Aktualisiert: 27.10.2020 - 17:13

Coronavirus markiert Mängel "Triage" droht: Intensivbetten sind da – aber Pflegepersonal fehlt!

So sieht es eigentlich aus: Mindestens ein*e Intensivpfleger*in sollte pro Intensivbett verfügbar sein, besser mehr. Doch die Realität ist meilenweit davon entfernt: Deutschland fehlt es an Intensivpersonal – und zwar schon jetzt!

Foto: iStock.com/Tempura

So sieht es eigentlich aus: Mindestens ein*e Intensivpfleger*in sollte pro Intensivbett verfügbar sein, besser mehr. Doch die Realität ist meilenweit davon entfernt: Deutschland fehlt es an Intensivpersonal – und zwar schon jetzt!

"Wir haben genug Intensivbetten" – so hieß es zuletzt immer. Doch nun werden Stimmen laut, die warnen: Intensivbetten sind vielleicht da – aber wer soll die Patienten betreuen? Denn die Intensivmedizin ist herausfordernd und zeitintensiv – und es mangelt vorne und hinten an ausgebildetem Personal. Ein Ex-Pfleger warnt vor den Auswirkungen, die da auf uns zukommen könnten.

Im Frühjahr hieß es, das Gesundheitssystem dürfe auf keinen Fall überlastet werden – so wie es etwa in Italien oder in New York geschehen ist. Im Frühjahr ist dies bei uns nicht passiert. Dann die Meldung: Die Intensivbetten – im Frühjahr nur zu einem Bruchteil genutzt – sollen aufgestockt werden. Doch auch wenn Betten verfügbar sind: Wer kümmert sich um die Patienten, die dort behandelt, teils sogar beatmet werden? Hier liegt nämlich das eigentliche Problem: Auch, wenn Intensivbetten da sind – ohne Intensivpfleger bringen sie nichts. Und von denen haben wir jetzt schon zu wenige. Es fehlt Deutschland an Intensivbetreuung – und allein deswegen droht die Triage.

Trotz freier Betten: Deutschland hat zu wenig Intensivpersonal!

Die Intensivmediziner warnen vor Engpässen in der Versorgung – von Covid-19-Patienten, aber letztendlich betrifft das am Ende alle, die in der kommenden Zeit eine intensivmedizinische Betreuung benötigen. Der Grund, den Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) den Zeitungen der Funke Mediengruppe nennt: "Wir haben einen dramatischen Mangel an Pflegekräften." Zwar gebe es mittlerweile "ausreichend Kapazitäten an freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten", sagt er, doch das alleine helfe eben nicht weiter, wenn kein Personal da wäre, um die Patienten zu versorgen.

Bundesweit fehlen Janssen zufolge grob geschätzt 3.500 bis 4.000 Fachkräfte für die Intensivpflege. Und dafür ist eine langjährige Ausbildung vonnöten. Mal eben nachrüsten ist also nicht möglich.

Die Situation könnte sich schlagartig dramatisieren, warnt Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, gegenüber der Funke-Gruppe: "Sechs bis neun Prozent der Infizierten von heute werden in zwei Wochen im Krankenhaus behandelt werden müssen", prognostizierte sie. "Pro schwer krankem Covid-Patienten auf der Intensivstation wird eigentlich eine Pflegekraft benötigt."

Die Arbeit in der Intensivmedizin ist hart: Ex-Pfleger warnt vor Engpässen

Das Problem spricht auch Egbert Griegbeling an. Er hat früher als Krankenpfleger gearbeitet. Zwar ist er seit Jahren nicht mehr in der Pflege tätig, aber er kennt die Branche – und das Personalproblem. Und das hat sich in all den Jahren nicht geändert. Was das für eine potentielle Notsituation wie eine Pandemie bedeutet? Nichts Gutes.

Er wendet sich mit insgesamt 13 Punkten an seine Mitmenschen – "Ein paar Worte zum Thema "Triage" und die drohende Überlastung des Gesundheitssystems" heißt es. Und das sind seine Punkte:

  1. "Ich möchte keine Angst oder Panik schüren, aber...
  2. Klar, noch haben wir im Durchschnitt einige freie Betten.
  3. Jedoch können schon jetzt, 20 % der normal vorhandenen Intensvibetten nicht durch qualifiziertes Personal betreut werden. Erst recht ist dies der Fall, bei den 12.000 Betten, welche man anscheinend zusätzlich schaffen könnte.
  4. Dies kann dazu führen, dass wieder geplante OPs, die eine postoperative Intensivbehandlung erfordert, verschoben werden müssen, was für einige Patienten den Outcome verschlechtern wird. Das ist irgendwie schon eine Art "Triage", also Patienten erstmal nicht zu versorgen, die jetzt nicht unbedingt versorgt werden müssen.
  5. Es kann aber auch dazu führen, dass nicht (ausreichend) qualifiziertes Personal, auf Intensivstationen Patienten betreuen müssen, was die Qualität der Versorgung weiter reduziert.
  6. Auch das Krankenhauspersonal wird sich wieder vermehrt anstecken und fällt dann aus, oder muss evtl., wie derzeit in Belgien, trotz positivem Test arbeiten, auch wenn sie leichte Symptome haben.
  7. Meines Wissens landen durchschnittlich 2 % der positiv getesteten auf einer Intensivstation. So kann man sich relativ gut ausrechnen, wie die Belegung in X Tagen aussehen wird. Dies ist natürlich davon abhängig, welches Klientel sich infiziert. Der Altersdurchschnitt geht jedoch wieder nach oben und damit sicher auch die Hospitalisierung.
  8. Schon jetzt hat sich die Zahl der Intensivpatienten in 10 Tagen verdoppelt.
  9. Okay, die Gesundheitssysteme sind nicht zu vergleichen, aber trotzdem lohnt sich ein Blick nach Belgien, Holland, England, Frankreich,... um sich ein Bild davon zu machen, wie es hier auch sein könnte, wenn wir nicht die Kurve bekommen, auch wenn wir mehr Ressourcen haben.
  10. Schon seit Jahren, haben wir mit unserem so gelobten System, hochqualifiziertes, erfahrenes Personal (Ärzte und Pflegeperson) vergrault, die entweder ins Ausland gegangen sind oder den Beruf gewechselt haben. Nichts hat man unternommen. Jetzt jammern gilt nicht!
  11. Es wird wahrscheinlich auch zu einer zunehmenden Verdichtung der Arbeit kommen, wo die Anzahl der sehr schwer erkrankten Patienten auf einer ICU zunehmen werden und die etwas leichteren Fälle, die sonst eigentlich auch auf einer ICU behandelt würden, dann auf einer IMC oder gar Normalstationen landen.
  12. Das Personal wird sich schwerer erholen können. Aus meiner Zeit als Intensivpfleger weiß ich, dass man mal für ein paar Wochen auch sehr kritische, aufwendige Fälle betreuen kann, dann aber auch mal wieder sich bei den "normalen" Intensivpatienten "erholen" sollte. Wenn das nicht mehr möglich ist...
  13. Covid-19-Patienten sind nicht irgendwelche "normalen" Intensivpatienten, sondern erfordern häufig eine noch (personal)intensivere Betreuung, angefangen von den Schutzmaßnahmen, bis hin zu komplizierteren Beatmungsverfahren, oder gar ECMO, Dialyse, MOF,..."

"Tja, besser wir bekommen die Kurve;-)" Diesem Satz können wir voll und ganz zustimmen.

Auch, wenn Griebeling seit, wie er betont, 11 Jahren nicht mehr in dem Bereich arbeitet und seine Kolleginnen und Kollegen, die noch im Beruf tätig sind, um Ergänzungen und Korrekturen bittet – so scheint sich dennoch nicht allzu viel getan zu haben. Unter seinem Post finden sich Kommentare, die zeigen: Ja, es ist ernst. Und das Coronavirus wird uns noch eine Zeitlang begleiten.

Intensivpfleger können nicht einfach ruckzuck eingelernt werden

Denn was nicht vergessen werden darf: Intensivpflege ist aufwändig und anstrengend: Gerade in Zeiten einer Pandemie durch eine Infektionskrankheit muss das Intensivpflegepersonal auf Richtlinien, Schutz der anderen Patienten und Eigenschutz achten. Und das bedeutet: Arbeiten in voller Montur – inklusive Schutzanzug. Das ist anstrengend – und die Arbeit in der Intensivpflege dazu enorm herausfordernd. Laien in einem Crashkurs einzulernen ist utopisch.

Schon im August sprach der Ärzteverband von der 2. Welle – und beruhigte, dass genügend Intensivbetten bereit stünden. Doch was bringen uns die, wenn es am Personal mangelt? Hoffen wir auf das Beste. Und achten wir alle darauf, die Pandemie zu stoppen. Wir alle können viel dafür tun, indem wir uns an die AHA-Regeln halten: Abstand halten, Hygiene (Hände waschen!) und Alltagsmaske tragen. Dazu regelmäßig lüften und persönliche Kontakte so gut es geht beschränken. Es lohnt sich auch, einmal einen Blick darauf zu werfen, in welchen Alltagsbereichen die Ansteckungsgefahr am höchsten ist.

Richtig Hände waschen
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