Aktualisiert: 28.04.2021 - 15:14

Fatigue, Atemnot und mehr Long Covid: Spätfolgen erhöhen das Sterberisiko

Eigentlich immer fit gewesen – doch seit Corona ist alles anders? "Long Covid" gibt Medizinern weltweit Rätsel auf. Immer mehr Menschen zeigen anhaltende Beschwerden wie Atemnot und Müdigkeit – selbst nach milden Verläufen.

Foto: iStock.com/svetikd

Eigentlich immer fit gewesen – doch seit Corona ist alles anders? "Long Covid" gibt Medizinern weltweit Rätsel auf. Immer mehr Menschen zeigen anhaltende Beschwerden wie Atemnot und Müdigkeit – selbst nach milden Verläufen.

Wer "nur" die Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus beachtet, unterschätzt die Erkrankung enorm. Ein erschreckend großer Teil der als genesen geltenden Covid-19-Patienten leidet noch Monate später unter Erschöpfung, Atemproblemen und mehr. Und das betrifft nicht nur die, die deswegen im Krankenhaus lagen. Immer mehr zeichnet sich ab, was "Long Covid" überhaupt bedeutet. Selbst das Sterberisiko erhöht sich.

"An der Grippe sterben auch Menschen!" Diesen Satz hören wir immer wieder als Kritik auf die Berichterstattung rund um das Coronavirus. Das ist nicht falsch – doch was uns auffällt: Es geht in der Diskussion oft nur um die Todeszahlen. "Corona" wird von vielen als nicht so gefährlich eingestuft. Es treffe doch vor allem die vorerkrankten und alten Menschen. Abgesehen davon, dass diese Aussage ethisch ziemlich menschenverachtend ist, unterschätzen viele eines: Das Coronavirus kann jeden von uns befallen – auch junge, gesunde Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche. Und selbst die leiden im Nachgang oft an verminderter Lebensqualität. Manche sogar nach eigentlich mildem Verlauf. Woher kommen diese Langzeitfolgen, auch "Long Covid" genannt?

Corona-Langzeitfolgen: Das wissen wir über “Long Covid”
Corona-Langzeitfolgen: Das wissen wir über “Long Covid”

"Long Covid": Auch fitte Menschen nach leichten Verläufen betroffen

Noch ist die Studienlage rund um die Langzeitfolgen von Covid-19 recht uneindeutig, die Einschätzungen gehen weit auseinander, manche Studien nennen einen Anteil von 50 bis 70 Prozent der Erkrankten – beziehen sich dabei aber auf die, die im Krankenhaus behandelt worden sind. Doch nicht nur die trifft Long Covid. Experten gehen mittlerweile davon aus, dass rund zehn bis 20 Prozent der als "Genesen" geltenden ehemaligen Covid-Patient:innen noch Wochen oder gar Monate später mit den Folgen zu kämpfen haben. Sie klagen über anhaltende Atemnot bei Belastungen, die sonst zum Alltag gehörten, etwa beim Treppenlaufen. Den Job weiter ausüben – für viele unmöglich. Herzprobleme mischen sich dazu, andere leiden unter bleierner Müdigkeit, sogenannter Fatigue – übrigens auch recht häufig nach schwerer Grippe. Andere haben während der Corona-Krankheitsphase ihren Geschmackssinn verloren und ihn noch Monate später nicht zurück. Der sogenannte "Brain Fog" bringt Konzentrationsschwierigkeiten mit, aber auch körperliche Leiden wie immer wiederkehrendes Herzrasen, Atemnot und Gelenkschmerzen können noch lange nach der Infektion auftreten. Wieder andere leiden plötzlich an Depressionen, obwohl sie zuvor nie die Neigung dazu hatten. Eine Studie zeigt zudem, dass Covid-19 das Gehirn um 10 Jahre altern lassen kann.

Nicht nur Hospitalisierte: Long Covid trifft auch die mit milden Verläufen

Schnell wird argumentiert: Die Nebenwirkungen der zur Behandlung gegebenen Medikamente oder die Beatmung setzen dem Körper zu und schädigen ihn, teilweise sehr stark. Das ist korrekt. Doch es geht hier nicht nur im Krankenhaus behandelten Menschen so, sondern auch solchen, die die Krankheit zu Hause überstanden haben. Das erzählt etwa Patrick Brun, Chefarzt der Rehaklinik Heiligenschwendi im Kanton Bern in der Schweiz, gegenüber dem SRF. Er betreut Menschen, die Erkrankungen überstanden haben und jetzt rehabilitiert werden müssen. Seit vergangenen Sommer bereits kommen auch Patienten zu ihm, die nur einen milden Verlauf von Covid-19 hatten: "Doch sie mussten in die Reha, weil sie teilweise nicht mehr in der Lage waren, ihr bisheriges Leben weiterzuführen", erklärt Brun dem Sender.

Auch Carmen Scheibenbogen, Leiterin des Berliner Charité Fatigue Centrums, beschreibt Ähnliches in der Aktuellen Stunde des WDR: "Wir haben immer mehr Patienten gesehen – auch jüngere Patienten, die anfangs gar nicht so eine schwere Infektion haben – mit anhaltenden Symptomen. Viele von denen sind richtig krank und können nicht mehr arbeiten."

Für eine Studie haben Forschende des King's College in London über eine App die Symptome von mehr als 4000 Covid-19-Patienten ausgewertet: Etwa 20 Prozent klagten über Symptome, die länger als vier Wochen anhielten, knapp sieben Prozent litten sogar noch länger als acht Wochen unter den Folgen der Erkrankung. Ihre "Long Covid"-Symptome zeigten sich vorrangig als Müdigkeit, Kopfschmerzen, erschwerter Atmung oder fehlendem Geruchssinn.

"'Long Covid' ist mehr, als von einer Lungenentzündung zu genesen"

Woher dieses "Long Covid", diese Ansammlung von Langzeitfolgen kommt, können Mediziner noch nicht erklären. Auch wie lange sie bleiben, ist unklar. Das Phänomen wurde bereits bei "Sars" beobachtet, manche ehemaligen Patienten litten noch Jahre später an Atembeschwerden. Immerhin: Bei vielen Patienten scheinen sich die Symptome nach und nach zu bessern. Dennoch gehen ihnen diese Wochen bis Monate verloren.

Das nationale Forschungsinstitut NIHR des Vereinigten Königreichs hat bereits ein großes Forschungsprojekt gestartet, um "Long Covid" besser zu verstehen. Mit dabei ist Philip Pearson, Lungenfacharzt aus Großbritannien. Er sagt, es sei einfacher zu sagen, was "Long Covid" nicht sei, als zu beschreiben, was es ist. "Auf jeden Fall ist es mehr, als einfach von einer Lungenentzündung zu genesen", zitiert ihn SRF.

Mit BILD der FRAU haben fünf eigentlich von Covid-19 genesene Patienten über ihre Langzeitfolgen gesprochen.

Wie lange halten Langzeitfolgen an?

Noch immer lässt sich keine genaue Aussage dazu treffen, wie lange solche Folgen anhalten. Manche Schäden im Körper, etwa Covid-19- Langzeitschäden an Herz und Lunge scheinen sich zurückzubilden. Doch aktuelle Studien geben nach und nach mehr Auskunft über den Zeitrahmen der Beschwerden. Eine Studie aus dem Fachjournal "The Lancet" bestätigt: Die Folgen von Covid-19 können durchaus mindestens ein halbes Jahr nach der Infektion noch spürbar sein. Bedeutet: Man kann mittlerweile durchaus von "Langzeitfolgen" sprechen. In der Studie wurden Patienten aus Wuhan untersucht, die stationär behandelt worden waren. Auch sechs Monate nach "Genese" klagen 76 Prozent noch immer über mindestens ein anhaltendes Symptom – in den meisten Fällen Fatigue oder Muskelschwäche.

Und auch eine andere Studie, bisher im Preprint erschienen, mit Probanden, die nicht im Krankenhaus behandelt worden waren, zeigt: Auch bei den Befragten hier, alle zwischen 30 und 59 Jahren, klagten 65 Prozent der Betroffenen über spürbare und vor allem anhaltende Folgen nach sechs Monaten. Interessant dabei: Es handelt sich bei der Autorengruppe um einen Zusammenschluss von Langzeit-Covid-19-Patienten, die selbst in der Wissenschaft tätig sind. Sie wollen die Erforschung der Erkrankung, von der sie selbst betroffen waren, voranbringen.

Neue Studie: Sterberisiko noch monatelang erhöht

Dass Menschen nach der akuten Infektion nicht unbedingt genesen sind, sondern auch noch Gefahr laufen, früher zu sterben, zeigt auch eine neue Studie aus den USA: Die Forschenden hatten 73.345 ehemalige Covid-Patient:innen untersucht, die allesamt milde bis moderate Symptome gezeigt hatten – im Krankenhaus war niemand wegen der Erkrankung. Ihre Erkenntnis: Bis sechs Monate nach der Infektion zeigte sich ein bis zu 60 Prozent höheres Sterberisiko als bei Nicht-Infizierten. Und auch mussten sie öfter ambulant medizinisch behandelt werden.

"Die Ergebnisse zeigen, dass Covid-19-Überlebende über die akute Krankheit hinaus eine erhebliche Belastung ihrer Gesundheit erfahren, die sich über die Lungen bis hin zu weiteren Organsystemen erstreckt", so die Wissenschaftler:innen um Ziyad Al-Aly von der Washington University in Saint Louis School of Medicine in der Fachzeitschrift "Nature".

Bei anhaltenden Problemen ärztlichen Rat einholen – nicht unterschätzen und zögern

Übrigens stimmt eines natürlich auch: Auch die Grippe oder andere Viruserkrankungen können Langzeitfolgen wie Fatigue hervorrufen, die sind sogar gar nicht mal so selten. Es gibt jedoch zwei große Aber: An Covid-19 erkranken gerade weit mehr Menschen gleichzeitig. Zudem kristallisiert sich unter anderem durch die obige US-Studie zur Sterblichkeit heraus, dass die postviralen Folgen von Covid-19 schwerwiegender sind als die der Grippe.

Woher genau Long Covid kommt, bleibt derweil unklar – ob die Beschwerden nun durch das Virus selbst ausgelöst werden, durch die Immunantwort auf die Viren oder eine Autoimmunreaktion. Dass selbst Menschen mit vermeintlich schwachem Verlauf über lange Zeit nicht mehr richtig fit werden, sollte mindestens aufhorchen lassen.

Ein weiteres Problem ist nämlich die Stigmatisierung. Nicht immer werden Patienten, die durch einen sehr milden Verlauf oder "unpassende" Corona-Symptome, die sie gar nicht auf die Erkrankung zurückführen, und so möglicherweise gar nichts von ihrer Corona-Infektion wussten, auch ernstgenommen. Wenn die Ursache unklar ist, ist es nicht leicht zu helfen.

Menschen, denen es nach ihrer Covid-19-Erkrankung noch nicht gut geht, rät Carmen Scheibenbogen: Sollten Sie sich nach vier Wochen nicht gesund fühlen, gehen Sie nochmal zum Hausarzt. Sollten die Symptome sogar länger als drei Monate anhalten, ist der Besuch in einer Spezialambulanz anzuraten. Doch die bauen sich in Deutschland erst langsam auf – es gibt unter anderem welche an der Charité in Berlin oder an der Medizinischen Hochschule Hannover. Experten befürchten aber, dass die Pandemie uns noch viele Long-Covid-Betroffene bringt. Die müssen von den Gesundheitssystemen langfristig versorgt werden. Eine Herausforderung, die sich nur dann verhindern lässt, wenn die Pandemie schnellstmöglich eingedämmt wird.

Hilfreich dabei: Symptome in einer App festhalten

Die gemeinnützige Organisation Data4Life, bereits verantwortlich für die mit der Charité entworfene "CovApp", hat ein Symptomtagebuch für Covid-19-Patienten entwickelt, in dem sie ihre Symptome dokumentieren können. Dafür gibt es eigens eine "Long Covid Erweiterung". Mit der Eingabe können Betroffene und behandelnde Ärzte den Überblick behalten und die Behandlung entsprechend anpassen. Zudem helfen solche Daten, den Krankheitsverlauf besser zu verstehen.

"Da die Erkrankung Long Covid erst seit einigen Monaten beschrieben wird, lassen sich bezüglich möglicher Langzeitfolgen und bleibender Schäden bisher noch keine abschließenden Aussagen treffen. Wir wissen inzwischen, dass auch bei Menschen, bei denen die initiale Covid-19-Infektion mild verlief, Beschwerden über Wochen, gar Monate hinweg fortbestehen können. Um Long Covid – auch im Vergleich zu anderen respiratorischen Erkrankungen – besser zu verstehen, kann eine eine detaillierte Dokumentation der Symptome über einen längeren Zeitraum hinweg helfen", erklärt PD Dr. Cornelius Remschmidt, Chief Medical Officer von Data4Life. "Mit dem digitalen Symptomtagebuch unterstützen wir die Betroffenen dabei, ihre Symptome auch über einen längeren Zeitraum präzise und übersichtlich zu erfassen und auf eigenen Wunsch mit dem Arzt zu teilen."

Wie schon die "CovApp" ist das Symptomtagebuch eine webbasierte App, die über den Browser funktioniert. Es muss also nichts heruntergeladen werden. Sie kann auf Deutsch und Englisch bedient werden.

Das alles lehrt uns: Keine Krankheit sollte unterschätzt werden. Dass auch Menschen an der Grippe sterben oder nach überstandener Influenza über Langzeitfolgen klagen, relativiert die Aussage "Corona ist doch nur eine Grippe" ganz gewaltig, oder?

Sie wollen bei Symptomen wissen, ob diese für Covid-19, eine Grippe oder doch nur eine Erkältung sprechen? Hier gibt's eine Übersicht. Mehr News und Ratgeber rund um das Coronavirus lesen Sie auf unserer Themenseite.

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