Aktualisiert: 12.04.2021 - 19:02

Lauterbach spricht von "Gamechanger" Budesonid: Dieses Asthmamittel verhindert offenbar schwere Covid-Verläufe

Asthmaspray gegen Covid-19? Budesonid zeigt in einer Studie bahnbrechende Erfolge in der Behandlung gegen eine Coronavirus-Infektion.

Foto: Getty Images/ljubaphoto

Asthmaspray gegen Covid-19? Budesonid zeigt in einer Studie bahnbrechende Erfolge in der Behandlung gegen eine Coronavirus-Infektion.

Könnte es wirklich so einfach sein? Schon länger vermuten Mediziner, dass ein Asthmaspray schwere Verläufe von Covid-19 in vielen Fällen verhindern kann. Jetzt bestätigt eine große Studie aus Oxford diese Vermutung. Erste Hausärzte nutzen Budesonid bereits erfolgreich.

Während alle Welt auf die Impfstoffe gegen Covid-19 schaut, werkeln Forschende weiter an Medikamenten, die bei schon erfolgter Infektion gegeben werden können. Dabei wird nicht nur Neues entwickelt, sondern auch bereits Vorhandenes in Betracht gezogen. Eines dieser vorhandenen Mittel ist eher zufällig in den Fokus geraten, denn manche Asthmapatienten erkrankten interessanterweise nicht schwer an Covid-19, trotz geschwächter Lunge. Eines hatten sie gemeinsam: Sie nahmen alle ein bestimmtes Medikament. Also folgte eine Studie, die nun zeigt: Das Asthmamittel Budesonid kann schwere Covid-19-Verläufe verhindern – unter einer Bedingung.

Weit weniger schwere Verläufe: Asthmaspray wirkt gegen Coronaviren

Asthmapatienten haben kein höheres Risiko für schwere Covid-Verläufe – das konnten Forschende schon früh herausfinden. In der Regel konnte man das auf die medikamentöse Behandlung zurückführen, so konnten Wissenschaftler:innen etwa in einer Studie aus Kalifornien zeigen, dass Asthmatiker:innen weniger ACE2-Rezeptoren besitzen als nicht an Asthma erkrankte Menschen. Genau diese Rezeptoren sind es aber, an die das Coronavirus Sars-CoV-2 binden kann. Je weniger Viren aber in Zellen eindringen und sie übernehmen können, desto leichter verläuft die Erkrankung. Zurückführen konnten die Forschenden das auf die asthmahemmenden Kortison-Sprays.

Genauer gesagt wurde vermutet, dass "inhalative Glukokortikoide" der Grund sind, dass von Asthma Betroffene kein erhöhtes Risiko für Covid-19 zu haben scheinen. Bei Asthma passiert nämlich etwas, das ähnlich dem ist, was das das Coronavirus mit der Lunge macht: Es kommt zu vielen kleinen Entzündungen – und gegen die hilft entzündungshemmendes Kortison-Spray.

Eines der Mittel mit Glukokortikoiden ist Budesonid, ein verbreitetes Asthmaspray. Und genau das haben Forschende aus Oxford in einer großen Studie untersucht. Die Studie war bereits im Februar im Preprint erschienen und hatte Wellen geschlagen. Nun ist sie geprüft und in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht worden.

So wirkt Budesonid – wenn es früh genug verabreicht wird

Glukokortikoide, umgangssprachlich Kortison, sind Steroide, die Entzündungen in der Lunge verhindern können, an denen das Lungengewebe sonst zugrunde gehen würde. Dies ist der Grund, warum Menschen bislang in schweren Fällen künstlich beatmet werden müssen.

Budesonid senkt als Glukokortikoid-Mittel die Zahl der ACE2-Rezeptoren in den Atemwegen – und gibt dem Coronavirus Sars-CoV-2 damit weniger Möglichkeiten, in Zellen einzudringen und dort ihr Erbgut abzulegen, um sich weiter zu reproduzieren. Sprich: Weniger Zellen werden übernommen, das Virus kann sich weniger ausbreiten. Grund für die große Hoffnung in Budesonid als Covid-Mittel ist allerdings die entzündungshemmende Wirkung.

Dem Körper wird hier gewissermaßen Zeit gegeben: Weniger andockende Viren, aber vor allem auch weniger Entzündungen in der Lunge geben dem Immunsystem mehr Zeit für die Herstellung spezieller Antikörper gegen das Coronavirus. Sprich: Der Körper kann sich besser wehren.

Das Ganze funktioniert aber nur, wenn Budesonid frühzeitig gegeben wird – laut Studie innerhalb von sieben Tagen nach Auftreten von leichten Symptomen. In ihrer Studie haben die Forschenden Folgendes beobachten können: Die 146 zufällig ausgewählten Covid-Betroffene waren in zwei Gruppen eingeteilt worden. Eine bekam zweimal täglich Budesonid zum Inhalieren, bis die Covid-19-Symptome abgeklungen waren. Die zweite Gruppe bekam die derzeit übliche Covid-Versorgung ohne das Glukokortikoid-Mittel.

Budesonid könnte sogar vor Long Covid schützen

Wurde Budesonid früh verabreicht, konnte unter den Studienprobanden das Risiko für eine stationäre Krankenhausaufnahme um 91 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig reduzierte sich die Zeit bis zur Genesung im Schnitt um einen Tag.

Und noch eine Erkenntnis gab es: Es kam bei der Gabe von Budesonid nur selten zu Nebenwirkungen – insbesondere verglichen zu den eine Corona-Infektion begleitenden und langfristigen Symptomen. Die Ergebnisse deuten damit darauf hin, dass auch ein gewisser Schutz vor Long Covid, den Nachwirkungen einer Corona-Infektion, bestehen könnte.

Den Medizinern zufolge sei der beste Zeitpunkt für die Gabe von Budesonid in den ersten drei Tagen nach Auftreten der ersten Symptome – gegeben wurde das Mittel in der Studie insgesamt sieben Tage, in einer relativ geringen Dosis von Sprühstoß zweimal täglich.

"Game Changer": Chance für die Frühbehandlung

Es gibt bereits Ärztinnen und Ärzte, auch im hausärztlichen Bereich, die Budesonid erfolgreich einsetzen konnten. Das merkt auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) an. Er würde die Strategie, im frühen Symptomstadium Budesonid zu geben, "als Hausarzt auf Grundlage der vorliegenden Daten, ohne Kontraindikation, auch tun", schreibt er in einem Thread auf Twitter:

Ein "Game Changer" – so nennt Lauterbach die Studie um das Mittel. Die Studie sei gut gemacht und zeige, dass man durchaus beim Hausarzt früh behandeln könne.

So ergänzen Steroide die Covid-Behandlung

Übrigens gehört ein steroidhaltiges Mittel bereits zur Standardbehandlung bei schweren Fällen von Covid-19: das entzündungshemmende Mittel Dexamethason. Das Mittel wird allerdings gegeben, wenn Menschen bereits mehr als sieben Tage erkrankt sind und beatmet werden müssen. Aufgrund möglicher negativer Effekte darf es nicht bei nichtbeatmeten Patienten gegeben werden. Hier könnte nun Budesonid ansetzen – und schwere Erkrankungsfälle gleich verhindern.

Ein Ersatz für Impfungen werden Asthmasprays mit Glukokortikoiden allerdings nicht sein, denn sie verhindern nicht die Infektion selbst und können insbesondere bei Nichtasthmatikern bzw Nicht-COPD-Patienten nicht durchgängig gegeben werden. Medikamente bringen immer Nebenwirkungen mit sich, die mitbeachtet werden müssen. Und die sind, auf die breite Masse gesehen, schwerwiegender und häufiger als Nebenwirkungen, die beim Impfen auftreten können. Gerade die möglichen Nebenwirkungen von Kortison sind nicht zu unterschätzen, daher ist es wichtig, dass diese Medikamente immer korrekt nach Vorgabe angewendet werden.

Und noch ein Problem könnte es geben: Wird das Mittel nun großflächig eingesetzt, könnte dies dazu führen, dass die, die es wirklich brauchen, nicht mehr so leicht an es herankommen: nämlich die Asthmatiker.

Übrigens scheint auch die Impfung vor Long Covid zu schützen bzw dagegen zu helfen.

Für die erste Coronavirus-Behandlung beim Hausarzt aber könnte Budesonid tatsächlich der "Game Changer" sein, als den Karl Lauterbach es bezeichnet.

Studie:

Ramakrishnan, Bafadhel et al. (The Lancet, 2021): "Inhaled budesonide in the treatment of early COVID-19 (STOIC): a phase 2, open-label, randomised controlled trial"

Mehr Infos über Budesonid hält die Gelbe Liste bereit.

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