Aktualisiert: 18.11.2020 - 12:49

Löst hämorrhagisches Fieber aus Schon wieder?! Neues tödliches Virus in Bolivien entdeckt

Das Chapare-Virus gehört zu den Arenaviren, die meist in Nagetieren kursieren. Doch es kann auch auf den Menschen überspringen – und sich offenbar von Mensch zu Mensch übertragen. Die Erkenntnis ist eine Warnung. Eine von vielen.

Foto: iStock.com/SolStock

Das Chapare-Virus gehört zu den Arenaviren, die meist in Nagetieren kursieren. Doch es kann auch auf den Menschen überspringen – und sich offenbar von Mensch zu Mensch übertragen. Die Erkenntnis ist eine Warnung. Eine von vielen.

Irgendwie häufen sich so langsam die Meldungen über neu entdeckte Viren, insbesondere wenn sie vom Tier auf den Menschen übergesprungen sind. Nicht alle sind gefährlich, aber einige bergen die Gefahr, sich dann auch von Mensch zu Mensch weiterzuverbreiten – so wie in einem in Bolivien neu aufgetretenen Virus.

Das Chapare-Virus tritt mutmaßlich bei Nagetieren auf und ist erstmals im Jahr 2004 in Bolivien beim Menschen entdeckt worden – bei nur einem Fall. Letztes Jahr kam der dem Ebola-Virus ähnelnde Erreger zurück – und übertrug sich erstmals von Mensch zu Mensch, mit tödlichen Folgen. Das Problem ist aber ein viel Größeres – wir sehen es gerade an der Corona-Pandemie: Immer mehr Viren springen vom Tier auf den Menschen über und verändern sich so, dass sie zur Gefahr werden können.

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Chapare-Virus: Noch ein Tier-Virus, das Menschen krank macht

Das Chapare-Virus hatten Forscher damals im Blut eines Toten nachweisen können. Ein Einzelfall. Jetzt ist es wieder da und hat Klinikpersonal infiziert: Im Jahr 2019 wurde das Virus erneut im Menschen gefunden – und konnte sich bei der Behandlung auf andere Menschen übertragen. Drei medizinische Fachkräfte hatten sich demnach offenbar bei der Behandlung zweier Patienten angesteckt. Zwei von ihnen starben. Das hatten Forscher der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC festgestellt, nachdem sie fünf Fälle einer unbekannten Krankheit in Bolivien untersucht hatten.

Das Chapare-Virus ähnelt dem Ebola-Virus und kann ein schweres hämorrhagisches Fieber verursachen. Die Symptome sind Fieber, starke Bauchschmerzen, Erbrechen, starkes Zahnfleischbluten, Hausausschlag und ein Schmerz hinter den Augen. Übertragen wird es laut den Forschenden durch Körperflüssigkeiten. Alle drei Medizinangestellten waren mit Körperflüssigkeiten der Patienten, etwa Fäkalien oder Erbrochenem, in Berührung gekommen.

Kein Ausbruch verzeichnet – dennoch Grund zur Sorge

Nach diesen Fällen gab es auch in der Gegend rund um diese fünf Fälle keinen Ausbruch der Krankheit mehr, auch im Jahr 2020 ist noch nichts bekannt. Zudem verbreiten sich Krankheiten wie Ebola oder eben das Chapare-Virus, die hämorrhagisches Fieber auslösen, längst nicht so schnell wie respiratorische Krankheiten wie die Grippe oder Covid-19, erklärt Colin Carlson von der Georgetown University in den USA gegenüber Live Science. Das liege insbesondere daran, dass die Symptome dieser Krankheiten typischerweise schon sehr kurze Zeit nach der Infektion auftreten – verglichen mit der oft tagelangen Inkubationszeit bei Atemwegserkrankungen – und sich Erkrankte so besser isolieren lassen.

Das größte Problem bei hämorrhagischen Fieberkrankheiten aber ist, dass sich insbesondere medizinisches Personal anstecken kann und somit ganze Gesundheitssysteme zusammenbrechen können.

Doch es gibt noch ein ganz anderes Problem, das dieses neue Virus wieder einmal zeigt und dessen wir uns nicht nur angesichts von Sars-CoV-2 bewusst werden sollten: die steigende Gefahr von Zoonosen.

Zoonosen: Viren, die vom Tier auf den Menschen springen

Das größte Problem sind die Viren selbst, die vom Tier auf den Menschen überspringen können – sogenannte Zoonosen – und sich dann so entwickeln, dass sie von Mensch zu Mensch weitergetragen werden. Denn Viren brauchen einen Wirt, um sich vermehren zu können. Viren sind alleine nicht existenzfähig. Stirbt ihr Wirt, verschwinden auch sie. Daher benötigen sie Wege, sich weiter zu verbreiten. Der perfekte Wirt ist der, in dem sie existieren können, der möglichst viele weitere Lebewesen mit ihnen infiziert, bevor er stirbt. Hinzu kommen zufällige Mutationen. Die können harmlos sein, sie können das Virus aber auch ansteckender oder weniger ansteckend machen. Genauso können sie es tödlicher oder weniger tödlich machen.

Hier tickt jede Virenart allerdings anders: Während HI-Viren sich ständig wandeln, so dass die Impfstoffsuche quasi unmöglich ist, wandeln sich Influenzaviren so häufig, dass wir jedes Jahr eine Auffrischung des Impfschutzes brauchen und es jedes Jahr schwere Grippefälle gibt. Coronaviren wandeln sich nicht ganz so häufig. Und das Masernvirus bleibt so stabil, dass ein Impfschutz fast lebenslänglich hält.

Mehr dazu: Nach Coronavirus-Infektion immun? Und wenn ja, wie lange?

Im Falle des Chapare-Virus ist nicht nachgewiesen, dass es von Nagern auf Menschen übergesprungen ist, jedoch hatten die Patienten aufgrund ihrer Farmer-Herkunft potentiellen Kontakt mit Urin oder Fäkalien von Nagetieren. Zudem gehört das Virus zur Gruppe der Arenaviren, die typischerweise in Nagetieren kursieren und auf den Menschen überspringen können. Hier zählt z.B. auch das Lassafieber oder das Hantavirus zu. Einen Fall gab es kürzlich in Deutschland: Eine Frau aus Niedersachsen ist, infiziert von einer Ratte, am Seoulvirus, einer Art des Hantavirus, erkrankt. Sie lag zwischenzeitlich auf der Intensivstation.

Wir leben mit immer mehr neuen Viren

"Neue Viren, darunter auch tödliche, sind ein Fakt im Leben des 21. Jahrunderts." So drückt es Life Science in ihrem Bericht aus, gestützt durch die Aussagen von Carlson. Er stellt fest, dass die Rate neu auftretender Viren klar gestiegen sei innerhalb der vergangenen ein, zwei Dekaden. Rund zwei neu erkannte Viren im Jahr seien normal – Viren, die man vorher so noch nie gesehen hat. Mittlerweile gebe es mehr, oft durch einen Sprung vom Tier auf den Menschen. Eine genaue Zahl zu benennen sei aber schwierig.

Nicht immer bedeutet das eine Gefahr. Auch wenn ein Virus überspringt, bedeutet das nicht automatisch, dass es dann von Mensch zu Mensch übertragbar ist: "Die meisten Viren, die von wilden Tieren auf Menschen überspringen, sind schlecht angepasst", so Carlson. Sie hätten entsprechend beim ersten Versuch selten "Glück", sich weiterverbreiten zu können.

Doch Viren, die in Tieren zirkulieren, die nah am Menschen leben, finden viel eher die Möglichkeit, sich bei einem der vielen Sprünge so zu entwickeln, dass sie schließlich von Mensch zu Mensch übertragbar werden. Nutztiere oder Nager seien da genannt, aber auch Tiere auf Wildtiermärkten wie in China.

Carlson erklärt, dass dieser Sprung theoretisch überall auftreten könne. Die Öffentlichkeit denkt bei hämorrhagischen Fiebern, aber auch bei Viren wie Sars-Cov-2 und Sars oft direkt an Afrika oder Asien. Doch, so Carlson, das Chapare-Virus zeigt: Es kann überall passieren.

Bestehende Pandemien machen den Menschen anfälliger für weitere Viren

Die Welt werde besser darin, solche Viren zu entdecken, sagt Carlson. Das seien die guten Neuigkeiten. Doch Globalisierung und insbesondere das engere Zusammenrücken von Tieren und Menschen, etwa durch das Zerstören des natürlichen Lebensraumes der Tiere – Stichwort Brandrodungen als ein Beispiel von vielen – ermöglichen Viren viel leichtere Sprünge vom Tier auf den Menschen. Mehr dazu: Nicht nur Corona: Wie die Umweltzerstörung Epidemien beeinflusst

Und Carlson gibt zu bedenken: Die schädliche Wirkung, die eine Pandemie wie die Corona-Pandemie auf die Gesundheitssysteme und die Gesundheit der Weltbevölkerung hat, machen die Menschheit noch anfälliger für andere Viren. Denn was wir nicht vergessen dürfen: Je mehr sich das Gesundheitssystem mit einer Krankheit beschäftigen muss, desto mehr anderes muss warten. Und Covid-19-Patienten sind in erschreckend vielen Fällen längst nicht gesund, wenn sie die Infektion überstanden haben. Die Auswirkungen des sogenannten "Long-Covid" zeigen sich nach und nach in Erschöpfung, Atemproblemen und mehr. All das sind Probleme, die den Menschen als "vorerkrankt" gelten lassen und ihn anfälliger machen.

Vor Krankheiten wie dem Hantavirus oder Chapare kann man sich aber schützen, indem man den Kontakt zu wilden Nagetieren möglichst verhindert. Dazu gehört es auch, mögliche Löcher im und am Haus zu verschließen, damit die Tiere gar nicht erst in unseren intimsten Lebensraum eindringen können.

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Quelle: Live Science, eigene Recherchen

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