Aktualisiert: 25.11.2020 - 08:55

Psychische Erkrankungen Wer an diesen Krankheiten leidet, hat ein höheres Corona-Risiko

Depression und andere psychische Erkrankungen sind schon schlimm genug. Möglicherweise sind sie aber auch ein Risikofaktor für Covid-19.

Foto: iStock.com/coldsnowstorm

Depression und andere psychische Erkrankungen sind schon schlimm genug. Möglicherweise sind sie aber auch ein Risikofaktor für Covid-19.

Dass Lungen- und Herzkrankheiten, Diabetes und Adipositas den Verlauf von Covid-19 negativ beeinflussen können, ist mittlerweile bekannt. Doch auch andere Krankheiten scheinen das Risiko zu erhöhen. Und die haben für den Laien auf den ersten Blick gar nichts mit Körperfunktionen zu tun. Aber das täuscht.

Wer unter Depressionen leidet, muss unter den Corona-Maßnahmen sicher besonders leiden – so die Annahme. Es gibt sicher Fälle, in denen das zutrifft. Doch überraschende Meldungen von behandelnden Psychologen zeigen: Gerade Menschen, die die Einsamkeit gewöhnt sind, kommen überraschend gut mit der Situation klar. Dennoch könnten sie einem anderen Risiko ausgesetzt sein: Offenbar haben psychische Erkrankungen einen Einfluss auf eine Infektion mit dem Coronavirus. Menschen mit Depressionen sind also doch einem größeren Corona-Risiko ausgesetzt – nur eben anders als gedacht? Was ist dran?

Wer Depression hat, erkrankt eher an Covid-19? Studie zeigt Verbindungen

Die Daten von fast 62.400 Covid-19-Patienten – so viele lagen den Forscherinnen und Forschern rund um Maxime Taquet und Prof. John R. Geddes vor. Allen wurde zwischen dem 20. Januar und dem 1. August 2020 Covid-19 diagnostiziert. Die Ergebnisse haben sie im Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht.

Und diese Ergebnisse sind erstaunlich. Zwei Erkenntnisse konnten die Forscher gewinnen, eine davon wurde bereits von anderen Forschungsgruppen aufgegriffen:

  1. Einerseits scheint eine Corona-Infektion bei Covid-19-Patienten Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben zu können. Covid-19-Patienten neigen demnach zu Angstsymptomen, zu Depressionen und Schlaflosigkeit. Insbesondere wurden in 22,5 Prozent der Corona-Fälle weltweit neuropsychiatische Probleme festgestellt. Laut manchen Studien scheint die Erkrankung auch zu Symptomen wie Delirium, Manie oder Gedächtnislücken zu führen. Offenbar altert das Gehirn während der Erkrankung.
  2. Andererseits gibt es laut der neuen Studie wohl auch Risikofaktoren, die durch eine psychische Erkrankung entstehen können.

Zu zweiterem haben die Forschenden eine Kontrollstudie durchgeführt. Das Ergebnis: Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), mit bipolarer Störung, Depression oder Schizophrenie hatten eine größere Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken.

Selbst die Studienautoren sind überrascht

Für die Ergebnisse haben die Wissenschaftler*innen bereits bekannte Risikofaktoren wie Alter, Vorerkrankungen, Geschlecht und Gewicht herausgefiltert. Der Hinweis auf psychische Erkrankungen als Risikofaktor habe sogar sie selbst überrascht, schreiben sie in der Studie: "Wir haben nicht erwartet, dass die psychiatrische Anamnese ein unabhängiger Risikofaktor für Covid-19 sein wird." Und weiter: "Dieser Befund erscheint robust, wird in allen Altersschichten und bei beiden Geschlechtern beobachtet und war erheblich."

Die Ergebnisse wollen sie trotzdem vorsichtig interpretieren, schreiben die Forscher. Denn es habe bereits eine andere Studie aus Korea gegeben, die keinen Zusammenhang zwischen einer Diagnose von psychischen Erkrankungen und Covid-19 ergeben hat – "wenn auch in einer viel kleineren Stichprobe und mit weniger Übereinstimmung", ergänzen sie.

Depression erhöht das Corona-Risiko – aber warum?

Für die Gründe liefern die Studienautoren verschiedene mögliche Erklärungen:

  • Verhaltensfaktoren: Psychisch erkrankte Menschen könnten soziale Distanzempfehlungen möglicherweise weniger gut einhalten – zumindest in manchen Fällen. Gegenbeispiele gibt es sicher genug.
  • Sozioökonomische Faktoren und Lebensstil, etwa Rauchen, Alkoholkonsum
  • Medizinische Faktoren: Erhöhte Entzündungswerte im Körper

Insbesondere der letzte Punkt scheint interessant: "Es könnte auch sein, dass die Anfälligkeit für Covid-19 durch den entzündungsfördernden Zustand erhöht wird, von dem gesagt wird, dass er bei einigen Formen von psychiatrischen Störungen auftritt oder mit Psychopharmaka zusammenhängt", schreiben sie in der Studie. Sie ergänzen aber den Hinweis: Soziale und wirtschaftliche Faktoren seien allerdings nicht erfasst worden, könnten die Ergebnisse aber beeinflussen.

Sie leiden an Depressionen oder fühlen sich mit der Situation überfordert oder haben Angehörige, denen es so geht? Dann zögern Sie bitte nicht, sich Hilfe zu suchen. Bei der Telefonseelsorge erreichen Sie rund um die Uhr jemanden mit einem offenen Ohr: Unter telefonseelsorge.de oder unter 0800/1110111 oder 0800/1110222

Bei plötzlichen Angstzuständen in Quarantäne können Ihnen vielleicht unsere Tipps gegen den Umgang mit der Einsamkeit helfen. Zudem gibt's hier noch Tipps für psychisch Erkrankte in Corona-Quarantäne. Und mehr rund um das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

5 Tipps gegen die Einsamkeit im Corona-Lockdown
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Studie:

Taquet et al. (The Lancet, 2020): "Bidirectional associations between COVID-19 and psychiatric disorder: retrospective cohort studies of 62 354 COVID-19 cases in the USA"

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