Aktualisiert: 21.10.2020 - 21:04

Zahlen im Kontext Nach Verwirrung um WHO-Studie: Wie tödlich ist Covid-19 wirklich?

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Wie hoch ist die Sterblichkeit von Covid-19 denn nun? Zuletzt hatte es Aufregung rund um aktuelle Zahlen gegeben.

Foto: iStock.com/Piotrekswat

Wie hoch ist die Sterblichkeit von Covid-19 denn nun? Zuletzt hatte es Aufregung rund um aktuelle Zahlen gegeben.

Eine von der WHO veröffentlichte Studie legt nahe, dass die Sterblichkeit bei Covid-19 geringer ist als angenommen. Doch die Zahlen müssen differenziert betrachtet werden – und dürfen keinesfalls mit einem gewissen Wert des RKI verglichen werden!

Ist Covid-19 doch weniger gefährlich als angenommen? Das konnte man in den letzten Tagen meinen, wenn man die Berichterstattung rund um eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überflogen hat. Reagieren wir also doch alle über? Solche Schlagzeilen sind erleichternd – und gleichzeitig gehen sie jenen, die die derzeitigen Maßnahmen kritisieren wohl runter wie Öl. Insbesondere, weil andere Zahlen dagegen sprachen – nämlich die des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Ist sich die Wissenschaft also doch nicht so einig? Nun, auch wenn Wissenschaft auf Diskurs und damit auf Uneinigkeit beruht – man kann diese Zahlen zur Sterblichkeit von Covid-19 einfach nicht vergleichen, da sie jeweils etwas anderes aussagen. Genau das hatten aber einige getan. Unter anderem haben die Kollegen vom Spiegel hier genauer hingeschaut, und sie stellen fest: Die WHO hält das Coronavirus eben nicht für ungefährlicher als gedacht – im Gegenteil. Ein genauerer Blick auf das Gesamtwerk der Studie verrät das auch. Und er zeigt auch: Der Macher der Metastudie hatte eben nicht das im Blick, was ihm in den Mund gelegt wurde.

Sterblichkeit von Covid-19: Epidemiologe legt Daten vor – die sorgen für Verwirrung

Was war Grund für die Verwirrung? Der Epidemiologe John Ioannidis von der Stanford University hat sich für seine Metastudie 61 Studien aus der ganzen Welt analysiert. Erste Ergebnisse dazu hatte er kürzlich auf der Website des "Bulletin of the World Health Organisation", einem Wissenschaftsmagazin der WHO, veröffentlicht – mit dem Hinweis, dass es sich dabei um eine erste Onlineversion nach erster Begutachtung, aber noch nicht allen finalen Korrekturen, handele.

Ergebnis seiner Metastudie war unter anderem eine Zahl: 0,23 Prozent – das ist demnach die Infektionssterblichkeit im Mittel aller von ihm ausgewerteten Studien. Im Mittel starben also 23 von 10.000 Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren – ermittelt aus den Ioannidis vorliegenden Studien. Das klingt nach "wenig" (auch wenn wir wissen: Jeder Tote ist einer zuviel.) – und Ioannidis schlussfolgert: "Die abgeleiteten Infektionssterblichkeiten lagen tendenziell niedriger als die Schätzungen, die früher in der Pandemie gemacht wurden." Dabei bezieht er sich etwa auf die ersten Daten aus China, nach denen die Infektionssterblichkeit auf 3,4 Prozent geschätzt worden war. Doch: Anfangs ging man noch davon aus, dass jeder Infizierte zumindest mäßige bis starke Symptome entwickelt. Die Dunkelziffer der Infizierten fehlte damals. In der Zwischenzeit wurden mathematische Modelle entwickelt, die von einer Infektionssterblichkeit von rund einem Prozent ausgingen.

Wo setzte jetzt die Verwirrung ein? Nach einem Blick auf die vom RKI genannte Fallsterblichkeit. Die lag nämlich laut Lagebericht vom Montag, 19. Oktober, bei rund 2,7 Prozent – und übersteigt den von Ioannidis angegebenen Wert demnach um mehr als das Zehnfache. Doch hier muss der Blick geschärft werden.

Das Problem: Zahlen lassen sich nicht vergleichen

Denn Ioannidis hat die Infektionssterblichkeit berechnet. Das RKI jedoch nennt die Fallsterblichkeit. Beides sind Werte, die auf völlig anderen Gesamtinfektionswerten basieren:

  • Infektionssterblichkeit (IFR): Dieser Wert, genutzt von Ionannidis in seiner von der WHO aufgegriffenen Metastudie, gibt den Anteil der Verstorbenen gemessen an allen Infektionen ist, rechnet also auch eine mögliche Dunkelziffer mit ein, also auch Infektionen ohne Symptome, die möglicherweise gar nicht erkannt worden sind.
  • Fallsterblichkeit (CFR): Dieser Wert, genutzt vom RKI, bezieht sich auf den Anteil der Verstorbenen an allen bekannten Infektionen – also nur die Infektionen, die tatsächlich nachgewiesen worden sind.

Der Knackpunkt ist hier also die Dunkelziffer – denn nicht jede Infektion mit Sars-CoV-2 verläuft mit Symptomen . Zudem wird nicht in jedem Land gleich getestet – die einen, wie Deutschland, testen mehr, andere weit weniger, was aber nicht bedeutet, dass es dort weniger Fälle gibt. Sie werden nur seltener offiziell gemeldet. Da die Zahl der bekannten, also auch nachgewiesenen Infektionen niedriger ist, als die inklusive potentieller nichterkannter Fälle, ist die Fallsterblichkeit gemessen an den Verstorbenen zwangsweise höher als die Infektionssterblichkeit.

Das Problem Dunkelziffer: Man kennt sie nicht

Wie hoch die Dunkelziffer letztendlich ist, weiß niemand, und auch ein ungefährer Wert kann nur schwer bestimmt werden. Denn wie gesagt: Es gibt auch asymptotische Verläufe, in vielen Ländern wird wenig getestet, nicht jeder hat Zugang zu Tests, und so weiter. Derzeit schätzt die WHO ganz grob, dass sich weltweit etwa zwanzig Mal mehr Menschen infiziert haben, als tatsächlich nachgewiesen sind. Allein das zeigt, dass die IFR weit geringer ausfallen muss.

Die Studien, auf die sich Ioannidis bezogen hat, zielen darauf, sich der Dunkelziffer anzunähern. Dabei helfen Antikörpertests – denn im Kampf gegen Infektionen bildet unser Immunsystem Antikörper, die sich über das Blut nachweisen lassen können. Das ist auch bei Sars-CoV-2 nicht anders. Aber auch hier gibt es ein paar Probleme:

  • Offenbar bildet nicht jeder genügend Antikörper
  • Offenbar verschwinden Antikörper in manchen Fällen schneller als in anderen
  • Die Antikörpertests sind daher nicht immer ganz zuverlässig.

Dennoch sind Antikörpertests bzw. Antikörperstudien derzeit das beste Mittel, um sich einer Dunkelziffer anzunähern. Derzeit läuft auch wieder eine groß angelegte Antikörperstudie des RKI und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). 34.000 Menschen nehmen teil. Ziel: Der Dunkelziffer in Deutschland zumindest näher kommen.

Coronavirus: Was sind Antikörpertests?
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Studien bisher nicht aussagekräftig genug

Damit ist die Studie allerdings eine, die viel größer angelegt ist als die meisten, auf die sich Ioannidis bisher beziehen konnte. Denn bisherige Antikörperstudien mussten mit vergleichsweise niedrigen Fallzahlen auskommen. Als Beispiel nennt der Spiegel etwa die Heinsberg-Studie, die sich auf einen der ersten Hot-Spots in Deutschland bezog. Die Infektionssterblichkeit in dieser Studie belief sich auf etwa 0,37 Prozent – ein ebenfalls sehr geringer Wert. Die Hochrechnung basiert allerdings nur auf sieben Todesfällen und zudem waren damals dort kaum Seniorenheime betroffen, weshalb Experten schon damals angemerkt hatten, dass die Infektionssterblichkeit womöglich zu niedrig eingeschätzt worden sei.

Die Studien, die sich Ioannidis für seine Metastudie angesehen hat, waren demnach nicht alle repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. Das macht dieses erste Ergebnis möglicherweise verwaschen.

Feste Zahl ist für die Infektionssterblichkeit nicht möglich

Doch sein Ziel war es eben auch nicht, eine Infektionssterblichkeit zu ermitteln, die weltweit Gültigkeit hat, betont der Spiegel, denn das sei auch gar nicht möglich. Die Infektionssterblichkeit hängt nämlich von vielen verschiedenen Faktoren ab, die sich ständig wandeln können, weshalb dieser Wert niemals fest gesetzt werden kann.

Wie sehr die Sterblichkeit variiert, betont auch Ioannidis in der Vorstellung seiner Metastudie. Denn es kommt auch darauf an, wie viele ältere Menschen sich infizieren – in manchen Teilen der Welt ist das Durchschnittsalter höher als in anderen – oder wie viele Vorerkrankungen es in einem Bevölkerungsteil gibt, oder auch wie gut die medizinische Versorgung insgesamt ist. Seine Ergebnisse zur Infektionssterblichkeit schwanken daher – und zwar zwischen null und 1,63 Prozent.

Auch Christian Drosten hat kürzlich im NDR-Podcast über die Infektionssterblichkeit gesprochen und sich dabei auf eine andere sich noch im Preprint befindliche US-Metaanalyse bezogen, die die IFR in den USA für Covid-19 auf ungefähr 0,8 geschätzt hat. Er hat die Situation mit Deutschland verglichen, wo die Menschen im Schnitt älter sind als in den USA. Daher sei, überlegte er, die Infektionssterblichkeit hierzulande wahrscheinlich etwas höher. Er selbst könne das aber auch nur überschlagen und vermuten.

Es lässt sich also festhalten: Die Infektionssterblichkeit, sowieso schon schwer zu beziffern, lässt sich am ehesten für einzelne Bereiche der Welt annähern. Für Deutschland gibt es derzeit noch zu wenige Daten. Sie ist aber keinesfalls gleichzusetzen mit der Fallsterblichkeit. Dafür lässt sich die Infektionssterblichkeit aber auch leichter beeinflussen. Am Beispiel Deutschland: Wir wissen, dass das Durchschnittsalter in Deutschland verhältnismäßig hoch ist. Schützen wir ältere Menschen vor einer Ansteckung, ließe sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit senken. Das funktioniert aber nur, wenn wir alle weiter vorsichtig sind.

Das funktioniert am besten mit Solidarität und mit den AHA-Regeln: Abstand halten sowie Hygiene, um auch sich selbst, und Alltagsmaske tragen, um insbesondere andere zu schützen. Und falls Sie Covid-19-Symptome verspüren, halten Sie sich bitte vorerst von anderen fern.

Hier finden Sie die Metastudie von John P. A. Ioannidis im Bulletin of the WHO. Und hier lesen Sie, wie die Kollegin vom Spiegel diese Erkenntnisse einschätzt.

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