Aktualisiert: 30.04.2021 - 16:46

Ein Grund ist besonders wichtig! "Wundermittel" Budesonid: Experten warnen vor großflächigem Einsatz

Nach dem Hype um glukokortikoidhaltige Asthmasprays gegen schweres Covid-19 warnen Lungenfachärzte nun vorerst vor dem großflächigen Gebrauch.

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Nach dem Hype um glukokortikoidhaltige Asthmasprays gegen schweres Covid-19 warnen Lungenfachärzte nun vorerst vor dem großflächigen Gebrauch.

Kann Budesonid etwa doch nicht vor schweren Verläufen von Covid-19 schützen? Möglicherweise kann es das – allerdings besteht darüber noch keine vollständige Klarheit. Und aus mindestens einem weiteren Grund ist der großflächige Einsatz fragwürdig, sagen Lungenfachärzte.

Ein Asthmaspray galt zuletzt als DAS Mittel, um bei leichten Symptomen vor schwerem Covid-19-Verlauf zu schützen. Ärztinnen und Ärzte hatten gute Erfahrungen damit gemacht, auch eine Studie zeigte positive Ergebnisse. Doch die Studie hat Fehler – und der Hype um Budesonid bringt noch ein ganz anderes Problem mit sich. Lungenfachärzte warnen daher nun davor, das Asthmaspray großflächig bei Covid-19 oder gar zur Vorbeugung einzusetzen. Hier gibt's die Gründe.

Asthmaspray bei Covid-19? Daher warnen Experten derzeit vor Großeinsatz

Es mag sehr gut sein, dass es hilft, sobald jemand coronapositiv ist und erste Symptome zeigt. Wissenschaftlich erwiesen ist der Nutzen vom Asthmaspray Budesonid allerdings noch nicht gänzlich. Und damit darf es bislang auch keine offizielle Empfehlung zur Behandlung mit dem Mittel geben. Dennoch nutzen viele Hausärztinnen und Hausärzte das kortisonhaltige Spray gegen asthmatische Entzündungen bereits erfolgreich.

Warum warnen nun also Experten davor, es so großflächig einzusetzen? Das hat vor allem drei Gründe:

  1. Der Nutzen ist wie gesagt noch nicht wissenschaftlich bestätigt – in der bisherigen Studie gab es Unstimmigkeiten, der Placeboeffekt kann nicht ausgeschlossen werden.
  2. Die Frage nach Nebenwirkungen bei Nicht-Asthmatikern ist nicht geklärt.
  3. Der Hype um das Mittel hat eine Verknappung ausgelöst, so dass Asthma-Patientinnen und -Patienten, die auf das Spray angewiesen sind, nun Probleme haben, es zu erhalten.

Aber der Reihe nach:

Warnung 1: Die Probleme an der Studie

Anfang April erschien die erste Studie zum Asthmamittel Budesonid im Fachblatt "The Lancet". Ausschlaggebender Grund für die Vermutung, dass das glukokortikoidhaltige Spray gegen schwere Verläufe von Covid-19 helfen könne, gab es bereits lange – denn Asthmapatient:innen, ursprünglich zu den Risikogruppen gezählt, erkrankten überraschend selten schwer an der durch das Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelösten Krankheit.

Die Vermutung: Es könnte an den Inhaltsstoffen ihrer Asthmasprays liegen. Glukokortikoide wirken entzündungshemmend – und genau das passiert bei Covid-19 durchaus in der Lunge: Es bilden sich viele kleine Entzündungsherde. Nehme man nun den Wirkstoff frühzeitig – gleich nach Auftreten der ersten Symptome – inhalativ ein, könne das diese Entzündungen bekämpfen.

Schon beim Erscheinen der Studie setzte allerdings erste Kritik ein, die nun Experten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) aufgreifen.

Ein Problem daran sei die geringe Zahl an Probandinnen und Probanden, ein weiteres liegt am Studiendesign: Der Placeboeffekt konnte in der Studie nicht ausgeschlossen werden. Den Teilnehmer:innen aus der Testgruppe wurde das Spray bereits mit der Erklärung verabreicht, dass es möglicherweise gegen schwere Verläufe schützt. Die Kontrollgruppe wiederum bekam kein Spray ohne Wirkstoff, sondern einfach nichts. Das würde die Studienergebnisse "wahnsinnig verzerren", äußert sich Marco Idzko von der Universitätsklinik für Innere Medizin II der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit dem "Standard".

Auch habe es Unverhältnismäßigkeiten bei der Angabe zu Arztbesuchen gegeben. In der Studie wird geschrieben, dass mit dem Spray behandelte Teilnehmer:innen seltener Ärzte aufgesucht hätten oder Notärzte gerufen hätten. Zudem habe der Großteil der Krankenhaus- und Arztbesuche gar nicht mit Covid-19 zusammengehangen, sondern unter anderem mit Diabetes-Problemen oder sogar einer Rippenprellung.

Wichtig sei vor allem aber, dass es bei den aussagekräftigen Punkten wie Sauerstoffsättigung im Blut sowie der Viruslast im Körper keine Unterschiede zwischen Wirkstoff- und Kontrollgruppe gegeben habe.

"Es gibt also keinen einzigen klaren Hinweis, dass die Behandlung etwas gebracht hat und dass sie mittlere oder schwere Verläufe reduziert", so Idzko: "Zum aktuellen Zeitpunkt wäre es demnach alles andere als seriös, eine Therapieempfehlung dafür abzugeben."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte das Mittel zuletzt allerdings einen "Game Changer": Er bezieht sich nicht zuletzt auch auf die guten Erfahrungen mit Budesonid bei Hausärzten.

Warnung 2: Nebenwirkungen bei hoher Dosierung

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: Das gilt für jedes Medikament, so auch für kortisonhaltige Asthmasprays. Auch dies kritisieren die Lungenfachärzte. Zwar wurde das Mittel in den Studien nur kurzzeitig eingesetzt, jedoch könne es als Kortisonspray auch dann schon Nebenwirkungen mitbringen. So kann es bei Budesonid laut Gelber Liste etwa zu Reizungen der Mund- und Rachenschleimhaut, Heiserkeit und Husten kommen, aber etwa auch zu Pilzinfektionen in Mund oder Rachen.

Kortisonhaltige Mittel unterdrücken – im Falle des Asthmasprays lokal – nämlich das Immunsystem. Auch dies könnte im Hinblick auf andere Infektionen, aber durchaus auch auf das Coronavirus problematisch sein. Insbesondere wenn Menschen, angeregt durch die Berichterstattung, nun ohne Verschreibung an ein solches Spray kommen und es nutzen.

Warnung 3: Verknappung für Asthmapatientinnen und -patienten

Budesonid und ähnliche Mittel sind nicht endlos verfügbar. Die zuletzt vermehrten Off-Label-Verschreibungen – also Verschreibungen außerhalb der eigentlich gedachten Indikation – die zuletzt laut "Standard" von den Herstellern bestätigt wurden, führen daher dazu, dass die, die das Medikament für ihr Asthma benötigen, es nicht mehr bekommen. So konnten niedergelassene Ärzte es für ihre Asthmapatienten zuletzt teilweise nicht mehr bekommen. Das habe man laut Idzko etwa in Österreich direkt beobachten können.

All das führt bislang dazu, dass die Experten inhalative Glukokortikoide bislang nicht empfehlen können und derzeit sogar an Kolleginnen und Kollegen appellieren, sie nicht bei Covid-19 zu verschreiben.

Eine Großstudie mit potentiell vor schwerem Covid-Verlauf schützenden Medikamenten, in der voraussichtlich auch Budesonid getestet wird, folgt nun aber. Je nach Ergebnis könnte die Empfehlung später also überarbeitet werden. Möglicherweise ziehen Ärztinnen und Ärzte glukokortikoidhaltige Sprays zukünftig eben dann in Betracht, wenn jemandem aufgrund von Vorerkrankungen ein schwerer Verlauf droht. Das Robert-Koch-Institut hatte zuletzt die Liste der größten Covid-Risikofaktoren überarbeitet.

Covid-19: Diese Vorerkrankungen sind ein Risiko
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Studie und Quellen:

Ramakrishnan, Bafadhel et al. (The Lancet, 2021): "Inhaled budesonide in the treatment of early COVID-19 (STOIC): a phase 2, open-label, randomised controlled trial"

Gelbe Liste zu Budesonid, derstandard.de, aerzteblatt.de, pharmazeutische-zeitung.de, DGP

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