Aktualisiert: 11.01.2021 - 18:33

Kampf gegen Multiple Sklerose Zukunft mRNA-Technik: Biontech arbeitet an MS-Mittel

Bisher gibt es mRNA-Impfungen gegen Covid-19. Doch Biontech forscht auch an einer Impfung gegen Multiple Sklerose. Einfach ist das jedoch nicht – denn Autoimmunkrankheiten und die daraus resultierenden Körperreaktionen sind sehr komplex.

Foto: Getty Images/Photonews / Kontributor

Bisher gibt es mRNA-Impfungen gegen Covid-19. Doch Biontech forscht auch an einer Impfung gegen Multiple Sklerose. Einfach ist das jedoch nicht – denn Autoimmunkrankheiten und die daraus resultierenden Körperreaktionen sind sehr komplex.

Mit dem Corona-Impfstoff auf mRNA-Basis macht sich das Mainzer Unternehmen Biontech derzeit einen Namen. Doch die Biotechnologen arbeiten auch an anderen Projekten – unter anderem einem Mittel gegen Multiple Sklerose. Und auch gegen Krebs soll die mRNA-Technik Wirkung zeigen. Ein Hoffnungsschimmer im Kampf gegen schwere Erkrankungen?

Die mRNA-Technologie ist derzeit in aller Munde: Erstmals kommen darauf basierende Impfstoffe zum Einsatz. Doch der Ansatz kann noch mehr – schon seit vielen Jahren wird daran geforscht. Der Vorteil: Ist einmal ein Grundgerüst da, kann dieses wie bei einer Art Baukastenprinzip schnell angepasst werden.

Nicht nur für Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten kommt die Technik in Frage, auch bei Autoimmunkrankheiten soll sie helfen können. Das zeigt Biontech jetzt anhand von Multipler Sklerose – auch dagegen könnte eine mRNA-Impfung wirksam sein.

mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose? Biontech macht Hoffnung

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Science" berichten Özlem Türeci und Uğur Şahin, die Unternehmensgründer von Biontech, über den derzeitigen Forschungsstand zur MS-Behandlung mit mRNA-Technologie – der Technologie, der sich das Mainzer Unternehmen verschrieben hat, das jetzt durch einen der Coronavirus-Impfstoffe weltweite Berühmtheit erlangt. Den Forschern zufolge konnten sie bereits in Maus-Experimenten das Voranschreiten von Multipler Sklerose eindämmen und teilweise sogar Lähmungen rückgängig machen.

Demnach kann die mRNA-Technologie möglicherweise bei verschiedensten Autoimmunerkrankungen helfen, die das zentrale Nervensystem betreffen. "Es ist vorstellbar, dass die ­Methode auch bei anderen Autoimmun­erkrankungen, etwa beim juvenilen Diabetes, einsetzbar sein könnte", erklärt Şahin. Eine Art Impfung gegen MS und andere Autoimmunkrankheiten? Für Betroffene ein Hoffnungsschimmer.

Exkurs: mRNA-Technologie am Impfstoff erklärt

Verblüffend an der mRNA-Technik ist vor allem die Schnelligkeit in der Entwicklung. Wie eine Art "Plug-and-play" beschreibt sie etwa Beate Kampmann, Direktorin des Zentrums für Impfstoffe der London School of Hygiene & Tropical Medicine, gegenüber dem Spiegel in dessen Ausgabe vom 9. Januar. Anpassungen könnten so besonders leicht vorgenommen werden. "Dann muss man sie als Meilenstein in der Entwicklung zukünftiger Impfstoffe ansehen."

Wie funktioniert das Ganze? mRNA, bzw. Messenger-RNA oder Boten-RNA gibt eine Art Bauanleitung an Zellen weiter. Über diese Bauanleitungen können Zellen bestimmte Proteine herstellen. Im Falle der mRNA-Impfstoffe sind dies Antigene, auf die zu reagieren der Körper dann lernen kann. Beim Beispiel Coronavirus lernen Zellen anhand des Bauplans aus dem Impfstoff, das Spike-Protein des Coronavirus nachzubauen, das für sich allein genommen vollkommen harmlos ist. Gefährlich ist es nur, wenn es am Virus hängt und diesem damit Eintritt in Körperzellen verschafft.

Ist nur das Spike-Protein im Körper vorhanden, kann der Körper lernen, es zu erkennen und eine Immunantwort dagegen zu entwickeln, ohne mit dem Virus selbst in Kontakt zu treten.

So funktionieren mRNA-Impfstoffe
So funktionieren mRNA-Impfstoffe

Biontech ist nicht das einzige Unternehmen, das mit dieser Technologie arbeitet. Auch beispielsweise Moderna hat einen mRNA-Impfstoff auf den Markt gebracht. Biontech konnte laut Spiegel aber so schnell handeln, weil das Unternehmen bereits im Vorfeld eine gewisse Grundstruktur für die mRNA entwickelt hat und sie zudem in dünne Fetthüllen packt, die sie schneller vom Körper aufnehmen lässt, genauer gesagt von Milz, Lymphknoten und Knochenmark – denn hier geschieht am Ende die Immunantwort.

Spannend dazu: Impf-Nebenwirkungen? Risiken des mRNA-Impfstoffes überprüft

Der Bausatz war also schon vorhanden, Biontech musste ihn nur noch an das neuartige Coronavirus anpassen. Das macht auch Hoffnung für den Fall neuer Mutationen, bei denen die jetzt vorhandenen Impfstoffe möglicherweise nicht mehr so gut greifen. Hier könnte so ein Impfstoff blitzschnell angepasst werden. Und die Forschung ist noch lange nicht am Ende: "Die Herstellung von mRNA wird einfacher, schneller, kostengünstiger und breiter verfügbar werden", sagt Şahin.

Erfolgversprechende Versuche – doch ist der Mensch zu komplex dafür?

Man forscht also weiter. Die Technik, Zellen Baupläne mitzugeben, könnte auch im Kampf gegen Autoimmunkrankheiten hilfreich sein, wie die Erkenntnisse der Wissenschaftler anhand der Multiplen Sklerose zeigen.

Bei Mäusen konnten die Forschenden die Entstehung einer autoimmunen Enzephalomyelitis unterdrücken. Waren die Tiere bereits erkrankt, ließ sich der Krankheitsverlauf mildern oder sogar teilweise rückgängig machen. Ob das beim Menschen funktioniert, ist aufgrund der Komplexität von MS aber noch nicht bekannt – und es gibt durchaus Hürden, die es bei Infektionskrankheiten nicht gibt.

Das kritisiert etwa das Kompetenznetz Multiple Sklerose in einer Stellungnahme zum Thema. Anders als bei Tieren sind die Zielantigene bei der Multiplen Sklerose beim Menschen nicht bekannt, eine solche Immunkrankheit sei demnach im Kontext einer Impfung nicht gleichzusetzen mit einer Infektion, sagt das Kompetenznetz. Bei einer Infektion passiert eine recht zielgerichtete Antwort auf definierte Antigene. Das ist bei Autoimmunkrankheiten nicht der Fall. Bisher war kein Antigen-spezifischer Therapieansatz bei Krankheiten wie der Multiplen Sklerose erfolgreich. Es könne nach der Gabe von Antigenen sogar zu einer fehlgesteuerten Aktivierung von Abwehrzellen kommen, so das Netzwerk. Doch die Forschung läuft weiter. Immerhin: Gegen Multiple Sklerose gibt es mittlerweile verschiedene neue Behandlungsmöglichkeiten, die durchaus vielversprechend sind.

Rund acht Prozent der Weltbevölkerung leidet an Autoimmunkrankheiten, Şahin vermutet, dass man in zwei bis drei Jahren erstmals entsprechende mRNA-Therapien an Menschen testen könne. Die Problematik, dass der Mensch komplexer ist und Ergebnisse aus Tierversuchen nicht ohne weiteres übertragbar sind, sei ihm bewusst. Daher sollen nun erst einmal Tests an menschlichen Immunzellen im Labor folgen. Problematisch sei auch, dass jede erkrankte Person einen anderen MS-Typ haben könne. Die verschiedenen Typen der Multiplen Sklerose wiederum haben spezifische Muster der Autoimmunität. Die Tierversuchs-Ergebnisse stimmen ihn dennoch positiv, denn hier sei ein einziges Antigen verantwortlich dafür gewesen, eine Toleranz des Immunsystem gegenüber dem gesamten Myelin-Gewebe auszulösen. Myelin umhüllt Nervenfasern. Bei der MS richtet sich das Immunsystem gegen dieses Material und schädigt es. Das soll mit der mRNA-Therapie verhindert werden.

Auch gegen Krebs scheint eine solche mRNA-Therapie wirksam zu sein – hier laufen laut Spiegel sogar schon klinische Versuche mit Menschen, die an schwarzem Hautkrebs erkrankt sind.

Studie:

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