Aktualisiert: 16.03.2021 - 12:29

Nach Thrombose-Berichten Angst vor AstraZeneca unbegründet? EMA prüft Impfstoff

Das Aussetzen der Impfungen mit AstraZeneca in einigen Ländern beunruhigt. Doch es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Foto: Getty Images/VANO SHLAMOV / Kontributor

Das Aussetzen der Impfungen mit AstraZeneca in einigen Ländern beunruhigt. Doch es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Und wieder ist der Impfstoff von AstraZeneca in den Negativschlagzeilen. Doch sind die diesmal gerechtfertigt? Mediziner klären auf, warum der Impfstopp eine reine Vorsichtsmaßnahme ist. Ob tatsächlich ein Zusammenhang mit den aufgetretenen Blutgerinnungsstörungen besteht, wird nun geprüft.

Nachdem mehrere Tage nach der Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca Thrombosen bei rund 30 Geimpften europaweit aufgetreten sind, haben mehrere europäische Staaten die Weiterimpfung vorerst eingestellt, auch Deutschland. Im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung war es bei ein paar Geimpften zu Blutgerinnungsstörungen gekommen. Auffällig sind dabei vor allem sieben Fälle von bestimmten Hirnthrombosen, um die es letztendlich geht. In Dänemark, Norwegen und Österreich sind zwei Menschen wenige Tage nach der Impfung gestorben, in Italien drei. Bei einem davon konnte mittlerweile bestätigt werden, dass kein Zusammenhang zur Impfung besteht.

Ob die Fälle tatsächlich mit der Impfung zusammenhängen, wird nun geprüft. Denn rein statistisch gesehen liegen sie in dem Rahmen, der bei der Masse an Geimpften zu erwarten gewesen sei, sagen Experten, bei denen das deutsche Science Media Center (SMC) nachgefragt hat. Thrombosen, auch tödliche, passieren häufig auch ohne Impfung. Auch die Länder bestätigen, dass es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme handelt. Am Image des sowieso bereits stigmatisierten Impfstoffes kratzt das allerdings nun weiter.

Länder setzen AstraZeneca-Impfung aus, um Thrombosefälle zu prüfen

Ausgesetzt ist die Impfung derzeit in Dänemark, Norwegen und Island für 14 Tage, um die Vorfälle zu untersuchen. Auch Bulgarien und die Niederlande warten nun erst einmal ab. Deutschland hat nach Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts am 15. März kurzzeitig die Reißleine gezogen und erwartet Ergebnisse innerhalb der nächsten Tage. Österreich impft unterdessen weiter, hat lediglich die Charge des Impfstoffes, aus der die verstorbene Frau die Impfung erhalten hat, zurückgezogen. Man beruft sich nun auf Experten, die Zugriff auf Prüfdaten sowie auf Statistiken haben. Und genau da muss man ein genaueres Auge drauf werfen.

30 gemeldete Thrombosefälle wurden bis zum 10. März 2021 innerhalb der EU im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung mit AstraZeneca gemeldet – so steht es im aktuellen Prüfbericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA. Zeitlicher Zusammenhang – das bedeutet: direkt nach bis mehrere Tage oder Wochen nach der Impfung. Interessanter ist aber die Zahl der insgesamt Geimpften, und die liegt bei fünf Millionen.

Bis zum 15. März sind weitere dazugekommen. Eine Auffälligkeit gibt es dabei: Nach Analyse der Daten fiel laut PEI auf, dass es eine auffällige Häufung einer speziellen Form sehr seltener Hirnvenenthrombosen gegeben habe. In Deutschland waren das sieben Fälle bei 1,6 Millionen verabreichten Impfdosen: Sechs Frauen, ein Mann. Diese Sinusvenenthrombosen seien in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen aufgetreten (Thrombozytopenie), ebenso wie Blutungen in zeitlicher Nähe zu den Impfungen mit AstraZeneca.

Sehr genau erklärt der Anästhesist und leitende Notarzt L. Johnsorf auf seinem Twitteraccount:

Experten vergleichen Zahlen – und stellen nichts Außergewöhnliches fest

Genau hier liegt der Knackpunkt. Die Zahlen. Gehen wir einmal zurück zu normalen Thrombosen, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass die nicht das Problem sind. Die Zahlen zeigen dennoch Eindrückliches: Im Jahr erleiden eine bis drei Personen pro 1.000 Personen eine Thromboembolie, also eine Gerinnungsstörung, bei der sich ein Teil löst und eine Ader verstopft. Hochgerechnet auf eine Million Personen sind das schon 1.000 bis 3.000 Personen, die jährlich daran erkranken – ohne Einfluss von Impfungen.

Clemens Wendtner, Chefarzt der München Klinik Schwabing, in der die ersten deutschen Covid-19-Patienten vergangenes Jahr behandelt worden sind, erklärt die Zahlen dem SMC gegenüber genauer: "Insgesamt wurden der EMA 30 Fälle von thromboembolischen Ereignissen bis zum 10. März 2021 bei mehr als fünf Millionen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpften Personen im Europäischen Wirtschaftsraum gemeldet. Das entspricht einem Risiko von zirka 1 zu 170 000. Venöse Thrombosen kommen dagegen unabhängig von Covid-19 mit einer jährlichen Inzidenz von etwa 1 pro 1000 Erwachsenen vor, also mit einem Faktor 100 häufiger in der Allgemeinbevölkerung."

Das bestätigt Phil Bryan vom MHRA Vaccines Safety Lead in Großbritannien, wo der Impfstoff großflächig verimpft wird: "Die Zahl an Thrombosen bei Geimpften ist nicht größer als die Anzahl, die natürlicherweise in der Bevölkerung vorgekommen wäre."

Der Grund für die Aussetzung aber sind die Sinusvenenthrombosen. Auch die kommen ohne Impfung häufig vor und wurden bereits bei Covid-Patienten entdeckt.

Die Zahl dieser Hirnvenenthrombosen ist sehr gering, die wenigen verzeichneten Fälle aber stark. Daher ist eine genauere Überprüfung durchaus sinnvoll. Auch, wenn für die Allgemeinheit keine größere Gefahr bestehen dürfte, lässt sich damit möglicherweise ein Risikofaktor entdecken, der Menschen mit bestimmten Merkmalen von der Impfung mit diesem Vakzin aus Sicherheitsgründen ausschließen könnte.

Großbritannien: Mehr Thrombosen nach Biontech – und immer noch sehr wenige

Sehen wir uns genauer an, warum aber für die Allgemeinheit keine großen Bedenken bestehen dürften: In Großbritannien sind bei rund 10 Millionen verimpften Impfdosen 13 Fälle einer von einer Thrombose ausgelösten Lungenembolie im zeitlichen Zusammenhang mit einer AstraZeneca-Impfung aufgetreten. Bei den ebenfalls rund 10 Millionen verimpften Impfdosen von Biontech/Pfizer waren es 15 Lungenembolien, die Tage nach einer Impfung aufgetreten sind. Das erklärt der österreichische Wissenschaftsjournalist und Molekularbiologe Martin Moder noch einmal eindrücklich:

"In beiden Fällen keine auffällige Häufung im Vergleich zu nicht-Geimpften", schreibt er. "Trotzdem wird seit Tagen ausschließlich in Bezug auf AstraZeneca eine Lungenembolie/Blutgerinnsel-Anekdote nach der anderen durch die Medien gejagt." Auch er weist darauf hin, dass ein Zusammenhang geprüft werden müsse: "Ich weiß derzeit natürlich auch nicht, ob es da eventuell einen Zusammenhang geben könnte. Mit Sicherheit werden sich sehr seltene Nebenwirkungen erst im Laufe der Zeit zeigen. So ist das bei allen Arzneimitteln. Das war bei BioNTech nicht anders (Anaphylaxie etc.)."

Aber auch er ergänzt: "Zwecks Einordnung: Muss man wegen Covid19 ins Spital, ist die Chance auf eine Thrombose etwa 1:6."

Impfstopp als Vorsichtsmaßnahme: Gut oder schlecht?

Wie erwähnt: Es gibt hier durchaus wichtige Bedenken aufgrund der Hirnvenenthrombosen. Und auch, wenn die Zahl derer extrem gering im Vergleich zu der Gesamtzahl der Impfungen ist, ist es hier nur richtig, sich die Daten genauer anzusehen.

Viele fragen sich, ob dazu ein Impfstopp notwendig sei. Für ein paar Tage, bis bessere Daten vorliegen, kann man dies aus reiner Sicherheits-Sicht durchaus nachvollziehen. Denn Sicherheit geht vor. Die sehr geringe Zahl der Fälle hätte Experten zufolge aber auch eine andere Möglichkeit geebnet: den mit AstraZeneca Geimpften – oder noch besser, gleich allen Geimpften – mit auf den Weg zu geben, sich sofort zu melden, wenn Beschwerden auftreten, die über das Maß der bereits bekannten Impfreaktionen hinaus gehen.

Schon mit AstraZeneca geimpft? Das ist jetzt zu tun

Da der Impfstopp mitten in der Impfzeit erfolgte, sind nun viele bereits geimpfte Menschen verunsichert. Liegt die Impfung schon länger als zwei Wochen zurück und es geht Ihnen gut, machen Sie sich bitte keine Gedanken. Wer erst vor wenigen Tagen bis Wochen geimpft wurde und merkt, dass das Wohlbefinden über mehrere Tage immer weiter absinkt, soll aber dennoch wachsam sein. Das PEI rät: Personen, die sich nach der AstraZeneca-Impfung "mehr als vier Tage [...] zunehmend unwohl fühlen – zum Beispiel mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen", sollen sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben.

Generell gilt: Sollten Sie Symptome wie stechenden Kopfschmerz und unerklärliche Einblutungen oder auch geschwollene, heiße Beine bei sich feststellen, egal ob mit oder ohne Impfung: Bitte immer schnellstmöglich ärztliche Hilfe anfordern.

Das PEI hält aber fest: Kopfschmerzen direkt nach der Impfung über einen kürzeren Zeitraum, etwa zwei Tage, sind kein Hinweis auf eine ernste Nebenwirkung, sondern ein Zeichen für die Immunantwort des Körpers. Dennoch: Sind die Kopfschmerzen extrem stark bis unerträglich, bitte immer ärztliche Hilfe kontaktieren.

Wer übrigens erst eine Impfdosis von AstraZeneca bekommen hat, muss nicht verzagen. Die Zweitimpfung ist noch drei Monate nach der Erstdosis möglich. Wird weiter mit dem Vakzin geimpft, kann der Termin also gut nachgeholt werden. Und schon eine Dosis kann das Infektionsrisiko reduzieren, um rund 78 Prozent. Außerdem soll die Möglichkeit bestehen, später einen anderen Impfstoff zu erhalten.

Thrombose-Risiko bei Covid-19 vielfach höher

Übrigens: Das Risiko einer Thrombose sei während einer Covid-19-Erkrankung um ein Vielfaches höher, erklärt auch Wendtner neben vielen anderen Ärzt*innen. "In einer aktuellen US-amerikanischen Auswertung basierend auf 3334 Patienten traten thromboembolische Ereignisse bei insgesamt 533 Patienten auf. Das entspricht 16 Prozent der Untersuchten", sagt er. "Das Risiko, an einer Covid-19 assoziierten Thrombose Schaden zu nehmen, ist also um ein Vielfaches höher." Man könne mit derzeitigem Kenntnisstand davon ausgehen, "dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen gibt."

AstraZeneca: Das wirksame und doch ungeliebte Vakzin

Für die Impfkampagnen sind die derzeitigen Meldungen ein erneuter Rückschlag. "Bereits jetzt ist ein Schaden gesetzt, aber nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch eine Aussetzung der Impfkampagne in einigen europäischen Ländern wie Dänemark und Norwegen", sagt Wendtner.

Und damit reiht sich dieser eigentlich gar nicht vorhandene Skandal in die fingierten Hiobsbotschaften der Vergangenheit ein: "Nachdem AZD1222 erst im Nachrückverfahren in Deutschland für ältere Patienten über 65 Jahre durch die Stiko (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) empfohlen wurde und die nahezu 100-prozentige Schutzwirkung vor schweren Verläufen nur latent kommuniziert wurde, ist bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffs und der Impfkampagne insgesamt schadet." Mittlerweile weiß man: Ein schwerer Verlauf wird um 90 Prozent reduziert: AstraZeneca wirkt bei Älteren sehr gut.

Thrombosen und Lungenembolien sind schlimm, keine Frage, insbesondere wenn sie zum Tod führen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sie leider häufig auftreten – auch ohne vorherige Impfung. Dass solche Fälle nach Impfungen auftreten, ist also rein statistisch gesehen vollkommen normal. Dennoch ist es richtig, sich solche Fälle genauer anzusehen.

Selbstverständlich müssen Impfstoffe, die neu auf dem Markt sind, ebenso übrigens wie Medikamente, engmaschig beobachtet werden. Und so kommt es eben dazu, dass jede unerwünschte Auffälligkeit, die in den Zeitraum mehrerer Wochen nach der Impfung (oder Medikamentengabe) fällt, erst einmal untersucht wird. Nur so kann die Sicherheit für ein solches Mittel über lange Zeit garantiert und im tatsächlichen Ernstfall schnell gehandelt werden. Medikamente und Impfungen dürfen nur verteilt werden, wenn der Nutzen eventuelle Risiken übersteigt. Nach den bisher verfügbaren Zahlen ist das auch beim Impfstoff von AstraZeneca der Fall. Ob sich das nun verschiebt, werden Experten prüfen. Sehen wir es als Chance: Wenn hier genauer hineingeschaut wird und das Vakzin am Ende doch weiter seine Zulassung behalten kann, können wir sicher sein, dass der Nutzen stark überwiegt. Am Donnerstag will der Sicherheitsausschuss der EMA eine Entscheidung treffen.

Es ist aber auch alles eine Sache der Kommunikation: Die bisherigen Zahlen zeigen wenig Auffälligkeiten. Impfungen auszusetzen, um zu prüfen, ist völlig normal. Hier einen Zusammenhang hineinzuinterpretieren, der noch nicht belegt ist, und dies über soziale Medien und Co zu kommunizieren, gleichzeitig die ungleich höhere Gefahr durch das Coronavirus selbst herunterzuspielen, grenzt hingegen an, ja, drücken wir es so aus: Panikmache.

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Quellen:

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