Aktualisiert: 31.01.2021 - 18:55

Herzinfarkt und Angina pectoris erkennen & behandeln Wann sind Brustschmerzen ein akutes Koronarsyndrom?

Von Gabriele Eisenrieder

Dr. Lorber rät: Ist der Herzschlag ausgesetzt, bitte nicht mit der Herzmassage zögern! Bei akutem Koronarsyndrom ist schnelles Handeln gefragt.

Foto: Getty Images/Jan-Otto

Dr. Lorber rät: Ist der Herzschlag ausgesetzt, bitte nicht mit der Herzmassage zögern! Bei akutem Koronarsyndrom ist schnelles Handeln gefragt.

Schmerzt plötzlich die Brust, erlebt man vielleicht gerade ein akutes Koronarsyndrom – und schwebt in Lebensgefahr. Was eine Kardiologin dann rät.

Rund zwei Millionen Mal im Jahr stellen Not- und Hausärzte hierzulande die Arbeitsdiagnose: Akutes Koronarsyndrom. Das bedeutet, dass ein Patient gerade in akuter Lebensgefahr schweben könnte, weil er Symptome eines Herzinfarkts oder einer instabilen Angina pectoris hat. Was genau hinter der plötzlichen Herzenge steckt, muss später geklärt werden, erst einmal ist vom Schlimmsten auszugehen.

Doch viele Menschen sind mit sich selbst weniger umsichtig als Notärzte mit ihren Patienten. Sie zögern, den Notruf zu wählen oder als Notfall zum Hausarzt zu gehen – man will nicht überreagieren, hat gar Angst sich zu blamieren und gerade in der Pandemie auch noch Angst vor einer Corona-Infektion. Warum solche Bedenken Menschen viel öfter ihr Leben kosten als man denkt, weiß Dr. Shima Lorber. Sie ist Oberärztin für Kardiologie am Asklepios Klinikum Harburg und erklärt hier im Interview, was ein Akutes Koronarsyndrom so gefährlich macht, wie Sie es erkennen und was Sie im Notfall tun müssen. Außerdem zeigt Sie Behandlungsmöglichkeiten und Präventiv-Maßnahmen auf und erklärt, warum sich im Ernstfall jeder Herzdruckmassage zutrauen sollte.

Ist akutes Koronarsyndrom eine Krankheit an sich?

Dr. Lorber: "Akutes Koronarsyndrom ist der Überbegriff für Herz-Kreislauf-Krankheiten, bei denen ein Herzkranzgefäß blockiert ist. Das kann durch eine Verengung oder durch den kompletten Verschluss des Gefäßes passieren. Das Blut, das die Zellen des Herzmuskels mit Sauerstoff versorgt, kann so nicht mehr durchkommen und Herzmuskelzellen können absterben.“

Die zwei hauptsächlichen Formen des akuten Koronarsyndroms sind:

  • Instabile Angina pectoris – hierbei sind Herzkrankgefäße verengt, aber (noch) nicht komplett verschlossen. Angina pectoris bedeutet so viel wie "Herzenge" und ruft u.a. anfallsartige Brustschmerzen hervor. Instabil ist eine Angina pectoris, wenn sich die Quantität der Beschwerden ändert, d.h. Beschwerden, die vorher nur bei Belastung vorhanden waren, treten nun auch in Ruhe auf oder nehmen an Häufigkeit zu.
  • Herzinfarkt – hierbei sind Herzkranzgefäße blockiert, so dass der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden kann und Herzmuskelzellen absterben. Das kann so massiv sein, dass das Herz komplett aufhört, zu schlagen.

Wie erkennt man ein akutes Koronarsyndrom?

Dr. Lorber: "Die genaue Diagnose kann nur ein Arzt / eine Ärztin stellen, das akute Koronarsyndrom ist immer ein Notfall. Wenn Sie folgende Symptome plötzlich bei sich oder anderen feststellen, sollten Sie sich immer – auch in der Pandemie – so schnell wie möglich zum Hausarzt oder ins nächste Krankenhaus begeben oder den Notruf unter 112 wählen:

  • Engegefühl in der Brust
  • Starke, teils ausstrahlende, Schmerzen/Brennen hinter dem Brustbein / im Oberbauch / im oberen Rücken
  • Begleitend sind u.a. möglich: Übelkeit, Schweißausbrüche, Atemnot, Kaltschweißigkeit"

Trotz Corona-Angst: Bei Herzinfarkt und Co ins Krankenhaus!

Bei Frauen sind Herzinfarkt-Symptome oft unspezifisch, darauf kommt es an:

Herzinfarkt bei Frauen
Herzinfarkt bei Frauen

Herzinfarkt oder Angina pectoris – wie geht die Untersuchung weiter?

Dr. Lorber: "Ein EKG und eine Blutentnahme geben erste Hinweise darauf, wie akut gefährlich die Situation ist. Ein verändertes EKG kann auf eine instabile Angina pectoris wie einen Herzinfarkt hinweisen. Dann geben Blutwerte weiteren Aufschluss, z.B. ist bei einem Herzinfarkt der Troponin-Wert erhöht. Außerdem berücksichtigt der Arzt natürlich den allgemeinen Zustand des Patienten und die geschilderten Symptome."

Und weiter: "Endgültige Klarheit bringt die Untersuchung im Herzkatheterlabor. Dabei wird, meist über die Armbeuge oder das Handgelenk, ein sehr dünner Katheter durch die Adern zum Herzen geführt und Röntgenkontrastmittel gespritzt. Dann sind die Herzgefäße am Bildschirm sichtbar und das Ausmaß einer Blockade der Herzkranzgefäße zeigt sich. Je nachdem wird weiter behandelt."

Wie Bypässe und Stents bei koronarer Herzerkrankung Leben retten können, lesen Sie hier im Detail.

Kann man ein weitere akutes Koronarsyndrom aufhalten?

Dr. Lorber: "Eine instabile Angina pectoris kann ein Vorbote eines Herzinfarktes sein. Um ihn möglichst aufzuhalten bzw. einem weiteren vorzubeugen, müssen Sie nach einem akuten Koronarsyndrom dauerhaft Medikamente nehmen, z. B. zur Senkung von Blutdruck und Cholesterin und zur Blutverdünnung.

Außerdem sollte man den Lebensstil so anpassen, dass die Risikofaktoren für ein akutes Koronarsyndrom vermindert sind, soweit das möglich ist. Risikofaktoren sind u.a.:

  • Männliches Geschlecht (Männer sind etwa 3 Mal so häufig betroffen wie Frauen)
  • Rauchen
  • Bluthochdruck
  • Diabetes mellitus
  • Hohes Cholesterin
  • Übergewicht
  • Alter über 60 Jahre
  • Bewegungsmangel

Damit ein akutes Koronarsyndrom nicht (wieder) auftritt, kann man neben der stetigen Medikamenteneinnahme einiges tun, das das Herz-Kreislaufsystem allgemein stärkt. Dazu gehört, sich ausgewogen zu ernähren und Übergewicht zu reduzieren, was allein schon positive Auswirkungen auf Blutdruck, Cholesterin und Blutzuckerwerte haben kann. Verstärkt wird der positive Effekt durch regelmäßigen Ausdauersport. Um Ihr Herz zu trainieren, müssen Sie Sport treiben, der Ihren Puls erhöht. Mindestens drei Mal wöchentlich mindestens 30 Minuten joggen, schwimmen oder Rad fahren, so, dass Sie ins Schwitzen kommen, kann viel bewirken."

Welche Irrtümer zur Herzgesundheit begegnen Ihnen in der Praxis häufig?

Dr. Lorber: "Häufige, gefährliche Irrtümer zum akuten Koronarsyndrom und allgemein zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind:

  • Medikamente auf eigene Faust abzusetzen oder vorrübergehend nicht einzunehmen, weil sich die Werte (z. B. Blutdruck) und der Zustand verbessert haben. Das führt fast unweigerlich zu einer neuen Angina pectoris oder einem Herzinfarkt. Die Verbesserung ist durch die Medikamente geschehen, wenn sie fehlen, verschwindet auch der positive Effekt. Die Schäden in den Herzgefäßen, die das akute Koronarsyndrom verursacht haben, sind nicht mehr rückgängig zu machen.
  • Nur bei akuten Beschwerden zum Arzt zu gehen. Das gilt vor allem für ältere Menschen ab ca. 60, die einmal jährlich zum Checkup beim Hausarzt gehen sollten, unabhängig davon, wie gesund sie sich fühlen. Nur so können sich anbahnende Gefäß- und Herzprobleme so früh wie möglich entdeckt und behandelt werden.
  • Sich nicht zu trauen, Herzdruckmassage anzuwenden, wenn ein anderer zusammenbricht und einen Herzstillstand erleidet. Leider kommt es häufig vor, dass Menschen in so einem Notfall nicht wissen, welche Maßnahmen entscheidend sind. Wenn Sie bei einer bewusstlosen Person keine Atmung und keinen Herzschlag mehr feststellen können, müssen Sie sofort handeln. Falls nicht schon geschehen sofort 112 anrufen und den Anweisungen folgen. Sie können sich auch am Telefon zur Herzdruckmassage anleiten lassen und allgemein weniger falsch als richtig machen."

Dr. Lorbers dringender Appell: "Wenn der Herzschlag ausgesetzt hat, ist der Mensch klinisch tot, Sie können ihn durch Herzdruckmassage nicht toter machen und ihm nur dadurch schaden, gar nichts zu machen. Wenn die Rettungskräfte eintreffen, können sie Menschen nach einem Herzstillstand zwar oft wiederbeleben, aber es können schon enorme Hirnschäden entstanden sein. Denn ohne Herzschlag wird das Gehirn nicht mehr mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt. Schon nach drei Minuten ohne Sauerstoffzufuhr fangen Hirnzellen an, abzusterben."

Auch während der Pandemie ist das alles wichtig: Erste Hilfe leisten: So geht's in Corona-Zeiten!

Tatsächlich überleben von den rund 65.000 Menschen in Deutschland, die jedes Jahr einen plötzlichen Herzstillstand erleiden, nur zehn Prozent. Oft sind die Ersthelfer Laien, die nicht genau wissen, was zu tun ist. Das muss nicht sein! Hier finden Sie einen kompakten Überblick, was sie bei den wichtigsten Rettungsmaßnahmen tun müssen: 8 Notfälle – und wie Sie richtig reagieren!

Schon wenn Sie Ihr Reanimations-Wissen ca. alle zwei Jahre durch Artikel oder Videos auffrischen, machen Sie die Welt ein wenig sicherer und Leben retten einfacher. Eine besondere Hilfe im Notfall soll die reanimation.app mit Sprachassistent werden, die mit Kardiologen entwickelt wird und derzeit in der Testphase ist. Das Smartphone kann dann auf die Brust gelegt werden und die App gibt außer dem Takt der Herzdruckmassage auch vor, wie fest man drücken muss. Interessierte können sich jetzt schon anmelden, um sofort bei App-Start dabei zu sein.

Wir bedanken uns bei unserer Interviewpartnerin Dr. Shima Lorber, die als Oberärztin an der Klinik für Kardiologie des Asklepios Klinikums Harburg praktiziert.

Weitere News und Ratgeber zur Gesundheit von Herz und Kreislaufsystem finden Sie auch auf unserer Themenseite Herz-Kreislauf.

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