Aktualisiert: 03.12.2020 - 20:11

Coronavirus Trotz Impfstoff-Hoffnung: Die Pandemie wird nicht schlagartig zu Ende sein

Reicht dieses kleine Fläschchen, um die Coronavirus-Pandemie zu beenden? Nein – die Impfung wird nicht der Heilsbringer sein. Warum das so ist:

Foto: Getty Images/Guido Mieth

Reicht dieses kleine Fläschchen, um die Coronavirus-Pandemie zu beenden? Nein – die Impfung wird nicht der Heilsbringer sein. Warum das so ist:

Wenn die Impfstoffe da sind, dürfen wir endlich wieder alle dem gewohnten Alltag nachgehen – oder? Diese Hoffnung lassen Experten leider zerplatzen. Die Impfstoffe sind aber ein wichtiger Schritt und können die Lage immerhin nach und nach entspannen...

Alle Welt schaut auf die Impfstoffe gegen das Coronavirus: Die Wirksamkeit der vielversprechendsten Vakzine ist hoch, die Sicherheit offenbar zumindest bezüglich Kurzzeitnebenwirkungen vorhanden. Rund um den Jahreswechsel soll es losgehen mit dem großen Impfen, wenn alles klappt. Und dann? Endlich wieder Normalität? Leider nicht: Impfstoffe bringen kein schlagartiges Ende der Pandemie. Sie sind nur ein Teil des Ganzen und nicht "der Heilsbringer". Wir werden auch 2021 noch mit Einschränkungen leben müssen – und zwar aus folgenden Gründen:

Pandemie-Ende durch die Impfstoffe ist utopisch

Die Impfung mit einem Ende der Maßnahmen respektive dem Ende der Pandemie in einem Satz zu nennen, weckt falsche Hoffnungen. Klar, der Gedanke, nach dem Pieks – oder zumindest nach der zweiten Impfdosis – endlich wieder ohne Einschränkungen leben zu dürfen, ist ein schöner. Doch leider wird das so nicht kommen, und dafür gibt es gleich mehrere Gründe:

  1. Es müssen genügend Menschen geimpft werden können (genügend Dosen vorhanden) und dies auch selbst wollen (Unsicherheit bezüglich der schnellen Entwicklung oder generell impfkritisches Denken),
  2. erst dadurch kann sich eine Art Herdenimmunität entwickeln,
  3. und allem voran steht noch gar nicht fest, inwiefern und wie lange der Impfstoff überhaupt schützt.

Ja, die Wirksamkeit wird derzeit bei den vielversprechendsten Impfstoffen als hoch angepriesen. Biontech/Pfizer und Moderna sprechen von rund 95 Prozent, AstraZeneca kommt auf ebenfalls enorme 70 Prozent. Doch klar ist noch gar nicht, ob der Impfstoff nun vor der Ansteckung und insbesondere der Weitergabe der Krankheit oder nur vor schweren Verläufen schützt.

Exkurs: Wann werden Impfstoffe zugelassen und was ist bisher klar?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Voraussetzungen festgelegt, die klar sein müssen, damit Impfstoffe zugelassen werden dürfen:

  • Es dürfen in den Studienphasen auch mit mehreren Zehntaustend Testpersonen keine gesundheitlichen Risiken auftreten.
  • Es muss eine Schutzwirkung von 50 Prozent oder mehr gegeben sein.
  • Es muss eine Schutzdauer von mindestens einem halben Jahr gegeben sein.

Doch es gibt Dinge, die wir noch nicht wissen, erklärt unter anderem "Quarks":

  • Wer wird durch den Impfstoff ausreichend geschützt?
  • Wie lange schützt der Impfstoff?
  • Welche Langzeitnebenwirkungen können auftreten?

Über die Kurzzeitnebenwirkungen kann die Phase-III-Studie bereits viel Aufschluss geben, werden hier doch derzeit pro Impfstoff zwischen 30.000 und 65.000 Probanden geimpft und getestet, jeweils die Hälfte bekommt den Impfstoff, die andere ein Placebo. Diese erste und einzige Chance, auch seltene Nebenwirkungen aufzudecken, ist kritisch, das zeigt sich etwa im Beispiel AstraZeneca: Die Impfstudie musste zwischenzeitlich pausiert werden, da zwei Probanden schwere gesundheitliche Probleme gezeigt hatten, jedoch konnte bisher nicht nachgewiesen werden, ob der Impfstoff der Auslöser war oder ob die Nervenerkrankungen erst durch die enge medizinische Betreuung aufgefallen sind. Impfstoffe, die ohne Phase-III-Studie genutzt werden, etwa der russische Impfstoff "Sputnik V", lassen keinerlei Erkenntnisse zu selteneren Nebenwirkungen zu.

Corona-Impfstoffe: Diese Nebenwirkungen gibt es
Corona-Impfstoffe: Diese Nebenwirkungen gibt es

Problem 1: Lieferungen werden verzögert erfolgen

Egal wie schnell jetzt zugelassen wird: Anfangs werden nur begrenzte Impfstoff-Dosen bereitstehen, denn auch ein Impfstoff ist in der Herstellung langwierig. Daher ist es notwendig, zu priorisieren, wer zuerst geimpft wird. Und das sind, so wie es jetzt aussieht, erst einmal medizinisches Personal, das mit Covid-19 in Berührung kommt, sowie ältere Menschen bzw. Risikogruppen. Dann wird nach und nach ergänzt. Gesunde jüngere Erwachsene sind nach bisherigen Rechnungen dann im Frühjahr oder Sommer dran. Bis alle geimpft sind, dauert es also.

Hinzu kommt, dass sich nicht jeder impfen lassen will. Da allerdings zuerst sowieso nur ein kleiner Teil der Bevölkerung geimpft wird, können alle anderen, so komisch das klingt, erst noch beobachten. Läuft alles gut, ist davon auszugehen, dass sich am Ende doch mehr Menschen auf die Impfung einlassen, die jetzt noch kritisch eingestellt sind. Interessant dazu:

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden müssen, damit die Pandemie ein Ende finden kann und sich durch die Impfung eine Art Herdenimmunität einstellt. Stand jetzt liegt die Impfbereitschaft in Deutschland darunter.

Problem 2: Wie wirkt die Impfung bei wem – und wie lange?

Es fehlen Daten zur langfristigen Wirksamkeit in verschiedenen Personengruppen. Biontech erklärt, dass der Impfstoff gerade bei älteren Patienten gut anschlägt. Wie das aber langfristig bei Risikopatienten mit Vorerkrankungen aussieht, ist noch fraglich und muss sich erst zeigen. Ähnlich ist es bei Kindern und Jugendlichen: Ist die Corona-Impfung für kleine Kinder sicher – und müssen sie überhaupt geimpft werden?

Unklar ist zudem, wie lange der Impfschutz anhalten wird. Auch das wird sich erst mit der Zeit zu erkennen geben. Mindestens sechs Monate schreibt die WHO vor, besser wären natürlich mehr.

Problem 3: Inwiefern schützt der Impfstoff?

Ein Impfstoff wirkt präventiv. Er wird entwickelt, um Menschen vor Infektionskrankheiten zu schützen – und zwar nicht nur die Geimpften, sondern auch die Mitmenschen. Denn, und das wird hoffentlich auch mit den Corona-Impfstoffen erreicht, wer geimpft ist, kann ein Virus im besten Fall nicht mehr weitergeben. Doch es ist im Falle der Vakzine gegen Sars-CoV-2 noch gar nicht klar, ob das funktioniert. Bisher weiß man nur aus den Meldungen der Unternehmen, nicht einmal aus geprüften Studien: Die bisher in Phase III laufenden Impfstoffe scheinen die Geimpften insofern zu schützen, dass ein schwerer Verlauf verhindert wird.

Doch in Zellen eindringen kann das Virus noch immer, solange der Impfstoff keine Immunantwort provoziert hat. Das bedeutet: Träger können trotzdem eine Erkrankung der oberen Atemwege entwickeln und damit das Virus auch weitergeben. Wer noch nicht geimpft ist, muss daher weiterhin damit rechnen, sich anzustecken. Deshalb bedarf es auch seitens der Geimpften weiterhin Solidarität und ein Einhalten der Maßnahmen, um die Mitmenschen zu schützen.

Langfristig bräuchten wir mehr. "Wir wissen relativ sicher, dass eine sogenannte sterile Immunität im Moment wahrscheinlich gar nicht erreichbar ist", sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig im Interview mit dem ORF. Sterile Immunität bedeutet, dass Geimpfte in diesem Fall das Virus nicht mehr weitergeben.

Er betont die zwei Ziele, die es bei den Impfungen gibt: "Das erste Ziel ist eindeutig, dass man sich selbst vor schweren Covid-19-Verläufen schützt. Das können wir im Augenblick nicht sagen, weil wir keine Angaben dazu haben". Und weiter: "Das zweite Ziel ist, dass wir eine sogenannte Herdenimmunität induzieren. Das heißt, dass zwei Drittel der Bevölkerung immun sind und dadurch die Pandemie zum Stillstand kommt."

Da das Wissen über beide Ziele bisher noch stark lückenhaft ist, sieht er übrigens auch eine Impfpflicht als nicht akzeptabel:

Ludwig schließt: "Ich glaube, die Pandemie wird auch in einem Jahr nicht vollständig beseitigt sein, aber wir werden sicherlich dann sehr viel mehr wissen über die Impfstoffe, und werden sie dann auch gezielter einsetzen können."

Fazit: Bis zum finalen Ende der Pandemie braucht es mehr als Impfstoffe

Bedeutet: Solange sich noch Menschen anstecken und das Virus weitergeben können und Patienten noch schwer erkranken können, solange die Infektionszahlen nicht sinken und über einen langen Zeitraum unten bleiben, wird es weiterhin Corona-Maßnahmen wie Maske und Abstandsgebote geben. Die Impfung geht im besten Falle Hand in Hand mit diesen Maßnahmen, möglicherweise unterstützt durch die immer besser werdenden Schnelltests. Die Impfung wird hoffentlich den Anfang vom Ende der Pandemie markieren – beenden kann sie alleine sie aber nicht.

Übrigens ist das auch ein Grund, warum in der EU und in Deutschland nicht auf Impfstoff-Notfallzulassung gesetzt wird. Mehr Infos rund um das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

Quellen: Quarks.de, ORF – Im Zentrum, WHO: Impfziele, Protokolle der Impfstoff-Hersteller: Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca

Studien:

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