Aktualisiert: 24.02.2021 - 16:22

Suchtgefahr "Schnell mal ein Schmerzmittel": Wann entsteht eine Medikament-Abhängigkeit?

Eine Schmerzmittel-Abhängigkeit kommt meist schleichend. Worauf ist zu achten?

Foto: Getty Images/Grace Cary, Canva.com [M]

Eine Schmerzmittel-Abhängigkeit kommt meist schleichend. Worauf ist zu achten?

Eine Schmerzmittelsucht gibt es nur in den USA? Falsch gedacht – auch in Deutschland sind rund 1,6 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten. Schmerzmittel spielen dabei eine große Rolle.

Schmerzmittel besitzen nebst Beruhigungs- und Schlafmitteln mit das höchste Suchtpotenzial unter Medikamenten. Das Kritische dabei: Die Abhängigkeit kommt schleichend und wird dabei als solche oft erst viel zu spät wahrgenommen. Wird das Medikament dann abgesetzt, kommt es zu körperlichen und psychischen Problemen – zu Entzugserscheinungen.

Die Zahl derer, die in Deutschland an einer Schmerzmittelabhängigkeit leiden, ist überraschend hoch. Laut dem Epidemioligischen Suchtsurvey 2018 des Instituts für Therapieforschung in München sind in Deutschland sogar mehr Menschen von Schmerzmitteln abhängig als von Alkohol. Dem Survey nach galten in Deutschland in diesem Zeitraum 1,6 Millionen Menschen als alkoholabhängig, bei einer Prävalenz von 3,1. Schmerzmittelabhängig waren ebenfalls 1,6 Millionen Menschen, die Prävalenz war mit 3,2 leicht höher. Schätzungen der vergangenen Jahre liegen immer so zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen. Doch die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher, denn die Abhängigkeit wird oft nicht erkannt.

Schmerzmittelabhängigkeit: Suchtpotenzial hoch

In der Tat überraschen die Zahlen wohl die meisten von uns auf den ersten Blick, wird die "Sucht" doch in der Regel mit Genussmitteln wie Zigaretten, Alkohol und Drogen verbunden. Und das macht die Medikamentensucht, darunter die Schmerzmittelsucht, so gefährlich: Die Sinne, eine solche Sucht zu erkennen, sind weniger geschärft, der Gedanke ist groß, dass das Medikament ja hilft und die Schmerzen sonst nicht zu ertragen sind. Schmerzmittel werden zudem häufig verschrieben. Nicht umsonst sind freiverkäufliche Schmerzmittel nur in geringen Dosierungen frei verkäuflich.

Doch gerade bei den verschriebenen Schmerzmitteln gegen stärkere Schmerzen besteht erhöhtes Suchtpotenzial. Das hat unter anderem auch die Stiftung Warentest in einem Schmerzmittel-Test deutlich gemacht.

Unterschied zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit

Im Grunde muss übrigens ein Unterschied zwischen Sucht und Abhängigkeit gemacht werden. Während die Abhängigkeit sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sein kann, spricht man von einer Sucht, wenn die konsumierten Substanzen die Psyche beeinflussen. Entzugserscheinungen gibt es nach Absetzen eines Medikaments sowohl bei körperlicher als auch psychischer Abhängigkeit.

  • Körperliche Abhängigkeit: Kopfschmerzen, Übelkeit, innere Unruhe, weitere Beschwerden je nach Wirkstoff
  • Psychische Abhängigkeit: starkes Verlangen (engl. "craving"), das schwer zu ertragen ist

Übrigens ist eine Medikamentensucht nicht mit dem Medikamentenmissbrauch zu verwechseln. In letzterem Fall werden Medikamente anders als vom Arzt verordnet eingesetzt – etwa ohne medizinische Notwendigkeit oder in zu hohen Dosen und zu lange. Doch ein Medikamentenmissbrauch kann schnell zur Sucht führen.

Besonders gefährlich: die Opioide

Wer an eine Schmerzmittelsucht denkt, denkt vielleicht vor allem an die Opiumkrise in den USA. Dort gelten enorm viele Menschen als suchtkrank, vor allem weil Opioide lange ohne große Hürden verkauft und auch verschrieben wurden. 2017 starben etwa 40.000 US-Bürgerinnen und Bürger an den Folgen ihrer Opioid-Abhängigkeit.

Hierzulande ist der Markt zwar geregelter. Doch Opioide, die zu den Betäubungsmitteln, den Analgetika, zählen, werden auch hier bei sehr starken oder chronischen Schmerzen verschrieben. Ein Beispiel ist etwa Tramadol, das als schwächere Form gilt – oder Tilidin, ein Schmerzmittel, von dem Sängerin Aline Bachmann nun ihre Abhängigkeit preisgegeben hat. Doch die Morphiumabkömmlinge müssen zwingend richtig dosiert und auf eine bestimmte Anwendungsdauer beschränkt werden, sonst können sie schnell psychisch und körperlich abhängig machen. Betroffene entwickeln sehr schnell eine Toleranz. Eine Einnahme von Opioiden muss daher zwingend strengstens ärztlich kontrolliert werden.

Entzugserscheinungen sind bei Opioiden Kopfschmerzen, Zittern, Unruhe und Schlafstörungen, Verspannungen, Bewusstseinsstörungen und schlechte Laune.

Ein Symptom, das bei zu häufiger Einnahme von Opioiden auftritt, aber auch als Nebenwirkung von Aspirin bekannt ist, ist der medikamenteninduzierte Kopfschmerz – eine Art Dauerkopfschmerz.

Nicht nur bei Medikamenten: Wie erkennt man eine Abhängigkeit?

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin e. V., Prof. Dr. med. Ulrich W. Preuss, nennt gegenüber der IKK Classic Krankenkasse sechs Kriterien, die auf eine Abhängigkeit hindeuten können. Mindestens drei davon müssen ihm zufolge mindestens einen Monat innerhalb eines Zwölf-Monats-Zeitraums zutreffen:

  • Drang: Eine Substanz muss unbedingt eingenommen werden.
  • Entzugserscheinungen: Wird die Substanz nicht eingenommen, spürt die/der Betroffene das deutlich.
  • Toleranzentwicklung: Die Menge des Konsums wird immer weiter erhöht, weil vorherige Dosen nicht mehr den erhofften Effekt erzielen.
  • Kontrollverlust über den Konsum: Betroffene nehmen deutlich mehr zu sich, als sie beabsichtigt haben.
  • Vernachlässigung wichtiger Aktivitäten: Der Konsum hindert Betroffene daran, ihren alltäglichen Aktivitäten, wie dem Beruf, auch tageweise nachzugehen. Soziale Kontakte werden vernachlässigt, möglicherweise ist auch die Körperhygiene mangelhaft.
  • Anhaltender Konsum trotz negativer Folgen: Betroffene können ihren Substanzkonsum nicht einschränken, obwohl die Folgen deutlich sind und große Probleme bereiten.

Prof. Preuss betont aber: "Ein täglicher oder hoher Konsum definiert noch keine Abhängigkeit." Doch wird ein Medikament oder eine andere Substanz regelmäßig bereits im Bereich der empfohlenen Dosis eingenommen, könne das auf eine Konsumstörung hindeuten.

Abhängig von Schmerzmitteln: Was tun?

Sollten Sie bei sich oder einer Ihnen nahe stehenden Person eine Schmerzmittelabhängigkeit vermuten, ist es ein guter Tipp, die Beschwerden sowie die Dauer und Menge der Schmerzmitteleinnahme aufzuschreiben und sie einem Arzt vorzulegen. Je früher eine Medikamentensucht erkannt wird, desto besser lässt sich gegensteuern. Doch auch nach langen Zeiträumen besteht noch Chance auf Heilung. Besteht eine Abhängigkeit schon sehr lange, sollte der Entzug immer unter professioneller Aufsicht durchgeführt werden.

Achten Sie bitte auch bei frei verkäuflichen Schmerzmitteln (und anderen frei verfügbaren Medikamenten) unbedingt auf die Dosierungsanweisung. Denn jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Es kann nur helfen, wenn es ordnungsgemäß eingenommen wird.

In der Kritik steht auch das Schmerzmittel Diclofenac, das trotz hoher Nebenwirkungen zu häufig eingenommen wird,. Übrigens: Jedes Schmerzmittel wirkt anders. Lesen Sie unseren Schmerzmittel-Vergleich: Was wirkt wie, wann und warum?

Noch häufiger als die Schmerzmittelabhängigkeit ist übrigens die Sucht nach Schlafmitteln oder Beruhigungsmitteln. Und auch eine Nasenspray-Sucht zählt zu den Medikamentenabhängigkeiten.

Studie:

Atzendorf et al. (Dtsch Arztebl Int 2019): "Gebrauch von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen und Medikamenten: Schätzungen zu Konsum und substanzbezogenen Störungen in Deutschland"

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