Aktualisiert: 08.06.2021 - 17:01

Adipositas-Welle Diese zweite Pandemie bringt Corona mit sich

Eins geworden mit dem Sofa und dabei immer ein Tellerchen mit Essen auf dem Schoß: So haben sich in den vergangenen Monaten wahrscheinlich viele wiedergefunden. Die Corona-Pandemie befeuert auch ein weiteres Problem: Wir bewegen uns kaum und nehmen zu!

Foto: Getty Images/Charles Gullung

Eins geworden mit dem Sofa und dabei immer ein Tellerchen mit Essen auf dem Schoß: So haben sich in den vergangenen Monaten wahrscheinlich viele wiedergefunden. Die Corona-Pandemie befeuert auch ein weiteres Problem: Wir bewegen uns kaum und nehmen zu!

Der Rückzug aus dem sozialen Leben aufgrund der Coronavirus-Pandemie in den vergangenen Monaten hat nicht nur psychische, sondern auch körperliche Folgen: Wir bewegen uns viel zu wenig – und befeuern damit eine zusätzliche Pandemie, die schon seit Jahren droht.

Nicht alle Pandemien haben einen ansteckenden Krankheitserreger als Auslöser. Eine Pandemie zieht sich schon lange durch die westliche Welt und wird durch die Corona-Pandemie nun noch weiter befeuert: Wir nehmen zu – und zwar drastisch. Wie die Corona-Pandemie die Adipositas-Pandemie beeinflusst:

Adipositas-Pandemie: Corona-Pandemie trägt Mitschuld

Einer Umfrage im Auftrag der Technischen Universität München zufolge haben 40 Prozent der Befragten seit Anfang der Coronavirus-Pandemie zugenommen. Das ist ja irgendwie auch kein Wunder: Sportvereine dürfen und durften nicht trainieren, Sportanlagen und Fitnessstudios waren geschlossen und dann hat auch noch der Weg zur Arbeit gefehlt. Selbst das Joggen im Park war zwischenzeitlich mit gewissen Hürden verbunden. Und wer nicht sowieso Sportfan war, hatte große Mühe, sich zu motivieren. So lange und oft zu Hause wie im vergangenen Jahr waren wir wohl noch nie.

Dann war wenigstens genügend Zeit, um zumindest gesund zu kochen, sollte man meinen. Doch auch ernährungstechnisch dürfte sich die eine oder der andere in den vergangenen Monaten ein wenig ertappt fühlen, oder?

Vor allem bereits Übergewichtige nahmen weiter zu

Das Aufraffen scheint dabei ein gewisses Problem darzustellen. Wer vielleicht vorher motiviert war und es durch Routine geschafft hat, regelmäßige Bewegung in den Alltag einzubauen, wurde durch die Pandemieeinschränkungen aus ebendieser Routine herausgeworfen. Und eine neue Routine zu bilden kann mitunter dauern. Das zeigt sich in den Ergebnissen der Umfrage.

1.001 repräsentativ ausgewählte Personen zwischen 18 und 70 Jahren hatten an der Befragung im April 2021 teilgenommen. Besonders über Zunahme klagte dabei die Gruppe der 30- bis 44-Jährigen: 48 Prozent hatten den Forschenden zufolge angegeben, zugenommen zu haben. Vor allem die, die schon vor der Pandemie unter Gewichtsproblemen gelitten haben, gaben an, weiter zugelegt zu haben – nämlich 53 Prozent.

Unter allen Befragten zeigte sich so eine durchschnittliche Zunahme von 5,6 Kilogramm. Unter jenen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 – damit gilt man als adipös – lag der Durchschnitt sogar bei 7,2 Kilogramm mehr.

Das sind die Ursachen für die Gewichtszunahme während der Pandemie

Auch den Gründen für die zugelegten Kilos ging man in der Befragung auf die Spur:

  • Weniger Bewegung im Alltag
  • Geschlossene Fitnessstudios und Schwimmhallen
  • Mehr Zeit zum Essen
  • Essen aus Langeweile
  • Mehr Zwischenmahlzeiten

Vor allem Süßigkeiten, Backwaren, Knabberkram, Fastfood und zuckerhaltige Getränke wurden dabei genannt.

Auch Adipositas ist eine Pandemie: Teufelskreis mit Covid-19

"Corona befeuert damit die Adipositas-Pandemie", erklärt Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU-München, der an der Umfrage beteiligt war. Das Phänomen, dass die Menschheit vor allem in den Industrienationen immer mehr zunimmt, ist schon lange bekannt.

Das große Problem: Übergewicht erhöht das Risiko für viele Erkrankungen, etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Doch es entstehe im Zuge der Coronavirus-Pandemie ein weiterer Teufelskreis, so Hauner. Denn Übergewicht gehöre zu den Covid-Risikofaktoren und erhöhe auch das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Und das wiederum führe zu mehr schweren Fällen, die stärkere Schutzmaßnahmen nach sich zögen, die ihrerseits wiederum zu weniger Bewegung und mehr Gewichtszunahme führten. Problematisch: Zu wenig Bewegung erhöht das Covid-19-Sterberisiko.

Übergewicht und die Folgen für unsere Gesundheit
Übergewicht und die Folgen für unsere Gesundheit

Emotionales Essen ist ein großes Problem

Es ist aber nicht nur die fehlende Bewegung, sondern eben auch dieses Nicht-aufraffen-können und vor allem das emotionale Essen, was vielen zusetzt. Das erklärt auch Dr. Nora Mehl, Psychologin und Mitgründerin des Digital-Health-Unternehmens aidhere. Die Befragung habe eben auch ergeben, "dass emotionale Belastung und psychischer Stress bei vielen Menschen nach wie vor zu ungesunder Ernährung führen." Das Schwierige daran sei aber, dass bei vielen Menschen Essen bereits seit frühester Kindheit mit Emotionen verknüpft sei.

"Viele Verhaltensweisen rund um die Ernährung sind so stark verinnerlicht, dass sie durch bloße Eigenmotivation nur schwer zu verändern sind", sagt Mehl. "Deshalb sollten wirksame Ansätze zur Behandlung bei Über- oder auch Untergewicht genau hier ansetzen. In der Psychologie spricht man von Verhaltenstherapie. Bei der Behandlung von Adipositas sollte deshalb eine langfristige Verhaltensänderung im Mittelpunkt stehen."

Sie gibt einen Tipp: "Wenn wir lernen, die Signale unseres Körpers besser zu interpretieren, ist es uns eher möglich, mit anderen Entspannungsmethoden auf Stress zu reagieren, anstatt die Anspannung mit Essen zu kompensieren."

Was tun zum Schutz vor beiden Pandemien?

Eigentlich ist aber klar, was wir außerdem tun müssen, um uns vor der Adipositas-Pandemie und damit eben auch gleichzeitig etwas besser vor der Corona-Pandemie zu schützen – ob wir es hören wollen oder nicht: "Aktivität und Bewegung sind wichtig, um unsere Gesundheit und auch unser Wohlbefinden zu stärken", betont Prof. Renate Oberhoffer-Fritz, ebenfalls an der Untersuchung beteiligt.

Sie gibt gleich Tipps mit an die Hand:

"Erwachsene sollten mindestens 150 Minuten pro Woche mit moderater bis hoher Intensität aktiv sein." Dabei schlägt sie Ausdauersportarten wie Radfahren, Laufen und Schwimmen vor – die seien besonders geeignet und zumindest großteils auch möglich, während man Corona-Maßnahmen einhält. Freibäder haben mittlerweile auch in vielen Gegenden wieder geöffnet.

Sport und Fitness ist eben doch in aller Regel der beste Weg, sich gesund zu halten, auch bzw. vor allem während der Coronavirus-Pandemie.

Anders sieht es allerdings für die aus, die am Chronischen Erschöpfungssyndrom, auch Fatigue genannt leiden – unter anderem eine Erscheinung des Phänomens "Long Covid" bzw Post-Covid-Syndrom. Dann können Aktivitäten wie Sport die Beschwerden sogar verschlimmern. Umso wichtiger ist es, die Coronavirus-Pandemie mit all ihren Folgen endlich unter Kontrolle zu bekommen.

Quellen: EKFZ/TU München: Lebensstil und Ernährung von Erwachsenen in Corona-Zeiten; mdr.de, dpa, Pressemeldung aidhere

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