Aktualisiert: 16.11.2020 - 09:52

Lehren für die Corona-Pandemie Die Spanische Grippe ist eigentlich noch gar nicht zu Ende

Tod durch Lungenversagen: Das war die Spanische Grippe

Tod durch Lungenversagen: Das war die Spanische Grippe

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Sie war die bisher schlimmste Pandemie, die die Menschheit bisher erlebt hat. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie hatten aber die wenigsten von uns viel davon gehört: Die Spanische Grippe hat Millionen Menschenleben gekostet. Können wir Lehren aus dem damaligen Umgang ziehen?

Über 50 Millionen Menschenleben innerhalb von nicht einmal anderthalb Jahren, die Dunkelziffer sicherlich weit höher – und die Langzeit-Todesfälle gar nicht erst mitgerechnet: Die Spanische Grippe hat 1918 und 1920 weltweit enorm gewütet. So richtig auf sie aufmerksam geworden sind die meisten von uns aber wohl erst im Angesicht einer neuen Pandemie: dem Coronavirus.

Auch die Spanische Grippe war eine respiratorische Erkrankung, der Name erklärt schon viel. Auch sie hatte, wie das Coronavirus, schwere Folgen im Schlepptau. Und viele Erkrankte hatten nach offizieller Genese mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Entsprechend ist diese Zeit sehr aufschlussreich für uns: Was kann uns die Spanische Grippe im Umgang mit dem Coronavirus lehren?

Die Spanische Grippe: Drei Wellen suchten die Menschheit heim

Die Menschheit war durch einen Weltkrieg bereits gebeutelt – und dann breitete sich auch noch eine Infektionskrankheit über den Globus aus: Ab dem Frühjahr 1918 zog das auslösende Virus durch die USA und Europa. Im Herbst 1918 folgte die zweite Welle – ungleich heftiger als die erste mit vielen Millionen Todesfällen in nur vier Monaten. Als beendet galt die Spanische Grippe dann 1920: Nach einer dritten Welle im Sommer 1919 flachte sie langsam ab.

Dass die Erkrankung sich damals zur Pandemie entwickeln konnte, war der enorm hohen Mobilität in der Kriegszeit geschuldet. Laut Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics, sei das vergleichbar mit der heutigen Mobilität: "Wir wissen ja, dass wir bei der Covid-Pandemie den Ausbruchsherd Ischgl hatten", sagt er gegenüber tagesschau.de. "Man könnte sagen, dass die Trainingslager der Armeen, in Amerika und in England und in Frankreich, das damalige Äquivalent zu Ischgl waren, nur hat man damals nicht Skisport gemacht, sondern wesentlich weniger harmlose Dinge."

Unterschied zum Coronavirus: Spanische Grippe hatte oft sehr schnellen Verlauf

Vieles an der Spanischen Grippe erinnert an die Coronavirus-Pandemie. Und doch gibt es Unterschiede. Anfangs nahm die Infektionskrankheit keiner ernst. Die Symptome: Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen – also das, was auch jede andere Grippe oder Erkältung verursacht – zudem ähnlich hohe Todeszahlen wie bei vorherigen Grippewellen. Doch die zweite Welle schlug ein, mit Millionen Toten.

Wo Covid-19 mehrere Tage braucht, um auszubrechen, hat das die Spanische Grippe auslösende Influenzavirus in vielen Fällen schon nach Stunden zum Tod der Infizierten geführt, erklärt etwa Quarks. Durch den Sauerstoffmangel färbten sich die Körper heftig erkrankter Menschen innerhalb weniger Stunden über blau bis schwarz. War es so weit, waren die wenigsten noch zu retten. Und das Virus war hochgradig ansteckend. Damit aber nicht genug: Wer die Krankheit überlebte, war nicht immer topfit, sondern kämpfte oft noch wochenlang, in manchen Fällen über Jahre mit Spätfolgen – chronischer Erschöpfung, neurologischen Störungen und sogar Depression.

Überraschend war damals: Gerade in der zweiten Welle erkrankten vor allem die, die eigentlich fit waren: die 20-40-Jährigen. Der November 1918 gilt laut US-Historiker Jim Harris als der tödlichste Monat der Spanischen Grippe. Gründe waren neben einer Virusmutation, die das Virus tödlicher machte, vor allem zwei Dinge: Fahrlässigkeit und Unkenntnis über die Situation. Vor allem zwei Dinge, die wir in unserer heutigen Situation mit der Coronavirus-Pandemie wiederfinden.

Ein Beispiel von damals nennt t-online.de: Nachdem Husten und Niesen zuvor in der Öffentlichkeit unterbunden worden war, gab es in Philadelphia im September 1918 eine große Parade mit etwa 200.000 Menschen. 50.000 Menschen galten innerhalb von sieben Tagen als infiziert, die Krankenhäuser mussten kapitulieren, die Todeszahlen schossen in die Höhe. Das Gesundheitssystem der Stadt war zusammengebrochen.

Was folgte, waren weitreichende Einschränkungen des öffenltichen Lebens. Doch für viele Menschen war es da schon zu spät. Ein wortwörtliches Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn auf eine Epidemiesituation nicht schnell genug reagiert wird.

Die Schutzmaßnahmen waren ähnlich

Andere Städte in den USA hatten die Warnung verstanden und Maßnahmen schnell genug umgesetzt. Auch damals gab es schon Social Distancing. Die Folge: Die Krankenhäuser kamen mit den langsamer steigenden Infiziertenzahlen besser zurecht, konnten sich besser vorbereiten, hatten mehr Zeit.

Damals kannte man den genauen Erreger der Erkrankung übrigens nicht, den fand man erst in den 1930ern heraus. Heute sind wir da besser vorbereitet. Und doch gibt es Probleme.

Heute tragen wir in der Öffentlichkeit Mundschutz. Das stößt manchem sauer auf, der sich dadurch in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt. Doch auch bei der Spanischen Grippe waren die Menschen mit Mund-Nasen-Bedeckungen unterwegs, auch damals wurden sie nicht immer richtig getragen, auch damals gab es schon Masken-Verweigerer. Damals gab es ähnliche Debatten wie heute – übrigens auch zu Schulschließungen, zu abgesagten Großveranstaltungen, zu anderen Einschränkungen. In den USA gab es laut Ritschl auch Maßnahmen, die das gesellschaftliche Leben zumindest teilweise herunterfahren sollten.

Darum schützt die AHA+L+C-Formel
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Die Wirtschaft ist der Indikator

"Dort, wo Lockdowns schneller verhängt wurden und wo sie länger verhängt wurden, waren die wirtschaftlichen Schäden insgesamt geringer als dort, wo man versucht hat, auf Teufel komm raus das wirtschaftliche Leben in Gang zu halten", sagt Wirtschaftshistoriker Ritschl. Das sehe man etwa an der Arbeitslosigkeit sowie an Produktionsdaten und Steuereinnahmen in den Regionen. Auch ihn habe hier eine Erkenntnis überrascht, die wir uns heute auf den Plan rufen sollten: Wirtschaftlich gesehen sei ein Lockdown sogar gut.

Heute sei die Wirtschaft zudem robuster. Sein Tipp: Nach der Krise nicht aufs Sparen setzen. Das sei nach der Weltwirtschaftskrise 1929 und der Finanzkrise 2008 oft ein Fehler gewesen. Mache man den nicht, könne die Corona-Wirtschaftskrise weniger langfristig nachwirken.

So endete die Spanische Grippe

Nach drei Wellen war damals dann alles vorbei: Offiziell galt die Spanische Grippe als beendet, denn:

  1. In kürzester Zeit hatten sich enorm viele Menschen angesteckt – und so eine Immunität gebildet. Das Virus verschwand zwar nicht, doch die Menschen waren durch Antikörper geschützt.
  2. Das Virus war mutiert und wurde zu einer weniger aggressiven Form: Das sorgte zusammen mit der Grundimmunität der Menschen zu weit schwächeren Verläufen und weniger Todesfällen. Die Influenza-Pandemie wurde zu einer normalen Grippewelle, wie sie uns auch heute noch jährlich heimsucht.
  3. Die Menschen haben irgendwann aufgehört, sich zu schützen, müde vom Krieg und von den Isolationsmaßnahmen, die es auch damals schon gegeben hatte. Durch die schnelle Ansteckung konnte die Herdenimmunität so schneller hergestellt werden. Doch mit dem Ergebnis, dass viele Millionen Menschen mehr gestorben sind als ohne Isolation. "Die Überlebenden waren immun, die anderen tot", resümiert der Medizinhistoriker Philipp Osten gegenüber t-online.de.

Die Pandemie hat geendet – doch das Virus ist noch da

Das Influenzavirus, das die Spanische Grippe ausgelöst hat, war ein extrem virulenter Abkömmling des Subtyps A/H1N1, von dem auch eine Version für die Schweinegrippe-Pandemie gesorgt hat. Influenza A/H1N1 grassiert auch heute noch, zusammen mit anderen Strängen der Influenza – und es verändert sich regelmäßig. Das ist übrigens der Grund, warum die Grippeimpfung jährlich aufgefrischt werden muss: Im Impfstoff werden verschiedene Stränge abgedeckt – doch welcher in einem Jahr der präsente ist, ist nie so ganz vorauszusehen. Auch deswegen schlägt die Grippeimpfung nicht bei jedem an.

Beim Coronavirus haben wir es da möglicherweise etwas einfacher: Es mutiert zwar auch, aber längst nicht so stark wie ein Influenza-Virus. Das macht Hoffnungen auf Impfstoffe, die über längere Zeit Immunität versprechen.

Übrigens werden Influenza-A-Viren heute genauestens beobachtet, denn sie haben neben der Spanischen Grippe schon weitere Pandemien ausgelöst:

  • Asiatische Grippe (1957), etwa eine Million Tote (Subtyp H2N2)
  • Hongkong Grippe (1968), etwa eine Million Tote (Subtyp H3N2)
  • Schweinegrippe (2009/2010), über 150.000 Tote (Subtyp H1N1)

Diese hohe Wandlungsfähigkeit der Influenza-A-Viren birgt die Gefahr, dass es irgendwann wieder eine neue Pandemie auslösen kann. Aus diesem Grund gibt es seit 1952 das Global Influenza Surveillance and Response System (GISRS), das global agiert und zahlreiche Laboratorien vernetzt. Hier werden jährlich Millionen Atemwegsproben getestet, um dem Virus immer einen Schritt voraus zu sein.

Was also tun? Diese Lehren ziehen wir aus der Spanischen Grippe

Auch wenn die Menschheit es damals mit einem anderen Virus zu tun hatte – es gibt Ähnlichkeiten. Und die zeigen sich vor allem im Verhalten. Wir halten fest:

Die Medizin ist heute besser gewappnet, doch wir müssen mitziehen und das System unterstützen. Das hat damals mit Social Distancing geklappt, das klappt auch heute. Frühzeitige Maßnahmen helfen, das nehmen wir übrigens auch aus den Maßnahmen im Frühjahr mit, als Deutschland noch früh reagiert hat. Das zu frühe Beenden der Maßnahmen kann aber bedeuten, dass der Erreger sich weiter ausbreitet. Wir sind müde ob der Einschränkungen, doch wir sind nicht die ersten, die sie durchstehen müssen. AHA+C+L helfen, andere Menschen zu schützen. Wer der Maßnahmen müde ist und sie missachtet, riskiert, und das muss man so drastisch sagen, den Tod vieler anderer Menschen.

Übrigens: Auch die Spanische Grippe zeigt, dass die AHA-Regeln auch gegen die Influenza helfen können. Ein Grund mehr, darauf zu achten. Dann ist das Coronavirus vielleicht auch in ein paar Monaten Geschichte – ohne solche Massen an Toten.

So erkennen Sie übrigens, ob Sie an Corona, Grippe oder Erkältung erkrankt sind.

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