Aktualisiert: 03.02.2021 - 08:37

Spahn hat 200.000 Dosen bestellt Eingekauftes Antikörper-Medikament: EMA prüft Covid-Einsatz

Antikörper-Medikamente: So funktionieren sie

Antikörper-Medikamente: So funktionieren sie

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Eines dieser Antikörper-Medikamente hat auch Donald Trump erhalten: Das Bundesgesundheitsministerium hat Ende Januar 200.000 Dosen zweier Corona-Medikamente auf Antikörper-Basis gekauft. Damit ist Deutschland das erste EU-Land, das diese Therapien einsetzt. Jetzt prüft die EMA eines dieser monoklonalen Antikörper. Experten sind währenddessen unterschiedlicher Auffassung.

"Ab nächster Woche werden die monoklonalen Antikörper in Deutschland als erstem Land in der EU eingesetzt. Zunächst in Unikliniken", erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der "Bild am Sonntag" Ende Januar. Er sprach von den beiden Antikörper-Medikamenten "Bamlanivimab" und "Casirivimab/Imdevimab" – die Bundesregierung hat insgesamt 200.000 Dosen dieser Medikamente gekauft. Aber was genau können sie und wann kommen sie zum Einsatz? Das testet jetzt im Fall von Casirivimab und Imdevimab auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA.

Antikörper-Medikament von Regeneron: EMA prüft erstmals

Update vom 03. Februar 2021: Es ist das Medikament, mit dem auch Donald Trump während seiner Covid-19-Erkrankung behandelt worden ist: Das Medikament REGN-COV2 besteht aus den zwei monoklonalen Antikörpern Casirivimab und Imdevimab und stammt aus einer Kooperation des US-Pharmaherstellers Regeneron und des Schweizer Unternehmens Hoffman-La Roche. In den USA ist das Medikament bereits von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen. Jetzt prüft auch die EMA in einem Rolling-Review-Verfahren, nachdem Deutschland bereits tausende Dosen gekauft hatte.

Vorläufige Ergebnisse deuten demnach darauf hin, dass das Mittel die Viruslast im Blut bei nichthospitalisierten Covid-19-Patienten tatsächlich reduzieren könne. Für finale Schlussfolgerungen über das Verhältnis von Nutzen und Risiken sei es aber noch zu früh, da der EMA bisher nur Ergebnisse aus nichtklinischen Studien vorlägen, wie das Ärzteblatt berichtet. Wahrscheinlich soll das Medikament als "passive Impfung" bei Risikopatient*innen eingesetzt werden. Mehr Infos im weiteren Verlauf:

Antikörper-Medikamente: Deutschland kauft 200.000 Dosen

Meldung vom 25. Januar 2021: 400 Millionen Euro habe man laut Bundesgesundheitsministerium investiert, um "Bamlanivimab" vom US-Pharmakonzern Eli Lilly sowie den Antikörper-Cocktail "Casirivimab/Imdevimab" von Regeneron, ebenfalls Pharmakonzern aus den USA, nach Deutschland zu bringen. Mit letzterem wurde bereits Ex-US-Präsident Donald Trump behandelt. Sie sollen wie eine "passive Impfung" wirken, so Spahn. Und Tests einer der Pharmafirmen sollen erfolgreich gelaufen sein. Es gibt Befürworter unter deutschen Experten – aber auch Kritiker.

Offiziell zugelassen hat die Europäische Arzneimittel-Kommission (EMA) die Medikamente noch nicht. Nach Bewertung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, sei aber eine Anwendung "nach individueller Nutzen/Risiko-Einschätzung" in Deutschland möglich. Daher sollen die Medikamente nun kostenlos an "spezialisierte Krankenhäuser" gehen. In den USA haben beide Medikamente seit November 2020 eine Notfallzulassung. Dort dürfen sie zur Behandlung von Patienten ab zwölf Jahren eingesetzt werden, wenn bei ihnen das Risiko besteht, schwere Covid-19-Symptome zu entwickeln. Laut Regeneron profitierten davon besonders die Patient*innen, die noch keine eigenen Antikörper gebildet haben – innerhalb der ersten zehn Tage nach Infektion habe es die besten Ergebnisse gegeben.

Künstlich hergestellte Antikörper docken an Viren an

Die Medikamente wirken "wie eine passive Impfung", so Spahn. "Die Gabe dieser Antikörper kann Risikopatienten in der Frühphase helfen, dass ein schwerer Verlauf verhindert wird."

Solche Antikörper-Medikamente enthalten künstlich hergestellte Antikörper, die am Coronavirus, genauer am Spike-Protein, andocken und so verhindern sollen, dass die Viren in Zellen eindringen und so neue Viren herstellen. Denn Viren können sich im menschlichen Körper nur in Zellen vermehren. Dabei benutzen sie das Spike-Protein, um an Zellen anzudocken. Ist das Protein aber durch Antikörper "besetzt", ist ein Andocken an einer Zelle nicht mehr möglich. Die Hoffnung dabei:

  1. Antikörper-Medikamente sollen Infizierte vor schweren Krankheitsverläufen schützen.
  2. Möglicherweise eignen sie sich auch zum Schutz gesunder Menschen und könnten als Überbrückungsmaßnahme bis zur Impfung etwa Ärzt*innen und Pfleger*innen dienen.

"Monoklonal" bedeutet hier, dass die Antikörper in den Medikamenten alle gleich sind. Sie greifen am Virus an einem fest definierten Ziel an. Der Unterschied zur Impfung besteht darin, dass die Impfstoffe selbst keine Antikörper enthalten, sondern den Körper dazu anregen, ebensolche zu bilden – und zwar einen Mix. Der Vorteil dabei? Solche selbstgebildeten, polyklonalen Antikörper unterscheiden sich und können daher an verschiedenen Stellen binden und so die Virusausbreitung im Körper hemmen. Die selbstgebildeten Antikörper sind daher vielfältiger, langlebiger und möglicherweise auch wirksamer – vielleicht auch im Hinblick auf neue Virusmutanten. Die mit den Medikamenten erreichbare "passive Immunität" verschwinde nach wenigen Wochen wieder, erklärte Prof. Andrew Ullmann, Infektiologe und FDP-Gesundheitsexperte im Interview mit "SWR Aktuell".

Beim Mittel von Regeneron kommen zwei monoklonale Antikörper zum Einsatz, die an jeweils anderen Regionen des Spike-Proteins andocken. So steige laut Hersteller die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Antikörper auch wirklich wirksam sein könnte, erklärte die Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" in einer Folge über Antikörpermedikamente.

Kritik und Zustimmung: Experten bisher uneinig

Das kritisiert auch Prof. Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. "Sich jetzt 200.000 Dosen zu sichern – für 400 Millionen Euro – halte ich für verfrüht", sagte er gegenüber "ZDFheute". Die Wirksamkeit sei aus seiner Sicht bei der Behandlung von Covid-19 noch nicht ausreichend durch Studien belegt. Daher solle der Einsatz derzeit "unbedingt" nur im Rahmen klinischer Studien an den Unikliniken erfolgen.

Währenddessen hält Prof. Patrick Cramer, Biochemiker am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen den Einkauf für "sinnvoll", so "ZDFheute". Denn so schaffe man sich zusätzliche "Handlungsoptionen".

Bisher sind die Medikamente nur an kleineren Patientengruppen in den USA getestet worden. Es zeigten sich jedoch "solide Trends, die auf die positive Wirkung der Antikörper hinweisen", so Cramer. Bezüglich Nebenwirkugnen hat der Biochemiker keine Bedenken. "Monoklonale Antikörper werden seit vielen Jahren als Medikamente verwendet, die Technologie ist grundsätzlich ausgereift."

Kein Wundermittel, aber "Baustein in der Bekämpfung von Covid-19"

Eine interne Studie in US-amerikanischen Pflegeheimen gibt es bereits, berichtet Hersteller Eli Lilly für sein Medikament "Bamlanivimab". Demnach sei das Infektionsrisiko der Bewohner dort um 80 Prozent gesenkt worden. Bei bereits infizierten Mitarbeiter und Bewohnern habe der Verlauf der Erkrankung laut Pressemitteilung des Unternehmens abgeschwächt werden können.

Für den Einsatz auf Intensivstationen, insbesondere bei Patient*innen, die bereits beatmet werden jedoch eigneten sich die Medikamente nicht, erklärt Marylyn Addo, Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), eine der Kliniken, die die Medikamente einsetzen dürfen. Das UKE will die Verabreichung bei stationären und teil-stationären Patientinnen und Patienten wissenschaftlich begleiten.

Addo will jedoch hohe Erwartungen verhindern: "Die Daten sind vielversprechend, aber momentan geht keiner in der Expertengemeinschaft davon aus, dass das nun das Medikament ist, dass den Schalter in der Pandemie umlegt und dass das nun das heilsbringende Medikament ist.", eigne sich aber als Baustein in der Bekämpfung von Covid-19 zumindest bei bestimmten Patient*innen. Eine "Wundertherapie" sind sie also nicht – aber hoffentlich eine Hilfe dafür, dass zumindest weniger Menschen schwer erkranken, bis genügend Impfstoff da ist und verteilt werden konnte. Wie gut das klappt, werden wir wohl in den nächsten Wochen bis Monaten sehen.

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Währenddessen sind die Antikörper-Medikamente "Bamlanivimab" und "Casirivimab/Imdevimab" nicht die einzigen Hoffnung weckenden Therapiemöglichkeiten. Ein Diabetes-Medikament kann möglicherweise das Covid-19-Sterberisiko senken Und auch Impfstoff-Hersteller AstraZeneca arbeitet an einem Sofort-Medikament gegen das Coronavirus Sars-CoV-2, das ebenfalls auf Antikörpern basiert.

Ein weiterer Baustein könntenbreiter verfügbare Antikörper-Schnelltests sein, die möglicherweise bald für Privatpersonen freigegeben werden. Mit diesen ließen sich Ausbrüche schneller erkennen, heißt es. Hilfreich dafür wäre seitens Infektionsverhinderung auch der Weg "No Covid" oder "Zero Covid" – das Drücken der Fallzahlen auf nahezu Null, um Ausbrüche wieder gezielt bremsen zu können.

Mehr News und Infos rund um das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite. Gut zu Wissen: Corona-Imfpungen: Das sind die bisher erfassten Nebenwirkungen

Quellen:

Podcast von "SWR Aktuell", NDR-Podcast "Coronavirus-Update" Folge 59, ndr.de, zdf.de, spiegel.de

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