Aktualisiert: 12.04.2021 - 09:22

Aerosolforscher warnen Coronavirus: Die Gefahr lauert in den Innenräumen

Im weitläufigen Park mit viel Abstand müssten Masken wie hier beim Joggen wirklich nicht sein, finden Aerosolforscher – denn die größte Gefahr lauert in den Innenräumen, sagen sie in einem offenen Brief.

Foto: Getty Images/Westend61

Im weitläufigen Park mit viel Abstand müssten Masken wie hier beim Joggen wirklich nicht sein, finden Aerosolforscher – denn die größte Gefahr lauert in den Innenräumen, sagen sie in einem offenen Brief.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 verbreitet sich vor allem über die Luft, da ist sich die Wissenschaft recht sicher. Aerosolfoscher kritisieren nun jedoch, dass diese Erkenntnis in den Maßnahmen zu wenig beachtet wird – und so Ansteckungen nicht effektiv genug verhindert werden. Sie fordern daher einen Kurswechsel in der Corona-Politik und eine Sensibilisierung für die möglichen Übertragungsorte.

Was ist sicherer? Sich mit einer Freundin zu Hause treffen oder lieber draußen zum Kaffee verabreden? Im Büro sitzen oder draußen mit ein paar Leuten den Feierabend ausklingen lassen? Wer Aerosolforscher fragt, wird eine recht eindeutige Antwort erhalten: Draußen ist sicherer. Unsere Corona-Maßnahmen jedoch lassen teilweise anderes vermuten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern daher in einem offenen Brief an die Bundesregierung: Wir müssen die Menschen dafür sensibilisieren, dass die Coronavirus-Ansteckungsgefahr in Innenräumen größer ist als draußen.

Coronavirus: Drinnen steckt man sich eher an

Die Infektionszahlen sind derzeit weiter auf hohem Niveau, während nun die bundeseinheitliche Notbremse kommen soll. Die sieht unter anderem eine mögliche Ausgangssperre vor, dagegen aber keine richtige Homeoffice-Pflicht sowie weiterhin Schule, alles abhängig von der Inzidenz. Außenbereiche von Restaurants und Cafés sowie das Treffen anderer, auch draußen, sind nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Man will damit verhindern, dass sich zu viele Menschen treffen, die Ausgangssperre soll der Bundesregierung zufolge etwa dafür da sein, dass die Menschen abends mit ihrem eigenen Haushalt zu Hause sitzen, nicht bei anderen. Gearbeitet wird währenddessen weiter, Menschen kommen zusammen, sowohl in den Arbeitsstätten als auch im öffentlichen Verkehr auf dem Weg dorthin.

In dieser Korrelation sehen Deutschlands Aerosolforscher von der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) allerdings ein Problem: "Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert", schreiben sie in einem auch online einsehbaren Brief an die Bundesregierung und die Landesregierungen. Und weiter: "Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt." Ihre Forderung: Den Umgang mit der Pandemie bitte teilweise überdenken. Der Schutz müsse vor allem drinnen stattfinden.

Symbolische Maßnahmen lassen "abstumpfen"

"Die andauernden Debatten über das Flanieren auf Flusspromenaden, den Aufenthalt in Biergärten, das Joggen oder das Radfahren haben sich längst als kontraproduktiv erwiesen", heißt es im Brief. Vermittle man den Bürgerinnen und Bürgern alle Formen zwischenmenschlicher Kontakte als gefährlich, werde "paradoxerweise" die Pandemiemüdigkeit verstärkt. "Nichts stumpft uns Menschen bekanntlich mehr ab als ein permanenter Alarmzustand."

Eine klare Meinung hat die GAeF zu eher symbolischen Maßnahmen wie etwa der Maskenpflicht beim Joggen in Hamburg oder den Ausgangssperren. Selbst bei größeren Gruppen im Freien habe man nie große Infektionen erkannt, die sogenannten Cluster, die etwa in Heimen, Schulen oder Veranstaltungen, Chorproben oder Busfahrten aufgetreten waren. Und: "Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen."

Das sind die "goldenen Regeln zur Infektionsvermeidung" der Aerosolforscher

Daher müsse sich nun um die Orte gekümmert werden, "wo die mit Abstand allermeisten Infektionen passieren – und nicht unsere begrenzten Ressourcen auf die wenigen Promille der Ansteckungen im Freien verschwenden." Ihre "goldenen Regeln zur Infektionsvermeidung" sind die folgenden:

  1. "Infektionen finden in Innenräumen statt." Möglichst wenige Menschen sollten sich daher außerhalb des eigenen Haushaltes in Innenräumen treffen. Insbesondere, weil Ansteckungen über die Aerosole in der Luft in Innenräumen auch stattfinden können, wenn man sich nicht direkt trifft. Es reicht, wenn sich ein Infektiöser in einem schlecht belüfteten Raum aufhält oder aufgehalten hat. Das gilt sowohl für Büros, für Restaurants, für Privatwohnungen und alle anderen Orte, an denen Menschen zusammenkommen, an denen kein permanenter Luftaustausch stattfindet.
  2. Aufenthaltszeiten in Innenräumen so kurz wie möglich: Wenn sich mehrere Leute außerhalb des eigenen Haushalts in Innenräumen treffen, sollte diese Zeit so kurz wie möglich sein.
  3. Bedingungen wie im Freien schaffen: Das funktioniert durch Lüften gegen Corona: Wann und wie lange? – in den nun kommenden wärmeren Monaten besser als im Winter.
  4. Masken tragen – in Innenräumen wichtig, draußen oft nicht notwendig: Effektive, gut und dicht sitzende Masken in Innenräumen zu tragen sehen die Forschenden als nötig an. Dagegen: "In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen."
  5. Luft filtern und reinigen: Dort, wo Menschen länger in geschlossenen Räumen zusammen kommen müssen, sind Raumluftreiniger und Filter zu installieren. Das gilt für Wohnheime, Schulen, Alten- und Pflegeheime, Betreuungsreinrichtungen, Büros und andere Arbeitsplätze.
  6. Lieber große Hallen als kleine Versammlungsräume: In großen, weitläufigen Hallen verteilt sich die Luft weitaus besser und das Abstandhalten funktioniert. Wenn also trotz Infektionsgeschehen wieder Theater, Konzerte oder Gottesdienste stattfinden können, sollten diese statt in kleinen Veranstaltungsräumen lieber in großen, gut gelüfteten Hallen oder gleich im Freien stattfinden.
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Fazit: Sars-CoV-2 wird meist drinnen übertragen, draußen nur "äußerst selten"

"Die Kombination dieser Maßnahmen führt zum Erfolg", sind sich die Forschenden sicher. Das müsse aber entsprechend kommuniziert werden. Denn damit würden die Menschen "in dieser schweren Zeit zugleich ein Stück ihrer Bewegungsfreiheit" zurückerhalten.

Ihr Beispiel: "Wer sich zum Kaffee in der Fußgängerzone trifft, muss niemanden in sein Wohnzimmer einladen." Denn in der Fußgängerzone, etwa im Außenbereich eines Cafés, sei es zu erwarten, dass die bekannten Hygieneregeln eingehalten würden – im Gegensatz zum Zuhause.

Sind die größten Ansteckungsmöglichkeiten gebannt, wäre also auch der Kampf gegen das Coronavirus inklusive gewisser Freiheiten, vor allem in den wärmeren Monaten, möglich.

Dazu auch interessant: So verbreitet sich das Coronavirus mit und ohne Maßnahmen. Es gibt sogar einen Online-Rechner, mit dem sich das Covid-Ansteckungsrisiko selbst ausrechnen lässt.

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