06.01.2021 - 09:17

Rasend schnell unterwegs Corona-Variante B.1.1.7: Darum ist der noch härtere Lockdown jetzt wichtig

Weiter Abstand halten – am besten mehr denn je: Die britische Corona-Variante B.1.1.7 könnte sich nämlich trotz Maßnahmen schnell verbreiten. Doch das macht den schärferen Lockdown umso wichtiger.

Foto: Getty Images/Oliver Helbig

Weiter Abstand halten – am besten mehr denn je: Die britische Corona-Variante B.1.1.7 könnte sich nämlich trotz Maßnahmen schnell verbreiten. Doch das macht den schärferen Lockdown umso wichtiger.

Seit die neue Coronavirus-Mutation aus Großbritannien unterwegs ist, reagieren Experten immer mehr mit Sorge. Nicht, weil sie tödlicher ist – aber sehr viel ansteckender als alle vorherigen Varianten. Möglicherweise kann auch ein harter Lockdown sie nicht aufhalten – aber er kann sie zumindest bremsen. Und genau das ist jetzt bitter nötig.

Die Corona-Zahlen um den Jahreswechsel wirkten auf den ersten Blick seltsam hoffnunggebend, waren sie doch endlich etwas niedriger. Mancher fragte sich da sicherlich: Was soll jetzt dieser noch härtere Lockdown? Doch der erste Blick täuscht, wie so oft: Durch die Feiertage waren die Meldungen lückenhaft. Das merken wir jetzt: Sie schnellen wieder nach oben. Das werden sie wohl bald trotz Einschränkungen, wie ein Blick nach Großbritannien zeigt. Denn die neue, ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 ist unterwegs – und die könnte selbst der harte Lockdown nicht aufhalten – zumindest nicht ganz. Aber wir brauchen die Zeit, die er uns schafft.

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Corona-Variante B.1.1.7: Schützt der harte Lockdown uns überhaupt davor?

Seit Anfang Dezember ist die Corona-Variante B.1.1.7 bekannt, nachdem britische Forscher*innen darauf aufmerksam machten. Die Variante zeigt 17 Mutationen in ihrem Erbgut, die es ihr ermöglichen, sich viel schneller zu verbreiten. Im Südosten Englands und in London schnellen die Zahlen noch immer in die Höhe – obwohl dort mittlerweile ein erneuter Lockdown herrscht. Es gilt zwar außerdem ein Flugverbot, doch die Variante wurde bereits außerhalb Großbritanniens entdeckt.

Christian Drosten sprach bereits über B.1.1.7, warnte im Dezember noch vor voreiligen Schlüssen. Doch die britischen Behörden bezeichnen sie mittlerweile als "VOC – variant of concern". Das bedeutet: "besorgniserregende Variante". Laut bisherigen Erkenntnissen – Analysen laufen noch – scheinen immerhin die Impfstoffe, die nun teilweise bereits geimpft werden, trotzdem gegen die neue Corona-Variante zu wirken. Außerdem scheinen sich Genesene auch mit der neuen Variante nicht schneller erneut anstecken zu können, und auch einen schwereren Verlauf provoziert sie nicht.

Doch mehr Ansteckungen bedeuten dennoch: mehr schwere Verläufe – und mehr Todesfälle.

Neue Variante scheint weitaus infektiöser zu sein

Wie genau Forscher herausfinden, ob sich die neue Variante tatsächlich eher durchsetzt, hat Zeit Online in einer sehr lesenswerten Analyse erklärt. Laut einer Studie von der London School of Hygiene and Tropical Medicine ist die Variante in Großbritannien mittlerweile die vorherrschende. Und die Autoren einer weiteren Studie vom Imperial College in London schätzen, dass die Mutation die Reproduktionszahl im Vergleich zu den bisher bekannten Varianten um 0,36 auf 0,68 erhöhen könnte. Das bedeutet: Jeder Infizierte könnte weit mehr Menschen anstecken als bisher. Bisherige Erkenntnisse deuten darauf hin: Infizierte mit der neuen Variante sind infektiöser – möglicherweise, weil sie eine höhere Viruslast haben, wie eine weitere Studie im Preprint vermuten lässt.

"Selbst mit strengen Maßnahmen scheint es schwierig zu sein, mit dieser Variante unter einen R-Wert von 1 zu kommen", gibt die Virologin Isabella Eckerle gegenüber Zeit zu bedenken. Ein solcher Wert unter 1 wäre aber nötig, damit sich weniger Menschen infizieren und die Pandemie auf lange Sicht zum Stillstand kommt, sprich: die Zahlen wieder sinken, weniger Menschen schwer erkranken und weniger Menschen sterben. Bisher hilft der harte Lockdown (der sogenannte "Tier 4", wie er etwa in London gilt) in England nicht.

Warum der Lockdown jetzt wichtiger denn je ist

Könnte man jetzt also sagen: Tja, dann bringt der Lockdown nix, dann können wir es ja auch lassen und normal weiterleben – insbesondere, weil die neue Variante ja nicht tödlicher zu sein scheint? Nein! Würden wir jetzt alle wieder dem normalen Alltag nachgehen – wir können uns gar nicht ausmalen, was dann los wäre. Aber Adam Kucharski von der London School of Hygiene and Tropical Medicine hat das bei Twitter einmal verdeutlicht:

Der Epidemiologe vergleicht ein Virus, das zu 50 Prozent tödlicher wäre mit einem, das zu 50 Prozent ansteckender wäre. Dazu nimmt er als "Ausgangsvirus" eines mit einer Reproduktionszahl von 1,1 – jeder Infizierte steckt also etwas mehr als einen weiteren Menschen an. Die Wahrscheinlichkeit, am Virus zu sterben, setzt er auf 0,8 Prozent, den Zeitraum, in dem ein Mensch sich infiziert und den nächsten ansteckt, auf sechs Tage.

Normalerweise würde man nun bei 10.000 Infizierten rein rechnerisch nach einem Monat 129 Tote erwarten.

Setzt man das Virus nun 50 Prozent tödlicher an, aber nicht ansteckender, würde diese Zahl rechnerisch auf 193 Tote steigen. Wäre das Virus aber statt tödlicher um 50 Prozent ansteckender, kämen wir nach einem Monat bei 978 Toten an. Das ist dramatisch. Wir sehen: Ein ansteckenderes Virus führt unweigerlich zu viel mehr Todesfällen als ein tödlicheres, aber weniger ansteckendes Virus.

Noch nicht eingerechnet ist hier außerdem die Überlastung der Krankenhäuser. Schon jetzt sind viele unserer Krankenhäuser in Deutschland fast voll, teilweise sind nur wenige, in manchen Fällen gar keine Betten frei.

Jetzt handeln, Vorsprung nutzen...

Das Fatale ist: Ist die Variante tatsächlich ansteckender, könnten die Maßnahmen damit insgesamt alle etwas unwirksamer werden. Inwieweit die Mutation in Deutschland schon verbreitet ist, ist noch unklar. Der Blick auf Nachbarländer lässt aber schließen: Ende Januar oder Anfang Februar dürften wir das anhand der Infektionszahlen merken.

Wir dürfen aber nicht vergessen: Es sind bei uns noch vor allem die bisherigen, weniger ansteckenden Varianten unterwegs. Und die gilt es jetzt einzuschränken mit den Maßnahmen, die gegen sie wirken. "Es ist sehr wichtig, die Ausbreitung des Virus hinauszuzögern, um die angespannte Situation in den Kliniken nicht noch weiter zu verschlimmern", sagt Eckerle der Zeit. "Das kann nur gelingen, wenn wir jetzt alle Maßnahmen, die wir haben, konsequent anwenden, am besten über Ländergrenzen hinweg." Das heißt jetzt leider: Kontakte massiv reduzieren, damit sinkt auch die Gesamtzahl der Fälle. "Die Vorstellung, dass man gezielt diese eine Variante eindämmen kann, während man seit Monaten schon das bisherige Infektionsgeschehen nicht in den Griff bekommt, ist vollkommen illusorisch."

Was zählt jetzt laut Eckerle? Wir müssen wieder dahin kommen, alle Infektionen konsequent nachverfolgen zu können. Dann ließe sich die neue Variante auch besser erkennen, und man könnte besser sehen, welche Virenvarianten gerade zirkulieren. Und mit verschärften Maßnahmen lässt sich auch die neue Variante dennoch auf eine gewisse Weise eindämmen. Denn wo kein Kontakt besteht, kann auch keine Übertragung stattfinden. Also: Jetzt wirklich nochmal weniger treffen – und wenn, dann mit viel Abstand an der frischen Luft, am besten dennoch mit Maske, wenn es geht mit FFP2 – denn die schützt auch die Träger und hält zumindest einen Teil der Aerosole auf.

Kritisch wird es dann bei wichtigen Terminen bzw. wenn Menschen wirklich raus müssen – und das Virus dann in die Privathaushalte tragen. Untersucht werden muss noch, ob sich die Variante etwa unter Kindern stärker verbreitet, um dann zu sehen, wie es mit den Schulen weitergeht. Schulen und Kindergärten dürfen nicht monatelang geschlossen bleiben – stellen sie aber ein Risiko für die weitere Ausbreitung des Virus dar, müssen jetzt erst recht Wege gefunden werden.

...und Impfungen vorantreiben

Immerhin: Die Impfungen sind auf dem Weg, und es gilt jetzt, den Vorsprung, den wir haben, zu nutzen. Das heißt: Jetzt möglichst schnell viele Menschen impfen – aber laut Eckerle und anderen Experten dennoch nicht auf die zweite Dosis verzichten, wie es derzeit diskutiert wird. Denn, so gibt die Virologin zu bedenken: Wenn Menschen nur einen geringen Satz an Antikörpern entwickeln können, die nicht ganz ausreichen, um das Virus aufzuhalten, können sich theoretisch auch neue Mutationen entwickeln.

Wie sich nun alles entwickelt, werden die kommenden Monate zeigen. Wichtig ist jetzt: zumindest diese ersten Monate des Jahres noch einmal zusammenreißen und die harten Beschränkungen hinnehmen und sich daran halten – um unserer aller Willen. Wer kann, bleibt bitte so gut es geht zu Hause. Je schneller wir zu niedrigeren Fallzahlen zurückkommen, desto schneller winkt uns dann wieder das normale Leben. Egal, ob die neue Variante wirklich bedrohlich ist oder nicht: Mit dem Lockdown können wir vergleichsweise wenig verlieren – ohne den Lockdown umso mehr.

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Bis Ende Januar gilt jetzt erstmal: noch härterer Lockdown. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn prophezeit übrigens: Alle Deutschen sollen bis Sommer ein Impfangebot bekommen. Wollen wir hoffen, dass Impfungen, Einschränkungen und insbesondere die (leider teils bröckelnde) Solidarität der Bevölkerung stark genug wirken, damit die Coronavirus-Pandemie möglichst noch dieses Jahr ein Ende findet. Es liegt an uns allen.

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Studien:

Davies et al. (Preprint, 2020, Update): Estimated transmissibility and severity of novel SARS-CoV-2 Variant of Concern 202012/01 in England

Kidd et al. (Preprint medRxiv, 2020): S-variant SARS-CoV-2 is associated with significantly higher viral loads in samples tested by ThermoFisher TaqPath RT-QPCR

Volz, Ferguson et al. (Preprint, Imperial College, 2020): Transmission of SARS-CoV-2 Lineage B.1.1.7 in England: Insights from linking epidemiological and genetic data

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