Aktualisiert: 09.06.2021 - 16:06

Psychische Folge der Pandemie Statt Angst vor Vereinsamung: Cave-Syndrome – die Angst vor der Normalität

Wenn sich die Tür zur Normalität nach der Pandemie wieder öffnet – stürmen wir dann hinaus? Vielleicht schlägt auch das "Cave-Syndrome" zu...

Foto: Getty Images/Klaus Vedfelt

Wenn sich die Tür zur Normalität nach der Pandemie wieder öffnet – stürmen wir dann hinaus? Vielleicht schlägt auch das "Cave-Syndrome" zu...

Irgendwann ist alles Normale wieder zurück: Wenn die Pandemie endet, wir uns nach und nach aus unserer Vorsichtshaltung herauswagen und sich alles wieder "normalisiert". Aber geht das überhaupt? Können wir mit den neuen-alten Freiheiten dann wieder problemlos umgehen?

Wer derzeit einen Blick nach draußen wagt, könnte meinen, die Corona-Pandemie sei vorbei. Überall füllen sich die Innenstädte, Plätze im Gastro-Außenbereich sind rar. Doch der Schein trügt. Nicht nur ist die Pandemie trotz gesunkener Inzidenzen noch immer in vollem Gange. Auch wagt sich noch längst nicht jeder gedankenlos ins Getümmel.

Das Beisammensein an der frischen Luft fühlt sich mitunter wieder wie früher an. Aber wie ist es, wenn die wirklich großen Unternehmungen zurückkommen? Wenn sich wieder Hallen für Konzerte füllen, die Fußballstadien voll besetzt sind oder das Restaurant aus allen Nähten platzt? Wenn es auf Ämtern oder bei Ärzten keine Schlangen mehr draußen gibt, sondern volle Wartezimmer? Beim Gedanken daran kommt ja doch irgendwie so ein bisschen Unbehagen auf. Was, wenn dieses Unbehagen in Angst umschlägt und der normale Alltag, kehrt er denn irgendwann zurück, schwer wird? "Cave-Syndrome" nennen amerikanische Forscher diese Angst vor der Normalität.

"Cave-Syndrome": Lieber in der Isolation bleiben

Die Wohnung als Höhle: Mitunter war dieser Gedanke in den vergangenen Monaten doch etwas beruhigend. Ein Unterschlupf, in dem einem der ganze Wahnsinn nichts anhaben, in die man sich zurückziehen konnte. Aber der ein oder andere weiß vielleicht, wie es ist, wenn man mehrere Tage nicht draußen war und dann plötzlich wieder unter Menschen ist. Das kann sich durchaus merkwürdig anfühlen. Alles um einen herum ist irgendwie fremd. Oder ist man selbst der Fremdkörper?

Wo in den vergangenen Monaten vor allem über psychische Probleme aufgrund der Isolation gesprochen wurde, schleicht sich nun das Gegenteil ein: Angst vor der Normalität. Man hat sich doch so an die eigene Höhle gewöhnt, wie soll man jetzt wieder draußen funktionieren? "Höhlensyndrom" ist da ein treffender Titel. In den USA ist der Begriff – "Cave Syndrome" – bereits bekannt.

Umfrage zeigt: Hälfte aller Befragten bereitet soziale Interaktion Unbehagen

In den USA sind rund 42 Prozent der Bevölkerung laut Statistiken (Our World in Data und RKI) bis 8. Juni 2021 bereits vollständig geimpft. Die ersten Lockerungen gibt es bereits, auch aufgrund der vielen Genesenen. Schon seit 8. März dürfen sich zumindest in einigen Bundesstaaten der USA vollständig Geimpfte sogar ohne Maske wieder in Innenräumen treffen. Und doch schrecken viele nach wie vor davor zurück. Das zeigt unter anderem eine Umfrage der American Psychological Association.

Demnach fühlen sich rund 49 Prozent der befragten Erwachsenen mit dem Gedanken an soziale Interaktionen nach der Pandemie unwohl. Selbst 48 Prozent der bereits gegen das Coronavirus Geimpften antworteten genauso. Ein unbehagliches Gefühl löste der Gedanke an eine Rückkehr in die Normalität bei 46 Prozent der Befragten aus.

"Der Weg nach draußen braucht Zeit"

Viele, auch solche, die zuvor sehr aktiv waren, können sich bisher trotz Impfung nicht vorstellen, wieder so zu leben wie vor der Pandemie. Dass der Weg nach "draußen" nach rund einem Jahr Isolation für viele nicht einfach wird und Zeit braucht, sagt auch Jaqueline Gollan, Professorin der Psychiatrie und der Verhaltenswissenschaften an der Northwestern University in Illinois.

"Die mit der Pandemie verbundenen Veränderungen haben sehr viel Angst vor Krankheit und Tod hervorgerufen, zusammen mit den Einschränkungen in vielen Bereichen des Lebens", zitiert sie die Zeitschrift "Scientific American". "Auch wenn eine Person bereits geimpft sei, könne sie es trotzdem schwierig finden, diese Angst loszulassen, weil sie das Risiko und die Wahrscheinlichkeit [der Erkrankung] überschätzen."

Lernen, mit Gewohnheiten zu brechen

Dass dieses "Cave-Syndrome" auftreten könnte, damit hatte man bereits zu Beginn der Pandemie gerechnet. Forschende warnten etwa davor, dass Menschen eine Art "Covid-Stress-Syndrom" entwickeln könnten, eine Art Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD, Posttraumatic Stress Disorder).

Den Grund für das "Cave-Syndrome" sieht der Ass. Prof. Alan Teo von der Health and Science University in Oregon in der Gewöhnung an angeeignete Verhaltensmuster und Routinen, denen wir uns im vergangenen Jahr stellen mussten: "Wir mussten uns angewöhnen, Masken zu tragen, uns voneinander zu distanzieren und keine Menschen einzuladen", erklärt er der "Scientific American". Und: "Es ist sehr schwer, eine Gewohnheit zu brechen, wenn man sie einmal entwickelt hat."

Gründe für Ängste durch die Pandemie sind vielfältig

Woran das Zögern vor der Normalität aber liegt, kann ihm zufolge verschiedene Gründe haben. Während die einen trotz Impfung extreme Angst vor einer Ansteckung hätten, hätten andere Angst vor der plötzlich wiederkehrenden sozialen Interaktion. Andere wiederum trauern den Vorzügen der Pandemie hinterher: Homeoffice, die Möglichkeit, vieles von Zuhause aus zu erledigen. Das verstärke das Risiko einer extremen Form des sozialen Rückzugs (jap. "Hikikomori").

Auch das schon länger vermutete "Covid-Stress-Syndrom" wird mit verschiedenen Auslösern in Verbindung gebracht: Neben Angst vor Infektion etwa auch die Angst vor dem Berühren von Oberflächen oder gar Angst vor Covid-Kontrollen, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder der Freunde und Familie sowie vor finanziellen Notlagen.

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Wenn das "Cave-Syndrome" zuschlägt: Was kann man tun?

Man müsse jetzt beobachten, ob beide Syndrom-Arten mit der Zeit wieder verschwinden. Die Experten raten allerdings all denen, die unter den genannten Problemen leiden, sich unbedingt professionelle Hilfe zu suchen, wenn nach längerer Zeit keine Besserung auftritt oder sich eine psychische Erkrankung entwickelt.

Was kann man aber selbst tun, wenn man merkt, dass man – oder auch jemand im näheren Umkreis – betroffen ist? Laut Gollan hängt das stark davon ab, wie schwer das "Cave-Syndrom" auftritt. Wer Symptome der Erschöpfung, Depression oder Angst zeigt, rät sie zu Maßnahmen, die den Lebenssinn stärken: Meditation, Glaubensarbeit, Gebete oder auch Musik hören oder selbst Musik machen. Wiegen die Symptome schwer, sei eine Psychotherapie angebracht, etwa mit Verhaltenstherapie.

Dass das Coronavirus auch psychisch zu schaffen machen wird, ist lange klar. Die Folgen der Isolation für unser Gehirn könnten massiv sein.

Der Lockdown ist zwar vorerst vorbei, doch die Psyche leidet trotzdem. Eine Expertin hat uns Tipps mitgegeben, wie man mit solchen Situationen am besten umgeht.

Eine weitere Nebenwirkung der Pandemie: Jeder Fünfte hat Schlafstörungen.

Quellen: Scientific American, Impfungen weltweit, American Psychological Association: Stress in America, Taylor, Asmundson (Journal of Anxiety Disorders, 2020): "Life in a post-pandemic world: What to expect of anxiety-related conditions and their treatment"

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