Aktualisiert: 02.02.2021 - 09:40

"Zero Covid" und "No Covid" Fallzahlen auf fast Null – in wenigen Wochen: So funktioniert der Plan

Zero Covid: Worum geht es bei der Strategie?

Zero Covid: Worum geht es bei der Strategie?

Die Corona-Zahlen in Deutschland sind nach wie vor sehr hoch. Wissenschaftler fordern nun eine Zero-Covid-Strategie. Was es damit auf sich hat und wie die Pläne aussehen, sehen Sie im Video.

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Wie lässt sich die Coronavirus-Ausbreitung hierzulande jetzt so schnell wie möglich eindämmen? Ein Blick in manch andere Länder gibt Ideen – und die haben mehrere Experten nun zusammengetragen und weiterentwickelt zu einem Drei-Stufen-Plan: In ein paar Wochen zu "No Covid" bzw "Zero Covid" – so soll das Ganze funktionieren.

Endlich gehen die Corona-Infektionszahlen in Deutschland runter – doch zu hoch sind sie immer noch, zu fragil das Ganze. Jetzt alles zu öffnen wäre fatal: Nicht nur die Fallzahlen würden schneller wieder nach oben schnellen, als wir bis drei zählen können – die noch immer viel zu vielen Todesfälle würden sich dramatisch vervielfachen, und da sind die neuen, infektiöseren Varianten noch gar nicht mit einberechnet. Bis die Zahlen nicht weit unten sind, schwebt dieses Damoklesschwert weiter über uns. Und die Wirtschaft? Plätschert so dahin – viele, die auf jeden Euro angewiesen sind, müssen seit Monaten ihre Läden schließen, während die Reichsten noch reicher werden. Wie lange soll das so weitergehen, fragen sich da viele.

Vor wenigen Wochen stellten drei Experten – ein US-Amerikaner, ein Australier und ein Deutscher – einen Plan vor, der auch in Deutschland funktionieren könnte. Jetzt haben sich 13 europäische Wissenschaftler dieses Plans angenommen und bauen ihn aus. Ihr Vorschlag: in drei Phasen auf (nahezu) Null kommen mit den Infektionszahlen, genauer auf eine Inzidenz von 10 – und zwar so schnell wie möglich. Und das dann auch halten. Dieses Konzept namens "No Covid" kursiert auch unter dem Titel "Zero Covid", den eine Initiative aus Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Mitarbeiter*innen des Gesundheitssektors aufgegriffen hatten. Sie fordern einen radikalen Strategiewechsel und gehen noch weiter: Für die Wochen des Komplettstillstands soll jeder sofort entschädigt werden. Ihr Leitsatz: "Niemand bleibt zurück!".

Klar ist allen Initiatoren und Befürwortern: Der "Jojo-Lockdown" kostet nicht nur Gesundheit und Menschenleben, sondern schadet auch der Wirtschaft viel mehr als ein kurzer Komplettstillstand, nach dem die Nachverfolgung wieder funktioniert und man brennende Infektionsherde sofort mit Maßnahmen löschen kann. Und so soll das Ganze aussehen:

"No Covid": Wie kommen wir in kürzester Zeit auf die Null?

Über strengere Maßnahmen wird derzeit auch in der Politik schon diskutiert. Doch es gibt eines, das zu bedenken ist: Wie lässt sich das umsetzen, so dass alle oder zumindest möglichst viele mitmachen? Das Geplänkel der vergangenen Monate hat bisher jedenfalls noch nicht zur erhofften Erleichterung geführt. Stattdessen machen Virusmutationen die Runde, die aufgrund einer möglicherweise höheren Infektiosität die bisherigen Ziele unterminieren könnten. Das würde bedeuten: Ein R-Wert von unter 1 würde nicht mehr ausreichen, mehr Menschen würden sich infizieren, die Todesrate würde rapide nach oben schnellen. Stattdessen führt alles vor allem dazu, dass das Vertrauen in die Regierung weiter sinkt.

Doch andere Länder, etwa Neuseeland, machen es vor: Nach genauer Ankündigung mit Erklärungen seitens Premierministerin höchstpersönlich wurde alles für einige Wochen komplett heruntergefahren. Jetzt kann das Land wieder normal leben, Infektionen werden sofort erkannt und bekämpft. Es ist kein Flächenbrand mehr, sondern einzelne kleine Feuerchen, die direkt gelöscht werden. So vergleichen es auch die drei Experten, die Anfang des Jahres ihre "Zero Covid"-Strategie vorgestellt hatten.

Diese Experten, das sind Yaneer Bar-Yam, US-amerikanischer Physiker und Pandemie-Forscher, Stephen Ducket, australischer Gesundheitsökonom, und Dr. Matthias F. Schneider, deutscher Physiker (medizinische und biologische Physik) von der TU Dortmund. In einem Gastbeitrag auf "t-online.de" stellten sie ihre erarbeiteten Schritte zur Krisenbewältigung vor. "Das Ende der Krise ist möglich", schreiben sie. Jetzt müsse man "möglichst schnell von den Ländern, die es geschafft haben, lernen" – und deren Strategie zur Senkung der Infektionszahlen "so weit wie möglich übertragen". So ließe sich auch ein weiterer, dritter Lockdown verhindern.

Dazu aber müsse ein Zustand erreicht werden, in dem neue Infektionsfälle bestenfalls nur noch von außen kommen. Solche Virusausbruchszonen könnten dann mit konsequenten, aber vor allem lokalen Maßnahmen wieder coronafrei gemacht werden. Das würde weit weniger Aufwand bedeuten als ein allumfassender Lockdown.

Wie andere Länder es geschafft haben

Ihr Blick richtet sich etwa auf Länder wie die Mongolei, Vietnam, Singapur, Kambodscha oder Thailand, aber auch Australien und Neuseeland. Die hatten im Sommer recht kleine Fallzahlen. Das sei der "beste Langzeitschutz vor Ausbrüchen". Und auch ein Schritt ins normale Leben: Denn wo wenig bis keine Übertragung stattfindet, können auch Superspreader-Events, großteils für die Infektionen auf dem jetzigen Niveau verantwortlich, kaum vorkommen.

Funktioniert hat das auch in Australien und Neuseeland. Dort wurde eine "Exit-Strategie" vorgestellt. Mithilfe von Aufklärung und klaren Ansagen konnte die Bereitschaft innerhalb der Bevölkerung so flächendeckend erreicht werden, die große Null als Ziel vor Augen zu haben. Der Schlüssel dazu: transparente Kommunikation. Hilfreich dabei: eine Art Belohnungssystem. Beim Erreichen gesetzter Grenzen konnten so Einschränkungen systematisch gelockert werden. Das Leben dort ist jetzt wieder weitgehend normal, die täglichen Neuinfektionen derzeit im einstelligen Bereich.

Drei Phasen sind den Experten zufolge dafür notwendig

Eine ähnliche Strategie sei auch hierzulande möglich, auch wenn Deutschland kein Inselstaat sei. Das erklären auch die Wissenschaftler, Mediziner und Ökonomen, die sich für "No Covid" stark machen, um Neuinfektionen, Todesfälle und weitere bundesweite Lockdowns zu vermeiden. Stattdessen soll es "grüne Zonen" geben, zwischen denen man sich dann auch frei bewegen kann. Dort, wo dennoch Infektionen auftreten, lässt sich dann schnell reagieren. Dabei könne es auch zu kleinflächigen Lockdowns kommen, um dort die Zahlen wieder zu drücken. Diese seien aber wirtschaftlich und auch gesundheitlich weit besser vertretbar. Und so soll das Ganze aussehen:

  • Erste Phase: So schnell wie möglich auf die Null kommen. In einem Land mit der Größe von Deutschland etwa ist das natürlich eine Herausforderung. Der Vorschlag daher sind kleine Ziele, etwa nach Kreisen vorgehen und die Bevölkerung in jedem Kreis mit einem "Wettlauf zur Null" anspornen. Wichtig dazu seien auch striktere Regeln an Grenzen sowie etwa Quarantäne-Unterkünfte in Hotels für Pendler.
  • Zweite Phase: Gebiete, die frei vom Virus sind, müssen nun dauerhaft geschützt werden. Klappt das, der Zustand "virusfrei" bleibt ohne lokale Übertragungen für zwei Wochen bestehen, entsprechend ist das auch in den benachbarten Gebieten der Fall, lässt sich ein "Green-Zone-Status" erreichen – also grüne Zonen. Die Gegenden können zur Normalität zurückkehren – mithilfe von flächendeckendenTests und einer Kontakt-Nachverfolgung.
  • Dritte Phase: Die grünen Zonen können jetzt immer mehr erweitert werden, mit jedem Kreis, der virusfrei wird. Damit ließen sich dann auch Reisekorridore einrichten, über die Bewohner von einer grünen Zone ungefährdet in andere virenfreie Gebiete reisen können. So könne etwa auch der Tourismus wieder in Fahrt kommen. Dabei kommen dann lokale Mobilitätskontrollen, Tests und Quarantänemaßnahmen zum Zuge. So können neue Ausbrüche sofort im Keim erstickt werden.

Wichtig dabei sei, dass alle zusammenarbeiten, betont Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut, die die Strategie unterstützt: "Wir sind keine Insel, deswegen wollen wir zusammenarbeiten und eine Lösung finden, sodass ein erfolgreiches Pandemie-Management in einem Land nicht gefährdet wird durch andere Regionen, wo das Virus möglicherweise außer Kontrolle gerät."

So eine Zusammenarbeit würde sich lohnen. Der Preis für alles ist einer, den wir uns wohl alle herbeisehnen: "Wenn wir es richtig machen, ist das jetzt der letzte Lockdown, und wir feiern den Sommer des Jahrhunderts 2021", sagen die Experten. Mit "Zero-Covid-Konzerten und Zero-Covid-Fußball". In Australien funktioniert das schon jetzt. Und wenn dann doch mal Infektionen auftreten? "Feuer sind am einfachsten zu löschen, wenn sie klein sind. Um das zu verstehen, braucht man keinen Doktortitel in Medizin, Epidemiologie, Physik oder Ökonomie", schreiben die drei Experten in ihrem Gastbeitrag bei "t-online.de".

Die Vorschläge treffen auf Zustimmung. Ein lesenswerter Twitter-Thread etwa kommt von Dr. Cornelia Werner, einer Allgemeinmedizinerin aus der Nähe von Ulm:

"No Covid": Radikal – aber ist das nicht jetzt notwendig?

Genau so soll die Strategie "No Covid" aussehen. "Im Moment fahren wir die Wirtschaft an die Wand und haben trotzdem hohe Fall- und Todeszahlen", sag­te Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln. Er ist einer der Unterzeichner des Strategiepapieres, das die Gruppe nun veröffentlicht hat. Das Problem: Das werde auch so bleiben, wenn nach Erreichen des derzeitigen Ziels von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern der Lockdown zu schnell beendet würde – insbesondere aufgrund der drohenden Gefahr der neuen, ansteckenderen Mutanten.

Dass eine Inzidenz von 10 zu schaffen sei, habe man doch im Frühjahr gesehen, sagt Hallek, damals habe man eine von 2,5 gehabt. Um das wieder zu erreichen, sei er für "ein bisschen positiven Wettbewerb zwischen Städten und Regionen".

Ein klares Ziel helfe auch dabei, sich an die Regeln zu halten, ergänzt Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Er­furt und Initiatorin des Projekts COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO). Die Strategie der vergangenen Monate habe stattdessen für Frust und weniger freiwilliges Schutzverhalten gesorgt, das Vertrauen in die Bundesregierung habe abgenommen. Ein gemeinsames, festes, klar kommuniziertes und erreichbares Ziel sei jetzt nötig für einen "Motivationspush". Das gebe eine Perspektive und würde raus aus dem hin und her führen.

Initiative "Zero Covid" geht noch weiter: Rettungspaket für alle

"Zero Covid" wiederum ist der Titel einer Initiative, die einen Strategiewechsel fordert. "Wir brauchen kein kontrolliertes Weiterlaufen der Pandemie, sondern ihre Beendigung", fordern sie. Mit ihrem Appell kritisieren die Initiatoren die europäischen Regierungen hart und fordern die Trendwende – mit Schließen von Büros, Baustellen und Fabriken, Aussetzen der Arbeitspflicht für ein paar Wochen, damit die Zahlen den Nullpunkt erreichen können. Dazu rufen sie auch die Gewerkschaften auf, sich mit einzubringen. Notwendig dafür: ein umfassendes Rettungspaket. Niemand dürfe zurückgelassen werden, heißt es. Geld dafür sei vorhanden, sagen sie: "Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben." Nun hieße es: Abgaben auf hohe Einkommen und Vermögen, Unternehmensgewinne und Finanztransaktionen – und damit die Reichen der Gesellschaft in die Pflicht nehmen. "Mit diesem Reichtum sind die Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen problemlos finanzierbar", so die Autor*innen der Initiative. Eine "solidarische Pause" nennen sie ihren Vorschlag:

  1. "Wir schränken unsere Kontakte auf ein Minimum ein – auch am Arbeitsplatz. Wir müssen alle nicht gesellschaftlich notwendigen Bereiche der Wirtschaft für eine Zeit stilllegen."
  2. "Niemand darf zurückbleiben: Menschen können nur zu Hause bleiben, wenn sie finanziell abgesichert sind. Deshalb ist ein umfassendes Rettungspaket für alle nötig."
  3. "Der Markt hat nichts geregelt. Der Gesundheits- und Pflegebereich muss sofort ausgebaut werden. Das heißt auch: Löhne rauf und weg mit dem schädlichen Profitprinzip im Gesundheitswesen."
  4. "Eine globale Pandemie lässt sich nur global besiegen: Impfstoffe dürfen nicht den Profiten von Unternehmen dienen, sondern müssen allen Menschen überall zur Verfügung stehen."
  5. "Die nötigen Maßnahmen kosten Geld. Deshalb brauchen wir europaweite Covid-Solidaritätsabgaben auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen."

Kritisiert wird die Initiative dennoch. "Halbtotalitäre Fantasie", titelt Thomas Gerlach von der TAZ in einem Kommentar zum Thema. Er kritisiert: Der Appell der Initiative erträumt sich eine radikal veränderte Gesellschaft. Tatsächlich: Manches davon irritiert. Eine Welt ohne Kapitalismus – schwer umzusetzen. Doch dass auch für diese Zeit des Stillstandes für alle Menschen gesorgt sein, muss, sollte klar sein.

No Covid – der wohl sinnvollste Weg zum Ausweg

Was klar sein sollte: ganz auf Null, und dann ist das Virus für immer weg? Das funktioniert nicht – und das ist auch nicht das Ziel der Strategie, ob sie jetzt "No Covid" oder "Zero Covid" genannt wird. Es geht darum, die Fallzahlen so weit zu drücken, dass ein normales Leben zusammen mit weiteren Maßnahmen wie Tests und schnellen Reaktionen möglich wird. Dann können wir auch lernen, mit dem Coronavirus zu leben – und irgendwann das Ende der Pandemie ausrufen. Vor allem: Dann haben wir auch genug Zeit zum Impfen, ohne dass uns Mutanten im Nacken sitzen.

Gar nichts zu tun, ist keine Alternative in einer Zeit, in der täglich viel zu viele Menschen sterben – von den bisher noch nicht ganz absehbaren, aber immer deutlicher werdenden Folgen einer Covid-Erkrankung – Long Covid – ganz zu schweigen. Auch die werden der Wirtschaft in Zukunft sicherlich eine Last sein.

Der Plan der Wissenschaftler – der ist doch zumindest einen Versuch wert, oder? Ein paar Wochen lang gezielte und vor allem kommunizierte Maßnahmen mit großem, strahlendem Hoffnungsschimmer am Ende – und der Möglichkeit, bei neuen Gefahren wirklich schnell und effektiv reagieren zu können. Klingt doch eigentlich endlich mal vernünftig.

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"Das Ende der Krise": Interviews mit Yaneer Bar-Yam und Matthias F. Schneider sowie mit Stephen Ducket und Matthias F. Schneider:

How to END the crisis: Part I (wissenschaftl. Basis)

How to END the crisis: Part II (Umsetzung)

Hier finden Sie das Strategiepapier "No Covid" als pdf via zeit.de.

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