Aktualisiert: 06.05.2021 - 16:43

Infektionsweitergabe nicht ganz ausgeschlossen Geimpft, aber infiziert: So ansteckend kann man trotzdem sein

Endlich gepikst – doch bitte Vorsicht mit überschwänglicher Freude: Auch Geimpfte können sich noch infizieren und ansteckend sein – das Risiko sinkt aber bei vollständigem Impfschutz.

Foto: Getty Images/Aleksandr Zubkov

Endlich gepikst – doch bitte Vorsicht mit überschwänglicher Freude: Auch Geimpfte können sich noch infizieren und ansteckend sein – das Risiko sinkt aber bei vollständigem Impfschutz.

Es wird über Öffnungen für Geimpfte spekuliert. Doch sind wir schon bereit dafür, obwohl kaum jemand den vollen Impfschutz aufweist? Neue Daten aus Leipzig zeigen, dass Geimpfte das Coronavirus zwar seltener weitergeben – sind sie aber infiziert, ist die Übertragung trotzdem möglich. Öffnungen sind daher mit Vorsicht zu genießen!

"Geimpfte dürfen wieder alles!" Wie viel an diesem Satz falsch ist, muss ganz dringend kommuniziert werden. Denn auch wer geimpft ist, kann trotzdem noch ansteckend sein, wenn er sich mit dem Coronavirus infiziert. Nur eben seltener. Solange aber nicht ein Großteil der Bevölkerung den vollen Impfschutz hat, sehen Experten weitreichende Öffnungen für Geimpfte als hochkritisch an. Doch so viel wird ihnen ohnehin gar nicht gewährt.

Geimpfte können ansteckend sein – allerdings seltener als Ungeimpfte

Die bisher zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19 haben eines gemein: Sie schützen sehr gut gegen schwere Erkrankungen und Tod – auch wenn sich beides nicht ganz ausschließen lässt, so senkt voller Impfschutz die Risiken doch dramatisch.

Dennoch können sich auch Geimpfte durchaus noch mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infizieren. Sie erkranken dabei aber meist nur leicht oder merken gar nichts von der Infektion. Dennoch ist damit auch nicht ausgeschlossen, dass sie das Virus weitergeben. Geimpfte können also durchaus noch infektiös sein, wenn sie sich infiziert haben.

Wie schnell sich Geimpfte anstecken können und wie infektiös sie dann wirklich sind, wird derzeit untersucht. Aus Leipzig gibt es nun erste Erkenntnisse. Die Mediziner vom St. Georg Klinikum Leipzig und dem Fraunhofer Institut für Immunologie und Zelltherapie warnen vor zu schnellen und zu weitreichenden Öffnungen.

Impfschutz gegen Varianten ist hoch, aber...

Rund 100 Mitarbeitende des St. Georg Klinikums haben die Forschenden um Oberarzt Dr. Stephan Borte untersucht. Alle hatten beide Impfdosen des Impfstoffes Comirnaty von Biontech und Pfizer erhalten, von dem bereits aus vorherigen Studien bekannt ist, dass er die Virusweitergabe einschränken kann. Gleichzeitig beobachteten sie die Werte von bereits Covid-19 Genesenen zum Vergleich.

Die untersuchten Antikörper beider Gruppen wurden dann im Labor auf ihre Wirksamkeit gegen die derzeit in Deutschland zirkulierende Virusvariante B.1.1.7 sowie gegen die Mutante B.1.351 getestet. Letztere, die sogenannte südafrikanische Variante, gilt als besonders kritisch, weil sie die menschliche Immunantwort teilweise umgehen kann.

Die Antikörper der Geimpften zeigten sich als stark gegen beide Varianten: B.1.1.7 konnten sie zu 99 Prozent neutralisieren, B.1.351 immerhin noch zu 80 Prozent.

...der Speichel Geimpfter könnte trotzdem infektiös sein

Doch eine Auffälligkeit gab es: Diese wirksamen Antikörper waren zwar im Blut der Geimpften zu finden, jedoch nicht im Speichel nachweisbar. "Das sogenannte Schleimhaut-Immunsystem wird durch die Impfung wahrscheinlich nicht so aktiviert, wie man sich das wünschen würde", beschreibt die Erkenntnisse Stephan Borte im Gespräch mit "MDR Aktuell". Das bedeutet: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich das Coronavirus im Rachen von Geimpften ansiedeln und sich dort auch vermehren kann, bis es von der körpereigenen angeimpften Immunantwort erkannt wird. Das wiederum würde bedeuten, dass Geimpfte zumindest eine gewisse Zeit lang durchaus ansteckend sein könnten – wenn auch seltener.

Das RKI hatte kürzlich noch betont, dass geimpfte Personen seltener ansteckend sind. An dieser Aussage dürfte sich auch mit den neuen Erkenntnissen nichts ändern. Es muss jedoch klar kommuniziert werden, dass Ansteckungen auch von Geimpften nicht ausgeschlossen werden können!

Ganz wichtig, weil oft missverstanden: Geimpfte wie auch Genesene und alle andere können nur ansteckend sein, wenn sie akut mit dem Coronavirus infiziert sind. Die Impfung löst kein Covid-19 aus und beinhaltet auch keine aktiven Viren und keine Coronaviren. Durch die Impfung kann niemand ansteckend sein.

Ein weiteres Problem trifft die Genesenen: Hier war die Immunantwort unterschiedlich stark ausgebaut. Gerade bei denen, die nur relativ leichtes Covid mit Hals- und Gliederschmerzen, eventuell leichtem Fieber hatten, baute sich die Immunantwort innerhalb von sechs Monaten rasant ab. Die Immunescape-Variante B.1.351 konnten die durch Krankheit gebildeten Antikörper dann nur noch zu rund 30 Prozent neutralisieren.

Wichtig für alles: vollständiger Impfschutz!

Ganz elementar für den besten Impfschutz sind dabei die zweite Impfdosis bzw. die Zeit nach der Impfung. Das zeigen nun besonders deutlich frische Daten aus Israel. Denn nur, wer den vollen Impfschutz ausgebildet hat, ist selbst gut geschützt und schützt mit Einschränkungen auch andere. Dieser Impfschutz muss sich allerdings erst ausbilden, deshalb ist man nicht sofort nach einer Impfung immun.

Die israelische Studie zeigt am Beispiel Comirnaty: Sieben bis 14 Tage nach der ersten Impfdosis ist zwar auch schon ein gewisser Schutz vorhanden – nämlich zu 58 Prozent vor einer Infektion, zu 76 Prozent vor einer Hospitalisierung und zu 77 Prozent vor dem Tod. Die Schutzwirkung steigt aber erst zu Höchstwerten, wenn die Zweitimpfung mindestens sieben Tage zurückliegt. Dann reduziert sich das Risiko einer Ansteckung mit Sars-CoV-2, einer Hospitalisierung oder dem Tod um mehr als 95 Prozent.

Nachgefragt - Wie funktionieren eigentlich Impfungen?
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Wann sind Öffnungen für Geimpfte wirklich sinnvoll?

Borte stellt klar: Öffnungschritte wie das Öffnen der Gastronomie und Co seien erst sinnvoll, wenn mindestens 50 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft seien – und auch dann nur nach erfolgreichen Pilotversuchen und mit durchdachten Konzepten. Ansonsten ist die Gefahr, dass auch Geimpfte die noch Ungeimpften anstecken, seiner Ansicht nach im derzeitigen Infektionsgeschehen zu hoch. Auch sollten seiner Meinung nach auch Geimpfte weiter getestet werden.

Die Rechnung ist also eigentlich ganz einfach: Solange nicht mehr als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger einen vollständigen Impfschutz hat, sind Lockerungen für Geimpfte höchstens sinnvoll, wenn sie ausschließlich innerhalb dieser Gruppe gelten – denn da senkt sich das Risiko von Infektionen untereinander natürlich. Jeder Geimpfte muss aber davon ausgehen, dass sein Gegenüber noch nicht geimpft ist und daher in der Öffentlichkeit weiterhin alle Maßnahmen befolgen. Ganz wichtig dabei weiterhin: Maske und Abstand.

Lockerungen sind ja im Gespräch für Geimpfte und Genesene, auch Getestete haben Vorteile. Wie ist die Ansteckungsgefahr im Vergleich? Kritisiert wird das plötzlich so schnelle Vorgehen der Regierung. Kritiker bemängeln vor allem, dass es noch gar keine fälschungssicheren Dokumente für Geimpfte und Genesene gibt.

Je mehr Menschen vollen Impfschutz gegen das Coronavirus haben, desto besser sind auch alle anderen geschützt. Bis das so weit ist, kann es aber noch dauern. Und dann ist da noch die bisher weiterhin offene Frage: Wie lange hält der Impfschutz an? Das testen Borte und sein Team nun in weiteren Versuchen.

Studien:

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