Aktualisiert: 23.11.2020 - 20:16

Umstrittene Studie im Blickpunkt Ende der Corona-Regeln: Werden wir danach alle erst richtig krank?

Darum schützt die AHA+L+C-Formel

Darum schützt die AHA+L+C-Formel

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Die Corona-Maßnahmen wie die AHA-Formel schützen neben dem Coronavirus auch vor anderen Infektionskrankheiten. Aber was, wenn die Regeln wieder abgeschafft werden? Werden wir dann alle erst richtig krank, weil unser Immunsystem auf Sparflamme lief? Das vermuten zumindest Forscher aus den USA. Warum diese Studie aber zu recht stark umstritten ist.

Wer Abstand zu anderen hält, sich brav in die Armbeuge niest und hustet oder noch besser gleich Mund-Nasen-Maske trägt und Räume mit vielen Menschen regelmäßig lüftet, schützt sich nicht nur vor dem Coronavirus Sars-CoV-2, sondern gibt auch anderen Krankheitserregern, insbesondere Erkältungs- und Grippeviren keine große Chance mehr, sich neue Opfer zu suchen. Doch was passiert, wenn unser Körper solchen Viren nun nicht mehr so sehr ausgesetzt ist wie sonst? Sinkt da nicht die Abwehrkraft? Was, wenn dann die Maßnahmen irgendwann enden – werden wir dann anfälliger für Infektionskrankheiten?

Das sind zumindest die Befürchtungen, die US-Forscher anhand der Ergebnisse einer Simulationsstudie nun äußern. Doch unabhängige Experten, auch aus Deutschland, betonen: Die Arbeit sei sehr spekulativ – und lasse sich schnell falsch interpretieren. Wie viel Sorge ist berechtigt?

US-Forscher mahnen: Nach Corona-Maßnahmen könnte Anfälligkeit für andere Viren steigen

Das Team um die Epidemiologin Rachel Baker von der Princeton University in New Jersey stellt in ihrer in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlichten Studie fest: Die Corona-Maßnahmen – Abstand, Maske, Hände waschen, Lüften –, die in vielen Ländern derzeit üblich sind, schützen nachweislich vor Covid-19. Doch sie schützen auch vor anderen Infektionskrankheiten, ergänzen sie: "Ein Rückgang der Fallzahlen mehrerer respiratorischer Krankheitserreger wurde in letzter Zeit an vielen Orten weltweit beobachtet."

Das zeigt sich unter anderem an Daten rund um die Grippe: Die Grippewelle ist in den Ländern der Südhalbkugel de facto ausgefallen. Im Winter auf der Nordhalbkugel könnte es sich ähnlich entwickeln.

Doch jetzt die Krux: Baker und Kolleg*innen vermuten, dass die Maßnahmen sowie der verringerte soziale Kontakt zwangsweise zu weniger Kontakt mit Krankheitserregern führt, denen unser Körper sonst regelmäßig ausgesetzt ist. Fehle dieser Kontakt nun über längere Zeit, könne das bedeuten, dass der Körper später umso anfälliger für diese Erreger wird.

Szenarien: Zwei saisonale Erreger untersucht

Dafür haben die Forscher verschiedene Modelle simuliert, die zeigen, wie sich ein Ende der Corona-Maßnahmen auf zwei verschiedene saisonale Erreger auswirken könnte:

  • Grippeviren des Typs Influenza A (IAV) – kann bei allen Menschen eine Grippe auslösen
  • Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) – löst vor allem bei Kleinkindern Atemwegserkrankungen aus

Seit Einführung der Corona-Maßnahmen schätzen die Forschenden einen Rückgang der RSV-Übertragungen in den USA um rund 20 Prozent.

Die Berechnungen der Studienautoren zeigen, dass auch kurzzeitig geltende Maßnahmen zeitlich verzögert zu mehr RSV-Infektionen führen könnten. Eine Simulation für die USA und Mexiko zeige demnach, dass im Winter 2021/22 die meisten RSV-Fälle auftreten könnten. Für Influenza A errechneten die Forschenden ähnliche Ergebnisse.

Doch die Wissenschaftler*innen schränken ihre Ergebnisse bereits selbst ein: Denn Prognosen zu Grippewellen, insbesondere aufgrund der enormen Vielfalt dieser die Grippe auslösenden Viren, sowie der unterschiedlichen Wirksamkeit der vorhandenen Impfstoffe könnten "problematisch" sein.

Unabhängige Wissenschaftler kritisieren Studie scharf

Gegenüber der Deutschen PresseAgentur (dpa) greift Gülsah Gabriel, Virologin am Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und nicht an der Studie beteiligt, vor allem diesen Schwachpunkt auf: "Influenza-A-Viren sind wandelbar und anpassungsfähig. Diese Virusevolution ist ein dynamischer Prozess, der nicht modelliert werden kann." Ähnlich sieht das Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Solche Dynamiken ließen sich in mathematischen Modellen schwer bis gar nicht erfassen, sagt er. "Es könnte zu einer überschießenden Influenza-Welle kommen, aber auch das Gegenteil eintreten." Daher seien die Aussagen der Studie rein spekulativ.

Salzberger betont: "Würden wir jetzt über drei Jahre alle Viren von uns fernhalten, dann wäre das sicher problematisch für unser Immunsystem." Das würde aber sowieso nur funktionieren, wenn jeder von uns gar keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen hätte und rund um die Uhr Maske tragen würde. Dem ist ja nicht so, erklärt Salzberger. Die meisten von uns würden etwa nur für kurze Zeit eine Maske tragen. Außerdem sei eine jahrelange Abstinenz von Krankheitserregern auch deshalb unrealistisch, weil die Corona-Impfstoffforschung so weit vorangeschritten sei. Er malt damit das Bild, dass die Corona-Maßnahmen damit voraussichtlich schon in ein paar Monaten enden könnten.

Ergebnisse jetzt nicht als Argument gegen Maßnahmen interpretieren

Gabriel warnt eindringlich davor, die Ergebnisse der Studie nun nicht aus dem Kontext zu reißen und fehlzuinterpretieren – etwa als Argument gegen die derzeitigen Corona-Maßnahmen. Insbesondere der Mund-Nasen-Schutz, aber auch Abstand und Co seien derzeit besonders wichtig, um auch das Risiko einer sogenannten Co-Infektion zu senken – also einer Infektion etwa mit Influenza und einem weiteren Erreger, etwa eben dem Coronavirus. Beide gleichzeitig in Kombination würden eine weitaus schwerere Infektion hervorrufen. Mehr dazu: AHA-Regeln: Bringen die auch was gegen Grippe und Erkältung?

Sie weist auch nochmal darauf hin, dass sich Menschen aus Risikogruppen jetzt noch möglichst gegen Influenza impfen lassen sollten, um Co-Infektionen weiter ausschließen zu können. Das gelte auch für kommende Winter. Sie plädiert dafür, dass immer genügend Impfdosen bestellt werden müssten. Denn wer geimpft ist, ist auch weniger anfällig gegen eine Infektionskrankheit – auch wenn das Immunsystem einmal für ein paar Monate durch weniger Krankheitserreger gefordert wurde. Und vor den meisten Erkältungsviren haben wir einen gewissen Grundschutz, der auch nach ein, zwei Jahren nicht plötzlich verschwindet und uns zumindest vor schweren Verläufen schützt.

Übrigens scheint ein langfristigerer Schutz auch beim Coronavirus anzuhalten – auch wenn die Zahl der Antikörper sinkt. Forscher entdeckten, dass wir nach der Corona-Infektion über eine längere Zeit immun sind als anfangs gedacht. Nach einer hochwirksamen Impfung, wie sie möglicherweise bald bereitsteht, könnte dieser Schutz noch größer sein.

Hier gibt's zum Abschluss noch 5 Tipps, wie Sie Ihr Immunsystem auch ohne Erreger fit halten:

5 Tipps für ein starkes Immunsystem
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Studie: Baker, Park et al. (PNAS, 2020): "The impact of COVID-19 nonpharmaceutical interventions on the future dynamics of endemic infections"

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