30.10.2020 - 10:57

Könnte Risiko senken Schützt die Grippeimpfung also doch gegen Covid-19?

Der kleine Pieks scheint laut Forschern nicht nur gegen die Grippe zu schützen – sondern möglicherweise auch zumindest ein bisschen gegen das Coronavirus.

Foto: iStock.com/Pornpak Khunatorn

Der kleine Pieks scheint laut Forschern nicht nur gegen die Grippe zu schützen – sondern möglicherweise auch zumindest ein bisschen gegen das Coronavirus.

Gerade wird einmal mehr mit der Grippeimpfung geworben, um Superinfektionen vorzubeugen. Doch der Impfstoff könnte tatsächlich auch das Risiko senken, an Covid-19 zu erkranken. Zumindest scheint sich das an geimpften Krankenhausmitarbeitern zu zeigen.

Einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2, dem Coronavirus, das die Krankheit Covid-19 auslöst, haben wir noch nicht – und auch, wenn hart daran gearbeitet wird, so wird es noch eine ganze Zeit dauern, bis ein sicherer, wirksamer Impfstoff wirklich an jeden verteilt werden kann, der sich impfen lassen will. Aber wir haben etwas anderes: Einen Impfstoff gegen die Influenza – und zu dem wird derzeit vermehrt geraten. Vor allem soll das dazu dienen, dass es weniger schwere Grippefälle gibt, man die Symptome von Covid-19 bei Grippegeimpften besser zuordnen kann und weniger Superinfektionen mit beiden Erregern auftreten. Das würde das Gesundheitssystem stark entlasten. Doch der Pieks könnte noch einen weiteren Vorteil bringen: Forscher vermuten nämlich eine gewisse Kreuzimmunität. Stimmt das, könnte der Grippe-Impfstoff auch gegen das Coronavirus schützen.

Coronavirus und Grippe im Vergleich
Coronavirus und Grippe im Vergleich

Grippe-Impfstoff und Covid-19: Forscher entdecken mögliche Kreuzimmunität

Bisher befindet sich die Studie noch im Preprint, muss also noch von unabhängigen Wissenschaftlern geprüft werden. Doch die Ergebnisse decken sich mit vorherigen epidemiologischen Studien. Schon im Vorfeld hatten diese Studien angedeutet, dass die Grippeimpfung auch vor Covid-19 schützen könne. Der Mechanismus hinter einer solchen Kreuzimmunität – also eine gewisse Immunität durch Antikörper, die eigentlich gegen einen ganz anderen Erreger gebildet werden – ist weitgehend unklar bisher. Doch es gibt Hinweise – auch seitens dieser neuen Untersuchung von Forschern aus dem niederländischen Nijmegen und Düsseldorf.

Demnach könnte der Grippeimpfstoff den Körper dazu bringen, breit wirksame Moleküle zu produzieren, die nicht nur gegen Influenza-Infektionen in den Kampf ziehen, sondern auch in gewissem Maße auf Coronaviren vom Typ Sars-CoV-2 anspringen.

Dazu haben die Forscher Daten aus den Niederlanden verwendet: "Anhand eines etablierten In-vitro-Modells zeigen wir, dass der vierwertige inaktivierte Grippeimpfstoff, der in den Niederlanden in der Grippesaison 2019/2020 eingesetzt wird, eine trainierte Immunantwort induzieren kann", schreiben sie in einer Erklärung zum Preprint. Demnach könnte auch die Zytokinreaktion, die bei Covid-19 in manch schweren Fällen auslöst und bis zum Zytokinsturm führen kann, bei Sars-CoV-2 verbessert werden.

Stecken sich geimpfte Personen seltener an? Wenn ja, warum?

Doch die Forscher haben auch klare Anhaltspunkte: "Darüber hinaus stellten wir fest, dass die Infektion mit Sars-CoV-2 bei niederländischen Krankenhausmitarbeitern, die in der Wintersaison 2019/2020 eine Grippeimpfung erhalten hatten, seltener auftrat."

Einen Beweis dafür, dass das an der Grippeimpfung liegt, können die Wissenschaftler jedoch nicht liefern. Es kann daher auch sein, dass diese geimpften Krankenhausmitarbeiter insgesamt gesundheitsbewusster leben und sich stärker an die AHA+L-Empfehlungen (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) halten, als solche, die nicht im Krankenhaus arbeiten bzw. Menschen, die sich gar nicht erst impfen lassen. Das vermutet jedenfalls die Immunologin Ellen Foxman gegenüber "Scientific American".

Dennoch geben auch vorherige Studien wie erwähnt Hinweise darauf: So gibt es zwei Veröffentlichungen, die darauf hinweisen, dass Covid-19 in den Regionen Italiens weniger gewütet hat, in denen mehr Menschen über 65 gegen die Grippe geimpft waren. Kürzlich erschien zudem eine Studie (ebenfalls noch im Preprint), in der die Forscher entdeckt hatten, dass die untersuchten Personen seltener positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren, wenn sie in den vergangenen fünf Jahren gegen Grippe, Masern-Mumps-Röteln, Hepatitis A oder B oder Pneumokokken geimpft worden waren.

Fällt die Grippe 2020 einfach flach?

Fraglich ist allerdings, ob sich jeder, der auch möchte, dieses Jahr gegen die Grippe impfen lassen kann – denn der Impfstoff könnte knapp werden, und Risikopatienten sollen zuerst dran sein. Doch nicht jeder möchte auf diesen Schutz zurückgreifen und es wurden weit mehr Dosen bestellt als noch vergangenes Jahr.

Wenn Corona auf die Grippewelle trifft, könnte es brenzlig werden. Es könnte allerdings sein, dass die Grippewelle einfach flach fällt – denn weltweit gibt es in diesem Jahr bisher sehr wenige Grippefälle. Das könnte ein Nebeneffekt der Corona-Maßnahmen sein. Wie es in Deutschland wird, werden wir allerdings abwarten müssen. Das Coronavirus kann sich derzeit jedenfalls noch stark ausbreiten. Die neuen Maßnahmen im November sollen dabei helfen, die Infektionen einzudämmen. Denn Stand jetzt lassen sie sich nicht mehr rückverfolgen. Und das macht die Bekämpfung der Pandemie schwierig. Zudem werden die Intensivkapazitäten knapp – und da sind nicht nur die freien Betten ausschlaggebend, sondern vor allem das Personal. An dem mangelt es nämlich.

Mehr zu Impfungen finden Sie auf unserer Themenseite – etwa zu den möglichen Nebenwirkungen der Grippeimpfung.

Studien:

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