Aktualisiert: 25.02.2021 - 14:03

B.1.1.7 und Co Neue Coronavirus-Varianten: Die Impfstoffe wirken – zumindest großteils

Das Coronavirus mutiert immer wieder – meist nur an kleinen Stellen. Sorge bereiten derzeit aber einige Coronavirus-Varianten, die offenbar ansteckender sind und sich daher rapide ausbreiten.

Foto: Getty Images/sukanya sitthikongsak

Das Coronavirus mutiert immer wieder – meist nur an kleinen Stellen. Sorge bereiten derzeit aber einige Coronavirus-Varianten, die offenbar ansteckender sind und sich daher rapide ausbreiten.

Mehrere neue Coronavirus-Varianten breiten sich derzeit weltweit aus – mindestens eine davon ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Wie viel ansteckender sind B.1.1.7 und Co – und was bedeuten sie für die Impfungen? Ein Überblick.

Dass Viren mutieren, ist nichts Neues – auch vom Coronavirus Sars-CoV-2 gibt es immer wieder andere Varianten, der Großteil davon ist allerdings nur minimal anders und nicht der Rede wert. Ein paar neue Mutanten aber – so nennt man Virenvarianten, die Mutationen an diversen Stellen zeigen – lassen Forschende aufhorchen. Beunruhigend sind derzeit gleich mehrere Coronavirus-Varianten: die Mutante aus England sowie die aus Südafrika und die aus Brasilien. Nun erregt eine weitere, potentiell ansteckendere Variante aus Kalifornien Aufsehen. Die Mutante aus England breitet sich derzeit auch in Deutschland rasant aus und droht, die Errungenschaften des Lockdowns zunichte zu machen. Doch ein Blick nach Großbritannien zeigt: Aufhalten lässt auch sie sich. Dennoch ist erhöhte Aufmerksamkeit gefragt. Die neuen Coronavirus-Varianten im Vergleich:

Neue Coronavirus-Varianten: Sind die Mutationen gefährlich?
Neue Coronavirus-Varianten: Sind die Mutationen gefährlich?

Neue Coronavirus-Varianten: Das Problem der höheren Infektiosität

Sowohl England als auch Südafrika sowie die brasilianische Stadt Manaus waren in den vergangenen Wochen von einer wahren Ansteckungswelle geplagt. Und auch Kalifornien meldet Ausbrüche einer neuen Variante.

  • In Großbritannien entdeckt wurde B.1.1.7, eine Variante, die rund 50 bis möglicherweise sogar 70 Prozent ansteckender ist als bisherige Varianten. Experten zufolge soll sie sechs- bis achtmal mehr Fälle im Monat verursachen als andere, weniger ansteckende Varianten. Zudem scheint sie auch ein wenig tödlicher zu sein.
  • In Südafrika verbreitet sich derweil B.1.351/501Y.V2, ebenfalls als 50 Prozent ansteckender geltend. Das Problem hier: Auch bereits genesene Menschen können sich offenbar anstecken.
  • Die brasilianische Variante P.1 wurde in Japan entdeckt, verbreitet sich aber insbesondere im Amazonasgebiet rund um die Stadt Manaus aus. Sie wird derzeit untersucht. Auch diese Variante scheint durch ihre Mutationen am Spike-Protein auch bereits Genesene erneut anstecken zu können.
  • Die in Kalifornien, USA, entdeckte Variante B.1.427/B.1429 breitet sich dort seit mindestens Dezember aus. Sie scheint sich nach ersten Erkenntnissen etwa so schnell auszubreiten wie die britische Variante und könnte auch schwerere Krankheitsverläufe auslösen.

Was wissen wir über die neuen Varianten?

Was macht die Mutationen offenbar ansteckender? Der Knackpunkt ist das Spike-Protein – also der Teil, das den Coronaviren ihr charakteristisches Aussehen gibt. Und der Teil, der als "Türöffner" fungiert – mit dem die Viren also in menschliche Zellen eindringen und sie letztlich übernehmen können. Das Spike-Protein hat sich bei beiden Varianten verändert. Aber an unterschiedlichen Stellen. So gibt es bei B.1.1.7 sogar 23 Mutationen. Das sind ungewöhnlich viele für das Coronavirus. Acht davon sind am Spike-Protein zu verorten. Eine davon namens N501Y findet sich an der Rezeptor-Bindungsdomäne, die beeinflusst, wie die Viren an Zellen andocken.

Bei der Variante, die in Südafrika zuerst entdeckt wurde, zeigt sich eine ähnliche Mutation, die der Variante den Namen 501Y.V2 gegeben hat. Sie wird aber auch B.1.351 genannt. Besorgniserregend ist hier vor allem eine Mutation namens E484K – und die könnte dafür sorgen, dass das Virus manchen Antikörpern sozusagen entkommen könnte. Fälle erneuter Ansteckung in Südafrika weisen darauf hin. Ähnlich sieht es bei der brasilianischen Variante aus.

Quarks.de hat das für die beiden hierzulande präsenten Varianten im Januar so zusammengefasst:

  B.1.1.7 (England) 501Y.V2/B.1.351 (Südafrika)
Wie verhält sich die neue Variante durch die Mutation? Es kann möglicherweise besser in Zellen eindringen. Antikörper können es möglicherweise nicht mehr vollständig neutralisieren.
Welche Auswirkungen hat die Mutation? Es verbreitet sich dadurch möglicherweise schneller. Auch bereits immune Menschen (durch Infektion oder auch Impfung) können sich möglicherweise erneut anstecken.

Was auch für beide Varianten gilt:

  • Es wurden noch keine schwereren Verläufe beobachtet.
  • Die Impfstoffe könnten im Notfall relativ schnell angepasst werden – sie müssten dann allerdings neu getestet werden, was die meiste Zeit der Anpassung kosten würde.
  • Bisherige Erkenntnisse zeigen: Die beiden in Deutschland zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer sowie Moderna wirken zumindest gegen die britische Variante – und offenbar auch gut genug gegen die südafrikanische. Der Impfstoff von AstraZeneca wirkt ebenfalls gut gegen die britische Variante. Der Impfschutz gegen die südafrikanische Variante ist jedoch verringert.

Sind die mutierten Varianten gefährlicher?

Ob das Coronavirus durch solche Mutationen tatsächlich gefährlicher wird, lässt sich noch nicht gänzlich abschließend sagen. Wir erinnern uns: Die vieldiskutierte Variante D614G, die sich mittlerweile in vielen Teilen der Welt durchgesetzt hat, hat nicht zu erhöhter Gefahr geführt. Doch Vorsicht schadet nicht.

Eine höhere Infektiosität jedenfalls kann schnell dramatisch werden, auch wenn die Tödlichkeit nicht erhöht sein sollte. Sind die Viren ansteckender, schnellen über kurz oder lang auch die Todeszahlen in die Höhe. Denn je mehr Menschen sich infizieren, desto mehr erkranken schwer und versterben. Eine höhere Infektiosität wäre demnach schlimmer als lediglich ein höheres Risiko, an der Erkrankung zu sterben.

Hinzu kommt, dass die britische Variante B.1.1.7 laut Einschätzung der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) möglicherweise doch mit einem Anstieg der Sterblichkeit in Zusammenhang gebracht wird. Die Basis dafür seien mehrere Studien. So ermittelte die London School of Hygiene & Tropical Medicine in einer Studie, dass die "Case-Fatality-Rate" (CFR) in allen Altersgruppen um 35 Prozent steige. Ähnliche Raten zeigten sich in zwei Studien des Imperial College London, und eine Studie der Universität Exeter kam sogar auf eine fast doppelt so hohe Sterblichkeit. Man müsse aber noch genauer untersuchen, da nicht ganz ausgeschlossen werden könne, dass die Ergebnisse durch Probanden mit generell höherem Sterberisiko verzerrt seien.

Aktuelle Forschungsergebnisse aus Südafrika lassen in diesem Zusammenhang zumindest zumindest bei B.1.351 aufatmen. Doch auch diese Variante gilt als 50 Prozent ansteckender – hinzu kommt die mögliche Gefahr einer erneuten Covid-Erkrankung.

Die Variante aus Brasilien, genannt P.1, bereitet ebenfalls Sorge, da sie unter bereits Genesenen kursieren könnte – eben weil die gebildeten Antikörper nicht gänzlich darauf anspringen. Dies gilt jedoch ebenfalls noch nicht als gesichert.

Was passiert bei den Mutationen eigentlich?

Das Problem: Mutationen treten häufiger auf, je mehr Möglichkeiten das Virus hat, sich zu verbreiten – sein Erbgut also zu kopieren. Denn diese Mutationen sind immer Folgen von Kopierfehlern im viralen Erbgut. Je mehr Menschen sich also anstecken, desto mehr steigt die Gefahr für Mutationen. Noch ein Grund mehr, die Infektionszahlen mit allen verfügbaren Mitteln zu drücken.

Möglich ist aber auch, dass sich das Virus vor allem bei immungeschwächten Personen verändert – durch sogenannte Escape-Mutationen, die entstehen, wenn das Virus Zeit hat, dem Immunsystem zu entkommen. Das passiert, wenn Menschen lange mit der Infektion kämpfen. Die Viruslast steigt, aber das Immunsystem ist zu schwach, um das Virus loszuwerden. B.1.351 und P.1 gelten mittlerweile gesichert als Escape-Mutationen. Sie könnten dadurch gefährlicher werden, denn die bisher gebildeten Antikörper – auch die, die von den bisher verfügbaren Impfungen gebildet werden – könnten dann nicht mehr ausreichen, damit infizierte Menschen nicht erkranken. Immerhin: Stand jetzt scheinen erneut infizierte Menschen nicht mehr so stark zu erkranken.

Stichwort Impfungen: Werden die nun unbrauchbar?

Was ist also mit den Impfungen? Die gute Nachricht: Gegen die Variante aus Großbritannien sind die bisher verfügbaren Impfstoffe laut bisherigen Erkenntnissen trotzdem wirksam. Nachdem Biontech und Pfizer das bereits nach Labortests an einer der Mutationen bestätigt hatten, sorgen sie nach weiteren Tests für mehr Gewissheit. Die Forscher konnten an einem Experiment mit 16 Probanden mithilfe von sogenannten Pseudoviren, die das Spike-Protein auf der Oberfläche tragen, nachweisen, dass der Impfschutz trotzdem vollständig gegeben war. Daher sei es "sehr unwahrscheinlich", dass der Impfstoff nicht vor Erkrankungen durch die britische Variante B.1.1.7 schütze, schreiben sie in der Studie. Biontech hatte den Impfstoff außerdem bereits in der Entwicklungsphase an mehreren Varianten getestet.

Positiv ist ebenfalls: Die Antikörper, die durch die Impfung gebildet werden, erkennen das gesamte Spike-Protein, so dass einzelne Mutationen Experten zufolge die Impfung nicht wirkungslos machen dürften.

Außerdem basiert die Immunantwort nicht nur auf neutralisierenden Antikörpern, sondern auch auf T- und B-Zell-Antworten, die ebenfalls durch Impfungen stimuliert werden, laut Quarks.de sogar teilweise besser als nach natürlicher Infektion. Es fehlen aber noch untersuchungen, wie gut dieser Teil der Immunantwort auf die neuen Varianten reagiert.

Und auch bei der südafrikanischen Variante lassen erste Ergebnisse von Moderna zumindest aufatmen. Der Impfstoff gilt bereits als wirksam gegen die britische Variante – es gebe "keine signifikante Auswirkung" der Mutante auf die Zuverlässigkeit der Impfung. Laboruntersuchungen zeigten aber auch, dass der Schutz zweier Impfdosen auch gegen B.1.351 wirksam sei. Die Menge der Antikörper sei zwar um das Sechsfache geringer. Sie würde aber dennoch ausreichen, um vor dem Virus zu schützen. Man will bei Moderna aber nun testen, wie hilfreich und verträglich eine dritte Dosis sei, um den Schutz zu erhöhen. Gleichzeitig entwickelt man einen Auffrischungs-Impfstoff extra für die südafrikanische Variante. "Für den Fall, dass dieses Virus weiter in diese Richtung mutiert und in einem Jahr immer noch in irgendeiner Form zirkuliert, halten wir es für klug, dass wir Mittel wie einen Auffrischungsimpfstoff haben, um dem zu begegnen", erklärte Moderna-Präsident Stephen Hoge in einem Interview.

Der Impfstoff von AstraZeneca wirkt südafrikanischen Studien zufolge nicht mehr gut genug, damit sich Menschen gar nicht erst infizieren. Doch bisher habe dennoch keiner der bereits Geimpften ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen oder sei gestorben, weiß quarks.de.

Dass die natürliche Immunität bei den Varianten aus Südamerika und offenbar auch Brasilien versagt, ist übrigens einer der vielen Gründe gegen natürliche Herdenimmunität. Die Impf-Immunität wirkt, das haben wir oben gelernt, umfassender. Und, das haben wir auch gelernt, mRNA-Impfstoffe lassen sich schnell anpassen. Hersteller sagen: Neu formulierte mRNA-Impfstoffe könnten theoretisch schon nach sechs Wochen in Produktion gehen. Dennoch werden sie vorher umfassend geprüft. Für den Auffrischungsimpfstoff von Moderna startet nun die Phase-I-Studie.

Wichtig zum Thema Impfungen – etwa, warum Sie sich jetzt noch mehr schützen sollten trotz vielleicht sogar schon erhaltener Impfdosis: Vorsicht: Darum ist man nicht sofort nach einer Impfung immun

Sind die mutierten Varianten bereits unter uns?

Die südafrikanische Variante 501Y.V2 bzw. B.1.351 gilt mittlerweile in Südafrika als der dominante Virenstamm. In Deutschland wurde sie ebenfalls bereits nachgewiesen – laut RKI bisher bei mehreren Fällen in Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen – immer mit einer Verbindung nach Südafrika. Es ist aber von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle auszugehen, schreibt tagesschau.de – denn in Deutschland wird verhältnismäßig wenig sequenziert.

Die Lage bei der Variante B.1.1.7 aus England ist dramatischer. Mittlerweile liegt Analysen zufolge der Anteil der Variante am Infektionsgeschehen in Deutschland bei rund 30 Prozent. Laut einer Preprint-Studie, aufgegriffen von SPD-Gesundheitminister Karl Lauterbach via Twitter, läuft B.1.1.7 aber neben anderen Varianten her, ersetzt diese nicht. Man könne entsprechend hier sogar von einer zweiten, "zusätzlichen Covid-Pandemie sprechen", erklärte er vor ein paar Wochen.

Was können wir jetzt tun?

Mittlerweile steuern wir auf eine dritte Welle zu, an der die Variante mit großer Sicherheit eine große Mitschuld trägt. Aufgehalten werden können diese neuen, offenbar ansteckenderen Varianten also nicht. Mindestens die beiden Varianten aus Großbritannien und Südafrika sind bereits unter uns, und auch Einzelfälle der brasilianischen Variante sind entdeckt worden.

Die neuen Varianten sind der Grund dafür, dass der Lockdown weiter besteht. Zwar soll gelockert werden, doch es gibt entschiedene Stimmen dagegen, solange die Impfungen noch nicht umfassender geschehen sind. Aufatmen dürfte es mit dem Einsatz großflächigerer Corona-Schnelltests geben, die nun in den Handel kommen. Es gilt nun, alles daranzusetzen, dass die Welle rechtzeitig gebrochen wird und sich die Varianten nicht weiter ausbreiten. Denn ansteckendere Varianten würden bedeuten, dass es nicht reicht, den R-Wert nur unter 1 zu drücken und dort zu halten, sondern weit darunter. Und sie würden bedeuten, dass in wenigen Wochen dramatisch mehr Todesfälle auf uns zukommen könnten.

Mehr Infos dazu:

Corona-Variante B.1.1.7: Darum ist der noch härtere Lockdown jetzt wichtig – mit Infos dazu, warum ansteckendere Virusvarianten noch dramatischere Auswirkungen haben als tödlichere.

Helfen könnte jetzt die Initiative "Zero Covid" – oder zumindest der Plan dreier Wissenschaftler, die die Fallzahlen möglichst schnell auf (nahezu) Null drücken wollen, um Ausbrüche wieder besser nachverfolgen zu können. Das RKI hat nun einen Stufenplan vorgestellt, mit dem der Weg in ein normaleres Leben geebnet werden soll. Wichtig für jeden einzelnen von uns: Kontakte wirklich einschränken, nach Möglichkeit zu Hause bleiben – und andere Menschen und sich selbst mit korrekt getragenen Masken und Abstand schützen.

_______________

Quellen: RKI zu Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika, quarks.de, tagesschau.de, dw.com

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe