Aktualisiert: 12.07.2021 - 14:08

Man hört so wenig davon... Medikamente gegen Covid-19: Das wird alles eingesetzt

An Medikamenten gegen Covid-19 wird ebenfalls geforscht. Und einige sind schon im Einsatz. Einfach gestaltet sich die Forschung allerdings nicht. Was gibt es alles, was ist überhaupt möglich?

Foto: Getty Images/sukanya sitthikongsak; Canva.com [M]

An Medikamenten gegen Covid-19 wird ebenfalls geforscht. Und einige sind schon im Einsatz. Einfach gestaltet sich die Forschung allerdings nicht. Was gibt es alles, was ist überhaupt möglich?

Alle reden von Impfstoffen gegen das Coronavirus. Aber was ist eigentlich mit Medikamenten gegen Covid-19? Auch da tut sich einiges, es wird viel geforscht, viel entdeckt, viel verworfen. Einiges wird bereits genutzt, doch es gibt noch mehr vielversprechende Kandidaten. Ein Überblick.

Bei all der Diskussion über die Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe und die, die da noch kommen sollen, geht häufig eines unter: Ja, auch an Medikamenten gegen Covid-19 wird mit rauchenden Köpfen geforscht. Es gibt viele potentielle Hoffnungsträger, auch bestehende Arzneien, die eigentlich für andere Krankheitsbilder bestimmt sind, aber ebenfalls wirken. Manche kommen schon zum Einsatz, andere werden getestet. Es gibt verschiedenste Ansätze. Doch Medikamente sind schwerer herzustellen als Impfstoffe. Woran wird derzeit gearbeitet?

Covid-19-Medikamente: Darum gibt es kein Allheilmittel

Sich gar nicht erst mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 und seinen Varianten anzustecken, ist immer noch der beste Schutz gegen Covid-19. Doch leider ist das Virus (noch) schneller als wir, schwere Fälle der multisystemischen Krankheit stehen auch jetzt noch an der Tagesordnung. Wie können sich diese verhindern lassen, wie verhindert man den Tod mit Corona-Infektion? Da müssen Medikamente her. Doch ein Allheilmittel gibt es nicht – und es würde auch nicht reichen. Denn Covid-19 verläuft erstens in unterschiedlichen Stadien und zweitens ganz individuell.

Vor allem das Stadium entscheidet, welche Art Wirkstoff sinnvoll ist. Bei Infektionsbeginn vermehrt sich das Virus erst einmal. Dann muss etwa ein Medikament her, das entweder die Virusvermehrung hemmt oder das Immunsystem beim Erkennen und Bekämpfen unterstützt. Solche Medikamente können im späteren Verlauf der Erkrankung hingegen tödlich wirken, da ein schwerer Covid-Verlauf in vielen Fällen von einer überschießenden Immunreaktion begleitet wird. Medikamente, die das Immunsystem dann weiter stärken, würden diese gefährliche Reaktion nur verschlimmern.

Doch es gibt durchaus Möglichkeiten, je nach Krankheitsverlauf und Werten der Patienten zu behandeln. Derzeit wird an verschiedenen Mitteln geforscht, um auch eine gute Wirksamkeit sowie so wenig Nebenwirkungen wie möglich zu erreichen. Denn Nebenwirkungen können bei Medikamenten heftig sein.

Einige Gruppen forschen an gänzlich neuen Medikamenten, andere versuchen, schon bekannte und zugelassene Medikamente zu identifizieren, die in einem Covid-19-Stadium wirken. Letztere könnten nämlich viel schneller zugelassen werden, da etwa Nebenwirkungen schon weitgehend bekannt sind.

Im Folgenden geben wir eine Übersicht über die verschiedenen Wirkungsgruppen.

Antivirale Medikamente: Naheliegende Mittel im Anfangsstadium

Damit Covid-19 schwer verläuft, muss sich das Virus erst einmal stark im Körper verbreiten. Diese Vermehrung kann aber mit antiviralen Mitteln bzw. Virostatika gehemmt werden. Je eher das passiert, desto weniger Zellen kann das Virus zerstören, indem es sie in Virenfabriken umbaut, um sich zu reproduzieren. Man kann das Virus entweder hindern, in Zellen einzudringen, oder die Zellen selbst in ihrer Produktionsfähigkeit hemmen.

Zugelassen mit nachgewiesenem therapeutischem Nutzen ist in Deutschland bisher ausschließlich das Mittel Remdesivir, das aber nur bei bestimmten Fällen und in sehr frühem Stadium gegeben werden darf. Dann kann es die Krankheitsdauer laut Studien um ein Drittel verkürzen, wenn Covid-19 schwer ausbricht. Entwickelt wurde Remdesivir ursprünglich gegen Krankheiten wie Ebola oder das Marburgfieber.

Das Problem bisher: Auch Mittel wie Ivermectin, ein Wurmmittel, können wohl wirken, aber immer nur bei einer stark begrenzten Zahl der Fälle. Es darf ausschließlich im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien genutzt werden.

Auf Eis gelegt ist währenddessen die Studie mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir, die gegen HIV eingesetzt werden. Ein Behandlungsvorteil bei Covid-19 ist bisher nicht ersichtlich.

Abgeraten wird mittlerweile von den einstigen Hoffnungsträgern Chloroquin und Hydroxychloroquin, gegen Malaria entwickelt. Die Nebenwirkungen, etwa Herz-Rhythmus-Störungen, überwiegen nach bisherigen Erkenntnissen einen vergleichsweise geringen Nutzen. Ähnlich sieht es aus mit dem Mittel Azithromycin, das ebenfalls schwere Herz-Rhythmus-Störungen, Hörverlust und andere schwere Nebenwirkungen mitbringen kann. Ein klinischer Benefit ist bisher nicht nachgewiesen, dafür ist das Risiko für Nebenwirkungen zu hoch, um das Mittel einzusetzen.

Antikörper-Medikamente: So funktionieren sie
Antikörper-Medikamente: So funktionieren sie

Antikörper-Medikamente: Statt Impfung?

Ein großer Hoffnungsträger sind auch Medikamente, die dem Körper Antikörper zuführen. Damit gehören sie eigentlich auch zu den antiviralen Medikamenten, verdienen aber einen eigenen Abschnitt. In Deutschland stehen etwa die beiden Antikörper-Medikamente REGN-CoV-2 von Regeneron und Bamlanivimab von Eli Lilly bereit, die mit einem bzw. zwei monoklonalen Antikörpern wie eine passive Immunisierung wirken sollen. Sie verhindern also, dass das Virus in Zellen eindringt. Damit müssen sie in einer sehr frühen Phase der Erkrankung gegeben werden, sonst sind sie nutzlos.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat die Notfallzulassung für Bamlanivimab als Einzeltherapie im Frühjahr aber wieder zurückgezogen. Der Grund ist, dass sich der in dem Mittel genutzte Antikörper nur auf bestimmte Stellen am Virus richtet und unwirksam wird, wenn genau diese Stellen durch Mutationen am Virus verändert werden. Offenbar ist bei Bamlanivimab so etwas passiert, weshalb das Medikament nicht immer richtig wirken kann. In Kombination mit dem Mittel Etesevimab jedoch darf es noch verwendet werden. In Europa ist das Medikament bisher übrigens noch nicht zugelassen, obwohl es bereit steht. Und auch Regeneron ist nicht gänzlich zugelassen und darf nur in bestimmten Fällen gegeben werden.

Ähnlich wie die Antikörper-Medikamente, aber ein bisschen umfassender läuft die Behandlung mit Antikörper-Serum von bereits Erkrankten. Diese Antikörper wurden vom Körper eines einst Erkrankten selbst gebildet und könnten auch anderen helfen. Jedoch ist noch nicht ganz klar, wie lange diese Antikörper stabil bleiben. Zudem müsste eine Behandlung mit solch einem Rekonvalesentenplasma sehr früh erfolgen. Die Wirksamkeit wird noch erforscht, zugelassen sind solche Therapien noch nicht. Sie könnten aber theoretisch als eine Art "Impf-Brücke" dienen und zumindest bei Hochrisikopatienten helfen.

Entzündungshemmende Medikamente: Für den späteren Verlauf...

Wer bereits an Covid-19 erkrankt ist und auf einen schweren Verlauf zusteuert bzw. bereits an einer überschießenden Immunreaktion leidet, kann dagegen besser mit Entzündungshemmern behandelt werden. Denn jetzt muss nicht mehr das Virus bekämpft werden, sondern das, was es im Körper ausgelöst hat bzw. dessen Reaktion. In Deutschland werden derzeit beatmungspflichtige Patienten, die länger als sieben Tage erkrankt sind, mit dem antiinflammatorischen Mittel Dexamethason behandelt. Das Mittel gehört zu den Steroiden und kann bei schweren Fällen die Sterblichkeit senken. Jedoch darf es nur bei Patienten eingesetzt werden, die beatmet werden müssen.

Noch nicht in Deutschland zugelassen, aber getestet und im Off-Label-Use eingesetzt werden die Autoimmun-Therapeutika Tocilizumab und Sarilumab. Diese sogenannten Immunmodulatoren bauen auf monoklonale Antikörper, die gezielt einen Auslöser der überschießenden Immunreaktion hemmen könnten. Die Antikörper richten sich also gegen bestimmte Teile des eigenen Immunsystems. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat diese sogenannten IL-6-Antagonisten nun zur Behandlung von Patienten mit Covid-19 empfohlen.

Ohne nachgewiesenen Nutzen ist bisher das antiinflammatorische Mittel Colchicin. Im Off-Label-Use befindet sich währenddessen das Mittel Anakinra, das potentiell wirksam ist, dessen Nutzen aber noch nicht nachgewiesen wurde. Ähnliches gilt für Baricitinib, das aber keine Zulassung hat.

...oder ganz früh

Bestimmte Entzündungshemmer können aber auch im frühen Krankheitsverlauf hilfreich sein und so verhindern, dass die Krankheit sich schwer entwickelt. Entdeckt wurde das bei sogenannten Glukokortikoid-haltigen Asthmasprays, insbesondere dem Asthmaspray Budesonid, das in frühem Covid-19-Stadium helfen kann und dann nahezu immer schwere Verläufe zu verhindern scheint. Solche Kortison-Sprays bringen entzündungshemmende Steroide direkt in die Lunge und kämpfen gegen die dort vom Coronavirus ausgelösten kleinen Entzündungen an. Die Vermutung: Ein solches Spray kann, früh genug verabreicht, vor künstlicher Beatmung schützen. Jedoch hat das Mittel keine offizielle Zulassung für die Behandlung von Covid-19. Die Entscheidung wird damit begründet, dass es zu Nebenwirkungen kommen kann. So bergen Glukokortikoide das potentielle Risiko, bei ambulanten Patient:innen bakterielle Superinfektionen zu begünstigen. Die derzeitige Datenlage sei zudem unzureichend für eine Empfehlung mit hochdosiertem inhalativem Budesonid.

Medikamente gegen Thrombosen und Co: Bestehende Herz-Kreislauf-Arzneien

Behandelt wird derzeit zusätzlich symptomatisch. So sind Thrombosen etwa eine häufige Komplikation bei Covid-19, insbesondere wenn im Krankenhaus behandelt werden muss. Je schwerer jemand erkrankt ist, desto höher ist offenbar das Thromboserisiko. Daher werden hier bereits bekannte Gerinnungshemmer genutzt, entweder prophylaktische oder intensivierte Antikoagulation bei Risiko- und Hochrisikopatienten, sowie therapeutisch beim Auftreten von sogenannten Mikrothromben bei Covid-19 bzw. wenn bereit tiefe Thrombosen oder Embolien aufgetreten sind. Ein Beispiel hier ist der Gerinnungshemmer Heparin.

Auch an Medikamenten, die die Vernarbung der Lunge verhindern sollen, wird geforscht.

Supportive Therapie: Nutzen nicht nachgewiesen

Zudem vermuten Forschende, dass Vitamin C und Vitamin D schwer erkrankten Menschen zusätzlich helfen könnten. Bisher gibt es aber bezogen auf Vitamin C keine Evidenz für die Wirksamkeit und Sicherheit im Einsatz gegen Covid-19 und damit außerhalb kontrollierter Studien auch keine Empfehlung.

Ohne Zulassung für Behandlung oder Prophylaxe von Covid-19 ist Vitamin D. Das Sonnenvitamin hat antientzündliche Eigenschaften und kann das Immunsystem stärken, jedoch ist noch nicht bewiesen, ob ein niedriger Vitamin-D-Spiegel sich tatsächlich negativ auf den Verlauf von Covid-19 auswirkt. Es gibt aber Anzeichen darauf, dass ein gesunder Vitamin-D-Spiegel Hospitalisierungen und intensivmedizinische Behandlung verhindern kann und das Virus weniger Chancen hat, sich auszubreiten.

Das RKI empfiehlt zwar keine routinemäßige Verwendung. Bei Menschen mit nachgewiesen kritisch niedrigem Vitamin-D-Spiegel, bei denen schweres Covid-19 vermutet werden kann oder bereits eine Covid-19-Erkrankung vorliegt, können ärztlich verordnete Gaben aber möglich sein. Jedoch sollte niemand auf gut Glück Vitamin D in hohen Dosen über Nahrungsergänzung zu sich nehmen, denn ein Zuviel des Vitamins kann schwere gesundheitliche Probleme verursachen. Gesunde Menschen können einen Vitamin-D-Mangel meist natürlich ausgleichen. Mehr dazu: Vitamin D gegen Covid-19: Manchmal sinnvoll, aber...

So geht's nun weiter mit Medikamenten

An Medikamenten gegen Covid-19 wird also geforscht, und das nicht zu knapp. Das gestaltet sich nur eben nicht so einfach wie die Entwicklung eines Impfstoffes – zumal Medikamente im Gegensatz zu Impfstoffen quasi immer Nebenwirkungen mit sich bringen, die mitunter schwer sein können. Zudem muss ein gefundener Wirkstoff erst einmal zum Medikament zusammengebaut werden. Auch hier muss auf Nebenwirkungen zusätzlicher Stoffe geachtet werden. Dann gibt es nach eventueller Zulassung noch die Produktion. Auch hier haben Medikamente aufgrund schwierigerer Herstellungsverfahren einen Nachteil.

Wie zu Anfang erwähnt: Der beste Schutz ist es noch immer, sich gar nicht erst mit dem Coronavirus zu infizieren. Und dagegen helfen derzeit neben den mittlerweile zumindest fast für alle Erwachsenen verfügbaren Impfstoffen vor allem Maßnahmen wie Maske und Abstand.

Eine Übersicht über alle bisher zugelassenen und potentiell möglichen, aber nicht zugelassenen Medikamente gegen Covid-19 finden Sie in der Therapieübersicht des RKI.

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