Aktualisiert: 04.11.2020 - 07:11

Triage droht Experten warnen: In zwei bis drei Wochen sind die Intensivstationen voll

Coronavirus-Glossar: Begriffe, die Sie jetzt kennen sollten

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Die Intensivbetten werden knapp. Noch knapper ist allerdings das Personal, das die Intensivbetreuung übernehmen kann. Auch in Deutschland droht die Triage. Das Problem: Die jetzigen Zahlen spiegeln die Infektionen vor etwa zwei Wochen wider. Haben wir früh genug gehandelt?

In der Schweiz ist die Lage bereits sehr ernst – doch auch in Deutschland könnte es auf den Intensivstationen schon viel eher eng werden als gedacht. Covid-19-Patienten belegen immer mehr die Intensivstationen. Das Problem: Es sind zwar noch Betten frei – doch es mangelt am Personal. Deshalb gab es zuletzt auch falsche Zahlen zu freien Intensivbetten. Deshalb wird nun umso mehr vor Engpässen gewarnt. Denn die sind näher als uns lieb ist.

Es mangelt an Intensivbetten und noch viel mehr an Pflegern

Fünf Tage geben Experten der Schweiz noch, bis die Intensivkapazitäten in den Krankenhäusern voll sind. Wie hierzulande steigen auch bei den Eidgenossen die Zahlen bei den Infizierten und entsprechend auch bei den Erkrankten mit schweren Verläufen. Den Ernst der Lage hat Virginie Masserey, Leiterin des Bereichs Infektionskontrolle im Bundesamt für Gesundheit (BAG) der Schweiz jetzt öffentlich gemacht. Sollten sich die Zahlen so weiterentwickeln wie bisher, ist die Auslastungsgrenze also in weniger als einer Woche erreicht.

Doch auch in Deutschland macht man sich mittlerweile ernsthafte Sorgen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erwartet einen neuen Höchststand an Intensivpatienten schon bald, erklärt der Chef der Gesellschaft, Gerald Gaß, gegenüber der "Bild": "In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen – und das können wir gar nicht mehr verhindern. Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert."

Es fehlt aber weniger an Betten, sondern an Personal: Intensivpflege-Personal muss über Jahre ausgebildet werden – Stand jetzt hat Deutschland nicht so viele Pfleger wie es freie Betten gibt. Gaß will daher Pflegepersonal aus nicht-intensivmedizinischen Bereichen auf Intensivstationen einsetzen. "Das ist natürlich nicht optimal, aber in einer solchen Ausnahmesituation zu rechtfertigen", so Gaß.

Bei ausgeschöpften Kapazitäten kommt die Triage

"Die Situation ist erschreckend und alarmierend: Schon bald kann es zu einem Kollaps in vielen der 1900 Krankenhäuser in Deutschland kommen", äußerte Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans gegenüber der "Bild am Sonntag". Das liege nicht nur an generell fehlendem Personal, sondern auch daran, dass das verfügbare Personal natürlich auch stark der Gefahr ausgesetzt ist, an Covid-19 zu erkranken und auszufallen. Passiert das, können ganze Kliniken aus der Versorgung fallen, Stationen müssen schließen, Notaufnahmen stünden nicht zur Verfügung. "Es drohen eine Triage und italienische Verhältnisse, wenn wir nicht jetzt auch hier gegensteuern", so Hans.

Christian Drosten nannte kürzlich bei einem Online-Vortrag Zahlen der Charité. Die größte Universitätsklinik Europas habe etwa 400 Intensivbetten. Derzeit – Stand Anfang November – seien etwa 160 mit Covid-19-Patienten belegt. "Letzte Woche waren das 80 und in der Woche davor ungefähr 40. Nächste Woche, wenn alles so weitergeht, werden wir im Bereich von 300 Patienten sein." Die Zahl der Covid-19-Fälle auf Intensivstationen verdoppele sich etwa alle zehn Tage. Und die Patienten, die jetzt da liegen, liegen auch nächste Woche noch da, sagt er. Zudem müssten ja auch andere schwere Erkrankungen behandelt werden. Und wenn voll ist? "Dann müssen wir in eine Triage-Situation gehen." Also überlegen, ob man den 35-jährigen Familienvater eher rette und den alten Patienten mit geringen Überlebenschancen "abmacht". Drosten hofft, dass die aktuellen Maßnahmen der Entwicklung noch früh genug Einhalt bieten können.

Mehr junge Menschen auf Intensivstationen

Zudem steige laut Direktor der Intensivmedizin am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE), Stefan Kluge, die Zahl der jungen, teils sogar nicht einmal vorerkrankten Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Das sagte er am Dienstag dem Radiosender Bayern 2. "Wir betreuen mehrere Patienten deutlich unter 50 Jahren und teilweise ohne Vorerkrankungen", erklärte er. "In wenigen Tagen werden wir, was die Zahl der Krankenhauspatienten angeht, die erste Welle übertreffen. Und das ist besorgniserregend." Heißt auch: Je mehr junge Menschen auf der Intensivstation liegen, sollte eine Triagesituation eintreten, desto mehr ältere Patienten dürften das Nachsehen haben.

Wieder planbare Operationen verschieben?

Was also tun? Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, sieht gegenüber dem "Morgenmagazin" von ARD und ZDF derzeit eine Lösung: planbare Operationen wieder verschieben – möglichst viele Aufnahmen auf die Intensivstation verhindern und überprüfen, ob Operationen, die geplant werden können, zurückgestellt werden, um dringendere Intensivfälle vorzuziehen.

Wie ernst die Lage ist, verdeutlicht der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) – die auch das Intensivbetten-Register führt – gegenüber der "Tagesschau". "Es ist in einigen Bundesländern nicht mehr viel Spielraum. Berlin hat nur noch 14 Prozent freie Intensivbetten, Bremen 17 Prozent." Vor allem liege das derzeit noch daran, dass das Routineprogramm noch laufe, etwa Magen-Bypässe oder Gelenkoperationen.

Im April hatte es eine Freihaltepauschale gegeben. Die ist bisher nicht wieder eingeführt worden. Routineoperationen werden daher auch durchgeführt, um laufende Kosten der Krankenhäuser zu decken.

Wie viele freie Intensivbetten gibt es denn nun?

Ein Problem war zuletzt auch, dass die Zahl der freien Intensivbetten nicht ganz klar war. Die DIVI hatte vergangene Woche noch über 7.500 freie Betten angegeben. Doch Krankenhäuser hatten dem Register lediglich die freien Intensivbetten gemeldet – nicht jedoch das dafür verfügbare Personal. Und das ist weit weniger vorhanden. Einige der freien Betten könnten daher gar nicht genutzt werden. Erst recht nicht, wenn weiteres Personal aufgrund eigener Erkrankung ausfällt.

Das Problem hatte kürzlich ein ehemaliger Pfleger angesprochen: "Triage" droht: Intensivbetten sind da – aber Pflegepersonal fehlt!. Das Problem fehlender Intensivkräfte ist also längst bekannt. Wir standen nur nie vor dem Problem, sie alle gleichzeitig zu brauchen. Jetzt müssen wir möglicherweise dafür zahlen.

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