde Erbgutkopien oder mehr auf. Unglaublich: Mehr als jeder Dritte dieser potenziell hochansteckenden Personen hatte keine oder nur milde Symptome.

"Diese Daten liefern eine virologische Grundlage für die Beobachtung, dass nur eine Minderheit der Infizierten den größten Teil aller Übertragungen verursacht", erklärt Prof. Drosten. "Dass sich hierunter so viele Menschen ohne relevante Krankheitssymptome finden, macht klar, warum Maßnahmen wie Abstandsregeln und die Maskenpflicht für die Kontrolle der Pandemie so wichtig sind."

Britische Coronavirus-Variante B.1.1.7 ist ansteckender

Unter den untersuchten Proben waren auch solche von Menschen, die sich mit der Virus-Variante B.1.1.7 – auch Alpha-Variante oder bis zur Umbenennung der WHO ehemals britische Variante genannt – infiziert hatten. Tatsächlich fanden die Wissenschaftler bei ihnen eine zehnfach höhere Viruslast, im Durchschnitt. Hierzu untersuchten die Forschenden Viruslasten von fast 1.500 Fällen mit B.1.1.7-Infektion, denen sie knapp 1.000 Personen mit anderen Viren gegenüberstellten, die zur selben Zeit getestet worden waren. Die Einschätzung nach der Labor-Untersuchung: Alpha ist 2,6-mal so ansteckend wie schon länger bei uns verbreitete Coronavirus-Varianten.

"Auch wenn Laborversuche es bisher noch nicht abschließend erklären können: Das B.1.1.7-Virus ist infektiöser als andere Varianten," so Drostens Fazit. Das Charité-Forschungsteam plant, die Auswertungen der Viruslast stetig fortzusetzen. Sie wollen dadurch auch herauszufinden, wie das Coronavirus mutiert, wenn mehr und mehr Menschen immun sind. Auch neuere besorgniserregende Varianten wie die Delta-Variante dürften da mit einfließen.

Neue UK-Studie: DAS macht Briten-Variante so infektiös

Natürlich wird auch in Großbritannien fleißig zu Coronavirus-Varianten geforscht, dort war die Alpha-Variante zwischenzeitlich vorherrschend, bis sie von der Delta-Variante abgelöst wurde. Virologen des University College London gelang nun vielleicht der Durchbruch – sie fanden heraus, wie die Alpha-Variante es schafft, das Immunsystem zu manipulieren. Noch ist die Studie nicht in einem Fachjournal veröffentlicht, die Ergebnisse werden aber in der internationalen Forscher-Community viel beachtet. So gelingt es B.1.1.7 sich vor dem Immunsystem zu verstecken:

Wenn die Alpha-Virus-Variante in die Lungenzellen eindringt, produzieren diese drastisch weniger Interferon. Interferon ist ein Protein, das man sich als "Ein-Schalter" für das Immunsystem vorstellen kann. Wenn sich jemand mit B.1.1.7 infiziert, schrillen die Alarmglocken der Immunabwehr viel schwächer als bei anderen Viren-Varianten. B.1.1.7 schafft das durch eine Mutation, die ihm praktisch eine Tarnkappe verleiht. So kann sich das Virus erstmal weitgehend ungestört vermehren.

Nun könnte man sagen, die Erkenntnisse schützen uns im Alltag auch nicht besser vor Covid-19. Allerdings ist die Erforschung aller Eigenschaften des Coronavirus von unschätzbarem Wert für unsere Zukunft. Umso mehr wir über Corona herausfinden, desto gezielter kann man Schutzmaßnahmen ergreifen und desto genauer können zukünftige Impfstoffe auf Varianten und unser Immunsystem zugeschnitten werden. In einigen Jahren werden wir auf die Pandemie zurückblicken und nicht mehr fassen können, wie wenig wir über das Virus wussten, das die ganze Welt lahmlegte.

Bleiben Sie auf dem Laufenden zu Impfungen, Maßnahmen und Durchbrüchen in der Pandemie auf unserer großen Themenseite zum Coronavirus und Covid-19.

Studien:

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe