Aktualisiert: 21.04.2021 - 15:35

Gefährliche Gerinnsel in den Sinusvenen Hirnvenenthrombose und Symptome: So können Mediziner schnell behandeln

Hirnvenenthrombosen wie die Sinusvenenthrombose sind extrem selten. Sie treten vor allem bei Frauen unter 50 Jahren auf.

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Hirnvenenthrombosen wie die Sinusvenenthrombose sind extrem selten. Sie treten vor allem bei Frauen unter 50 Jahren auf.

Die Sinusvenenthrombose ist eigentlich sehr, sehr selten – deshalb kennt fast niemand dieses Phänomen. Jetzt macht das Krankheitsbild Schlagzeilen, da es bei Personen im Nachgang einer Impfung mit AstraZeneca aufgetreten ist. Doch was steckt dahinter, worauf ist zu achten, wer ist gefährdet und vor allem: Wie lässt sich dieser Notfall behandeln? Denn darauf haben Forscher bereits eine Antwort.

Wenn Venen verstopfen, ist das immer ein Notfall. Doch während die "klassische" Thrombose, die vor allem im Bein auftreten kann, bei schneller Reaktion sehr gut behandelbar ist, verhält sich das mit der sehr seltenen Sinusvenenthrombose etwas anders. Auch sie kann durchaus behandelt werden – tritt eine solche Hirnvenenthrombose aber zusammen mit einem Mangel an Blutplättchen auf, kann das schnell kritisch werden. Doch es gibt ganz bestimmte Symptome, die auf die Komplikation hinweisen.

Sinusvenenthrombose nach AstraZeneca? Deshalb werden die Impfungen pausiert

Was eine Sinusvenenthrombose ist, wussten bis vor wenigen Wochen die Wenigsten. Dann stoppten plötzlich immer mehr Länder in der EU die Impfung mit dem Coronavirus-Impfstoff von AstraZeneca. Schließlich wurde die Impfung auch in Deutschland zwischenzeitlich pausiert, mittlerweile ist sie nur noch für Menschen über 60 freigegeben bzw. darf an Jüngere nur nach ausgiebiger Aufklärung verimpft werden. Und auch beim Vakzin von Johnson & Johnson kam es zu einem kurzzeitigen Stopp. Der Grund: Im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung hatte es innerhalb der in Deutschland rund 2,7 Millionen angewendeten Erstdosen nun 48 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose bei Geimpften gegeben. In neun Fällen war der Ausgang tödlich, berichtet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Fast ausschließlich waren Frauen im Alter zwischen 20 und 63 Jahren betroffen. Nur in acht Fällen hatten Männer die Komplikation bekommen.

Noch immer ist nicht ganz klar, warum die Fälle auftreten, doch vermuten Experten mittlerweile, dass die Komplikation Hirnvenenthrombose mit der Impfstoff-Art zusammenhängen könnte. Möglicherweise tragen wenige Menschen bereits eine Prädisposition dafür: Nämlich Antikörper gegen einen bestimmten Blutgerinnungsfaktor. Verstärkt durch die Impfung könnten die Antikörper sich dann kurz gesagt gegen das eigene Blut richten.

Um das Ganze einzuordnen: Thrombosen passieren häufig. Sinusvenenthrombosen hingegen sind mit normalerweise einem bis fünf Fällen auf 100.000 Menschen im Jahr sehr selten. Die Häufung von mehreren Fällen in kurzer Zeit ist insbesondere in der Altersgruppe der betroffenen Frauen zwar noch immer gering, doch sehr auffällig. Das PEI, das in Deutschland für die Impfsicherheit zuständig ist, hat daher nach der Pausierung erst einmal die Impfung für Menschen unter 60 ausgesetzt, um die Fälle genauer zu klären. Das musste geschehen, auch um einzuordnen, wie hoch das Risiko tatsächlich ist und wer genau betroffen ist.

Denn auffällig ist sowohl bei diesen Fällen als auch generell bei Hirnvenenthrombosen: Die Betroffenen sind allesamt zwischen 20 und 66 Jahre alt – und fast alle sind Frauen. Was ist das für eine rätselhafte Krankheit?

Das passiert bei Hirnvenenthrombosen

Eine Sinusvenenthrombose gehört zu den Hirnvenenthrombosen und ist eine sehr seltene Thrombose-Art. Bei Thrombosen gerinnt Blut in einem Blutgefäß und bildet einen Pfropfen, den Thrombus. Dieser Thrombus kann entweder vor Ort ein Gefäß verstopfen oder sich lösen und kleinere Gefäße verdichten, wie etwa bei einer Lungenembolie, bei der Lungengefäße verstopft werden. Infolge einer Thrombose kommt es also zu einer schweren Durchblutungsstörung.

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Im Falle einer Hirnvenenthrombose kommt es im Gehirn zu einem Venenverschluss durch ein Blutgerinnsel. Die Sinusvenen sind dafür verantwortlich, sauerstoffarmes Blut wieder zurück zum Herzen transportiert, von wo aus es dann wieder in die Lunge gelangt. Verstopfen nun eine oder mehrere dieser Hirnvenen, kann das Blut nicht abfließen, es kommt zu einem Druckanstieg, der dann Symptome auslöst.

Die Ursachen von Hirnvenenthrombosen

Ursächlich für eine Thrombose können verschiedene Dinge sein: Manchmal besteht eine genetische Veranlagung, manchmal wird sie ausgelöst durch hormonelle Veränderungen wie die Pille oder eine Schwangerschaft – Hormonveränderungen sind übrigens insgesamt ein Risikofaktor für Thrombosen. Manchmal steckt eine Infektion im Ohr dahinter, manchmal Medikamente oder eine Erkrankung. Wie kommt es dann zu einer Thrombose? Meist durch eine Beschädigung von Blutgefäßen, bei der gerinnungshemmende Stoffe zur entsprechenden Stelle transportiert werden, durch Veränderung der Strömungsgeschwindigkeit, etwa wenn Blutgefäße verengt oder geweitet sind. Oder wenn sich die Zusammensetzung des Blutes verändert und es dadurch gerinnt.

Thrombosefälle traten oft in Verbindung mit Blutplättchen-Mangel auf

Genau das scheint bei den Betroffenen der Fall gewesen zu sein. Denn bei den Fällen in Deutschland habe es sich laut PEI-Bericht um spezielle, schwere Hirnvenenthrombosen, nämlich Sinusvenenthrombosen, in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen, einer sogenannten Thrombozytopenie, und damit einhergehenden Blutungen gehandelt. Vereinzelt waren solche Fälle auch bei den Impfungen mit Biontech/Pfizer und Moderna aufgefallen, die jedoch bisher nicht auf die Impfungen selbst zurückzuführen sind.

Forscher finden Zusammenhang: Immunreaktion löst Thrombosen aus

Schon kurz später ist es Greifswalder Forschern rund um Andreas Greinacher gelungen, den Grund für die Sinusvenenthrombosen nach den Impfungen herauszufinden. Das Beste: Es gibt sogar ein Medikament.

Offenbar gab es bei den betroffenen Personen eine Immunreaktion, die die Blutplättchen aktiviert hat. Bekannt ist so etwas bereits bei der sogenannten heparininduzierten Thromboztopenie (HIT) vom Typ 2. Hier bilden sich im Zusammenhang mit Heparin Antikörper gegen einen Proteinkomplex. Blutplättchen wiederum reagieren auf diesen Komplex – und lösen Gerinnungen aus, die letztlich die Gefäße verstopfen. Woher diese Antikörper genau kommen, ist noch unklar, ebenso gegen was sie sich richten: ob gegen das Impfvirus (Adenovirus bzw. Vektorvirus), das Spike-Protein oder einen anderen Faktor, der an der Immunreaktion beteiligt ist.

HIT selbst scheint in Zusammenhang mit bestimmten Genvarianten eines bestimmten Gens zu stehen. Wer diese Varianten trägt, scheint demnach gefährdeter. Das könnte auch auf die betroffenen Personen nach der Impfung zutreffen.

Gegen HIT kann behandelt werden. Entsprechend dürfte die Behandlung nun auch in solchen Fällen, wenn eine Sinusvenenthrombose im zeitlichen Rahmen einer Impfung auftritt, behandelbar sein. Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) empfiehlt in einer Stellungnahme nun, auf HIT zu prüfen, wenn sich jemand mit verdächtigen Symptomen meldet. Dann kann die Behandlung einsetzen, die auch bei HIT genutzt wird.

Damit, so Greinacher, sei die Reaktion des Körpers, sollte sie denn mit der Impfung zusammenhängen, nicht nur äußerst selten, sondern könne auch direkt behandelt werden. Es sei nur wichtig, auf den Körper zu hören.

Auch die GTH weist darauf hin: Reaktionen bis drei Tage nach der Impfung sind völlig normal. HIT-Symptome würden demnach erst einsetzen, wenn ab dem fünften Tag nach der Impfung neue, schwere Symptome auftreten. Dann erst könne auf einen Mangel an Blutplättchen oder Thrombosen gestestet werden.

Sinusvenenthrombose: Auf diese Symptome achten

Zu den Symptomen einer solchen Sinusvenenthrombose gehören demnach:

  • Kopfschmerzen, die immer stärker werden
  • Zunehmendes Unwohlsein mit Übelkeit und Erbrechen
  • Punktförmige Hauteinblutungen
  • Manchmal auch epileptische Anfälle oder Krampfanfälle, Sprachstörungen und Lähmungen oder Bewusstseinsstörungen

Wichtig bei diesen Symptomen ist es, schnellstmöglich einen Arzt aufzusuchen. Das kann nach neuesten Erkenntnissen sogar ein Augenarzt sein, denn eines der Anzeichen ist eine Schwellung des Sehnervs. Der Gang zum Augenarzt könnte sogar noch früher zu einer Diagnose führen, da dieser bei einer Untersuchung des Augenhintergrundes direkt sehen kann, ob eine sogenannte Stauungspapille vorliegt. Die sei laut Experten eines der häufigsten klinischen Anzeichen einer Sinusthrombose und trete in 85 Prozent der Fälle auf, erklärt Prof. Dr. Helmut Wilhelm, Neuroophthalmologe aus Tübingen, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Liegt eine solche Verdickung vor, kann der Arzt den Patienten sofort als Notfall in eine neurologische Klinik einweisen.

Wird die Sinusvenenthrombose schnell entdeckt, ist sie gut behandelbar mithilfe von gerinnungshemmenden Medikamenten. Daher wird sowohl Menschen, die kürzlich geimpft worden sind, sowie generell allen, insbesondere Frauen zwischen 20 und 50, dazu geraten, bei den genannten Symptomen umgehend ärztliche Hilfe aufzusuchen.

Covid-19 verursacht ebenfalls Thrombosen: Nutzen der Impfung überwiegt weiterhin

"Alle Fälle traten zwischen vier und 16 Tagen nach der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca auf", schreibt das PEI. Wer in dieser Zeit unter den oben genannten Symptomen leide, solle daher wachsam bleiben.

Dennoch warnen die Experten vor zu großer Angst vor dem Impfstoff. "Selbst wenn die Impfung wesentliche Ursache für die Thrombosen bzw. die Gerinnungsstörung sein sollte, handelte es sich dennoch um eine extrem seltene Nebenwirkung, die durch die Vorteile der Impfung bei weitem aufgewogen wird", schreibt etwa die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Und sie weist auf einen signifikanten Vorteil der Impfungen hin: "Gerade neurologische Spätfolgen sind nach Covid-19 nicht selten und können nur primärpräventiv durch eine Impfung verhindert werden." Auch bei Covid-19 kommt es bei Erkrankten immer wieder zu Thrombosen verschiedener Art, auch hier sind Einblutungen in die Haut entdeckt worden. Und das Risiko ist ungleich höher. In Großbritannien, die den Impfstoff sofort für ältere Menschen eingesetzt hatten, gibt es bislang zudem keine Häufung an Sinusvenenthrombosen.

Dass genauer untersucht wird, dürfte sich weiterhin aber als großer Vorteil herausstellen. Denn so lassen sich möglicherweise Risikofaktoren erkennen – und, wie in diesem Fall, sogar direkt Behandlungsmöglichkeiten finden.

Mehr dazu: Angst vor AstraZeneca unbegründet? EMA prüft Impfstoffmittlerweile empfiehlt die Europäische Arzneimittel-Agentur den Impfstoff von AstraZeneca wieder – allerdings nur für Personen ab 60 Jahren, da hier das Risiko bei AstraZeneca offenbar noch geringer ist und der Nutzen, der Schutz gegen Covid-19, stark überwiegt.

Dennoch bleibt weiterhin wichtig: Wer geimpft ist, egal mit welchem Impfstoff, kann eventuelle Nebenwirkungen über das Meldungsportal des PEI und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte melden. Regelmäßig veröffentlicht das PEI zudem Sicherheitsberichte zu den Impfstoffen und liefert damit einen Report über die bisher bekannten Impf-Nebenwirkungen nebst Einordnung der Häufigkeit und einer Einordnung, ob es sich um eine harmlose Körperreaktion handelt oder doch genauer untersucht werden muss.

Hier finden Sie ein Informationsschreiben des PEI zur Aussetzung der Impfungen mit AstraZeneca.

Studie und weitere Quellen:

Greinacher, Eichinger et al. (Preprint, 2021): "A Prothrombotic Thrombocytopenic Disorder Resembling Heparin-Induced Thrombocytopenia Following Coronavirus-19 Vaccination"

Deutsche Gesellschaft für Phlebologie e.V. zu Venenthrombosen, Deutsche Gesellschaft für Neurologie zu Zerebraler Venen- und Sinusthrombose, DAZ.online, spektrum.de, Pharmazeutische Zeitung, eigene Recherche

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