Aktualisiert: 08.02.2021 - 18:25

Herzinfarkt bei Frauen Lisa Ortgies: "Der Infarkt hat mich in den Grundfesten erschüttert"

Bei "Hirschhausens Sprechstunde" erzählt die Journalistin Lisa Ortgies über ihren Herzinfarkt und warum die Symptome bei Frauen oft anderes sind. Uns hat sie im Interview verraten, was die Diagnose mit ihr gemacht hat und wie sie heute damit umgeht.

Foto: WDR/BEN KNABE

Bei "Hirschhausens Sprechstunde" erzählt die Journalistin Lisa Ortgies über ihren Herzinfarkt und warum die Symptome bei Frauen oft anderes sind. Uns hat sie im Interview verraten, was die Diagnose mit ihr gemacht hat und wie sie heute damit umgeht.

Wussten Sie, dass Herzinfarkte bei Frauen oft viel zu spät erkannt werden? Auch die Journalistin und Moderatorin Lisa Ortgies war betroffen. Im Interview verrät sie uns, warum die Diagnose damals ein Schock war und warum es sich lohnt, auch im Vorfeld schon auf Belastungen zu hören und Probleme ernstzunehmen.

Er kann so schnell passieren, und doch bekommt vor allem Frau ihn nicht immer richtig mit – bis es dann möglicherweise zu spät ist. Glück hatte Lisa Ortgies, die vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat: Ihr Körper hat klassische Symptome gezeigt. Doch das ist nicht immer so. Sie erzählt, was bei Frauen im Moment des Infarktes und auch im Vorfeld anders sein kann. Sie spricht aber auch darüber, was die Diagnose damals mit ihr gemacht hat und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat. Denn nicht nur der Körper leidet, die Psyche hat einen ganz großen Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Warum diese Erkenntnis uns so wichtig ist, verrät sie heute Abend in "Hirschhausens Sprechstunde" – und im BILD der FRAU im Interview.

Herzinfarkt im Urlaub: Lisa Ortgies wusste – es ist wieder das Herz

Wie haben Sie damals festgestellt, dass etwas nicht stimmt – und was haben Sie dann gemacht?

Lisa Ortgies: Ein Jahr zuvor hatte ich schon einen Vorfall, bei einem Urlaub in New York – einen Herzkrampf oder auch Broken Heart Syndrom genannt. Die Symptome sind genauso wie bei einem Infarkt.

Wir waren in Soho in einem Restaurant essen und es gab den üblichen Nach-den-ersten-3-Tagen-Urlaub-Familienstreit und direkt danach dachte ich: Kann einem vor Wut übel werden? Dann kam Atemnot dazu und Schwindel und zurück im Hotel konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich habe mich erstmal ins Hotelzimmer gelegt und dachte – das vergeht wieder. Aber es wurde immer schlimmer – mein Mann hat dann die Symptome gegoogelt und dann ging‘s ins Krankenhaus. Aus dieser Erfahrung kannte ich die Anzeichen und beim Infarkt ein Jahr später wusste ich sofort, dass es wieder das Herz sein muss. Die Symptome waren allerdings ungleich stärker.

Im Nachhinein betrachtet: Hat es Anzeichen gegeben, die Sie jetzt besser zuordnen könnten?

Lisa Ortgies: Im Vorlauf zum Infarkt hatte ich leichte Sehstörungen, Übelkeit, Schwindel und einige Male Herzrhythmusstörungen. In den jeweiligen Momenten habe ich aber immer nur kurz in mich reingehorcht und die Vorahnung gleich wieder abgeschüttelt, weil die Ärzte*innen damals meinten, dass sich so etwas wie ein Broken Heart Syndrom selten wiederholt. Und für chronische Herzprobleme war ich aus ihrer Sicht zu jung und zu gesund. Ich habe es damals selbst nicht für möglich gehalten, dass ich einen Infarkt haben könnte und deshalb die Anzeichen auch nicht als solche gedeutet.

Es müssen nicht immer die klassischen Symptome sein

Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen ja nicht immer mit den "klassischen" Symptomen wie dem sogenannten "Vernichtungsschmerz". Viele wissen das gar nicht. Was ist anders?

Lisa Ortgies: Das ist richtig. Meine Symptome waren relativ typisch, inklusive Vernichtungsschmerz. Aber aus meinen Recherchen weiß ich, dass Frauen unter Umständen ganz atypische Herzinfarkt-Symptome haben wie Schmerzen im Oberbauch, Rückenschmerzen, schlagartige Müdigkeit oder ein Gefühl wie Sodbrennen. Wir haben das auch schon häufig bei Frau tv thematisiert: Durch die Wechseljahre entfällt bei Frauen der Schutz durch die Östrogene, die die Bildung von Ablagerungen in den Gefäßen verhindern. Das Risiko steigt dann rascher als bei Männern.

Wegen der unspezifischen Beschwerden landen die Frauen aber oft beim Hausarzt oder Gastroenterologen und werden mit Medikamenten gegen Magenbeschwerden nach Hause geschickt. Durch die falsche Diagnose vergeht häufig kostbare Zeit. Die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Herzinfarkten ist bei Frauen deshalb höher als bei Männern.

Hat man Ihnen damals erklären können, warum die Symptome bei Frauen so anders und vor allem diffus ausfallen?

Lisa Ortgies: Die Hintergründe für die Unterschiede sind bis heute nicht erforscht. Es ist aber bezeichnend, dass die Symptome bei Männern sozusagen als Standard festgelegt sind. Und die der Frauen als Abweichung davon. Weil die Forschung zur Prävention, Behandlung und zu Medikamenten bisher vor allem auf Studien mit Männern beruht, ist die ganze Bandbreite der Symptome bisher schlichtweg noch nicht erfasst. Obwohl die Sterblichkeit bei Frauen deutlich höher ist.

Ich vermute, die unterschiedlichen Symptome haben mit unterschiedlichen neuronalen Reaktionen und Rückmeldungen des Herzens zu tun.

"Ich hab mein Herz zu meinem Berater und Freund gemacht"

So eine Diagnose bringt ja nicht nur den Körper durcheinander, sondern auch die Psyche. Wie sind Sie damals damit umgegangen? Haben Sie hier Tipps für betroffene Frauen?

Lisa Ortgies: Der Infarkt hat mich sozusagen in den Grundfesten erschüttert. Ich habe Ängste entwickelt und konnte mit dieser ständigen potenziellen Bedrohung extrem schlecht umgehen. Ich habe zunächst den Fehler gemacht, das Problem managen zu wollen. Wie zuvor mein ganzes Leben. Ich habe Aufträge delegiert, abgesagt, ein Buchmanuskript um ein Jahr verschoben etc.

Die Lösung liegt aber nicht darin, so schnell wie möglich in Aktionismus zu verfallen, sondern in sich zu gehen und den eigenen Körper neu kennen zu lernen. Ich habe meine Selbstwahrnehmung enorm verbessert. Das ist gleichzeitig Fluch und Segen, denn mein Herz zeigt mir jetzt nicht nur an, wenn ich meine Grenzen überschreite, es reagiert auch schneller und sehr selbstständig auf seelische Belastungen. Wenn ich nachts mit Herzrasen aufschrecke, kann ich aber inzwischen ziemlich genau identifizieren, was mir am Tag so zu schaffen gemacht hat. Und daraus kann ich lernen.

Ich hab mein Herz zu meinem Berater und Freund gemacht. Ich habe jetzt weniger Angst vor seinen Reaktionen, weil ich darüber wichtige Hinweise bekomme. Ich hab früher zu oft Ja gesagt und eingesteckt und mich geschützt vor Schmerz. Der Weg führt hindurch. Was dem Herz am meisten zu schaffen macht, sind die Dinge, die man nicht spüren will.

Was hat sich seitdem für Sie geändert?

Lisa Ortgies: Ich mache keinen Unterschied mehr zwischen Körper und Seele und achte sehr auf die Menschen und die Gedanken, mit denen ich mich beschäftige. Ein Symptom hat fast immer eine psychische Verankerung.

Ich versuche mein Leben so wenig wie möglich zu kontrollieren und mich seelisch flexibel zu halten, um Enttäuschungen besser einordnen zu können, aber auch um einen Glücksmoment besser zu erkennen und darauf zu surfen. Ich habe angefangen, mich nach meinen Herzenswünschen zu fragen und meinen Bedürfnissen und Sehnsüchten zu folgen. Ich habe mehr Lebensfreude und Leichtigkeit in mein Leben gelassen. Das geht aber auch nur auf Kosten der Kontrolle. Manche Beziehungen haben sich völlig verändert, ein paar Leute sind auch hinten über gefallen. Oder neu hinzugekommen. Der Kontakt zu meinen Lieben und zu Menschen, die mir wichtig sind, hat sich intensiviert.

Der Infarkt als Warnschuss

Herzinfarkt ist immer eine bedrohliche Vorstellung, mit der sich wohl die wenigsten auseinandersetzen wollen. Was geben Sie uns mit auf den Weg?

Lisa Ortgies: Es hat keinen Sinn, sich von der Angst vor einem weiteren Infarkt beherrschen zu lassen. Dann können Sie sich gleich in den Sarg legen, weil das Leben an Ihnen vorbei zieht. Ich versuche den Infarkt als Warnschuss zu betrachten, mit dem sich viele Türen geöffnet haben. Ich habe nach wie vor Symptome und manchmal muss ich in die Notaufnahme. Aber die Symptome betrachte ich jetzt als Nachrichten aus dem Inneren. Und als Aufforderung zur Pause und zum Reinhorchen.

Und ich habe akzeptiert, dass die wissenschaftliche Medizin mir nur im akuten Fall helfen kann. Und dafür bin ich sehr dankbar! Die Stents in meinem Herzkranzgefäß möchte ich nicht mehr missen. Aber den Rest muss ich selbst angehen.

Wir danken für das ehrliche, sympathische Interview und wünschen Lisa Ortgies weiterhin alles Gute.

Sie wollen die sympathische Journalistin in Aktion sehen? Hier gibt's aktuelle Folgen von Frau tv in der ARD-Mediathek.

Die 55-Jährige hat außerdem ein Buch veröffentlicht, erschienen unter dem charmanten Titel: "Ich möchte gern in Würde altern, aber doch nicht jetzt". Der Klappentext: Eines Morgens erwacht Lisa Ortgies im "Emergency Room". Allerdings in einem echten. Denn bei einem New-York-Besuch erleidet sie einen Herzinfarkt und wird in ein Krankenhaus gebracht, das der TV-Serie verdammt ähnlich sieht. Wie kann das sein – mit fünfzig? Anlass genug für einen Blick nach vorn, zurück und um sich herum, auf ihre Altersgenossen. Wie leben wir eigentlich, wir Middle-Ager? Irgendwann sind wir erwachsen geworden, ohne es zu merken, und jetzt stehen wir mitten im Leben und haben genauso viele Fragen wie in der Pubertät. Passe ich in die Skinny Jeans? Was spricht gegen ein drittes Kind? Oder für einen zweiten Mann? Wie sehe ich aus bei meinen Versuchen, jung zu bleiben? Noch nie hatte eine Generation so viele Möglichkeiten, sich selbst auszuprobieren – und das macht es nicht leichter ... Lisa Ortgies erzählt von Männern und Frauen, die alles richtig machen wollen, aber manchmal plötzlich vor der Entscheidung "alles" oder "richtig" stehen."

Und noch ein TV-Tipp: Heute Abend, am 8. Februar 2021, ist Lisa Ortgies zu Gast bei Eckart von Hirschhausen in "Hirschhausens Sprechstunde" – zu sehen um 20:15 Uhr im WDR oder ebenfalls in der ARD-Mediathek.

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Brustschmerzen und Co können auf ein akutes Koronarsyndrom hindeuten. Auch linksseitige Bauchschmerzen sollten Sie immer abklären lassen. Bei einem Gefühl von Blähungen kann auch das Roemheld-Syndrom dahinterstecken.

In diesen Zeiten ist der Stresspegel oft hoch. Lisa Ortgies hat es selbst erlebt: Herzinfarkt kann auch durch Stress und Gefühle ausgelöst werden. Sollten Symptome auftreten, ist das immer ein Notfall – auch in diesen Zeiten. Trotz Corona-Angst: Bei Herzinfarkt und Co sollten sie daher sofort ins Krankenhaus!

Mehr Infos rund um Herz-Kreislauf-Krankheiten, etwa Tipps, wie Sie , lesen Sie auf unserer Themenseite.

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