Aktualisiert: 19.01.2021 - 17:33

Neue Daten vorhanden Übersterblichkeit: Wie wirkt sich Corona wirklich aus?

Jedes Jahr sterben Menschen – das ist ganz normal. In manchen Jahren aber sterben mehr als sonst. Eines dieser Jahre war 2020 – und an dieser Übersterblichkeit trägt auch das Coronavirus Mitschuld. Wahrscheinlich sogar eine sehr große.

Foto: Getty Images/Antonio Sanchez Albacete / EyeEm

Jedes Jahr sterben Menschen – das ist ganz normal. In manchen Jahren aber sterben mehr als sonst. Eines dieser Jahre war 2020 – und an dieser Übersterblichkeit trägt auch das Coronavirus Mitschuld. Wahrscheinlich sogar eine sehr große.

Diese Daten sind wohl die, die letztlich Auskunft darüber geben können, wie gefährlich das Coronavirus Sars-CoV-2 ist: Die Übersterblichkeit ging gegen Ende des Jahres in Deutschland deutlich nach oben. Aber was bedeutet das überhaupt?

Lange galt sie als Argument dafür, dass Corona ja gar nicht so schlimm sei. Sogar weniger Menschen würden sterben, von Untersterblichkeit war die Rede. Doch das Blatt hat sich gewendet – das zeigt ein Blick in die Sonderauswertung zu den Sterbefallzahlen des Jahres 2020 vom Statistischen Bundesamt. Und auch der Blick auf aktuelle Werte offenbart: Die Übersterblichkeit durch das Coronavirus ist vorhanden – auch im neuen Jahr.

Übersterblichkeit: So zeigen sich die Auswirkungen des Coronavirus

Der Blick auf die Sterbezahlen in Sachsen gibt traurige Gewissheit: Dort sind zum Jahresende doppelt so viele Menschen verstorben wie im Vorjahreszeitraum. Und auch in anderen Bundesländern zeigen sich die Auswirkungen des Coronavirus. Sachsen meldet im Dezember eine Übersterblichkeit von 109 Prozent, Brandenburg meldet 41 Prozent, Thüringen 36 Prozent und Hessen 32 Prozent. Laut Statistischem Bundesamt ist in ganz Deutschland seit Oktober eine wachsende Übersterblichkeit zu verzeichnen. Die Sonderauswertung von Destatis ist aber noch nicht ganz komplett – bisher decken die Werte nur den Zeitraum bis Mitte Dezember ab. Und bis dahin sind in Deutschland etwa 24 Prozent mehr Menschen pro Woche gestorben als im Durchschnitt in den Jahren 2016 bis 2019 – also sogar mehr als während der heftigen Grippewelle in der Saison 2017/18.

Bis zum frühen Herbst sah das Ganze – mit Ausnahme des April – aber noch anders aus. Irgendwo aber haben wir unseren Vorsprung offenbar verspielt. Aber um alles zu verstehen, müssen wir erst einmal nachvollziehen, was die Übersterblichkeit überhaupt ist.

Was ist Übersterblichkeit überhaupt?

Die Übersterblichkeit wird auch Exzess-Mortalität genannt. Sie gibt an, wie viele Menschen mehr gestorben sind als im Durchschnitt vergangener Zeiträume. Die Zeiträume, das sind definierte Daten, etwa bestimmte Monate oder Jahre.

Zuletzt war die Übersterblichkeit etwa Thema nach der Grippewelle 2017/18. Im definierten Zeitraum der Grippewelle – Schätzungen zufolge waren 25.000 Menschen in diesem Zeitraum an den Folgen einer Grippeerkrankung verstorben – sind also mehr Menschen gestorben, als man anhand der Vorjahreszeiträume erwartet hatte. Diese Differenz aus erwarteten und tatsächlichen (in dem Fall geschätzten) Todesfällen ist die Übersterblichkeit.

Das zeigt übrigens auch, warum sich die Todeszahlen von Grippe und Covid-19 nicht ohne Weiteres vergleichen lassen. Allein die Zeiträume sind ganz anders definiert.

So lauten die Daten: Übersterblichkeit in Deutschland im Jahr 2020

Gehen wir die Zahlen einmal nach und nach fürs Jahr 2020 durch:

In den ersten drei Monaten des Jahres 2020 – also von Januar bis April – war keine Übersterblichkeit zu verzeichnen. Im April aber war dann ein Anstieg zu erkennen: Die Sterbezahlen lagen mit einem Plus von zehn Prozent deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre. Dann folgten Monate mit erneut durchschnittlichen Sterbefallzahlen – im Sommer ist etwa Hitze eine häufige Todesursache, die auch 2020 wieder mit in die Zahlen floss. Seit Oktober aber gibt es wie erwähnt einen rapiden Anstieg – siehe oben.

Aber: Noch gibt es Unklarheiten

Die Übersterblichkeit in Deutschland im Jahr 2020 zeigt sich allerdings "nur" bei den über 65-Jährigen – das bestätigen auch Zahlen des ifo-Instituts in München. Immerhin waren rund 69 Prozent der an Covid-19 Erkrankten über 80 Jahre alt. Die Sterblichkeit jüngerer Menschen sei demnach bis in den November hinein dem Durchschnitt und damit den Erwartungen entsprechend gewesen. Doch das Bild verschiebt sich: Die Virusausbreitung beschränkt sich längst nicht mehr auf Cluster, sondern zieht sich durch die Gesellschaft. Mit steigenden Infektionszahlen steigen auch die Krankenhausbehandlungen und auch Todesfälle jüngerer Menschen. Die Experten vom Statistischen Bundesamt gehen daher davon aus, dass die Übersterblichkeit in den kommenden Wochen weiter zunehmen und mindestens den Jahresstart 2021 prägen wird. Derzeit werden täglich rund 1000 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet.

Dennoch sind die bisherigen Aussagen zu den Werten des Statistischen Bundesamtes rund um das Coronavirus noch nicht in Stein gemeißelt – das gibt auch das ifo-Institut an. Ob es wirklich oder vor allem an der Pandemie lag, dass die Übersterblichkeit gestiegen ist, lässt sich final erst gegen Mitte des Jahres bestätigen. Denn noch einberechnet werden muss eine eventuelle Verschiebung in der Altersstruktur: Die Deutschen werden von Jahr zu Jahr älter. Die Auswertung des ifo-Instituts zeigt allerdings bereits altersstrukturbereinigte Daten und bestätigt: Die Übersterblichkeit ist trotzdem gestiegen.

Zudem befürchten aber einige Experten, dass aufgrund der Corona-Maßnahmen mehr Menschen den Suizid wählen könnten. Ebenfalls kritisch – und das zeigen auch bereits Daten: Menschen mit schweren Erkrankungen sind nicht oder zu spät zum Arzt gegangen, um eine eventuelle Ansteckung im Wartezimmer zu vermeiden, und nicht notwendige Operationen sind verschoben worden – was möglicherweise auch zu mehr Todesfällen führen könnte. Inwiefern dies mit in die Werte hineinspielt, werden wir also erst in einigen Monaten wissen.

Wichtig dazu:

Aber auch die durch andere Krankheiten ausgelöste Sterbefälle, etwa durch Infektionskrankheiten, spielen eine Rolle. Was wir aber schon sagen können: Die Grippewelle wäre in einem "normalen" Jahr ohne Corona-Pandemie längst gestartet. Bisher aber sind unterdurchschnittlich viele Fälle verzeichnet – die Grippewelle scheint auszufallen. Das spiegelt sich auch in harmlosen Erkältungen: kaum vorhanden – möglicherweise durch die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus. Mehr dazu: AHA-Regeln: Bringen die auch was gegen Grippe und Erkältung?

Wir sehen: Es wird durchaus noch Änderungen in der Aussagekraft der Daten geben. Doch dass Todesfälle im Zusammenhang mit der Erkrankung Covid-19 stark vertreten sein werden und die Übersterblichkeit mitzuverantworten haben, dürfte nach einem Blick auf die aktuellen Zahlen und in die Kran kenhäuser deutlich werden.

Blick in andere Länder: Zusammenhang mit Coronavirus naheliegend

Ein Blick über den Tellerrand hinaus untermalt einen Zusammenhang mit dem Coronavirus bei den Sterbezahlen – allein schon in Europa. Denn laut Statistiken haben etwa die Schweiz und Slowenien eine außergewöhlich hohe Übersterblichkeit vermelden müssen. Ebenfalls hoch oder sehr hoch war die Übersterblichkeit 2020 in Österreich und Portugal sowie in Italien – wir erinnern uns an dramatische Zahlen im Frühjahr. Laut italienischer Statistikbehörde Istat seien 2020 so viele Tote zu beklagen gewesen wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Und auch außerhalb Europas bestätigt sich das Bild: Russland vermeldet einen Rekord an Todesfällen. Nachdem man erst nur verhältnismäßig wenige Corona-Tote angab, könne man nun etwa 81 Prozent der zusätzlichen Todesfälle auf Covid-19 zurückführen, hießt es aus der Regierung.

In den USA sind laut US-Gesundheitsbehörde CDC etwa 300.000 Menschen mehr gestorben als in den vergleichbaren Vorjahreszeiträumen. Davon seien etwa zwei Drittel sicher auf Covid-19 zurückzuführen.

Einen großen Teil der Todeszahlen aber führen etwa die Autoren der CDC-Studie darauf zurück, dass nicht alle Menschen während der Pandemie eine ausreichende Gesundheitsversorgung hätten erhalten können. Das zeige sich etwa auch daran, dass die Übersterblichkeitsrate weißer US-Bürgerinnen und -Bürger, die generell als wirtschaftlich bessergestellt gelten, weit geringer war als bei Latinos, Afroamerikanern oder asiatischstämmigen Amerikanerinnen und Amerikanern.

Insbesondere der Blick auf Italien zeigt aber auch: Bricht die Gesundheitsversorgung zusammen, sterben mehr Menschen, weil sie nicht mehr ausreichend behandelt werden können. Ein Grund mehr, alles dafür zu tun, das Gesundheitssystem nicht noch mehr zu überlasten.

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