Aktualisiert: 19.11.2020 - 09:44

Verhindert Zytokinsturm Dieses Antidepressivum schützt vor schwerem Corona-Verlauf

Auf der Suche nach wirksamen Medikamenten gegen Covid-19 untersuchen Forscher auch bereits bestehende Medikamente. Neuer Hoffnungsträger zur Vermeidung schwerer Verläufe: Fluvoxamin, ein Antidepressivum.

Foto: iStock.com/andos.media

Auf der Suche nach wirksamen Medikamenten gegen Covid-19 untersuchen Forscher auch bereits bestehende Medikamente. Neuer Hoffnungsträger zur Vermeidung schwerer Verläufe: Fluvoxamin, ein Antidepressivum.

Bei schweren Covid-19-Verläufen ist vor allem eine Komplikation gefürchtet: der sogenannte Zytokinsturm, die überschießende Immunreaktion. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass ein bereits verfügbares Medikament gegen Depressionen tatsächlich davor schützen kann.

Im Kampf gegen das Coronavirus versuchen Forscher neben Impfstoffen auch Medikamente zu finden, die schwere Verläufe der Multiorgankrankheit abmildern oder verhindern können. Dabei wird nicht nur an neuen Arzneimitteln geforscht. Es werden auch bereits bekannte Medikamente getestet – und manche versprechen tatsächlich einen Erfolg. Der Vorteil: Sie sind bereits bekannt – auch ihre Nebenwirkungen – und verfügbar und können oft einfach und schnell in größerem Maße hergestellt werden. Genannt sei da etwa Remdesivir. Doch auch Medikamente, deren eigentlicher Zweck für uns Laien erst einmal gar nichts mit einer Viruserkrankung zu tun hat, können Erfolge in der Behandlung zeigen: So haben Forscher jetzt herausgefunden, dass ein oft verschriebenes Antidepressivum schwere Folgen von Covid-19 abmildern kann.

Fluvoxamin: Antidepressivum unterbindet schweren Corona-Verlauf

Fluvoxamin kennen vor allem Menschen, die an einer Angst- oder einer Zwangsstörung oder einer Psychose leiden. Das Medikament gehört zu den Antidepressiva, genauer gesagt zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

Aufgrund seiner Wirkungsweise kann Fluvoxamin aber mehr: Forscher haben anhand einer Studie herausgefunden, dass das Medikament vorbeugend gegen eine Überreaktion des Immunsystems helfen kann: gegen den sogenannten Zytokinsturm. Diese schwere Komplikation, die bei manchen Covid-19-Patienten zu einem extrem schweren Verlauf der Erkrankung führt, lässt das Immunsystem entgleisen und schüttet ungebremst Zytokine aus, die schwere Entzündungsreaktionen im ganzen Körper hervorrufen – sowohl in der Lunge als auch in anderen Organen. Ein Zytokinsturm kann auch bei anderen infektiösen und nichtinfektiösen Krankheiten auftreten, etwa bei Influenza oder Sepsis. Bei Covid-19 gibt es jedoch vermehrt Fälle.

Wie schützt nun das Antidepressivum dagegen? Fluvoxamin verstärkt in Zellen die Wirkung des sogenannten Sigma-1-Rezeptors, der daran beteiligt ist, die zelluläre Stressantwort zu regulieren. Diese Stressantwort gilt gemeinhin als Auslöser eines Zytokinsturms, ist aber bisher kaum untersucht. Es war aber aufgrund einer Tierstudie aus dem Jahr 2019 bereits bekannt, dass Fluvoxamin eine solche Stressantwort sogar stoppen kann. Die Mäuse aus dem Tierversuch im vergangenen Jahr hat das vor einer Sepsis geschützt. Nun scheint das Mittel Menschen vor einem Zytokinsturm und somit vor einem schweren Verlauf zu schützen.

Keiner der Fluvoxamin-Patienten erlitt schweren Verlauf

Insgesamt 152 Patienten mit bestätigter Corona-Infektion hatten zwischen April und August an der Studie von Eric Lenze und seinem Team an der Washington University School of Medicine teilgenommen. Alle hatten bereits unter leichten Symtomen gelitten, ihre Sauerstoffsättigung lag aber mit 96 bis 98 Prozent noch im normalen Bereich.

Bis zu dreimal täglich sei den Teilnehmern entweder 100 mg Fluvoxamin oder ein Placebo gegeben worden. Auch nach 15 Tagen zeigt keiner der insgesamt 80 Fluvoxamin-Patienten ernsthafte klinische Verschlechterungen. Sechs der verbleibenden 72 Placebo-Patienten wurden dagegen ernsthaft krank, vier davon mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Hintergrundinfos: Covid-19 sorgt bei Patienten für Blutgerinnsel: Das scheint der Grund zu sein

Fluvoxamin könnte eine Lücke in der Medikamentenforschung schließen

Lenze fasst in einer Mitteilung der Universität zusammen: "Die Patienten, die Fluvoxamin einnahmen, entwickelten keine ernsthaften Atembeschwerden oder mussten wegen Problemen mit der Lungenfunktion ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Das sei insbesondere deshalb eine gute Nachricht, da es sich bei dem Antidepressivum endlich um ein Medikament handeln könnte, das eine Nische in der Forschung rund um das Coronavirus füllt: Bisher, so Lenze, würden sich Forschende vor allem mit Medikamenten beschäftigen, die den bereits schwer erkrankten Covid-19-Patienten helfen sollen. Es sei aber wichtig, auch Therapien zu finden, die bereits verhindern, dass Patienten überhaupt "so krank werden, dass sie zusätzlichen Sauerstoff benötigen oder ins Krankenhaus müssen. Unsere Studie legt nahe, dass Fluvoxamin diese Nische füllen helfen kann", schließt der Erstautor der Studie.

Die Ergebnisse müssen jetzt aber noch weiter überprüft werden. Dazu soll es eine landesweite, größere Studie in Missouri bzw. in den USA geben.

Wichtig: Sollten Sie aufgrund von Anststörungen und Co Fluvoxamin einnehmen oder jemanden kennen, der es einnimmt, nehmen Sie jetzt bitte nicht einfach so hohe Dosen des Medikaments ein. Es handelt sich hier um eine erste kleine Studie. Vom Arzt verordnete Medikamentendosen sollten niemals einfach so verändert werden – das gilt für alle Medikamente!

Insbesondere ist bei Antidepressiva Vorsicht geboten. Es kann natürlich auch zu Nebenwirkungen führen: Häufige Nebenwirkungen von Fluvoxamin sind Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen, Schlafstörungen, Unruhe, Herzrasen und Mundtrockenheit. Zudem sollte der Wirkstoff nicht zusammen mit Arzneimitteln aus der Wirkstoffgruppe der MAO-Hemmer eingenommen werden. Außerdem bergen alle SSRI das Risiko einer erhöhten Suizidneigung bei Menschen mit Depressionen!

Auch hier ist Vorsicht geboten – für Mediziner ist diese Nachricht aber ein Fortschritt:

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Studien:

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