Aktualisiert: 30.04.2021 - 18:58

Das Problem mit der Dosis Impfnosoden: Kann man sich wirklich homöopathisch gegen Covid-19 impfen lassen?

Globuli statt Impfspritze? Sogenannte Impfnosoden machen gerade die Runde. Was steckt dahinter?

Foto: Canva.com [M]

Globuli statt Impfspritze? Sogenannte Impfnosoden machen gerade die Runde. Was steckt dahinter?

Ohne Nebenwirkungen gegen Covid-19 impfen lassen – oder zumindest Nebenwirkungen verhindern? Diese Versprechen geben homöopathische Impf-Alternativen – sogenannte Impfnosoden. Klingt gut, oder? Klappt aber leider nicht – und kann sogar sehr gefährlich werden.

Haben Sie schon einmal von Impfnosoden gehört? Das sind vorgebliche homöopathische Impfalternativen – und die werden von Alternativmedizinern im Zuge der Corona-Krise derzeit wieder gehäuft angeboten. Homöopathische Impfung: Kann das überhaupt funktionieren? Im Grunde ist diese Idee gleich in mehrerlei Hinsicht verwunderlich – denn sie widerspricht einerseits dem Prinzip von Impfungen und andererseits dem der Homöopathie.

Homöopatische Impfung: Impfnosoden machen die Runde

Schon zum Jahresbeginn machten sie die Runde, mit steigender Zahl verfügbarer Impfstoffe gegen Covid-19 läuft uns nun erneut Werbung für Impfnosoden über die Füße. Die Anbietenden: Apotheken mit homöopatischem Schwerpunkt. Ein Beispiel: Eine potenzierte Form des Impfstoffes von Biontech und Pfizer – entweder als Globuli oder als sogenannte Dilution, um Nebenwirkungen einer Impfung "auszuleiten". Also wirksamer Impfstoff so weit verdünnt, dass später kein Wirkstoff mehr nachweisbar ist. Als gefährlich bezeichnet diesen Trend die Ärztin und ehemalige Homöopathin Natalie Grams, die sich die Aufklärung zur Homöopathie zur Aufgabe gemacht hat, in einem Twitter-Thread:

(Hinweis: Durch einen Klick auf die Twitter-Einbindung gelangen Sie zum gesamten Thread)

Ihre Warnung: "Natürlich baut sich durch ein Präparat, in dem der Impfstoff rausverdünnt wurde, kein Impfschutz auf! Es kommt bei Impfstoffen auch auf exakte Dosierung an und dass eben tatsächlich genug 'Stoff' für eine Immunantwort vorhanden ist. Diese 'Nosoden' können das nicht! Null Schutz!", schreibt sie. Diese Aussage kommt nicht von ungefähr: Die genaue Dosierung von Impfstoffen ist Teil der Studien, die vor der Zulassung durchgeführt werden müssen. Einerseits wird hier geschaut, wie niedrig die Dosis sein darf, um mögliche Komplikationen zu minimieren, andererseits, wie hoch sie sein muss, um überhaupt einen wirkungsvollen Impfschutz herstellen zu können.

Impf-Nebenwirkungen ausleiten?

Doch das ist nicht alles an ihrer Kritik. Zur sogenannten Ausleitung schreibt sie: "Unser Körper schafft es völlig selbstständig und ohne die 'Hilfe' von 'informierten' Zuckerkügelchen den Impfstoff abzubauen. Das ist sein Job!" Genau das passiert: Impfstoffe enthalten die Baupläne für Antigene, deren Bekämpfung unser Immunsystem lernen soll. Im Falle der mRNA-Imfstoffe wie dem von Biontech und Pfizer kommt dieser Bauplan in Form von sogenannter Messenger-RNA daher – und die ist hochinstabil, so dass sie ohne den Schutz der Trägerflüssigkeit schnell zerfällt. Und diese Trägerflüssigkeit wiederum baut sich ebenfalls innerhalb von Tagen ab. Anders als Medikamente greifen Impfungen nicht in den Stoffwechsel ein. Sie werden auch nicht verstoffwechselt, sondern lösen nur eine immunologische Reaktion aus.

Immerhin, so Grams, gebe es eine mögliche positive Sache an solchen Ausleitungen. Sie könne dazu führen, dass sich Menschen tatsächlich "richtig" impfen lassen. Wenn ihnen eine Ausleitung anschließend die Angst vor Nebenwirkungen nehmen kann, mag das zumindest etwas Gutes haben.

Nosoden sind eigentlich verdünnte Erreger oder krankes Körpermaterial

Dennoch lohnt sich ein tieferer Blick in die Materie. Um zu erklären, was mit Impfnosoden überhaupt gemeint ist, müssen wir erst einmal klären, was man unter Nosoden versteht: Das sind Mittel, für die pathologisches Material stark verdünnt wird. Bitte was? Schauen wir mal genauer: Nosode kommt vom griechischen "nosos" – und das bedeutet Krankheit. Das passt – denn "pathologisch" wiederum bedeutet "krankhaft". Nosoden sind also Mittel, für die krankhaftes Körpermaterial genutzt wird: Blut, Krankheitserreger, Eiter, ja sogar Krebszellen.

Aber keine Sorge. Dieses pathologische Material wird so stark verdünnt, dass die Substanzen selbst nicht mehr nachweisbar sind. Vielmehr sollen die "Informationen" aus diesen krankhaften Substanzen zurückbleiben – und in Form von Globulis oder Lösungen dann gegen exakt diese Krankheiten helfen. Eiter-Nosoden gegen eitrige Entzündungen etwa.

Der Schluss, den sich Vertreter dieser Richtung nun bilden: Impfungen bestünden ja auch aus Krankheitserregern, sagen sie. Also könnte man einen Impfstoff ja auch so weit verdünnen, dass er keine Nebenwirkungen mehr mitbringt, sondern nur die "Information" zurückbleibt. Oder? Bei dieser Schlussfolgerung hakt es gleich an mehreren Stellen.

Zwar gibt es Impfungen, die mit inaktivierten oder abgeschwächten Erregern arbeiten. Auf die Covid-Impfstoffe allerdings trifft das nicht zu. Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer sowie Moderna arbeiten wie erwähnt mit mRNA, die dem Körper den Bauplan für einen Virusteil liefert, nämlich für ein charakteristisches Antigen – das Spike-Protein. Die Vektorimpfstoffe wiederum arbeiten mit einem ganz anderen Trägervirus, nicht dem Coronavirus. Eingeschleust wird auch hier lediglich der Bauplan für jenes Spike-Protein. Im Körper entsteht entsprechend nur dieses Protein – das Coronavirus selbst jedoch nicht. Und auch das Protein bleibt nicht. Hat das Immunsystem es als fremd erkannt und Antikörper gebildet, wird es zerstört.

Und dann bleibt da wieder das Problem mit der Dosis. Wo kein Bauplan eingeschleust wird, da kann auch kein Antigen gebaut werden. Wo kein Antigen, da kann auch das Immunsystem nicht reagieren.

Warum Impfnosoden sogar dem Prinzip der Homöopathie widersprechen

Homöopathische Impfungen gibt es übrigens schon seit vor der Corona-Krise. In der jüngeren Vergangenheit wurden sie etwa als Alternative für die Masernimpfung angepriesen – um die abzuholen, denen die Masern-Impfpflicht aufstößt. Denn hier hält sich beispielsweise noch immer das hartnäckige Gerücht, die MMR-Impfung wäre für Autismusfälle verantwortlich. Wer hier weiterlesen will: Großstudie beweist: MMR-Impfung löst keinen Autismus aus.

Homöopathen preisen das homöopathische Impfen mit einem scheinbar logischen Zusammenhang an: Das in der Homöopathie propagierte Ähnlichkeitsprinzip "Ähnliches mit Ähnlichem heilen" sei ja auch die Grundlage des Impfens, heißt es. Das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) stellt aber klar: Das trifft bei Impfstoffen eben nicht zu, denn eine Impfung heilt nicht – sie hilft dem Körper, vorzubeugen. Ein Impfstoff regt das Immunsystem an, selbst tätig zu werden. Und damit, so die INH, sei homöopathisches Impfen schon allein ein Widerspruch gegen die Lehre der Homöopathie, die ja akute Probleme heilen möchte. Geimpft aber werden Gesunde.

Impfnosoden können der Gesundheit schaden

Fassen wir zusammen: Ist kein Wirkstoff mehr drin, kann auch der Körper nicht reagieren. Klar sollte abschließend sein: Ob man homöopathische Präparate nun für sich selbst als hilfreich betrachtet, sei normalerweise jedem selbst überlassen, wenn der Einsatz nicht schadet. Das kann er im Falle von Impfnosoden allerdings: Denn ein Schutz gegen Coronaviren kann sich aufgrund der starken Verdünnung über die Nachweisgrenze hinaus nicht einstellen. Damit das Immunsystem reagieren kann, muss Wirkstoff vorhanden sein.

Insbesondere, wenn man die Entscheidung zur Nutzung von Impfnosoden als Alternative zur Impfung nicht nur für sich selbst umsetzt, sondern sie anderen weitergibt, kann man hier angesichts der Pandemiesituation mitunter von versuchter Körperverletzung sprechen. Denn den versprochenen Schutz gibt es definitiv nicht – wohl aber den Glauben daran, mit dem sich Betroffene anschließend in die Gefahr einer Infektion mit Sars-CoV-2 geben. Impfstoffnosoden, die auch noch mit Nennung eines tatsächlich wirksamen Impfstoffes angepriesen werden, sind nichts weiter als irreführende, unwirksame, aber teure Zuckerkügelchen. Teuer nicht nur aus finanzieller Sicht. Teuer auch, weil man im schlimmsten Fall mit dem Leben bezahlt.

Immerhin: Die Apotheken, die Impfnosodenanbieten, weisen auf ihren Seiten zumindest meist auf Folgendes hin: "Impfnosoden ersetzen keine Impfungen." Das wiederum hat vermutlich einfach rechtliche Gründe...

Lieber doch richtig impfen lassen?

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Zur weiteren Lektüre sei der folgende Blogartikel des österreichischen "Standard" ans Herz gelegt: "Homöopathischer Corona-Impfersatz aus der Apotheke" – Der Autor hat den Selbsttest gemacht und bereits im Januar bei einer die oben genannte Biontech/Pfizer-Impfnosode einfach mal angefragt. Zu homöopathischen Impfungen allgemein bietet die Familienseite des INH weitere Infos: "Homöopathische Impfung – garantiert wirkungslos!"

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