03.05.2021 - 11:29

US-Ärzte bestätigen So häufig sind Hirnvenenthrombosen bei Covid-19

Von der Redaktion

Sinusvenenthrombosen treten nur nach Impfungen auf? Mitnichten – während einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 ist das Risiko um ein Vielfaches höher.

Foto: Getty Images/Design Cells

Sinusvenenthrombosen treten nur nach Impfungen auf? Mitnichten – während einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 ist das Risiko um ein Vielfaches höher.

Nach Impfungen mit Vaxzevria von Astrazeneca sowie dem Impfstoff von Johnson & Johnson war es zu vereinzelten, eigentlich sehr seltenen Thrombosen in den Hirnvenen zusammen mit einem akuten Mangel an Blutplättchen gekommen. Woran genau das liegt, verstehen Forschende mehr und mehr. Solche Komplikationen können allerdings auch bei der Infektion mit Coronaviren selbst auftreten – offenbar weit häufiger.

Wussten Sie Anfang dieses Jahres, was eine Sinusvenenthrombose ist? Die speziellen Thromboseerkrankungen der Sinusvenen im Hirn sind normalerweise sehr selten. In den Fokus geraten waren sie, als vermehrt Fälle im Nachgang an die Covid-Impfung mit Vaxzevria (AstraZeneca) bekannt wurden. Etwas über 60 Fälle unter knapp 7 Millionen Geimpften sind in Deutschland bekannt. In den USA gab es zudem sechs Fälle solcher Thrombosen nach der Impfung mit Johnson & Johnson auf 6,8 Millionen Geimpfte. Mittlerweile gibt es Empfehlungen zur Behandlung dieser Komplikationen. Dabei war aufgefallen: Sinusvenenthrombosen treten auch bei Covid-19 selbst auf – häufiger als nach Impfungen.

Sinusvenenthrombosen bei Covid-19: Häufiger als bei der Impfung?

Jede Nebenwirkung muss ernstgenommen werden. Das Beispiel AstraZeneca hat allerdings gezeigt, wie beängstigend ein solcher Fokus werden kann, wenn er nicht richtig kommuniziert wird. Nachdem Fälle von zerebralen Venen- und Sinusthrombosen (CVST) aufgetreten waren, Impfungen sogar kurzzeitig ausgesetzt wurden, stieg die Verunsicherung in der Bevölkerung.

Dabei weiß man mittlerweile, wie diese seltenen Thrombosen, also Blutgerinnsel, im Hirn entstehen und wie man sie behandeln kann. Und Vermutungen geben einen Hinweis auf deren Entstehungsgrundlage: So liege es nahe, dass die in den beiden genannten Impfstoffen eingesetzten Trägerviren, jeweils Adenoviren, für die Hirnvenenthrombosen verantwortlich sein könnten. Möglicherweise "verlieren" sie vorzeitig etwas von der DNA, die eigentlich den Bauplan für das Antigen bereithält, auf das die Impfreaktion erfolgen soll. Diese DNA könnte allerdings dann fälschlicherweise an einem bestimmten Faktor, dem Thrombozytenfaktor 4 (PF4) binden. Das wiederum stimuliere möglicherweise die Produktion von Autoantikörpern. Ein ähnlicher Vorgang wurde in der Vergangenheit schon als schwere Reaktion auf Heparin beobachtet – eigentlich ein Mittel, das Thrombosen auflösen soll.

Wer in den Tagen nach der Impfung Symptome einer Hirnvenenthrombose, wie immer stärker werdende Kopfschmerzen, neurologische Ausfälle und Krämpfe oder möglicherweise punktförmige Einblutungen in der Haut entdeckt, sollte daher schnellstmöglich ärztliche Hilfe suchen. Die Symptome nehmen dabei langsam an Stärke zu und kommen nicht plötzlich. Das gilt allerdings offenbar auch für Covid-Patient:innen.

Denn US-Kardiologen um Karen Furie von der Brown University in Providence/Rhode Island weisen nun darauf hin, dass diese schwere Komplikation auch im Rahmen der Erkrankung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 selbst auftreten kann – und zwar mit einem acht- bis zehnfach höheren Risiko als nach Erhalt einer Impfung.

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es
Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es

So viele Thrombosefälle gibt es im Vergleich

Bereits vor kurzem machte eine Studie von Wissenschaftlern aus Oxford die Runde, die die Fälle von Sinusvenenthrombosen während einer Covid-19-Erkrankung analysiert hatten. Die US-amerikanischen Kardiologen haben sich diese Untersuchung nun genauer angesehen. Die Forschenden der Universität Oxford rund um Maxime Taquet hatten Daten von fast 540.000 Menschen aus den USA ausgewertet, die allesamt an Covid-19 erkrankt waren. 23 davon hatten in den ersten beiden Krankheitswochen zerebrale Hirnvenen- und Sinusthrombosen entwickelt. Auf eine Million Menschen kommen so rund 39 Fälle.

Zum Vergleich: Normalerweise liege die Inzidenz in der Normalbevölkerung in einem ähnlichen Zwei-Wochen-Zeitraum bei 0,5 bis 0,77 auf eine Million Menschen.

Die Oxforder Wissenschaftler geben zu bedenken, dass ihre Daten mit Vorsicht zu genießen seien, da aufgrund der laufenden Impfungen auch laufend neue Meldungen zu Nebenwirkungen gemacht würden. Dennoch schließen sie bisher aus den Daten: Die Wahrscheinlichkeit einer Thrombose nach einer Covid-19-Infektion sei um den Faktor 100 erhöht im Vergleich zu gesunden Personen. Insgesamt komme man so in absoluten Zahlen auf folgende Werte:

  • Rund 39 Fälle von Hirnvenentrombosen unter einer Million Covid-19-Patienten
  • Etwa fünf Fälle unter einer Million mit Vektorimpfstoff Erstgeimpften (Vaxzevria)
  • Etwa vier Fälle unter einer Million mit mRNA-Impfstoffen Geimpften.

Wichtig zur Einschätzung: Auch im zeitlichen Rahmen von mRNA-Impfstoffen sind Sinusvenenthrombosen bekannt geworden – die lassen sich allerdings bisher nicht auf die Impfstoffe zurückverfolgen und liegen im Rahmen der Fälle, die normalerweise im entsprechenden Zeitrahmen auftreten, heißt es.

Nutzen übersteigt Risiko "vielfach"

Mittlerweile wird der Vektorimpfstoff von AstraZeneca in Deutschland nur noch für über 60-Jährige empfohlen. Denn die Hirnvenenthrombosen treten vor allem bei jüngeren Menschen im Durchschnittsalter um 35 Jahre auf. Wer jünger ist, kann sich aber nach ausführlicher Beratung bei Hausärzten trotzdem mit Vaxzevria impfen lassen.

Warum die Impfstoffe weiter empfohlen werden, liegt an der speziellen Situation: Im Verhältnis wird die Gefahr, schwer an Covid-19 zu erkranken – ob jetzt mit Hirnvenenthrombose oder anderen ernsthaften Komplikationen – sowie das Virus an schwächere Personen weiterzugeben, weitaus höher eingestuft, als das Risiko, eine schwere Nebenwirkung nach der Impfung zu erleiden. Oxford-Studienmitautor Prof. Paul Harrison betont: "Erstens erhöht Covid-19 das Risiko einer zerebralen Venenthrombose deutlich und ergänzt die Liste der Blutgerinnungsprobleme, die diese Infektion verursacht. Zweitens ist das Covid-19-Risiko höher als bei den derzeitigen Impfstoffen, selbst bei Personen unter 30 Jahren." Das müsse berücksichtigt werden, wenn zwischen Nutzen und Risiken der Impfung abgewogen würde.

Mehr zum Coronavirus, aber auch zu den Impfungen lesen Sie auf unseren Themenseiten.

Studien:

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe