Aktualisiert: 19.04.2021 - 16:49

Adenoviren sind eigentlich harmlos Hirnvenenthrombosen: Liegt's an der Impfstoff-Art?

Es wird weiter geforscht, um die Ursache der seltenen Hirnvenenthrombosen nach Impfungen zu entdecken. Liegt es möglicherweise am eingesetzten Vektorvirus?

Foto: Getty Images/FilippoBacci

Es wird weiter geforscht, um die Ursache der seltenen Hirnvenenthrombosen nach Impfungen zu entdecken. Liegt es möglicherweise am eingesetzten Vektorvirus?

Im Zuge der Covid-Schutzimpfungen haben vereinzelte, aber schwere Sinusvenenthrombosen große Verunsicherung geschürt. Aufgetreten waren sie nach Gabe zweier Impfstoffe – beide funktionieren mit Vektorviren, eigentlich harmlosen Adenoviren. Sind die möglicherweise verantwortlich für die Komplikation?

Mindestens zwei Dinge haben die beiden Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson gemein: Sie funktionieren mit sogenannten Adenoviren als Trägerviren, medizinisch Vektorviren genannt – und nach der Gabe sind vereinzelte schwere Hirnvenenthrombosen aufgetreten. Besteht ein Zusammenhang zwischen der Art der Impfung und der Komplikation? Hängen die Sinusvenenthrombosen mit dem genutzten Vektorvirus zusammen? Forscher halten das für möglich.

Sinusvenenthrombosen: Ist das Vektorvirus schuld?

Eigentlich sollten in Europa Mitte April die ersten Impfdosen vom hier seit März unter Vorbehalt zugelassenen Corona-Impfstoff von Janssen, einer Tochterfirma von Johnson & Johnson eintreffen. Doch die Lieferung wurde nun aufgeschoben. Grund dafür war das Auftreten von Blutgerinnseln im Kopf bei sechs von insgesamt mehr als 6,8 Millionen Personen, die in den USA die Impfung erhalten hatten.

Zwischen sechs und 13 Tagen nach der Impfung – der Impfstoff kommt mit einer Dosis aus – war es bei sechs Frauen zwischen 18 und 48 Jahren zu Sinusvenenthrombosen gekommen, bei dreien davon war zusätzlich eine Thrombozytopenie aufgetreten. Dieser Mangel an Blutplättchen zusammen mit der Art der Hirnvenenthrombose lässt aufhorchen. Hierzulande hatten diese Komplikationen, wenn auch sehr selten, so doch schwerwiegend, letztendlich zu einem Impfstopp mit Vaxzevria, dem Impfstoff von AstraZeneca bei unter 60-Jährigen geführt. Bei im Schnitt fünf Personen unter einer Million Geimpften kann eine solche Komplikation laut einer Studie der Universität Oxford auftreten.

Beide Impfstoffe beruhen auf gleichem Prinzip

Noch weiß man nicht, was der Auslöser für diese Thrombosen ist, jedoch gibt es Spekulationen in der Medizinwelt, die auf eine Gemeinsamkeit der beiden Impfstoffe abzielen: Beide arbeiten mit dem Prinzip eines Vektorvirus, das als "Informationsträger" fungiert. Zum Einsatz kommt jeweils ein Adenovirus, das eigentlich für den Menschen ungefährlich ist. "Die Tatsache, dass beide Impfstoffe auf dem gleichen Prinzip beruhen und die gleichen Probleme verursachen, spricht meines Erachtens eher dafür, dass der Vektor selbst die Ursache ist", so etwa Johannes Oldenburg vom Universitätsklinikum Bonn gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Er betont aber, dass das bisher sehr spekulativ sei.

Ähnliches vermutet aber auch Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing, die 2020 die ersten deutschen Covid-Patienten betreut hatte: "Wir haben im Fall von Johnson & Johnson die gleichen Nebenwirkungen, die auch bei AstraZeneca aufgetaucht sind", betont er. "Da stellt sich die Frage, ob es hier einen Klasseneffekt gibt, also die Adenoviren, die als Vektoren genutzt werden, die Probleme auslösen."

Komplikation ähnlich einer seltenen Reaktion auf einen Gerinnungshemmer

Währenddessen haben Forschende in Greifswald bereits kurz nach Bekanntwerden der Hirnvenenthrombosen darauf aufmerksam gemacht, dass die Komplikation einer sogenannten heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT) ähnelt. Heparin ist ein gerinnungshemmendes Medikament, umgangssprachlich Blutverdünner genannt, das Thrombosen eigentlich verhindern soll. In seltenen Fällen kann es aber passieren, dass sich das Immunsystem nach Gabe des Mittels mit Antikörpern gegen das Heparin, kombiniert mit einem Signalstoff der Blutgerinnung, dem Plättchenfaktor 4 (PF4), richtet.

Woher die Antikörper stammen, weiß man noch nicht. Theoretisch wäre es, so Forschende, daher auch möglich, dass es sich um eine Körperreaktion auf das Spike-Protein des Coronavirus, das auch für die Impfstoffe genutzt wird, handelt. Ein Hinweis darauf: Thrombosen in verschiedensten Gefäßen sind auch eine häufig vorkommende Komplikation bei einer Coronavirus-Infektion. Hierbei sind bisher allerdings noch keine Sinusvenenthrombosen bekannt geworden.

"Es könnte der Vektor sein. Es könnte etwas vom Spike-Protein sein. Es könnte etwas im Rahmen der allgemeinen Immunreaktion sein, was sich mit dem Plättchenfaktor 4 verbinden muss", zitiert die Deutsche Welle eine Zusammenfassung von Dr. Robert Klamroth, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Vivantes Klinikum in Berlin.

Was ist mit den mRNA-Impfstoffen?

Laut der oben genannten Studie der Uni Oxford, die bisher im Preprint vorliegt, also noch geprüft werden muss, seien Sinusvenenthrombosen aber auch im Nachgang der Impfungen mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech und Pfizer aufgetreten – bei etwa vier von einer Million Geimpften. Die Hersteller widersprechen der Studie allerdings. Das Problem sei, dass man in der Studie "nicht sauber zwischen 'normalen Thrombosen', die durch eine Impfung auftreten können, aber nicht lebensbedrohlich sind und Sinusvenenthrombosen unterscheide, die im Hirn und im Zusammenhang mit einer Impfung von AstraZeneca und Johnson & Johnson aufgetreten sind."

In einer fortlaufenden Analyse zu Comirnaty, dem Biontech-Impfstoff, seien unter weltweit über 200 Millionen verabreichten Impfdosen keine Hinweise auf "arterielle oder venöse thromboembolische Ereignisse, mit oder ohne Thrombozytopenie" in Verbindung mit dem Impfstoff gefunden worden.

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer ist, wie der von Moderna, ein mRNA-Impfstoff, funktioniert also anders als die Vektorimpfstoffe. Er greift nicht auf ein Virus zurück, sondern schleust eine Art Bauplan, die mRNA, für lediglich das Spike-Protein in den Körper, das dann in Zellen hergestellt wird und auf das der Körper dann mit der Bildung von Antikörpern reagiert.

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es
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Liegt es wirklich am Adenovirus – oder an einer seltenen Körperreaktion?

Dennoch ist klar: Viren können Thrombosen auslösen. Nun muss man der Theorie auf den Grund gehen, ob das für die Vektorimpfstoffe genutzte Adenovirus vielleicht doch Schuld hat. Auch, wenn diese Viren beim Menschen keine Krankheiten an sich auslösen, ist zumindest eines bekannt: Die DNA von Adenoviren bindet genauso an den Plättchenfaktor 4 wie Heparin.

Normalerweise befindet sich die DNA im Kern des Virus. Es könnte aber sein, dass einige Vektorviren ihre DNA freisetzen, wenn sie injiziert werden. Das Problem bei der Injektion ist nämlich: Es gelangt Virus ins Blut – und zwar mehr als bei einer natürlichen Infektion mit einem Virus. Es könnte entsprechend einfach an der Dosis des Impfstoffes liegen. Dieses Problem ließe sich recht einfach beheben, erklärt etwa spektrum.de. Fraglich wäre dann allerdings noch, warum die Komplikationen so enorm selten auftreten. Forschende vermuten in einem Artikel in der Fachzeitschrift "Science" daher noch eine weitere Möglichkeit: Manche Menschen könnten die Ursache bereits in sich tragen: Sie könnten etwa bereits Antikörper gegen PF4 besitzen, die normalerweise keine Probleme verursachen, durch die Impfung aber angeregt werden.

Was passiert bei einer Sinusvenenthrombose?

Bei dieser Thrombosenart kommt es zu Blutgerinnseln in den Hirnvenen, den sogenannten Sinusvenen, während eine Thrombozytopenie, also ein dramatischer Mangel an Blutplättchen zu einer höheren Blutungsneigung führt. Während sich eine reine Sinusvenenthrombose durch starke Kopfschmerzen sowie Lähmungen, Sprachstörungen und epileptische Anfälle bemerkbar macht, kommt es bei einem Blutplättchenmangel zu punktförmigen Einblutungen in der Haut oder den Schleimhäuten. Auch von starkem Nasenbluten wird berichtet.

Sollten solche Symptome bei Ihnen auftreten, ob nun nach einer Impfung oder ohne Impfzusammenhang, zögern Sie bitte niemals, notärztliche Hilfe zu rufen! Solche Komplikationen treten nämlich auch ohne Impfung in vereinzelten Fällen auf.

Mehr dazu: Hirnvenenthrombose und Symptome: So können Mediziner schnell behandeln

Was ist denn nun der Grund?

Abschließend lässt sich sagen: Warum bei einigen wenigen Menschen Sinusvenenthrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung mit einem Vektor-Impfstoff augetreten sind, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. Es wird mit Hochdruck daran geforscht, um diese seltene Komplikation zu verstehen und zu umgehen. Ein Fokus liegt nun auf dem Faktor PF4 – und wo die Antikörper dagegen herkommen. Möglich wäre außerdem auch die Gabe von einer geringeren Impfdosis, mit der dann auch die Impfreaktion milder verlaufen würde – möglicherweise wäre dann aber auch der Schutz vor Covid-19 geringer. Änderungen an der Dosis müssen allerdings über Monate hinweg getestet werden, denn die Sinusvenenthrombosen kommen so selten vor, dass enorm viele Menschen in solche Tests mit einbezogen werden müssten. In der Zeit kann das Coronavirus mit seinen unendlich größeren Risiken weiterwüten.

So werden Sinusvenenthrombosen behandelt

Immerhin weiß man mittlerweile, wie man diese Thromboseart erkennen kann und was dagegen zu tun ist. Mit einem speziellen Bluttest lässt sich herausfinden, ob es sich um eine Hirnvenenthrombose handelt. Anschließend kann mit einer Therapie mit speziellen Immunglobulinen und Gerinnungshemmern erfolgreich behandelt werden – wenn die Thrombose früh genug erkannt wird. Noch einmal daher der Aufruf: Die Komplikation ist sehr selten mit fünf Fällen auf eine Million Geimpfte – doch schwere Nebenwirkungen nach der Impfung sollten immer ernstgenommen werden. Insbesondere immer stärker werdende Kopfschmerzen sowie Sinnesstörungen und Einblutungen in der Haut ohne Ihr Zutun bitte also immer so schnell wie möglich ärztlich abklären lassen!

Sie möchten dennoch auf Vaxzevria zurückgreifen, sind aber unter 60? Hier können Sie sich gegen das Coronavirus impfen lassen!

Quellen und Studien:

dpa, Spektrum.de, dw.com, Sciencemag.org, Pressemeldung Uni Oxford, helios-gesundheit.de, Sicherheitsbericht des PEI vom 9. April 2021

Greinacher, Eichinger et al. (Preprint Researchsquare, 2021): "A Prothrombotic Thrombocytopenic Disorder Resembling Heparin-Induced Thrombocytopenia Following Coronavirus-19 Vaccination"

Taquet, Harrison et al. (OSF Preprint, 2021): "Cerebral venous thrombosis: a retrospective cohort study of 513,284 confirmed COVID-19 cases and a comparison with 489,871 people receiving a COVID-19 mRNA vaccine"

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