Aktualisiert: 04.06.2021 - 16:15

Herzmuskelentzündung Myokarditis nach der Impfung: Bericht aus Israel meldet Zusammenhang

Kann der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern auslösen? Israel beschreibt nun einen Zusammenhang zwischen den Impfungen und Myokarditis – doch die Fälle sind selten und milde, der Nutzen überwiege weiterhin.

Foto: Getty Images/Wasan Tita; Canva.com [M]

Kann der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern auslösen? Israel beschreibt nun einen Zusammenhang zwischen den Impfungen und Myokarditis – doch die Fälle sind selten und milde, der Nutzen überwiege weiterhin.

In Israel waren nach den großflächigen Impfungen mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech und Pfizer mehrere Herzmuskelentzündungen vor allem bei jungen Männern aufgetreten. Ein Zusammenhang konnte jetzt bestätigt werden – die Nebenwirkung gilt jedoch als sehr selten und meist milde und vorübergehend. Dennoch zeigt sie, wie wichtig es ist, dem Körper nach der Impfung Zeit zu geben.

In Israel wird fast ausschließlich mit dem Impfstoff Comirnaty von Biontech und Pfizer geimpft – und das großflächig. Entsprechend eignet sich das kleine Land wunderbar für begleitende Studien rund um das Vakzin – etwa auch, um sehr seltene Nebenwirkungen zu erkennen. Vermutet wurde schon länger, dass zwischen der Comirnaty-Impfung und einer Herzmuskelentzündung, medizinisch Myokarditis, ein Zusammenhang besteht, nachdem in Israel im April rund 60 Fälle unter mehreren Millionen Geimpften aufgetreten waren. Auch in den USA wurden im Mai Fälle gemeldet.

Myokarditis nach Impfung: Neuer Bericht verschärft Vermutung

Ob eine nach einer Impfung auftretende Erkrankung tatsächlich auf den Impfstoff zurückzuführen ist, zeigt sich immer erst dann, wenn man die Zahlen vergleicht: Nämlich die der akut auftretenden Fälle mit denen im Vergleichszeitraum der Vorjahre. So war es auch bei der Myokarditis. Die Herzmuskelentzündung ist nämlich eine Erkankung, die sogar recht häufig auftritt. In den meisten Fällen merken Betroffene sie nicht einmal, oft fühlt sie sich einfach an wie ein normaler Infekt. Wird sie aber ignoriert und nicht auskuriert, kann sie zu schweren Herzproblemen und sogar bis zum Tod führen.

In Israel waren im April im zeitlichen Zusammenhang mit der Zweitimpfung mit Comirnaty rund 60 Fälle einer Herzmuskelentzündung bekannt geworden, insbesondere bei jungen Männern. Vorerst ließ sich allerdings kein Zusammenhang bestätigen, da die Zahl der Fälle die des Vorjahreszeitraums nicht überstiegen habe, hieß es aus Israel.

Jetzt aber gibt es einen neuen Bericht aus Israel, veröffentlicht im Fachmagazin "Science". Demzufolge scheint die Myokarditis vor allem bei jungen Männern nach der Impfung tatsächlich gehäuft aufzutreten. Doch es gibt mögliche Gründe.

Fälle gehäuft, aber meist milde

Die Rate, mit der die Komplikation aufzutreten scheint, liege demnach bei einem von 3000 bis 6000 Geimpften im Alter zwischen 16 und 24 Jahren. In dieser Altersgruppe entspreche das dem fünf- bis 25-Fachen der sonst auftretenden Fälle. Allerdings gibt es Einschränkungen in den Daten. Denn normalerweise wird längst nicht jede Myokarditis erkannt. Und in den Fällen nach der Impfung, auf die besonderes Augenmerk gelegt wurde, sei der Verlauf meist milde gewesen und die Entzündung innerhalb weniger Wochen ausgeheilt.

Zum Vergleich: In Deutschland werden statistischen Erhebungen zufolge jährlich rund 3.500 Menschen wegen Myokarditis im Krankenhaus behandelt, 150 davon sterben. Aufgrund der meist milden Verläufe bleiben die meisten Erkrankungen allerdings unerkannt. Man geht davon aus, dass der Herzmuskel bei einem bis fünf Prozent aller Menschen mit viralem Infekt angegriffen ist.

Herzmuskelentzündungen treffen meist geschwächte Körper

Eine Myokarditis ist nicht immer einfach zu erkennen. Sie äußert sich nämlich nicht immer anhand von Herzproblemen, sondern anfangs eher durch Schlappheit und Abgeschlagenheit, manchmal Gliederschmerzen oder Atemnot bei Anstrengung. Meist wird sie daher für einen einfachen Infekt gehalten. Da sich Betroffene im Anschluss meist schonen, heilen die meisten Herzmuskelentzündungen entweder von selbst oder durch Gabe von Entzündungshemmern wieder aus.

Das mit der Anstrengung ist oft aber der Knackpunkt: Herzmuskelentzündungen können nämlich vermehrt dann auftreten, wenn der Körper bereits geschwächt ist, aber man sich nicht schont. So sind sie etwa auch nach eigentlich harmlosen Erkältungen keine Seltenheit, wenn Betroffene ihre Erkrankung nicht auskurieren.

Dr. Wimmer: Herzmuskelentzündung
Dr. Wimmer: Herzmuskelentzündung

Klasseneffekt bei mRNA-Impfstoffen?

Ähnlich könnte der Zusammenhang mit der Impfung bestehen – möglicherweise übrigens ein Klasseneffekt der mRNA-Impfstoffe, wie Experten vermuten. Denn auch nach Impfungen mit dem Vakzin von Moderna hatte es vereinzelte Meldungen über Herzmuskelentzündungen gegeben. Woran genau das Ganze liegt, steht allerdings noch nicht fest. Es könnten möglicherweise die vergleichsweise hohen Antikörpertiter nach der Zweitimpfung sein, die in manchen Fällen das Immunsystem überreagieren lassen.

Sollte sich dies bewahrheiten, könnte es hilfreich sein, den Abstand zwischen den Impfdosen zu erhöhen oder die Dosis zu reduzieren. Letzteres wird für weitere Corona-Auffrischimpfungen sowieso angestrebt. Der Hersteller Moderna hat seinen Impfstoff bereits angepasst – er kommt dann wahrscheinlich mit der halben Dosis aus.

Kinderimpfungen: Nutzen-Risiken-Abwägung bleibt

Auch im Hinblick auf die Freigabe des Impfstoffes Comirnaty für zwölf- bis 15-Jährige dürften die Ergebnisse interessant sein. So zeigt sich Prof. Dr. Dror Mevorach von der Hadassah University im Bericht in der "Science" überzeugt von einem Zusammenhang zwischen Impfung und Myokarditis. Man müsse allerdings, auch als Eltern, die Risiken gegeneinander abwägen, ergänzt Dr. Douglas Diekema vom Seattle Children's Hospital, denn die Myokarditis verlaufe meist mild und könne leicht mit Entzündungshemmern behandelt werden, während Covid-19 auch bei Kindern und jungen Menschen schwer verlaufen könne, die Behandlung dieser Erkrankung aber längst nicht so einfach sei.

Hierzulande zeigt sich die Ständige Impfkommission (Stiko) ebenfalls noch zögerlich mit der Empfehlung der Corona-Impfung für Kinder. Bisher möchte man die Empfehlung nur für vorerkrankte Kinder aussprechen, bei denen das Covid-19-Risiko klar überwiege. Mit einer generellen Impfempfehlung für Kinder zögert die Stiko. Damit ist sie nach der Freigabe des Impfstoffes für Kinder ab zwölf Jahren durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA aber nicht ausgeschlossen: Nach vorheriger Aufklärung mit den behandelnden (Kinder-)Ärzten dürfen sich zukünftig auch Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen. Es ist und bleibt eben eine Nutzen-Risiken-Abwägung. Unter anderem der Virologe Prof. Christian Drosten gibt allerdings zu bedenken: Wer sich nicht impfen lässt, wird früher oder später krank.

Impfungen fordern das Immunsystem immer

Klar sollte sein: Nach jeder Impfung sollte man sich immer eine gewisse Zeit zurücknehmen, was körperliche Anstrengung betrifft. Denn jede Impfung regt das Immunsystem an, das währenddessen weniger Zeit für andere Baustellen hat und dann durchaus auch einmal überreagieren kann. Eine Myokarditis sollte natürlich immer ernst genommen werden. Doch sie ist eine nicht selten auftretende und sehr gut behandelbare Erkrankung.

So bestätigt der Kardiologe Peter Liu vom University of Ottawa Heart Institute im "Science"-Bericht: Der Zusammenhang zwischen Myokarditis und Impfung sei zwar zumindest statistisch gesehen ein reales Phänomen. Aber auch, wenn die Verbindung zwischen beidem final bestätigt werden könne, würde der Nutzen der Impfung – gut geschützt gegen Covid-19 zu sein – die Risiken einer Herzmuskelentzündung übersteigen. Auch bei jungen Leuten, die generell ein geringeres Risiko für schwere Covid-Erkrankungen hätten. Das gilt zumindest, solange aufgrund der Infektionszahlen ein Risiko besteht, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Quellen: Science: Israel reports link between rare cases of heart inflammation and COVID-19 vaccination in young men; pharmazeutische-zeitung.de, gelbe-liste.de, Deutsche Herzstiftung e.V., eigene Recherche

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