Aktualisiert: 11.03.2021 - 18:09

Hat es das Coronavirus so leichter? Auch bei Nicht-Allergikern: Erhöhen Pollen wirklich das Covid-Risiko?

Skeptischer Blick nach draußen in die blühende Welt: Erhöhen die vielen Pollen da draußen auch die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Eine Studie sieht einen Zusammenhang, doch Experten sind skeptisch.

Foto: Getty Images/Francesco Riccardo Iacomino

Skeptischer Blick nach draußen in die blühende Welt: Erhöhen die vielen Pollen da draußen auch die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Eine Studie sieht einen Zusammenhang, doch Experten sind skeptisch.

Wenn wir viele Pollen einatmen, setzt das unseren Körper in Alarmbereitschaft. So hat er weniger Ressourcen über, um potentiell ebenfalls eingeatmete Coronaviren und andere Erreger zu bekämpfen. Einer Studie zufolge ist das ist vor allem für Allergiker ein Problem – aber im Grunde ist das auch nichts Neues. Der größte Pollenflug steht uns derweil noch bevor.

Gerade macht eine Studie die Runde, die vor allem in Allergikern zumindest Bedenken hervorruft: Dieser Studie zufolge können viele Pollen in der Luft das Risiko erhöhen, an Covid-19 zu erkranken bzw. sich mit dem Coronavirus überhaupt anzustecken. Demnach belasten Pollen die Atemwege und damit auch das Immunsystem so stark, dass die Körperabwehr sich weniger um eindringende Viren kümmern könne.

Mehr Pollen = höheres Corona-Risiko?

Dass starker Pollenflug das Immunsystem schwächen kann, ist im Grunde nichts Neues. Und das zeigt die Studie einer Forschungsgruppe des Helmholtz Zentrums München und der TU München auch. Für die im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Science" veröffentlichte Studie haben die Forschenden Daten zur Pollenbelastung sowie die Infektionszahlen des Coronavirus aus insgesamt 130 Regionen in 31 Ländern verglichen.

Mit eingeflossen sind dabei auch jeweils die Umweltbedingungen der Regionen, die Bevölkerungsdichte, demografische Faktoren, aber auch die Lockdown-Ausprägungen.

Das Ergebnis der Analyse: Bei höherem Pollenflug gab es auch einen Anstieg der Infektionszahlen zu verzeichnen. Hängt das also zusammen? Die Forschenden sehen das so: Das Immunsystem von Allergikern hat bei starkem Pollenflug bereits viel zu tun. Denn jede Polle erkennt der Körper als Fremdkörper – bei Allergikern gibt es darauf eine viel zu starke Reaktion. Doch bei extremer Pollenbelastung sind demnach auch Menschen stärker belastet, die nicht an einer Allergie leiden. Denn wenn Pollen auf Schleimhautzellen treffen, lösen sie dort eine Ausschüttung bisher noch nicht bekannter Substanzen aus, die unser Abwehrsystem schwächen.

Währenddessen stellt das Immunsystem insbesondere von Allergikern daher in so einer Zeit der Anstrengung weniger antivirale Interferone her. Der Schluss der Forschenden: Viren können in den Atemwegen nicht mehr so gut und schnell abgefangen und unschädlich gemacht werden. Das Infektionsrisiko steige demzufolge, so die Gruppe.

Interessant dazu: Was passiert im Körper eigentlich bei einer Allergie?

Schlussfolgerung zu dramatisch? Pollen-Experte gibt Entwarnung

Doch einer, der die Studie vor Erscheinen zusammen mit seinem Team begutachten sollte, ist Uwe Berger. Er ist Leiter des Pollenwarndienstes der Medizinischen Universität Wien und kennt sich mit Pollen entsprechend gut aus. Und er sieht die Schlussfolgerung der Forschenden als nicht richtig an. Die Forschenden aus München hätten seiner Meinung nach mit dem falschen Ansatz gearbeitet, als sie sich die Pollenkonzentration und die Infektionszahlen vom Frühjahr 2020 angeschaut haben. Denn genau in dieser Zeit fand die erste Coronavirus-Welle statt.

Und nicht nur das: 2020 war Berger zufolge ein sehr pollenreiches Jahr. Das Tragen von Masken habe sogar einen Einfluss auf die Allergie-Beschwerden gehabt, sagt er. So hätten 2020 weniger Menschen an Beschwerden gelitten.

Zusammenhang zwischen Pollen und Infektionsanfälligkeit nicht neu

Der Deutschen Presse-Agentur gegenüber beruhigt der Allergologe und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), Jörg Kleine-Tebbe, nach erster Einschätzung: "Die Korrelation zwischen Pollenflug und Infektionen ist offenbar vorhanden, aber gering ausgeprägt." Es gebe also einen Zusammenhang zwischen Pollenkonzentration und Infektionen. Das ist schon lange bekannt. Doch dieser sei so gering ausgeprägt, dass es nun keinen Anlass für Panik vor dem Coronavirus gebe. "Das ist kein extremer Befund."

Die Studie ist damit übrigens nicht falsch: Dass auch Coronaviren des Typs Sars-CoV-2 es leichter haben könnten, wenn mehr Pollen unterwegs sind, sei durchaus neu, erklärt Clemens Wendtner, Infektiologe aus München und Chefarzt der München Klinik Schwabing, 2020 bekannt geworden als einer der Mediziner, die die ersten deutschen Covid-Patienten behandelt hatten. Nur ist der Zusammenhang möglicherweise nicht ganz so dramatisch, wie derzeit oft berichtet. Wer unter starker Pollenallergie leidet, sollte – wie jedes Jahr – dennoch die für sich selbst schlimmste Pollenflugzeit am besten drinnen verbringen.

Tipp für Allergiker: Filternde Maske tragen

Das alles wiederum weist dennoch auf eine sehr gute Möglichkeit für Heuschnupfen-Allergiker hin, mit dem diesjährigen Pollenflug umzugehen: Maske tragen – und zwar Staubfiltermaske, sprich: FFP2. Die hält nämlich nicht nur Viren ab, sondern lässt auch weniger Pollen durch, wenn sie fest im Gesicht sitzt. Das rät auch eine der Autorinnen der Münchner Studie, Prof. Claudia Traidl-Hoffmann, die am Institut für Umweltmedizin arbeitet: "Staubfiltermasken zu tragen, wenn die Pollenkonzentration hoch ist, kann das Virus und den Pollen gleichermaßen von den Atemwegen fernhalten."

Und das scheint ob der noch auf uns bzw. vor allem auf Allergiker zukommenden Zeit definitiv keine schlechte Idee zu sein. Denn auch wenn Allergiker, die auf Frühblüher reagieren, zuletzt schon mit Schniefnase und tränenden Augen zu kämpfen hatten, kommt vieles erst noch auf uns zu.

Fest steht also vor allem: Wir schützen uns weiter gegen das Coronavirus mit den altbekannten Mitteln Abstand, Maske, Hände waschen. Mit dem Lüften wird's für Allergiker da allerdings etwas schwieriger. Daher haben wir hier noch ein paar Tipps, wie Sie Ihre Wohnung pollenfrei bekommen. Außerdem verraten wir die 12 besten Hausmittel gegen Heuschnupfen und erklären, welche rezeptfreien Mittel gegen Heuschnupfen tatsächlich helfen.

Studie:

Damialis, Gilles, Traidl-Hoffmann et al. (PNAS, 2021): "Higher airborne pollen concentrations correlated with increased SARS-CoV-2 infection rates, as evidenced from 31 countries across the globe"

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