Aktualisiert: 26.01.2021 - 17:55

Oxford-Vakzin Impfstoff von AstraZeneca: Wer soll ihn denn nun bekommen?

In Großbritannien wird der Impfstoff von AstraZeneca schon seit Wochen an Ältere verimpft. In der EU steht er kurz vor der Zulassung. Dort gab es jetzt aber Trubel – angeblich sei die Wirksamkeit nicht hoch genug, das Vakzin daher nur für Jüngere geeignet. Der Konzern wundert sich darüber.

Foto: Getty Images/WPA Pool / Auswahl

In Großbritannien wird der Impfstoff von AstraZeneca schon seit Wochen an Ältere verimpft. In der EU steht er kurz vor der Zulassung. Dort gab es jetzt aber Trubel – angeblich sei die Wirksamkeit nicht hoch genug, das Vakzin daher nur für Jüngere geeignet. Der Konzern wundert sich darüber.

Eigentlich steht das Vakzin vom schwedisch-britischen Hersteller AstraZeneca kurz vor der EU-Zulassung. Doch es herrscht Trubel rund um die Wirksamkeit insbesondere bei Älteren – zudem ist von Lieferproblemen die Rede. Jetzt reagiert der Konzern.

Eigentlich soll am Freitag die Entscheidung über die EU-Zulassung des Impfstoffes "AZD1222" des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca fallen. Doch wird die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA den AstraZeneca-Imfpstoff vielleicht nur für jüngere Menschen zulassen? Das soll zumindest in Regierungskreisen gemunkelt worden sein – dort heißt es laut "Bild" und "Handelsblatt", die Wirksamkeit bei Über-65-Jährigen liege nur bei etwa acht Prozent. Der Konzern selbst hält aber dagegen. Was stimmt denn nun – und wäre eine Zulassung nur für Menschen unter 65 ein großes Drama?

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es
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Corona-Impfstoff von AstraZeneca: Bei Älteren nicht wirksam genug?

AstraZeneca hat das Vakzin "AZD1222" zusammen mit der Universität Oxford entwickelt. Anders als die beiden Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna handelt es sich dabei um einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Bei diesem kommen schwache, mit dem Spike-Protein versetzte Vektorviren zum Einsatz, die für Menschen vollkommen ungefährlich sind und so eine Immunreaktion im Körper auslösen sollen. Der Körper reagiert entsprechend auf das Spike-Protein mit der Bildung von Antikörpern, wird aber nicht krank.

Seit Ende Dezember 2020 wird der Impfstoff in Großbritannien bereits angewendet, auch bei Senioren. Getestet wurde er aber vor allem an jüngeren Personen zwischen 18 und 55. Und hier liegt der Knackpunkt, der zu diesen Verwirrungen führt. Bisher sei nicht hundertprozentig geklärt, wie gut der Impfstoff auch bei Menschen über 65 wirkt – also auch bei denen, bei denen er laut Impfstrategie nun zuerst verimpft werden soll, heißt es. Daher müsse die EMA nun entscheiden, ob der Impfstoff für ältere Personen überhaupt zugelassen wird. Aus Vorsicht, um zu verhindern, dass sich bei diesen möglicherweise kein ausreichender Impfschutz aufbaut. Stattdessen könnte man in dieser Gruppe weiterhin auf die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Pfizer sowie Moderna setzen, die bei Senioren eine Wirksamkeit von rund 95 Prozent aufweisen.

Konzern reagiert: Bedenken völlig deplatziert

Doch AstraZeneca reagiert: Man wundere sich über diese Berichte, sie seien schlichtweg falsch. Der Konzern hat nun in Amsterdam – dort ist der Hauptsitz der EMA – eine weitere Studie vorgelegt. Für diese wurden noch einmal 2.000 Probanden über 65 Jahre getestet. Zwei Drittel der Probanden war über 75 Jahre alt.

Dass der Impfstoff bei Menschen über 65 nur zu acht Prozent wirke, sei "völlig inkorrekt", hatte zuvor eine Sprecherin des Konzerns mitgeteilt. Dabei verwies sie auch auf eine Studie, die im November im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht worden war. Demnach hätten auch Ältere nach der zweiten Dosis eine starke Immunantwort entwickelt. Darauf baue auch die Notfallzulassung in Großbritannien auf. In einer späteren Studie hieß es allerdings auch: Es gäbe nicht genügend Daten zur Wirksamkeit bei Senioren – wegen geringer Fallzahlen.

Entscheidung der EMA abwarten – und Impfstrategie ändern?

Dass nicht jeder Impfstoff auch für jede Personengruppe geeignet sein könnte, wird übrigens schon seit Beginn der Forschungen thematisiert. So kann es durchaus sein, dass ein Vakzin besser bei älteren Personen wirkt, ein anderes aber eher bei jüngeren. Prinzipiell wäre das kein Problem, sähe unsere Impfstrategie nicht vor, erst ältere Menschen zu impfen. Je nachdem, wie die EMA nun also entscheidet, müsste die Strategie möglicherweise angepasst werden. Offenbar wird dies intern bereits geprüft. Möglich wäre auch, das Oxford-Vakzin den Menschen aus dem medizinischen Bereich zu verabreichen und die definitiv bei älteren Menschen wirksamen mRNA-Impfstoffe für ebendiese bereitzuhalten.

Bund und Länder hatten allerdings ursprünglich geplant, das Vakzin insbesondere bei älteren Menschen einzusetzen, die zu Hause geimpft werden müssten, weil sie die Impfzentren aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht aufsuchen können. Der Impfstoff ist einfacher zu transportieren, weil er nicht bei so niedrigen Temperaturen gelagert werden muss, wie etwa der von Biontech und Pfizer.

Jens Spahn reagiert im ZDF-Morgenmagazin und sagt, er halte nichts davon, das Thema "in Überschriften spekulativ zu machen." Es werde nun in der kommenden Woche auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse entschieden, welche Altersgruppen zuerst mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft würden. Später äußerten das Gesundheitsministerium, aber auch Stimmen aus Regierungskreisen in London die Vermutung, dass hier Zahlen verwechselt worden seien. Der Impfstoff sei in der Studie nur an rund acht Prozent Probanden über 65 getestet worden. Eine so geringe Wirksamkeit bei Älteren lasse sich dadurch aber nicht ableiten. So oder so: Wir werden im Laufe der Woche sehen, wie die Impfstoffe weiter verteilt werden.

Probleme gibt es derweil aber noch in Sachen Lieferung. So hatte AstraZeneca kürzlich angekündigt, weniger Impfdosen in die EU zu liefern als geplant – nämlich ganze 60 Prozent weniger. Die EU-Kommission in Brüssel prüft hier gerade rechtliche Schritte – und das Unternehmen soll nun einen detaillierten Lieferplan vorlegen.

Was übrigens alle Impfstoffe gemeinsam haben: Man ist nicht sofort nach einer Impfung immun – der Impfschutz muss sich erst aufbauen. Und warum man vor einer Impfung keine Angst haben muss erklären wir hier: Sie sind skeptisch bei der Impfung? Müssen Sie nicht – aus diesen Gründen.

AstraZeneca arbeitet übrigens auch an einem Antikörper-Medikament gegen das Coronavirus. Zwei weitere Antikörper-Medikamente hat das Gesundheitsministerium nun für Deutschland bestellt, um bereits infizierte Menschen mit hohem Risiko vor schweren Verläufen schützen zu können.

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