Aktualisiert: 04.02.2021 - 16:55

Diabetes und Krebs: Warum Krebspatienten auf ihren Blutzucker achten sollten

Die Krebs-Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren ist für viele Krebspatienten der Weg in viele weitere, glückliche Jahre. Doch die Therapie kann auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 auslösen. Klärende Gespräche mit der Ärztin/dem Arzt und eine gewisse Wachsamkeit sind daher wichtig und können jede Menge Angst nehmen.

Foto: Getty Images/FatCamera

Die Krebs-Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren ist für viele Krebspatienten der Weg in viele weitere, glückliche Jahre. Doch die Therapie kann auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 auslösen. Klärende Gespräche mit der Ärztin/dem Arzt und eine gewisse Wachsamkeit sind daher wichtig und können jede Menge Angst nehmen.

Am 4. Februar ist Weltkrebstag – und in diesem Jahr wollen wir uns einem Thema widmen, das Krebspatienten während und auch nach erfolgreicher Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren immer im Hinterkopf behalten sollten: ihren Blutzucker.

Die Krebstherapie mit Checkpoint-Inhibitoren ist für viele Krebspatient*innen der letzte Ausweg – die Therapieform kann eine deutlich längere Lebenszeit sichern, auch wenn konventionelle Therapien nicht mehr helfen. Dabei wird das eigene Immunsystem gegen den Tumor aktiviert. Doch so hoch die Erfolgsaussichten dabei sind, die Behandlung hat eine Kehrseite: Das Immunsystem richtet sich nicht nur gegen Krebszellen, sondern mitunter auch gegen körpereigene, gesunde Zellen. Dabei kann es vorkommen, dass es auch die Bauchspeicheldrüse angreift. Eine "Nebenwirkung" dieser Therapieform mit Checkpoint-Inhibitoren kann daher Diabetes sein. Krebspatient*innen sollten daher immer ihren Blutzuckerspiegel im Blick haben.

Wir haben mit PD Dr. Susanne Reger-Tan gesprochen. Sie ist Oberärztin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen und Leiterin des DDG Diabetologikums am Universitätsklinikum Essen und mit dem Thema bestens vertraut. Im Interview verrät sie, wie ein therapieinduzierter Diabetes zustande kommt und was zur Vorsorge getan werden kann.

Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung: Wenn die hilfreiche Therapie plötzlich Diabetes auslöst

Eigentlich ist die Krebstherapie mit Checkpoint-Inhibitoren ein Segen für die, die mit konventionellen Krebsbehandlungen nicht mehr geheilt werden können. Doch jede Therapie birgt auch gewisse Nebenwirkungen. "Wir erleben unter diesen Medikamenten eine neue Form der massiven Betazelldestruktion samt Insulinmangeldiabetes. Diese Fälle nehmen zu", erklärt sie. Etwa ein Prozent der Krebspatienten sind aktuell davon betroffen. Der Diabetes, der sich entwickelt, ähnelt dem Diabetes Typ 1. Das Problem: Der Insulinmangel tritt sehr akut auf und bringt schwere Unterzuckerungen mit. Rückgängig machen lässt sich diese Nebenwirkung nicht. Zudem lässt sich nicht vorhersagen, wann sie eintritt. "Es kann Tage dauern aber auch mehrere Jahre", erklärt die Medizinerin. Daher schwört sie Patient*innen, aber auch Therapeut*innen darauf ein, das Bewusstsein für die Möglichkeit dieser Nebenwirkung zu stärken. So kann der Diabetes früh erkannt und gut behandelt werden. Im Interview erzählt sie mehr:

Therapie kurz erklärt: So wird das Immunsystem aktiviert

Wie wirkt die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren genau?

Dr. Reger-Tan: "Die Aktivität unseres Immunsystems wird durch unterschiedliche Mechanismen reguliert. Unsere Immunantwort auf einen Krankheitserreger sollte im Idealfall schnell und zügig beginnen, zielgerichtet erfolgen und nach erfolgreicher Bekämpfung wieder enden. Krebszellen haben das Ziel, unser Immunsystem möglichst in seiner Wirkung abzuschwächen, um so ihre Vermehrung zu sichern.

In der Immunabwehr existieren spezielle Schaltstellen (Checkpoints), die nach erfolgreicher Abwehr eines Krankheitserregers die Immunantwort beenden. Krebszellen nutzen und aktivieren diese Checkpoints, um sich vor Immunzellen zu schützen. Die Wirkung von Checkpoint-Inhibitoren beruht wiederum darauf, diese Checkpoints zu hemmen und so eine Steigerung der Immunreaktion gegen Tumorzellen zu erhöhen.

Bisher wurden zwei für die Tumorbekämpfung relevante Checkpoints identifiziert. Ganz wesentlich für die Immunabwehr sind T-Zellen. Nach Kontakt mit den 'feindlichen' Proteinen der Krankheitserreger werden sie gegen diese aktiviert, können sie im Körper wiedererkennen und angreifen. Das Ausmaß der Aktivierung der T-Zellen wird durch Interaktion an einem Checkpoint begrenzt. Treffen die aktivierten T-Helferzellen auf ihren 'speziellen Feind', bekämpfen sie ihn dort. Tumorzellen erkennen diesen Angriff und interagieren mit den T-Helferzellen an einem zweiten Checkpoint und hemmen so ihre Immunaktivität. Die Tumorzellen schaffen sich so eine immungeschwächte Mikroumwelt und können sich vermehren.

Dieser Prozess an den Checkpoints wird mithilfe von Checkpoint-Inhibitoren unterbunden. Dabei handelt es sich um Eiweißmoleküle, die per Infusion verabreicht werden. Sie docken an den Rezeptoren der T-Zellen an und heben so die Blockade durch die Tumorzellen auf. Die Abwehrzellen können die Krebszellen erkennen und ihr Wachstum verhindern."

Krebs: Tückische Krankheit und welche Behandlungen es gibt
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Nebenwirkung Autoimmunerkrankung: Wenn die eignen Zellen angegriffen werden

Warum kann es dabei passieren, dass sich das Immunsystem gegen gesunde, körpereigene Zellen wehrt?

Dr. Reger-Tan: "Diese Checkpoints und ihre hemmende Wirkung auf unser Immunsystem haben ursprünglich auch den Sinn, die eigenen Körperzellen gegen den Angriff unseres eigenen Immunsystems zu schützen. Dieser Schutz kann folglich durch die Inhibitoren auch verloren gehen. Wir erreichen mit Einsatz der Checkpoint-Inhibitoren enorme Erfolge im Kampf gegen viele verschiedene Tumorerkrankungen. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass Autoimmunerkrankungen als Nebenwirkung auftreten."

Warum kann es dabei zu Diabetes kommen?

Dr. Reger-Tan: "Ein Teil der Bauchspeicheldrüse besteht aus den sogenannten Betazellen. Sie produzieren das lebenswichtige Hormon Insulin. Es spielt eine wichtige Rolle in der Regulation des Glukosestoffwechsels. Die Betazellen interagieren regelmäßig mit den T-Helferzellen über einen der Checkpoints und sichern sich so ihren Erhalt. Der Einsatz von Checkpoint-Inhibitoren kann diesen Schutz aufheben und wir erleben unter diesen Medikamenten eine neue Form der massiven Betazelldestruktion."

Warum ist diese Diabetes-Form dem Diabetes Typ 1 so ähnlich?

Dr. Reger-Tan: "Es handelt sich hierbei auch um einen Insulinmangeldiabetes. Das heißt, wie beim Typ 1 Diabetes produziert der Körper kein Insulin mehr. Dieser Mangel tritt sehr akut und mit schweren Blutzuckererhöhungen auf. Insulin ist das einzige Hormon im Körper, das den Körperzellen mitteilen kann, dass sie die im Blut befindliche Glukose zur Energieverwertung aufnehmen sollen. Ohne Insulin tritt trotz hohem Blutzucker in den Zellen ein Mangel an Energieträgern auf. Die Körperzellen versuchen dann aus der Not heraus Energie durch Fettsäureverbrennung zu gewinnen. Dabei übersäuert das Blut. Und das macht es auch so gefährlich. Bei einem Insulinmangeldiabetes ist die frühe Diagnose daher lebenswichtig und es muss umgehend Insulin zugeführt werden."

Der Diabetes bleibt: Das können Patient*innen zum Schutz tun

Wie oft kommt diese Nebenwirkung vor und kann man sie irgendwie verhindern? Lässt sich diese Nebenwirkung rückgängig machen?

Dr. Reger-Tan: "Aktuell betrifft dies etwa ein Prozent der Krebspatienten jährlich, die mit einer bestimmten Gruppe dieser Checkpoint-Inhibitoren behandelt werden. Wann der Insulinmangeldiabetes eintritt, ist schwer vorherzusagen. Er kann Tage, aber auch mehrere Monate nach Therapiebeginn auftreten. Diese Nebenwirkung ist permanent. Die Notwendigkeit, Insulin von außen zu ersetzen, besteht dann ein Leben lang."

Was sollten Krebspatient*innen beachten, die über eine Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren nachdenken?

Dr. Reger-Tan: "Diese Art der Behandlung ist eine große Chance, den Verlauf der Krebserkrankung deutlich günstig zu beeinflussen. Aber darüber hinaus sollten sich Patienten vor Therapiebeginn auch in Ruhe mit den möglichen Nebenwirkungen auseinandersetzen. Wir als Ärzte müssen Patienten im Vorfeld ausführlich über die potentiellen Nebenwirkungen, die möglichen Symptome und die möglicherweise auch lebenslangen Konsequenzen aufklären."

Schnelle Reaktion wichtig: Auf diese Symptome achten

Woran erkennen Krebspatient*innen, die diese Therapie erhalten haben, wenn sich diese Diabetesform entwickelt? Wie schnell müssen sie dann handeln?

Dr. Reger-Tan: "Diabetes tut nicht weh. Das macht es für Betroffene generell schwierig, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Hinzukommt, dass die Symptome für Diabetes den klassischen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung oder -therapie ähneln können. Häufiges Wasserlassen auch in der Nacht und ein ungewöhnlich hohes Durstgefühl oder eine rasch auftretende Verschlechterung der Sehschärfe deuten auf einen hohen Blutzucker hin. Schwer abzugrenzende Beschwerden sind zum Beispiel Abgeschlagenheit und Konzentrationsschwäche, Gewichtsabnahme und Infektanfälligkeit. Allesamt auch mögliche Nebenwirkungen einer Krebstherapie.

"Krebspatienten fällt es daher noch schwerer, die Ursache ihrer Beschwerden selbst zu erkennen. Umso wichtiger ist es deshalb, regelmäßig die Blutzuckerwerte prüfen zu lassen. Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und ein ungewöhnlich süß-fruchtiger Mundgeruch können auf eine Übersäuerung des Blutes hindeuten. Spätestens dann sollte rasch ein Arzt kontaktiert werden. Beim beschriebenen Insulinmangeldiabetes muss umgehend gehandelt werden."

An wen können sich Patient*innen im Akutfall wenden?

Dr. Reger-Tan: "Alle in die Behandlung des Patienten involvierten Ärzte sind gute Ansprechpartner. In der akuten Situation kann es aber notwendig sein, auch in der Nacht oder am Wochenende ärztliche Hilfe beispielsweise in einer Notaufnahme aufzusuchen. Häufig ist eine erste Einstellung der Insulintherapie im Krankenhaus notwendig. Über die ersten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen hinaus, sollte der Patient eine ausführliche Diabetesschulung erhalten und lernen, seinen Glukosestoffwechsel zu überwachen und die Insulintherapie anzuwenden. Neben dem Hausarzt und Onkologen wird der Endokrinologe oder Diabetologe ein weiterer regelmäßiger Ansprechpartner werden. Eine gute Zusammenarbeit der behandelnden Ärzte sichert eine sichere Fortführung der Tumorbehandlung."

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Die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren ist nur eine von verschiedenen Immuntherapien gegen Krebs. Sie geben vielen Menschen Hoffnung auf ein Leben trotz Krebserkrankung. Auch, wenn eine gewisse Gefahr für Autoimmunerkrankungen als Nebenwirkung beobachtet wird, so überwiegt bei vielen Krebsarten hier doch der Nutzen. Sollten Sie betroffen sein: Ihre Ärzte werden Sie gründlich über alle für Sie notwendigen Therapiemöglichkeiten informieren und Sie über Risiken aufklären. Zögern Sie nicht, auch nachzufragen, wenn Ihnen etwas unklar ist.

Mehr zu denThemen Krebs und Diabetes finden Sie auf unseren Themenseiten. Dort finden Sie etwa mehr Infos die Arten von Diabetes mellitus oder Diabetes eigentlich entsteht. Erfahren Sie dort auch, wie Blutzuckermessung via Sensor bei Diabetes Typ 1 heute funktioniert.

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Unsere Expertin: PD Dr. Susanne Reger-Tan ist Oberärztin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen und Leiterin des DDG Diabetologikums am Universitätsklinikum Essen.

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